18.09.1978

KERNKRAFTWERKEGefahr von oben

Der Absturz einer britischen „Phantom“ in der Nahe des Kernkraftwerks Würgassen offenbart, daß Atomanlagen gegen Aufprallunfälle ungenügend geschützt sind.
Das Kampfflugzeug der britischen Luftwaffe vom Typ "Phantom" raste im Tiefflug auf die Ortschaft Drenke im nordrhein-westfälischen Landkreis Höxter zu, flog in eine Talsenke und stürzte ab.
Die Maschine schlug am Ortsausgang auf die Dorfstraße auf, wurde hochgeschleudert und explodierte, eingehüllt in einen riesigen Feuerball. Das war um 9.30 Uhr am 24. Juli dieses Jahres.
Wrackteile zerstörten Dächer, Wände und Fensterscheiben. schlugen in Felder und Gärten ein, blieben brennend auf der Straße liegen. Zwei Kinder und vier Erwachsene wurden von den Trümmerstücken getroffen und verletzt. Der "Phantom"-Pilot und sein Navigator wurden tot aufgefunden.
Das Gebiet bei Drenke/Beverungen sah aus wie nach einem Fliegerangriff, aber Oberkreisdirektor Paul Sellmann sagte: "Wir hatten großes Glück, daß die Maschine auf einem Trainingsflug war, deshalb hatte sie keine Munition an Bord."
Das Aufatmen der Kommunalbeamten bezog sich vor allem darauf, daß der "Phantom"-Jet nicht Sekunden später abgestürzt war: auf das nur acht Kilometer entfernte Kernkraftwerk Würgassen, wo ein Siedewasser-Reaktor betrieben wird.
Das war sehr knapp", erkannte auch Thomas Roser vom Deutschen Atomforum -- einem Förderverein der Kernindustrie -; eine Atomkatastrophe lag nach seiner Einschätzung zumindest im "Bereich des Möglichen". Das Kraftwerk "ist wohl nicht nach den neuen Düsenjägern ausgelegt", erklärt Roser, "damals kannte man nur den leichteren Starfighter".
An dem "Phantom"-Absturz bei Würgassen wurde unversehens eine bisher zu wenig beachtete Dimension der Reaktorgefährdung sichtbar. Nach gängiger Erkenntnis verursachen vor allem Bedienungs- oder Materialfehler und menschliches Versagen unliebsame Zwischenfälle im Reaktorbetrieb.
Nicht einmal die jüngsten schweren Erdbeben in Südwestdeutschland bewirkten Störungen oder Schäden bei den zehn kerntechnischen Anlagen, die sich dort oder auf schweizerischem und französischem Boden befinden.
So gering jedoch die Gefahr von unten zu sein scheint, so groß könnte sie von oben werden. Die Gefährdung einer Reaktoranlage aus der Luft hängt, so Experte Roser, vom Aufprallwinkel, vom Aufpralltempo und von der Masse des aufschlagenden Materials ab.
Nach Rosers Ansicht sind Rumpf und Triebwerke einer "Phantom" massig genug, um beispielsweise den Betonpanzer des Kernreaktors in Würgassen zu durchbrechen, wenn nur der Aufprallwinkel "günstig" sei.
Ähnliche Befürchtungen bestehen auch für andere Atomanlagen, so etwa für den "Schnellen Brüter" in Kalkar. Vor einem Jahr brauste ein Düsenjäger knapp über diese Anlage hinweg und stürzte dann zwölf Kilometer und wenige Flugsekunden entfernt ab.
Kalkar-Direktor Werner Koop gibt zwar eine "ungünstige Bauform" des rechteckigen Reaktorgebäudes zu -- "günstiger wäre eine Kugel oder ein Zylinder" -, aber "trotzdem sind wir sicher", obwohl Kalkar nur auf "knapp zwei Drittel der Schallgeschwindigkeit ausgelegt" sei. Wenn also ein Flugzeug mit mehr als 800 Stundenkilometern auf dem Reaktorbau aufschlägt" könnte es gefährlich werden.
Eine "Phantom" fliegt nämlich beim Tiefflug, in 300 Metern Höhe oder darunter, mit mehr als Tempo 1400 (1,2 Mach), sie erreicht in großer Höhe sogar mehr als doppelte Schallgeschwindigkeit (2,4 Mach). Und auch die F-111 der US-Luftwaffe fliegt in Bodennähe 1,2 Mach.
Nach dem Absturz der "Phantom" mußte der Preussenelektra-Konzern, der Würgassen betreibt, jedoch zugeben, daß die sicherheitstechnisch wichtigen Anlagen nur bis zu einer Aufprallgeschwindigkeit von 350 bis 450 Stundenkilometern geschützt seien.
Die FDP-Kreisvorsitzende Traute Kirsch aus Beverungen förderte eine Bürgerinitiative, die rasch mehr als 3000 Unterschriften beisammenhatte: Gefordert wird ein generelles Tiefflug-Verbot oder eine Luft-Schutzzone von mindestens fünf, möglichst zehn Kilometern um Würgassen.
Bis jetzt wurde freilich vergeblich protestiert und in Bonn vorgesprochen. "Fast täglich", sagt Traute Kirsch, "fliegen Düsenjäger mehrmals zu zweit und in dichtem Abstand auf das Kernkraftwerk zu. sie drehen auch mal kurz vorher ab, ob sie dicht daran vorbei- oder darüberfliegen, kann optisch gar nicht erkannt oder kontrolliert werden."
Das Bundesverteidigungsministerium teilte jedoch der FDP-Kommunalpolitikerin lapidar mit, "daß der militärische Tiefflugverkehr keine Gefährdung für Kernkraftwerke darstellt".
Atomanlagen seien auf den militärischen Flugkarten besonders gekennzeichnet, außerdem würden "Tiefflüge nur bei Wetterverhältnissen durchgeführt, bei denen das frühzeitige Erkennen von Hindernissen -- wie zum Beispiel der charakteristischen Struktur eines Kernkraftwerkes -- gewährleistet ist". Daher knapper Bescheid aus Bonn: Es sei "keine Notwendigkeit gegeben, zur Sicherheit von Kernkraftwerken ein Überflugverbot für tieffliegende Luftfahrzeuge zu erlassen".
Auch der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Leo Ernesti, Mitglied des Verteidigungsausschusses, beruhigte seine Wähler: Würgassen sei nicht gefährdet, alle Nato-Stellen würden sich um Einhaltung der Sicherheitsvorschriften bei Übungsflügen bemühen. "Dies schließt leider nicht aus", mußte Ernesti abschwächen, "daß bei einem Flugunfall, wenn der Pilot die Kontrolle über sein Flugzeug verloren hat, auch Gebiete berührt werden, die innerhalb der Verbotszone liegen."
Der Düsseldorfer FDP-Innenminister Hirsch, an den sich die Freidemokratin Kirsch gleichfalls gewandt hatte, will das Verteidigungsministerium nochmals angehen, ob nicht doch ein Tiefflug-Verbot um, bei oder über Würgassen möglich sei.

DER SPIEGEL 38/1978
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