18.09.1978

„Irgendwas muß schiefgelaufen sein“

Seit 1941 herrscht er nun schon über Persien, und der Welt las er oft die Leviten. Er verdiente Milliarden mit dem Erdöl und rüstete sein Reich zur größten Militärmacht in Mittelost hoch. Doch da brach der Sturm von Moslems und Demokraten gegen ihn los: Schah Resas Großmacht-Träume fanden in den Straßen persischer Städte ihr Ende.
Er ist, neben dem Afrikaner Bokassa und dem Japaner Hirohito, der letzte Kaiser dieser Erde, und er hat über ein mögliches Ende seiner Dynastie durchaus schon mal nachgedacht.
"Sollte ich einmal den Thron verlieren, zwei Berufe könnte ich nicht ausüben: den des Schriftstellers und den des Lehrers oder Professors. Doch die Zukunft würde mich nicht beunruhigen, denn ich weiß, ich könnte als Pferdezüchter meinen Lebensunterhalt verdienen" -- so Schah Mohammed Resa Pahlewi, Alleinherrscher über den Iran. vor vier Jahren in einem Interview.
Was damals eher als Scherz gemeint war, ist in den letzten Wochen bittere Wirklichkeit geworden: Zu Hunderttausenden zogen aufgebrachte Perser durch die Straßen persischer Städte und riefen in gellenden Sprechchören "Mordebad Schah" -- Tod dem Schah.
Die Flamme des Aufruhrs, die im Januar beim Protest gläubiger Moslems gegen die volksfremde Politik des Schah emporzüngelte, hat sich durch kopflose Überreaktion des kritikempfindlichen Herrschers zum landesweiten bürgerkriegsähnlichen Feuer entwickelt.
Unfähig, die wahren und sehr komplexen Gründe für den wachsenden Unmut seiner Untertanen zu begreifen, ließ Schah Resa, 58, Kampfhubschrauber und Panzer gegen die Volksmassen einsetzen, über die er seit 37 Jahren herrscht -- länger dienen nur die Staatschefs Japans und Liechtensteins. Vorletzten Donnerstag lähmte erstmals ein Generalstreik das Land, ausgerufen von den religiösen Führern. Am Freitag dann, als in Teheran eine halbe Million Menschen zur größten Massendemonstration der letzten 20 Jahre aufmarschierten, schossen die Soldaten des Schah rücksichtslos in die Menge. Das Massaker kostete über 250 Tote -- die Regierung wollte nur 97 zugeben -, viele von ihnen Frauen und Kinder.
Seither herrscht das Kriegsrecht, im großen Iran wie in der Bananenrepublik Nicaragua: Ausnahmezustand in allen zwölf größeren Städten Persiens, Versammlungsverbot und nächtliche Ausgangssperre, Sondergerichte, die für Kritik am System die Todesstrafe verhängen können. Von mehr als 5000 Toten seit der Verhängung des Kriegsrechts sprechen persische Oppositionsführer im Ausland.
Im Lande selbst ist das Sprechen gefährlicher als bisher schon: Die Pressezensur wurde verschärft, eine Verhaftungswelle rollt über das Land. Fast alle bekannten Regimekritiker und die Sprecher der zwar nicht legalen, seit Herbst des Vorjahres aber geduldeten Opposition sitzen im Gefängnis, darunter Mehdi Basargan ("Der Unbestechliche") und Rimatullah Mughaddam, beide erklärte Antikommunisten, sowie der Schiitenpriester Nassiri Nuri.
Mit ihm wurde erstmals seit den Januar-Unruhen ein Führer der religiösen Protestler in die Zelle gesteckt: Der Schah, der noch vor drei Wochen durch Verbot der Spielbanken und Auflösung des Ministeriums für Frauenfragen die moslemische Opposition zu besänftigen und auf seine Seite zu ziehen suchte, verbrennt hinter sich die vorletzten Brücken.
Sein Niedergang -- egal. ob und wann er stürzt -- wirkt atemberaubend. Noch vor einem Dreivierteljahr behauptete dieser orientalische Autokrat mit dem Adlerprofil, sein Wille werde Persien zur "großen Zivilisation" und zum Rang einer Weltmacht führen; blind damals schon, nahm er für sich in Anspruch. das "Modell für den modernen Staat" entwickelt zu haben: hochtrabend warf er Ost wie West vor. ein "veraltetes System zu regieren".
Nun sitzt er in seinem von Elektronik und Leibgarden streng bewachten Sommerpalast am Fuß des Elbursgebirges, von der explosiven Wirklichkeit seines Landes isoliert.
In westlichen Hauptstädten tauschen Diplomaten Gerüchte aus, der Schah sei nicht nur politisch, sondern auch körperlich schwer leidend, in Paris war letzte Woche von Krebs die Rede -- was jüngste Photos des abgemagert wirkenden Resa belegen könnten, vor allem aber auch seine unsichere, zwischen Brutalität und Nachgeben schwankende Reaktion während des Aufstandes.
Den stolzen, vor kurzem noch so mächtigen Mann muß es zusätzlich schwer demütigen, daß dieser Tage wie in den 60er Jahren wieder Anti-Schah-Demonstranten durch die Straßen vieler westlicher Städte ziehen: in Paris, Rom, Köln und sogar im Maryland-Nest Thurmont nahe Camp David, wo das Trio Carter-Sadat-Begin sein Verwirrspiel über den Frieden in Nah-Ost verrichtete.
Der Schah, der früher keinen Parlamentsbeschluß ohne seine vorherige Zustimmung duldete, der noch vor ein paar Jahren die Verteilung des Kronlandes an 250 arme Bauern höchstpersönlich vornahm, empfängt in der halbunterirdischen Katakombe seines Arbeitszimmers nur noch den von ihm vor drei Wochen ernannten Krisenpremier Scherif Emami, einen dem Volk unbekannten, farblosen Mann, ohne das Format, das die Lage erfordert.
Eine personelle Alternative, mit deren Hilfe der Schah seine Monarchie vor dem Volkszorn retten könnte, ist derzeit nicht erkennbar. Und was seine Gegner wollen, ist vorerst auch nur in schlagkräftigen Slogans formuliert: "Es gibt nur eine Partei, die Partei Allahs" und "Iran ist unser Land, nieder mit der Pahlewi-Dynastie"!
So gilt die Frage, wie es im Iran denn nun weitergehen soll, noch immer und vor allem dem künftigen Schicksal des Schahs.
Selbst die Klausner im fernen Camp David unterbrachen ihren Gipfel, um dem Bedrängten öffentlich Mut zuzusprechen. Vorige Woche handelte Washington dann auch. Ausgerechnet in der gefährlichen Krise ließ Carter veröffentlichen, Amerika sei zur Lieferung von weiterem Kriegsgerät für eine Milliarde Mark bereit.
Denn soviel dem armen Schah fehlt -- Vertrauen des Volkes, Sinn für die Wirklichkeit, eine klare Leitlinie zur Überwindung der Krise, ein überragender Regierungschef -, eines hat er im Überfluß: Waffen. und vor allem Waffen made in USA.
Die Summen, die er sich sein Kriegsspielzeug kosten ließ, sind astronomisch: Allein in den Vereinigten Staaten kaufte der Schah von 1972 bis 1977 für etwa 18 Millionen Dollar Rüstungsgüter ein.
Jeden dritten Dollar aus seinen Ölerlösen opferte er damit für amerikanische Waffenkäufe, und umgekehrt ging fast die Hälfte des gesamten Rüstungsexports der USA in nur ein Land -- das persische Kaiserreich.
Für die USA könnte mithin ein Wechsel in der politischen Führung Persiens einer außenpolitischen Katastrophe gleichkommen: Seit dem Zerfall seines Alliierten Pakistan 1971 hat Washington östlich vom Suez vor allem auf die beiden großen konservativen Monarchien Saudi-Arabien und Persien gesetzt, im offenbar blinden Glauben, daß das Schah-Regime tatsächlich so stabil sei, wie der Kaiser unentwegt behauptete.
So muß denn die. Vorstellung, das riesige Waffenarsenal könnte samt seinem Erdöl -- fast zehn Prozent der bekannten Weltvorräte -- in andere Hände geraten, in Washington beklemmend wirken.
Für Israel und Südafrika, die von den meisten Ölstaaten boykottiert werden, könnte ein Sturz des Schah das Ende der Erdöllieferungen überhaupt bedeuten. Und selbst für Europa hätte ein solches Ereignis gewiß Konsequenzen (für die Bundesrepublik ist der Iran drittgrößter Lieferant), wenn auch nicht so weitreichende, wie der verwirrte Kaiser heute noch meint,
Erschüttert darüber, was aus dem Frauenliebling, dem straffen Sportsmann und sendungsbewußten Visionär geworden ist, notierte die deutsche Journalistin Liselotte Millauer, Schah-Fan seit Jahren, Seiner Majestät politischen Nekrolog: "Wenn dieser Teil der Welt untergeht, geht auch Europa unter."
Dieser Mohammed Resa Pahlewi glaubte wohl in der Tat, er könne der Retter des Abendlandes sein, ein Bollwerk gegen Unvernunft und Barbarei, ein Herrscher, dessen Fortschrittsprogramm alle politischen und sozialen Antagonismen aufheben würde. Dies, zweifellos, war er nie -- was aber dann?
Nur ein schlauer Operetten-Kaiser, der Purpur und Glimmer augenzwinkernd für den Hausgebrauch nutzt? Dafür hätte er sich zu lange. an der Macht gehalten.
Oder eben doch nur der mittelalterliche Despot, der seine nach Freiheit dürstenden Untertanen für jedes despektierliche Wort auf die Folter oder gar in den Tod schickt?
Oder ein technokratischer Emporkömmling in einem durch Reichtum an Bodenschätzen begünstigten, zudem noch geostrategisch im Fadenkreuz der weltpolitischen Rivalitäten liegenden Landes?
Käme noch hinzu die Rolle des Erlösers, des Menschen, den angeblich die "göttliche Vorsehung auserwählt hat", wie er es in einer seiner Schriften "im Dienste meines Landes" ernsthaft behauptet. Ein Mystiker auf dem Pfauenthron?
Keines der zahlreichen, sich widersprechenden Bilder ist falsch, keines stimmt für sich allein. Und die Kontraste, die sich zeigen, nun, da die dick aufgetragene Tünche der jahrzehntelangen Hofberichterstattung blättert, sind zum guten Teil durch die Widrigkeiten seines Lebens bedingt.
Kein Computer, mit den Daten und Fakten der bisherigen Schah-Vita gefüttert, würde ihm eine reelle Chance geben, als Monarch an der Spitze seines Staates zu überleben. Mohammed Resa Pahlewi aber blieb an der Macht; nicht, weil er in jedem Fall der Stärkere war, sondern weil sich seine Gegner nie auf die Alternative zu ihm einigen konnten -- und weil die USA es so wollten. Diese Erfahrung erklärt den merkwürdigen Fatalismus, mit dem der Herrscher offenbar glaubt, den Sturm hinter sicheren Mauern abwettern zu können.
Schah Resas großes Vorbild ist der legendäre Perserkaiser Kyros der Große (559 bis 529 vor Christus). Als sich im Herbst 1971 Staatsoberhäupter und Abgesandte aus 69 Staaten auf Einladung des Schah im Wüstenstaub vor dem Kyros-Grabmal zur 2500-Jahr-Feier Persiens versammelten und Schah Resa dem Toten versprach: "Ruhe in Frieden, denn wir sind wach und werden immer wachen", war die genealogische Kette geknüpft von eben jenem Kyros direkt zu Resa, unter Auslassung der weit weniger ruhmreichen Perser-Geschichte zu Zeiten der Herrschaft von Mongolen, Türken, Afghanen und Arabern.
Ein Großkönig à la Kyros, nur moderner, das wollte Resa gewiß sein. Als nach der 2500-Jahr-Feier im Schah-Palast zu Schiras die Frage der Journalisten nach der demokratischen Legitimation des Staatsoberhauptes immer respektloser wurden, unterbrach der Schah wütend die Fragestunde und stürmte mit den Worten "Ich werde es Ihnen zeigen" auf die Straße.
Vor den Augen der Weltpresse stürzten sich zahlreiche Passanten auf den unerwartet aufgetauchten Kaiser, küßten ihm die Hände und den Boden, den die kaiserlichen Stiefel berührt hatten -- abstoßendes Schauspiel orientalischer Majestätsverehrung. Der Vater des Schah wollte die Republik ausrufen.
Erst Jahre später gestand ein in die USA geflüchteter Offizier der Geheimpolizei Savak. wie gut die Demonstration inszeniert war. Schon Wochen vorher waren alle Regimekritiker aus der Stadt verbannt und die Jubelperser sorgsam ausgewählt worden.
Dabei stammt Mohammed Resa, der Devotion immer geschätzt hat, nicht aus einem Fürstengeschlecht, sondern ist der älteste Sohn eines vom Eseltreiber zum Kaiser aufgestiegenen Usurpators, der ein filmreifes Abenteuerleben hinter sich brachte.
Der Schatten dieses Supervaters, eines 1,98 Meter großen Hünen, tollkühn, jähzornig, gerissen und brutal, ist in dem widersprüchlichen Bild des heutigen Perserkaisers eine wichtige Komponente, vielleicht die wichtigste.
Dieser Resa Khan, wie sich der Vater in seiner Jugend nannte, stammte aus einem Bergdorf am Kaspischen Meer und trat mit 14 als Freiwilliger in ein von zaristischen Offizieren geführtes Kosakenregiment ein -- denn als Soldat bekam er täglich etwas zu essen.
Selbst den Ehrennamen "Resa Maxim" hat sich der Haudegen selber verdient: Als er mit seinen Kosaken im Zagrosgebirge in einen Hinterhalt geriet, trieb er den Feind mit zwei Maschinengewehren des Typs "Maxim" allein in die Flucht.
Das damalige Persien unter der Kadscharen-Dynastie war in den Jahren vor dem Eisten Weltkrieg der Agonie nahe. Die Herrscherfamilie, die ohnehin die meiste Zeit in den Modebädern Europas verbrachte, finanzierte ihren aufwendigen Lebensstil mit der Vergabe ständig neuer Konzessionen an das Ausland.
Am 26. Oktober 1919 brachte Resas Frau, eine energische Kaukasierin, ein Zwillingspaar zur Welt: die Tochter Aschraf und 20 Minuten später den lang erwarteten ersten Sohn, den die Eltern Mohammed nannten.
Dieser Sohn, zur Enttäuschung seines Vaters ein kränkelndes, anfälliges Kind, konnte gerade laufen, als sein Vater vom Oberst zum General und Verteidigungsminister und schließlich zum Ministerpräsidenten aufstieg.
Der Kosaken-Ataman bewunderte schon lange die Ideen des jungtürkischen Reformers Mustafa Kemal Atatürk; nach dessen Vorbild wollte er Staat und Armee umgestalten: "Eine gesunde Republik ist mehr wert als eine funktionsfähige und korrupte Monarchie."
Doch solche Pläne stießen auf den erbitterten Widerstand der frommen Ajatollahs, jener Glaubensführer der im Iran vorherrschenden schiitischen Moslems, die heute gegen den Sohn rebellieren.
So rückte Resa Khan mit seiner Revolutionstruppe ein, nicht nur um den Letzten der alten Dynastie vom Thron zu jagen, sondern auch, um sich zum neuen Schah zu machen.
Er warf die Ausländer aus dem Land, holte neue, setzte Minister nach seinem Gutdünken ab, konfiszierte ihren Landbesitz oder ließ sie durch vergiftete Speisen umbringen.
Der Mann, der sich noch kurz zuvor als begeisterter Republikaner auswies, schwärmte nun dem deutschen Gesandten Wipert von Blücher vor: "Die autoritäre Regierungsform ist in der heutigen Zeit die einzig mögliche. Andernfalls versinken die Völker im Kommunismus" -- ein Satz, der ein halbes Jahrhundert später wörtlich von seinem Sohn stammen könnte. Auf Befehl des Vaters wurde 1931 der Kronprinz in das Schweizer Internat "Rosey", zwischen Genf und Lausanne, geschickt, eine Nobelschule, bevorzugt von den Söhnen amerikanischer Millionäre, des deutschen Adels und belgischer Grubenbarone. Mohammed Resa war ein eher mittelmäßiger Schüler, fünf Jahre später war er wieder in Teheran.
Aus dem Westen hatte der Sohn vor allem mitgebracht, was er am Westen noch heute am meisten schätzt: die Liebe zu gut funktionierender Technik, vor allem bei Flugzeugen und Automobilen, und die Begeisterung für den großzügigen Umgang mit dem anderen Geschlecht.
Die philosophischen, politischen oder sozialen Ideen des Westens haben den jungen Kronprinzen ebensowenig interessiert wie heute den Potentaten; er setzt da lieber auf Hausgemachtes.
Der inzwischen magenkranke Vater-Schah nahm seinen Ältesten dafür auf die Inspektionsreisen durch die entlegensten Provinzen mit. Zum ersten und auch zum letzten Mal lernte der junge Mann das Land kennen, das er einmal regieren sollte. An die Regierungsgeschäfte, seinen trickreichen Umgang mit Parlament und Opposition aber ließ ihn Resa-Maxim nicht heran, sondern speiste ihn ab mit Sprüchen wie: "Vergiß das nie! Du mußt es genauso machen: den Eindruck erwecken, als ob du über alles im Bilde bist."
Auch Mohammeds erste Heirat im März 1939 war allein Schah Resas Idee. Der Kronprinz, 19, sollte aus Gründen der Staatsräson die Prinzessin Fausia, 17, Tochter des ägyptischen Königs Fuad und Schwester des späteren Königs Faruk, heiraten.
Der Kronprinz, der die Braut nur von Photos kannte, gehorchte. Als die Ägypterin statt des erhofften Sohnes eine Tochter bekam, tobte der alte Kosak. Fortan hat die Sorge um den männlichen Erben des Mohammed Resa Pahlewi den Familienclan mehr beschäftigt als jedes andere Problem, den Herrscher eingeschlossen. Stalin überhäufte Mohammed Resa mit Geschenken.
Der alte Schah Resa hatte nicht mehr viel Zeit, sich über den ausbleibenden Erben Gedanken zu machen. Im Zweiten Weltkrieg stand er gefühlsmäßig den Deutschen näher und hatte eine Vielzahl deutscher Berater im Land.
Unter dem Vorwand, einer deutschen Subversion zuvorkommen zu müssen, besetzten im August 1941 britische und sowjetische Truppen das Land und wollten die Monarchie abschaffen. Resa, das Maschinengewehr, trat zu seinem letzten kühnen Angriff an.
Einen Tag vor Ablauf des von den Engländern und Russen gesetzten Ultimatums ließ er das Parlament zusammenrufen und dankte in aller Form ab. Doch schon wenige Stunden später, noch bevor jemand aus dem Parlamentsgebäude entweichen konnte, wurde an gleicher Stelle Mohammed Resa als neuer Schah von Persien vereidigt.
An den Aufpassern des russischen und englischen Geheimdienstes vorbei hatten Getreue des Schah den Kronprinzen aus dem Palast heimlich ins Parlament gebracht, getarnt mit Sonnenbrille und Baskenmütze, auf dem Boden eines alten Autos.
Die Alliierten mußten wohl oder übel mit dem neuen Pahlewi-Schah auskommen, einem mageren Jüngling von noch nicht einmal 22 Jahren, der sehr gut französisch sprach, aber nicht die geringste Ahnung von den Regierungsgeschäften hatte. Daran sollte sich lange nichts ändern. Selbst bei bester Absicht hätte er den Kaisermantel seines Vaters nicht füllen können.
* Oben: Mohammed Resa und Zwillingsschwester Aschraf. Unten: Hinten Kronprinz Resa Cyrus.
Die Besatzungsmächte drohten, das Land in zwei Zonen aufzuteilen, da kam erstmals Hilfe aus Amerika: US-Präsident Roosevelt, der verhindern wollte, daß die beiden anderen Alliierten die persische Beute allein schluckten, schickte noch im Krieg die ersten US-Berater nach Teheran. Allerdings -auf der Teheraner Konferenz 1943 hielten es weder Roosevelt noch Churchill für nötig, dem gastgebenden Schah protokollgerecht ihre Aufwartung zu machen: Sie bestellten ihn zum Rapport in die Botschaft.
Nur Stalin, als Georgier mit dem Stilgefühl der Orientalen gut vertraut, fuhr in den Palast des Schah und überhäufte ihn mit Geschenken.
Für die verletzte Eitelkeit des jungen Resa war die Versuchung groß, den fernen Freund in Amerika gegen den näher liegenden einzutauschen. Doch das instinktive Mißtrauen gegenüber der Gefahr aus dem Norden, vom Vater geerbt, hielt ihn davon ab, auf entsprechende Andeutungen Stalins einzugehen.
Mancher Wesenszug des Schah, seine mitunter unerträgliche Arroganz, seine Manie, Waffen wie andere Briefmarken zu sammeln, hat ihren
Ursprung in den Erfahrungen dieser Zeit.
Nach Kriegsende wurde die Sowjet-Union bedrohlich. Sie weigerte sich; zum vertraglich abgemachten Termin aus ihrer Nordzone abzuziehen und unterstützte einen Aufruhr der Grenzstämme -- der Schah und seine Satrapen, Persiens Jahrtausend-Thema.
Zudem war die iranische Tudeh (Massen)-Partei, einst von Nationalisten gegründet, inzwischen bedingungslos auf Moskauer Kurs gegangen, eine gefährliche Fünfte Kolonne. Als der Kreml mit Unterstützung einer "Autonomen Republik Aserbeidschan" persische Erdölkonzessionen erzwingen wollte, schickte Schah Resa seine Zwillingsschwester Aschraf zu Stalin und rief den Weltsicherheitsrat an.
Genutzt hat die geheime Mission nur wenig. Erst als Truman den Sowjet-Führern mit ernsthaften Konsequenzen drohte, zogen die Sowjets ab: Die Amerikaner hatten den Pfauenthron zum zweitenmal gerettet.
Das blieb nun auch in Zukunft so. Der Iran, im Spannungsfeld zwischen Ost und West, als Brückenkopf zwischen Afrika, dem Nahen Osten und Asien, als Anrainer des Persischen Golfs wie des Indischen Ozeans, ließ sich die Treue zum Westen während des Kalten Krieges teuer bezahlen.
Eine plötzliche Dollarschwemme korrumpierte das Land auch den jungen Herrscher. Er sammelte teure Autos und verlor über derart aufwendigen Freizeitvergnügen schnell das Interesse am Regieren.
Sein Leben änderte sich auch nicht, als im Februar 1949 ein als Pressephotograph getarnter Anarchist fünf Pistolenschüsse aus nächster Nähe auf ihn abfeuerte. Im Gesicht verwundet, hatte der Schah immerhin die Kaltblütigkeit, den folgenden Schüssen durch Sprünge auszuweichen.
Mit einem zweimotorigen Flugzeug floh der Schah nach Bagdad.
Entgegen dem Befehl des Schahs wurde der Attentäter niedergestreckt -- niemand erfuhr etwas über seine Motive. Für den Schah Resa waren es damals schon "Kommunisten und Anarchisten", die seinen Thron bedrohten.
Bevor der erste Sturm gegen ihn losbrach, heiratete Mohammed Resa zum zweitenmal: im Februar 1951 die Deutsch-Iranerin Soraya Esfandiary. Spätestens seit der Soraya-Hochzeit, für die der Schah seine eigene Phantasie-Uniform entwarf, ist die Schah-Familie fest in der Hand der weltweiten Regenbogenpresse. Der Hof in Teheran, mit politischen Interviews nicht gerade verwöhnt, war zunächst über die weltweite Aufmerksamkeit begeistert.
Politik machte unterdes Mohammed Hedajat, genannt Mossadegh, der schon gegen den Schah-Vater opponiert hatte, ein charismatischer Mann und der klügste innenpolitische Kopf dazu.
Um ihn sammelten sich die Unzufriedenen im Lande, die vom "Ami-Schah" enttäuschte Geistlichkeit, die Nationalisten, die Studenten, schließlich auch die Tudeh-Partei, die mit Mossadegh in einem Punkt einig war: "Das Erdöl gehört uns." "Die Briten ins Meer" brüllten die Demonstranten in den Straßen von Teheran.
Dem Schah blieb keine Wahl, als den "Anwalt des Volkes" (Mossadegh über Mossadegh) zum Premier zu machen. Doch der legte schon am Tage nach seiner Ernennung zum Premier dem Parlament ein Gesetz zur Verstaatlichung der Ölproduktion vor. Die Londoner Presse forderte den Einsatz der Navy.
Der Konflikt zwischen dem 74jährigen Regierungschef und der mächtigen "Anglo-Iranian Oil Company" wurde zum nationalen Fanal. Rücksichtslos deckte der Premier die Namen der Abgeordneten auf, die sich von der Ölgesellschaft bestechen ließen.
Im Verlauf der nun folgenden Wirren schoß die Armee auf demonstrierende Mossadegh-Fans, schickte Mossadegh die Kaisermutter, die Schwestern und den Schahbruder Ah Resa ins Exil und wollte auch das Kaiserpaar ausweisen, da half zum drittenmal der große Bruder USA.
Aus Washington reiste ein Sonderkommando der CIA an, um einen Putsch schahtreuer Offiziere unter dem General Sahedi vorzubereiten. Denn Mossadegh, so glaubte Präsident Eisenhower damals, gerate zunehmend in Gefahr, seine Macht an die Tudeh-Partei zu verlieren, und die steuerte Persien in Richtung Moskau.
Viel Anhang hatten die schahtreuen Putschisten nicht. Gérard de Villiers,
* Gérard de Villiers: "Der Schah" Econ-Verlag., Wien-Düsseldorf 1975: 495 Seiten: 36 Mark.
ein französischer Journalist, der die einzige seriöse Biographie über den Schah schrieb*, spricht von "maximal 50 Offizieren und etwa 800 Soldaten".
Doch Mossadegh konnte das Komplott aufdecken. Der Schah und Soraya retteten sich in einer zweimotorigen "Beechcraft" nach Bagdad.
Mohammed Resa Pahlewi hatte aufgegeben und plante, als Farmer in die USA zu gehen. Erst im römischen Hotel "Excelsior" erfuhr das Kaiserpaar, daß der Putsch gegen Mossadegh doch noch gelungen war -- mit Hilfe von 390 000 Dollar und der Mullahs, der schiitischen Priester, die im Kampf gegen die angebliche rote Gefahr auf die Seite des Kaisers traten.
Als der am 22. August 1953, vier Tage nach der überstürzten Flucht, wieder in Teheran landete, war alles schon im neuen Gleis: "Ich weiß, ich habe in dem Kampf keine große Rolle gespielt ...", bekannte der Schah in seltener Bescheidenheit.
Seit dieser Zeit machte in Persien der Schah Politik, er und sonst keiner. Das mußte etwa Premier Amini erfahren: Die "Weiße Revolution", der inzwischen gescheiterte Jahrhundertplan für die Entwicklung Persiens zur Industrienation, als deren Schöpfer sich der Schah von aller Welt feiern ließ, stammte in Wirklichkeit von Amini.
Der Schah nannte die Verteilung des Großgrundbesitzes unter die kleinen Pächter eine "Sozialrevolution zur Rettung des Landes und zur Einordnung des trans in die Reihe der fortschrittlichen Völker und modernen Gesellschaften", große Worte, aus denen Ungeduld, aber auch Unduldsamkeit sprach.
Denn der Alltag der Weißen Revolution sah ganz anders aus: Die Bauern, zwar nun Eigentümer, saßen auf ihren ausgedörrten Äckern und hatten kein Geld, die notwendige Bewässerung zu bezahlen.
Nicht viel besser erging es dem Mittelstand: Händler und kleine Industriebetriebe holten sich die versprochenen Aufbaukredite vom Staat, aber als der Finanzminister nach 1974 feststellte, daß das überhitzte Industrialisierungsprogramm die Kassen geleert hatte, wurden die Folgekredite gestoppt und die Zinsen erhöht -- Tausende machten Pleite. Arbeitern versprach der Kaiser Mitbeteiligung am Firmengewinn, doch dann blieben in den Betrieben die Gewinne aus, und wer danach fragt, muß um seinen Job fürchten.
Im Ergebnis ist Persiens Wohlstand auch heute wenigen reserviert, der Rest des Volkes spürte kaum, daß sich in seinem Leben etwas änderte, auch nicht, als nach dem Nahostkrieg von 1973 der Ölpreis um das Fünffache stieg und weitere Milliarden in Persiens Kasse flossen.
Der Schah hat das Öl nie als politische Waffe benutzt und ließ sich im Westen nach der Ölkrise 1973 dafür feiern.
Doch wie kein anderer trieb er in der Opec die Preise hoch: 30 bis 35 Prozent Aufschlag wollte er als Inflationsausgleich allein 1975 haben, nur die Furcht der anderen Ölländer vor einem Kollaps der Industriestaaten konnte ihn bremsen. Saudi-Arabiens Ölminister Jamani: "Der will die Kuh fressen, anstatt sie zu melken." In den Jahren zwischen 1971 bis 1974 stieg das Bruttosozialprodukt des Iran von 13,4 Milliarden Dollar auf 45,4 Milliarden. Allein für sein Öl nahm der Schah von 1974 bis 1977 rund 85 Milliarden Dollar ein, mehr als das reiche Schweden 1977 an Bruttosozialprodukt erwirtschaftete.
Doch anstatt damit eine dem Land gemäße Volkswirtschaft aufzubauen -- Technisierung der Landwirtschaft, schrittweise Mechanisierung der Industrie -, wollte der Schah sein Land ins Computer-Zeitalter katapultieren.
Der Aufbau einer eigenen Petrochernie lind der Abbau der eigenen Bodenschätze -- Kupfer, Kohle, Eisenerz -- lagen noch auf der linie volkswirtschaftlicher Vernunft, die bereits Mossadegb gepredigt hatte.
Aber schon bei der Auswahl von Standorten und der Anschaffung von Anlagen sprachen ganz andere Kräfte bei Hofe mit. Beteiligungen an Industriekomplexen vergab Schah Resa wie einst sein Vater die Lehen. Schah-Neffe Scharam, Sohn seiner Schwester Aschraf, konnte in wenigen Jahren 50 Millionen Dollar Provision für den Ankauf elektronischer Anlagen einstecken; ob und wo die gebraucht werden konnten, darum kümmerte sich niemand.
Industriegüter wurden zum technischen Spielzeug, man bestellte nach den Warenlisten der Markenfirmen aus aller Welt, als wären es Neckermann-Kataloge. Das Neueste, das Größte war für Persien gerade gut genug. Noch bevor das Bett eines Staudammes betoniert war, verrottete in den Häfen und Grenzbahnhöfen das technische Gerät.
Bei der persischen Entwicklungsbank konnte jedermann Kredite bekommen, wenn er nur versprach, Persien zu modernisieren. Noch bevor Bedarf und Standort diskutiert waren, bestellte Persien acht Atomkraftwerke im Westen, inzwischen fehlt das Geld dafür. Denn inzwischen ist das reiche Ölland Persien für über sechs Milliarden Dollar im Ausland verschuldet.
Die Ölpreise sanken fortlaufend, und der Schah gab die reduzierten Milliarden mit beiden Händen wieder aus, besonders gern für das Militär. Mit Rüstungsausgaben von acht Milliarden Dollar stand das Entwicklungsland Persien 1977 an siebter Stelle in der Welt.
Den lebenswichtigen Zugang zum Golf sichert die einzige Flotte von Hovercraft-Kriegsschiffen in der Dritten Welt. 40 000 Amerikaner mühen sich, den Schah-Soldaten den Gebrauch hochkomplizierten elektronischen Geräts beizubringen, das mitunter in der persischen Armee früher eingeführt wird als in der amerikanischen.
Alle Fragen, was er mit dem gewaltigen Kriegspotential denn unternehmen wolle, beantwortete Schah Resa mit beleidigten Hinweisen darauf, daß er lange und unübersichtliche Grenzen habe.
Nicht einmal eine Geheimstudie der CIA, 1975 von dem US-Journalisten Jack Anderson ans Licht gebracht, konnte ausreichende Antwort geben: "Seine größenwahnsinnigen Vorstellungen übertreffen bei weitem die Möglichkeiten, sie zu finanzieren", behauptet die CIA und führte den Waffentick auf Neurosen aus der Kindheit zurück; der Schah wolle es "der Welt schon zeigen".
Möglicherweise glaubte der Schah, daß sich seine Perser durch die glitzernde Wehr genauso in ihrem Nationalstolz geschmeichelt fühlen würden wie er selbst. "Irgendwas muß wohl schiefgelaufen sein", gab er nach dem Volkssturm der vorletzten Woche zu; was, das könne er noch nicht sagen.
Er hat auch seit Anfang der sechziger Jahre niemanden mehr gefragt. Resa Pahlewi, der früher im offenen Sportwagen durch Teheran fuhr, kennt seit langem schon das Land nicht mehr, das er regiert. In St. Moritz oder Cannes weiß er besser Bescheid als in der persischen Provinz.
Die Opposition gegen den Kaiser ist sich nicht einig.
Im Hubschrauber, dem Volk wie ein zürnender Gott entrückt, pendelt er zwischen Palast und Reitställen hin und her; die Paraden seiner Truppen nimmt er auf entlegenen Autobahnen vor der Geisterkulisse streng ausgesuchter Gäste ab, denen er, kommen sie aus dem Westen, gern seine Weisheiten mitgibt, etwa: "Die westlichen Nationen werden nicht mehr regiert."
Am Ende sind es nun aber die Perser. die nicht mehr regiert werden, jedenfalls nicht von diesem Schah. So wirkt es denn wie ein peinlicher Anachronismus, daß Anfang des Jahres, "als in den Städten Täbris und Ghom schon Truppen gegen aufgebrachte Demonstranten schossen, in Persien das neue Buch des Schah "Zur großen Zivilisation" herauskam, in dem steht, die Perser müßten "arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten".
Das schreibt ein Mann, dessen auf über 60 Personen angewachsener engster Familien-Clan sich durch vornehmes Nichtstun auszeichnet. Nur der Schah selber, seine Frau und seine Zwillingsschwester Aschraf, ausgerechnet Präsidentin der Uno-Kommission für die Einhaltung der Menschenrechte, üben eine öffentliche Funktion aus, der Rest der Familie lebt von dem Pahlewi-Vermögen, das undementierten Behauptungen zufolge mehrere Milliarden Dollar umfassen soll.
Ein solches System konnte sich auf die Dauer nur an der Macht halten, wenn alle oppositionellen Regungen im Keim erstickt wurden. Das besorgte vor allem die weltberüchtigte Geheimpolizei "Savak" mit ihren 50 000 Verhörspezialisten, die Hunderte von Gefangenen zu Tode folterten.
Irgendwann freilich mußten die aufgestauten Ressentiments sich Luft machen.
Daß dies ausgerechnet im Januar 1978 geschah. nicht früher und nicht später, liegt weniger am Schah als an dessen menschenfreundlichem Rüstungspartner Jimmy Carter.
Der nämlich hatte den Schah bei dessen US-Besuch Mitte November 1977 gedrängt, mehr Freiheiten zu gewähren, und der Nachfolger des großen Kyros folgte dem Rat: Das persische Fernsehen durfte erstmals nicht nur den Staatsgast, sondern auch die wütenden Demonstranten zeigen, die gegen ihn in den USA auf die Straßen gingen. Die ungewohnten Bilder wirkten wie ein Zündfunke.
Der Sturm brach von mehreren Seiten fast gleichzeitig los, wenn auch die Sturmtrupps unterschiedliche Ziele im Auge haben.
Die "Nationale Front", ein Zusammenschluß der ehemaligen Partei Mossadeghs mit etwa zehn anderen Gruppierungen, hat die deutlichsten Alternativen zum Schah-Regime: Demokratisierune, ein verbessertes Sozialprogramm. Kampf gegen die Korruption, Wiederherstellung der Menschen- und Bürgerrechte. Die Frage, oh die Monarchie bleiben soll oder nicht, ist als sekundär bislang nicht gestellt.
Von der "Nationalen Front", die vor allem das Kleinbürgertum, die Basaris, weite Teile der Studenten und jungen Industriearbeiter anspricht, deren Anführer aber inzwischen größtenteils verhaftet sind, laufen enge Kontakte zu den Religiösen um den gemäßigten Ajatollah Scharriat Madari in der heiligen Schiiten-Stadt Ghom.
Auch Scharriat Madaris Anhänger ("Wir sind auf keinen Fall eine Partei") legen Gewicht auf eine gerechtere Verteilung des Volksvermögens, eine besser organisierte Landreform, vor allem aber verlangen sie die strikte Einhaltung der Verfassung, die das Mitspracherecht der religiösen Führer bei der Verabschiedung neuer Gesetze vorschreibt. Das Schicksal des Schahs ist auch für Scharriat Madari kein dringendes Problem.
Den Schah auf jeden Fall stürzen und mit ihm die Monarchie wollen die Anhänger des Ajatollah Chomeini, den der Schah bereits 1963 in den Irak verbannte. Chomeini: "Das System. das wir aufrichten werden, wird unter keinen Umständen eine Monarchie sein." Chomeinis Anhänger, sehr viel militanter als die von Scharriat Madari. organisierten die Demonstration, die dann zum "schwarzen Freitag" führte. Diese Radikalen, deren Forderung bis zur Schließung aller Kinos und Banken und die Wiedereinführung des Schleierzwanges für alle Frauen geht, waren Freitag unter den Demonstranten die Mehrheit.
Zuammengenommen stellen gemäßigte und radikale Religiöse für den Schah die bei weitem gefährlichste Opposition dar: Und die Perser sind zu über 90 Prozent Schiiten.
Ganz gewiß hat die überstürzte Industrialisierung viele von ihnen aus ihren traditionellen Bindungen gerissen und überfordert idealer Ackerboden für die Einflußnahme der Mullahs. Der Schah wurde vom Protest der Nationalen Front wie der Religiösen dermaßen überrascht, daß er sich mit Konzessionen mal an die Liberalen, mal an die Ultras zu retten suchte, was beide Lager jedoch nur als Schwächezeichen begriffen.
Die Zensur wurde gelockert, der Savak-Chef weggeschickt, die Staatspartei zerbröckelte. Doch ein bißchen mehr Demokratie und ein bißchen weniger Angst ließen genau jene explosive Stimmung entstehen, die dann Rechte wie Linke auf die Straße trieb. Empört über soviel Undankbarkeit, ließ der Schah schießen.
Wahrscheinlich ist, daß Resa Pahlewi sich trotz aller taktischen Fehler halten kann, solange die von ihm gehätschelte Armee zu ihm steht. Und bislang profilierte sich in den Streitkräften noch kein General als denkbarer Ersatz-Schah. der den USA ihr gefährdetes Arsenal in Mittelost retten könnte. Die von Schah-Gegnern daheim und in der Welt ersehnte persische Demokratie dürfte dabei ohnehin schwerlich geboren werden.
Wie sich der Schah die Demokratie vorstellt, hat er verschiedentlich zu erkennen gegeben. Er glaubt noch immer, sie lasse sich, wie alle Politik, per Dekret machen, im Ruckzuck-Verfahren, möglichst über Nacht.
"Sollte ich morgen ermordet werden, so wäre das zu früh In fünf Jahren würde es wohl weniger Schwierigkeiten geben, in zehn Jahren praktisch überhaupt keine mehr." So geschrieben anno 1974, keine fünf Jahre vor dem Volkssturm gegen seinen Thron.
Im selben Jahr auch hatte der Schah noch Gewagteres prophezeit: Spätestens gegen Ende des Jahrhunderts werde der Iran Weltmacht sein.

DER SPIEGEL 38/1978
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