18.09.1978

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Geschichten vom Stasi und vom armen B. B., DDR-Interna und DDRIntimes: „Das rote Kloster“, die Autobiographie einer ehemaligen Leipziger Studentin, gibt überraschende Einblicke in die Ulbricht-Ära.
Bertolt Brecht hatte aus Amerika einen alten Mantel mitgebracht, den er in Ost-Berlin die ganzen Jahre trug. Eines Tages paßte Helene Weigel, seiner Gattin, der Fummel nicht mehr in den Kram; sie habe ihn, erzählte sie, "einfach in den Keller runtergebracht und in die Heizung gesteckt".
Darob "hat der Brecht furchtbar theatert". Denn er hing an dem alten Stück; die Weigel "bütt ihm sein Glück verbrannt, nun ginge es abwärts".
"Brecht. wir haben doch nun Geld", sagte ihm die Weigel, er solle sich einen neuen Mantel kaufen. Aber der Starrkopf mochte nicht, lief den ganzen Winter über "nur mit seinem Jöppchen und dem Schal herum" und wurde krank.
Es fing so harmlos an", erzählte die Weigel, "als Erkältung. und brachte ihm den Tod. Und ich bin schuld. Ich hab ihm sein Glück verbrannt."
Brecht war 1956 gestorben. Im Jahr darauf begann eine blonde, 22jährige Studentin der Journalistischen Fakultät an der Karl-Marx-Universität Leipzig ein Praktikum am "Berliner Ensemble", dem Brecht-Theater. Sie genoß offenbar die Gunst der Prinzipalin Helene Weigel. diskutierte mit dem Regieassistenten Wolf Biermann" hatte mit dem Brecht-Archivar Hans Joachim Bunge eine dramatische Affäre und merkte sich genau. was ihr alle so erzählten.
20 Jahre später, 20 Jahre nach ihrer "Republikflucht", hat die einstige Studentin ihr DDR-Leben aufgeschrieben -- als aufregenden Bericht über "Eine deutsche Erziehung"; Titel des Buches aus einer fremden Welt: "Das rote Kloster"*.
Brigitte Klump, die Autorin, lebt heute in der bayrischen Holledau, ist verheiratet mit dem Vize-Chef der Münchner "Abendzeitung" Wolf Heckmann, hat zwei halberwachsene Kinder. "Das rote Kloster" ist ihr erstes Buch.
Nach ihrer DDR-Flucht, sagt sie. hatte sie jahrelang starke Anpassungsschwierigkeiten; sie fremdelte, das eingetrichterte Freund-Feind-Bild blieb übermächtig. Sie fing "noch mal an wie ein Kind zu leben, zu lernen". Nach mehreren Ansätzen, nach Recherchen zu einer Dissertation über DDR-Jour-
* Brigitte Klump: "Das rote Kloster Hoffmann und Campe verlag. Hamburg; 336 Seiten: 26 Mark.
nalismus, schrieb sie letztes Jahr innerhalb von fünf Monaten ihre "Kloster"-Biographie herunter.
Intimes und Brisantes mischen sich (la, mal trotzköpfchenhaft erlebt, mal dialektisch durchschaut; aus dem blondbezopften Kohlhäschen, das unbedingt "Theaterkritiker" werden will, wird Schritt um Schritt ein Kohlhaas. der dem Spitzel- und Stasi-Theater der DDR entflieht.
Brigitte Klump, aus einer hugenottisch-hinterpommerschen Bauernfamilie, hatte im Herbst 1954 einen Studienplatz an der Fakultät für Journalistik in Leipzig bekommen -- damals die einzige akademische Ausbildungsstätte für DDR-Journalisten.
Hohe Mauern umgaben den ganzen Komplex, nachts war er beleuchtet. Die Studenten lebten privilegiert, bekamen ihre Butter aufs Brot, aber ihre Post wurde zensiert, in den Internatszimmern hingen Abhörgeräte. der Große Bruder "Stasi" (Staatssicherheitsdienst) hielt allenthalben die Ohren auf und setzte die Studenten gegeneinander zum Schnüffeln an.
Das "Rote Kloster" hießen die Leipziger die journalistische Trutzburg. In der Kaderschmiede hämmerte sich die SED parteitreue Linienschiffe zurecht, verläßliche Sprachrohre für die Medien: einige, mit denen Brigitte Klump damals Schulter an Schulter. auch mal Herz an Herz, studierte, haben es mittlerweile weit gebracht:
Einer, Uli Makosch. ist steilvertretendel Chefredakteur beim DDR-Fernsehen; ein anderer, Klaus Raddatz, dirigierte zeitweilig das FDJ-Zentralorgan "Junge Welt"; ein dritter, Adolf Herlitzka, brachte es zum Rundfunk-Korrespondenten: ein vierter, Horst Pehnert, ist heute Steilvertretender Minister für Kultur.
Da war noch einer: "Großzügig geschnitten der Mund, sensibel, blau die Augen unter dem störrischen Haar", Zähne zeigte er "wie ein Raubtier, stark, weiß, zupackend" -- Reiner Kunze, Assistent an der Fakultät, Lyriker, seit 1977 in der Bundesrepublik.
Und eine andere: "Eine Schönheit mit einem kühnen Gesicht, fast ausschließlich in Schwarz, mal Rock, mal Hose mit Pulli, wie die Existentialistinnen in Paris" -- Helga Novak, im selben Studienjahr wie Brigitte Klump,. heute Schriftstellerin in Frankfurt am Main.
Vom Reiner Kunze der frühen Jahre zeichnet Brigitte Klump ein schwankendes Charakterbild. Sein linienkonträrer Appell, Spezialjournalisten (etwa Theaterkritiker) auszubilden statt Allgemeinjournalisten" hatte ihr imponiert; später merkte sie: "Er hielt manchmal zurück, was er dachte, er hatte schon Prügel bezogen." Journalistik-Studenten, die sich auf Auslandsreisen freuten, beschied er: "Diese Herren sind falsch hier, sie müssen zur Reichsbahn gehen, da können sie reisen"
Mählich gingen der sozialistischen Naiven über den Kloster-Geheimnissen die blauen Augen auf, auch über die "sozialistische Moral". Sie wurde gehalten. Kontakte mit nicht linientreuen Männern aufzugeben, einem Zuverlässigen sollte sie, via Beischlaf, die Prüfungsangst nehmen, und mit ähnlicher Unterwanderungsstrategie schickte sie der Stasi auf einen Westler los, um ihn auszuforschen: einen West-Berliner Studenten und SDS-Funktionär, der im Buch pseudonym bleibt.
Brecht war, in den letzten Jahren vor seinem Tode, persona non grata in der DDR. Brigitte Klump bekam das Auf?atzthema: "Die Vulgarisierung der Literatur durch Bertolt Brecht." Wieland Herzfelde, Brechts erster Gesamt-Verleger, hielt damals in Leipzig einen Literaturzirkel ab: er schickte Brigitte Klump nach Berlin: "Tragen Sie Brecht diese These vor, sie wird ihn sicherlich interessieren."
Den greisen Meister bekam sie nur von Ferne zu Gesicht, aber ihr Brecht-Bild änderte sich so radikal, daß sie zu einem großen Coup anhob: 700 Leipziger Studenten sollten, am 21. April 1956, zu einer kostenlosen Vorstellung des "Berliner Ensembles" fahren, in einem Sonderzug. Brecht wollte mit der" Studenten diskutieren.
Aber der Zug fuhr nicht ab. Gleisarbeiten an der Strecke. plötzlich von allerhöchster Stelle angeordnet, verhinderten die Reise. Von einem Vertrauten. so erzählt sie, erfuhr Brigitte Klump, die Partei habe die Fahrt zu Brecht als eine "Brüskierung" betrachtet, als "Demonstration für Brecht".
Der Ulbricht solle ihr dafür "bluten", habe die Weigel gewettert, und Brecht, der "acht Jahre lang darauf gewartet" habe, daß "die Jugend von selbst zu mir findet", klagte: "Mein Stern geht unter." Erfolg für Brigitte Klump: Die Weigel bot ihr ein Praktikum an.
Von Bühnenarbeitern erfuhr sie dann, warum die Prinzipalin, mittlerweile Witwe, so "nett" zu ihr war: "Sie sind hier das erste Mädchen am Theater, das nicht in Brechts Finger fiel." Aber sie wäre doch wohl zu jung für ihn gewesen? "Das hat den nie gestört. Im Gegenteil."
Damit Brigitte nicht ihren "Sex kaputt" mache (Helene zu Brigitte: "Sie haben ihn erfunden"), schickte die Weigel sie gar nach West-Berlin, um den optimalen Lippenstift ("Revlon Pink") zu kaufen. Vertraut, wie sie nun waren, erfuhr die Praktikantin auch vom wilden Treiben der Weigel-Tochter Barbara: "Sie kratzt und beißt und fällt Leute an und verprügelt selbst Polizisten." Der Ost-Berliner Anwalt Kaul pauke sie dann wieder heraus, "und wir müssen Entschuldigungen im "Neuen Deutschland" veröffentlichen".
Eine literarische Enthüllung der Weigel beurteilt der Brechtologe Klaus Völker freilich skeptisch: Sie selbst, hatte sie der Brigitte Klump gesagt, habe die Gedichte aus dem "Messingkauf" geschrieben, in Brechts Tagebüchern werde aber darüber nichts zu lesen sein. Ist auch nicht.
Brigitte Klump hatte in ihrer DDR-Zeit Tagebuch geführt. Die vielen Dialoge und Zitate kramte sie allerdings. sagt sie, aus ihrer Erinnerung hervor: "Ich habe so eine merkwürdige Art von Gedächtnis"; es "speichert" auch Dinge, die sie im Augenblick nicht verstehe.
Ist das "Rote Kloster" authentisch? Reiner Kunze, der das Manuskript las. schweigt. Der ausgespähte ehemalige SDS-Mann bestätigt im großen und ganzen die damaligen Vorgänge, will aber sein Pseudonym gewahrt wissen. Die Klump-Freundin Helga Novak sagt: "Vieles deckt sich mit meinen Erfahrungen", aber sie selbst hätte ein solches Buch "sehr viel politischer geschrieben".
Bei Biermann ist der Autorin ein Mißverständnis passiert: Sein Gedicht "Brigitte" aus der "Drahtharfe" ("Ich ging zu dir / dein Bett war leer") hatte der Barde einer langjährigen Freundin gleichen Namens gewidmet, nicht der blonden Praktikantin -- wie sie bislang wähnte.
Wirbel gegen "Das Rote Kloster" drohte bislang nur von der Weigel-Tochter Barbara. Sie kündigte rechtliche Schritte an, Freunde konnten sie aber besänftigen.

DER SPIEGEL 38/1978
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