06.11.1978

Sie sieht aus wie eine von uns

Elizabeth Taylor im Wahlkampf für ihren Mann / Von Megan Rosenfeld

Von Rosenfeld, Megan

Die Damen von Dinwiddie County warteten. Sie hatten 40 Sorten Salate mitgebracht. Es gab Berge von Keksen und Kaffee aus Plastikbechern.

Im ländlichen Virginia warteten sie auf die Frau, die der "größte Star aller Zeiten" genannt worden ist: auf Elizabeth Taylor -- heute Frau Warner.

Die Party fand im Haus von Betsy Davis statt, der Frau des örtlichen Vorsitzenden der Republikaner. Alle waren aufgeregt, weil die Frau des Kandidaten John Warner, der sich um den Posten eines Senators in Virginia bewirbt, 45 Minuten zu spät kam.

Aber plötzlich war sie da, die Frau, um die sich immer noch die Leute drängen, die berührt wird, die Autogramme geben muß; eine Frau, von der Bewunderer Millionen Schnappschüsse gemacht haben.

Da stand sie nun, in einem seidenen zweiteiligen Kleid in Beige, im Wohnzimmer von Betsy Davis und sprach über ihren Mann. Wie er seit zehn Jahren für andere Menschen arbeite, nicht für Geld oder Ruhm. "Er will das Beste für Sie, für Ihre Kinder und Enkel. Er will alles tun, um die Welt zu einer besseren zu machen. Deswegen bin ich so sehr für ihn." Dann schloß sie abrupt: "Das ist alles."

Seit zwei Jahren ist Elizabeth Taylor Teil der politischen Szene in Virginia. Angefangen hatte sie mit Auftritten für Jerry Ford, dann warb sie für den jetzigen Gouverneur John N. Dalton, und seit dem Frühling ist sie aufgestiegen zur Rolle der Kandidaten-Gattin.

Ihre Wirkung auf die Politik in Virginia ist noch nicht abzuschätzen. Ihrem Mann, John Warner, wird immerhin ein leichter Vorsprung vor seinem demokratischen Rivalen gegeben. Ohne den Ruhm, den ihm seine Heirat mit Elizabeth Taylor gebracht hat, wäre er wohl nicht mal nominiert worden.

Im politischen Leben von Virginia spielten Frauen bis vor ein paar Jahren kaum eine Rolle. Und auch heute muß sich die Frau eines Kandidaten noch immer auf die Verteilung von Backrezepten und flache Statements beschränken.

In dieser konservativen Landschaft war Elizabeth Taylor zu-

® The Washington Post.

nächst ein exotischer Vogel. Sie trug zu bunte Kleider, lachte ein bißchen zu laut und sprach anders als in den gedämpften Tönen, die man in Virginia gewöhnt ist.

Inzwischen ist sie spürbar zurückhaltender geworden. Ihre bunten, blumigen Modellkleider hat sie durch geschmackvolle Röcke und bescheidene Blusen ersetzt. Ihre Molligkeit ist bei etlichen Frauen eher ein Vorteil. "Sie mag eine fabelhafte Schauspielerin sein, aber sie sieht aus wie eine von uns", sagte eine Frau.

Und darin liegt letztlich das Geheimnis ihres Erfolges in Virginia: Sie kann endlich die simple Frau sein, die sie in Wahrheit ist.

Ihrem Mann ist sie mit der gleichen blinden Loyalität ergeben, die eine Sechzehnjährige für ihren ersten Freund entwickelt, und das war immer so bei ihr. Vor ihrer Ehe mit Eddie Fisher nahm sie den jüdischen Glauben an. Nachdem sie Richard Burton geheiratet hatte, gab sie ihre amerikanische Staatsbürgerschaft auf und wurde Engländerin. Eines wird aus dem Protokoll dieser Kampagne hervorgehen: daß Elizabeth hart für ihren Mann gearbeitet hat. Sie. hat auf dem Arlington-Jahrmarkt Gummi-Fußbälle geworfen, sie ist als Köchin versteigert worden, um Behinderte zu unterstützen, hat für die Photographen einen Traktor gesteuert, ist in kleinen Flugzeugen geflogen, die sie haßt, in einem Greyhound-Bus gefahren, hat Krankenhäuser besichtigt und an Dutzenden von Banketts teilgenommen.

Nicht, daß sie irgend etwas tut, was andere nicht auch machen. Aber die Leute kommen einfach nicht aus dem Staunen heraus, daß diese Königin der Leinwand ihre Hauptstraße auf und ab marschiert und ihnen John-Warner-Buttons ans Hemd steckt.

In der Rolle der Gattin eines konservativen Politikers fühlt sie sich zunehmend wohl, was mit ihrem eigenen konservativen Wesen zusammenhängt. Sie mochte zum Beispiel niemals die Rolle anrüchiger Frauen spielen. Freunde von ihr sagen, sie sei deshalb so oft verheiratet gewesen, weil sie darauf bestehe, zu einer ehrlichen Frau gemacht zu werden, anstatt nur eine Affäre zu haben.

Obwohl sie manchmal ziemlich vulgäre Geschichten erzählen kann, ist sie prüde. Als ihr Mann sie kürzlich aus dem Krankenhaus abholte, hatte er ihr einen weißen Kaftan mitgebracht, aber die Unterwäsche vergessen. Begleiterinnen gaben zu bedenken, daß man unter einem solchen Gewand notfalls auch ohne gehen könnte. Aber sie bestand darauf, daß Krankenschwestern sie mit Mull bandagierten.

Im Wahlkampf von Virginia ist sie so gut angekommen, daß vorgeschlagen wurde, sie sollte sich selbst um einen Platz im Abgeordnetenhaus des Bundes bewerben. Darauf Elizabeth Taylor: "Für mich gibt es nur einen Platz -- zu Hause auf der Farm."


DER SPIEGEL 45/1978
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