06.11.1978

AUTOMOBILE

Rache für Ro

Ein neuer japanischer Sportwagen mit Wankelmotor kommt im Frühjahr auf den deutschen Markt. In den USA wird er schon als "Wunder-Wankel" umschwärmt.

Aus seinen Gebeinen", prophezeite Motoren-Erfinder Felix Wankel, als der VW-Konzern den Bau des Ro 80 aus Kostengründen einstellte, "wird dereinst ein Rächer entstehen." Wanke! konnte nicht verwinden, daß VW die Frucht seines "30jährigen Erfinderkrieges" auf Eis gelegt hatte.

Der Rächer steht nun vor der Tür. Nur ein Jahr nach dem von Liebhabern bejammerten Mord am Kreiskolben-Auto Ro 80 -- "Stammkunden und Freunde des Ro 80 tragen Trauerflor", so damals ein Leidtragender in "auto motor und sport" -- hat der japanische Autokonzern Toyo Kogyo ein neues Wankelauto anrollen lassen.

Dem sportlichen Wankel-Japaner, Mazda RX-7, muß rein äußerlich frappierende Ähnlichkeit mit dem Porsche 924 bescheinigt werden: Wie dieser hat der Rotarier von Mazda eine ungemein windschlüpfige Front mit "Schlafaugen", ein überdimensionales Sonnendach und eine gewaltige, gläserne Heckklappe' als gelte es, wie in einem Treibhaus, unter ihr Tomaten zu züchten.

Der neueste Wagen aus der gegenwärtig einzigen Fabrik für Autos mit Kreiskolbenmotor, den die Japaner im Frühjahr 1979 auf den deutschen Markt bringen wollen, ist vergleichbaren Hubkolben-Autos überlegen. In den USA, wo der RX-7 seit April dieses Jahres angeboten wird, hatte das im Leerlauf nahezu lautlos schnurrende Vehikel einen sensationellen Start.

Bei den Händlern füllten sich die Wartelisten. Ungeduldige Käufer zahlten für das 7000-Dollar-Gefährt, dem der Hersteller eine Motorgarantie von drei Jahren (oder 80 000 Kilometer) mit auf den Weg gibt, Aufpreise bis zu 1000 Dollar für sofortige Lieferung.

Amerikas Fachpresse lobte den Neuen in höchsten Tönen. "Besitzer von Datsuns, Triumphs und Porsches werden sich bald grämen über die Beschleunigung des Kreiskolben-Autos", schrieb das US-Motormagazin "Car and Driver", "aber das wird für sie nicht halb so schmerzlich sein wie der unwiderstehliche Preis des RX-7."

Wer zum Beispiel einen Porsche 924, heißen Rivalen des RX-7, erwerben möchte, muß 11 000 Dollar bezahlen, obwohl der Mazda dem Porsche sowohl in der Beschleunigung als auch in der Höchstgeschwindigkeit überlegen ist.

So maß die US-Zeitschrift "Road & Track" für den mit der üblichen, kräftezehrenden Entgiftungsanlage befrachteten 110-PS-Porsche eine Beschleunigung von null auf 100 km/h in elf Sekunden (Spitze: 188 km/h), für den gleichfalls mit Entgiftern ausgerüsteten RX-7 (100 PS) hingegen 8,6 Sekunden und 193 km/h.

Aus der Fabrik in Hiroshima, in der außer Wankel- auch konventionelle Otto- und Dieselmotoren sowie Elektromotoren gebaut werden, sind bislang über eine Million Mazda-Wankei auf die Straße gerollt. Zwar erwarten die Toyo-Kogyo-Manager vom Wankelmotor keine "Revolution" mehr. Sie glauben jedoch, daß der Kreiskolbenmotor, wie auch der Diesel, einen festen Platz unter den verschiedenen Antriebsarten belegen wird -- etwa für sportliche und technisch anspruchsvolle Automobile.

Überdies ist es den geduldig tüftelnden Japanern gelungen, dem Wankelmotor seinen oft beklagten großen Durst abzugewöhnen. Vor wenigen Jahren noch hatte die Firma bei ihren Wankelautos in den USA wegen zu hohen Benzinverbrauchs einen erheblichen Verkaufsrückgang hinnehmen müssen.

Die Wankel-Lizenzgeber von Audi-NSU haben sich bereits ein Exemplar des neuen Wunder-Wankels aus Japan kommen lassen, um ihn mit ihrem eigenen Wankel-Neuling zu vergleichen. Dieser Motor, werksintern Typ KKM 871 genannt, ist mit 170 PS erheblich kräftiger als der 115-PS- Motor des ehrwürdigen Ro 80, dabei aber nur wenig schwerer.

VW hatte den Ro 80 vom Markt genommen, weil die Firma zuletzt bei jedem für 22 695 Mark verkauften Ro rund 2000 Mark zusetzen mußte. Entscheidungen über neue Wankel-Serienwagen schieben sich die Strategen im VW-Konzern wie einen Schwarzen Peter gegenseitig zu.

Unterdes. hat Toyo Kogyo, Wankel-Lizenznehmer seit 1961, einen kaum einholbaren Vorsprung im Know-how für die Fertigung derartiger Triebwerke errungen. Die Firma ist dabei, mit der Zahl und dem Wert ihrer Wankel-Patente den deutschen Lizenzverteiler zu überflügeln.

Noch zwei andere deutsche Interessenten haben sich Voraus-Exemplare des neuen RX-7 kommen lassen: die Firma Porsche und der Erfinder Felix Wankel, 76. Porsche ließ gleich zwei RX-7 anfahren, um den äußerlich ihrem "924" nachempfundenen Marktrivalen zu testen.

Um den lästigen Nebenbuhler auf Distanz zu halten, wollen die Stuttgarter ihrem Standard-Modell mit einem Turbo-Motor, der diese Woche vorgestellt wird, mehr Mumm einblasen. Sein von Abgasen angetriebener Kompressor soll den 125 PS leistenden Europatyp mit seinem rauh laufenden Vierzylindermotor auf 170 PS und 220 km/h Spitze treiben, freilich auch auf einen neuen Spitzenpreis von rund 36 000 Mark.

Erfinder Wankel veranstaltete in Lindau am Bodensee, seinem, Wohn- und Arbeitssitz, mit dem neuen Mazda-Wankel sogleich einen "Rolls-Royce-Test": Bei laufendem Motor stellte Wankel ein Markstück senkrecht auf die Motorhaube -- es blieb stehen.

"Dieser Motor", verkündete Wankel stolz im Hinblick auf zukünftig wohl geforderte Maßnahmen zur Geräuschminderung, "könnte auch auf einem Nachttisch stehen -- er würde niemand stören."


DER SPIEGEL 45/1978
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