14.08.1978

„Dann wäre Deutschland führend in der Welt“

Ein Raketenbauer aus Stuttgart hat die Bonner Afrika. Politik in Mißkredit und die Bundesregierung in Bedrängnis gebracht. Mit Argwohn verfolgen die schwarzafrikanischen Staaten die Geschäfte der westdeutschen Firma Otrag, die in Zaire unter dem Schutz des Potentaten Mobutu Billig-Raketen testet, angeblich zum friedlichen Nutzen der Dritten Welt. Doch Profit ziehen bislang nur die Otrag-Teilhaber -- aus deutschen Steuergeldern.
Das Ding, zwölf Meter hoch, 80 Zentimeter dick, sieht aus ein ein Ofenrohr, aber eigentlich ist es eine Rakete. Hunderte Röhren sollen schon bald, zu einem Flugkörper, gebündelt, in den Himmel Afrikas starten. In der Republik Zaire, dem ehemals belgischen Kongo, wird deutsche Wertarbeit geleistet. Schon der erste Probeschuß am 17. Mai 1977 war ein Volltreffer. Zwar stieg das Projektil kaum höher als ein Jumbo-Jet, doch es traf als es nach kurzem Flug panmäßig auf afrikanischem Steppenboden zerschellte, einen neuralgischen Punkt der Weltpolitik.
Die sowjetische Parteizeitung "Prada" ortete einen "Akt des westlichen Neokolonialismus". Der angolanische Ministerpräsident Lopo Fortunato do Nascimento entlarvte die Rakete in einer Rede vor den Vereinten Nationen als "Gewehrlauf, der auf die Länder Afrikas zielt", Der Zürcher "Tage -Anzeiger" ängstigte sich, die Rohre seien "praktisch ebensogut als Träger für Atomwaffen geeignet".
Und das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" enthüllte Anfang Juli "Otrag -- Deckfirma für BRD-Rüstungsindustrie. Die westdeutschen Raketenversuche, behauptete gar der amerikanische Chefdelegierte bei der Uno Andrew Young, Mitte Juli, hätten "für die DDR das treibende Motiv abgegeben", sich bei der jüngsten Auseinandersetzung um die Macht in Shaba einzumischen.
"Für uns Afrikaner", warnte die Zeitung "New Nigerian", "geht es um Leben und Tod." Das amerikanische Herrenmagazin "Penthouse" fand heraus, den Deutschen sei in Wahrheit die Eroberung des Weltraums schnuppe; vielmehr teste die Bundeswehr in Konspiration mit dem Bundesnachrichtendienst in Zaire Cruise Missiles und Mittelstreckenraketen made in Germany.
Auf seiner Afrika Reise Ende Juni verhalfen die besorgten Regenten des Schwarzen Erdteils wie Sambia-Präsident Kaunda dem westdeutschen Kanzler Helmut Schmidt zu der Erkenntnis: "Da muß unbedingt etwas passieren." Wieder zu Hause in Bonn. beratschlagte Schmidt mit seinem Kabinett was die Regierenden gegen die deutsche Firma "Orbital Transport- und Raketen-AG" (Otrag) unternehmen könnten. Kaum hatte der Kanzler vom Argwohn der Afrikaner über das Raketenabenteuer im Busch berichtet, meldete sich der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Klaus von Dohnanyi.
Er forderte Drakonisches: Die Bundesregierung müsse, dem freien Außenhandel zum Trotz, über das Unternehmen ein totales Ausfuhrembargo verhängen. Der Held der Mogadischu-Mission, Hans-Jürgen Wischnewski, empfahl, "ein gestandener Mann" solle in Afrika nach dem Rechten sehen und Zaire-Staatschef Mobutu Sese Seko zum Eingreifen zwingen.
Doch erst einmal wurde die Debatte vertagt. Helmut Schmidt beauftragte seinen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, in einer Kabinettvorlage alle Möglichkeiten aufzuzeigen, mit denen dar deutsche Raketenunternehmen gestoppt werden könne. Außenminister Hans-Dietrich Genscher resümierte: "Der außenpolitische Schaden ist so groß. daß in jedem Fall etwas unternommen werden muß."
Wohl wahr. Noch nie bat ein privates deutsches Kleinunternehmen die offizielle Außenpolitik so in die Bredouille gebracht wie jetzt die Otrag. Die Firma mit Sitz in Stuttgart und Neu-Isenburg, die auf einem Territorium von der Größe der DDR im Osten der Zaire-Provinz Shaba Raketen testet, will in den nächsten Jahren für Entwicklungsländer Satelliten ins All schießen -und möglicherweise nicht nur das.
Denn in dem Pachtvertrag zwischen der Republik Zaire und der Otrag hat Staatschef Mobutu Sese Seko bestimmt, daß die westdeutschen Raketenbauer das Pacht-"Territorium zum Zwecke der Beförderung von Flugkörpern in den Luft- und Weltraum, gleich welcher Art und Bauweise, insbesondere von Trägerraketen uneingeschränkt" nutzen dürfen.
Das Wörtchen "friedlich" taucht in dem 16seitigen Kontrakt nicht auf. In ihrer Kolonie können die Deutschen tun und lassen, was sie mögen.
Schon warnte das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut Sipri, die Otrag fördere "auf diesem Wege die Ausbreitung der auch militärisch nutzbaren Raketentechnologie".
Denn mit Otrag-Raketen in den Orbit geschossene Aufklärungssatelliten würden nicht nur das Prestige der Nationen fördern, denen die Otrag-Verkäufer ihre Raumtransporte anbieten. Sie schaffen neuen kriegerischen Ehrgeiz und berühren das bisherige Monopol der Supermächte. die sich einstweilen noch den Start von militärischen Trabanten vorbehalten haben.
Staaten wie Zaire, Brasilien, Sri Lanka oder Indonesien, verkündet die Otrag, werde sie den Anschluß an das technologische Know-how der Industrienationen vermitteln. Kein Wunder, daß bei den mißtrauischen Nachbarn Zaires Erinnerungen an großdeutsche Raketenwaffen geweckt werden, deren Konstrukteure erst das internationale Raumfahrtzeitalter eröffneten.#* "Der macht es
wie wir in Peenemünde."
Auch die deutschen Raketenbaukünstler aus Peenemünde und der geheimen Versuchsamtalt Trauen (in der Lüneburger Heide) haben sich von Anfang an, seit 1936, nie tauge bei dem Problem aufgehalten, ob eine friedliche Konstruktion auch militärisch verwendbar sei. Im Vordergrund stand ihnen allein die Beherrschung der Technik.
Die Raketenforscher Wernher von Braun, Kurt Debus, Eugen Sänger, Irene Bredt und Wolfgang Pilz machten vor und nach dem Krieg keinen Hehl daraus, daß man Raketen nicht nur zur zivilen Eroberung des Weltraums einsetzen kann. Von Braun und Genossen entwickelten in Peenemünde die V 2 zur Zerstörung von London. Sängers "Geheime Kommandosache" war es, den Entwurf eines Stratosphären-Gleitbombers zu realisieren, mit dem "im Punktangriff von Mitteleuropa aus ein einzelner Mensch auf der anderen Erdhälfte beschossen werden" kann nämlich, daran dachte Sänger, in New York.
Die beiden Waffensysteme waren die Vorläufer der modernen US-Cruise-Missiles, düsengetriebene Sprengköpfe, die punktgenau im vorprogrammierten Ziel detonieren können.
Otrag-Chef Lutz Kayser, 39, sieht sich in dieser deutschen Tradition: Der Diplom-Ingenieur ist ein Schüler von Sänger, eng befreundet mit Wolfgang Pilz; und Kurt Debus, bis 1974 Chef des amerikanischen John-F.-Kennedy-Raumfahrt-Zentrums der Nasa, ist dem Nachwuchs-Konstrukteur ebenso geschäftlich verbunden wie Treibstoffspezialistin Irene Bredt.
Mehr noch: Kaysers Zaire-Projekt nutzt die Erfahrungen, die seine Vorbilder, Lehrer und Helfershelfer einst in der NS-Ära gesammelt haben.
Im Mai 1945 wollten die Peenemünde-Ingenieure das "Projekt Wasserfall" auf Serie legen: die nach Expertenmeinung "beste deutsche Flugabwehrrakete". Das Projektil ähnelte der V 2 und holte, während der Erprobung, alliierte Bomber vom Himmel, Mitkonstrukteur Wolfgang Pilz erinnert sich: "Die Kayser-Rakete ist das Projekt Wasserfall. Der macht es wie wir in Peenemünde."
Am Kriegsende bliesen die Siegermächte zur Jagd auf die großdeutschen Forscher. Von Braun und Debus gingen in die USA und entwickelten zahllose Militärraketen, ehe sie zur Nasa umstiegen. Pilz, Sänger und Frau Bredt wurden von Frankreich vereinnahmt; die Franzosen kamen einem russischen Suchtrupp zuvor, der, ausgestattet mit persönlicher Order Stalins, Sänger in die Sowjet-Union schaffen sollte.
Mit Treibstoffexperimenten das Haus des Vaters riskiert.
In Frankreich setzte das Trio die Wasserfall-Studien fort und experimentierte für die erste französische Rakete "Veronique" mit Salpetersäure und Heizöl als Brennstoff. 1954 kehrte Sänger, inzwischen mit Irene Bredt verheiratet, nach Deutschland zurück. In Stuttgart halfen ihm 27 Firmen und Daimler-Benz-Direktor Bruno Eckert, das Institut für Physik der Strahlantriebe zu gründen -- das Konstruktionsbüro " in dem das Wasserfall-Projektil weiterentwickelt wurde.
Drei Jahre später wurde der Raketenexperte in einer "Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt" an der Stuttgarter Uni Lehrer des I7jährigen Gymnasiasten Lutz Kayser. Damals auch begann der Schüler Kayser eine jahrelange Freundschaft mit Wolfgang Pilz. "Mit seinen Treibstoffexperimenten", berichtete Pilz, "riskierte Lutz das Haus seines Vaters, alles war schwarz verbrannt" Der Vater, Vorstand der Südzucker AG, half dem Sohn beim Umzug in einen Steinbruch.
Dort testete der Sänger-Knabe gemeinsam mit Freunden auf eigenem Prüfstand Raketentriebwerke -- einen Steinwurf weit von einer Fabrik der Südzucker AG entfernt, die 1967 in einem Millionenfeuer eingeäschert wurde.
Sänger, der lange, aber erfolgreich für den Bau eines Raketenprüfstands im badischen Lampoldshausen gekämpft hatte, baute inzwischen selbst anderswo an Raketen: in Ägypten. Mit 200 000 Mark besoldete Nasser den deutschen Fachmann dafür, daß er, gemeinsam mit Pilz, die Firma Intra-Handels-GmbH zum Technologieexport gründete, das Projekt Wasserfall an den Nil brachte und den Grundstein für eine ägyptische Raketenproduktion legte.
Seit 1970 eine GmbH für vielfältige Zwecke.
Doch weil sich Israel in Gefahr glaubte, lockte Bonn den deutschen Tüftler wieder zurück: 1963 mit einem Ruf an einen Lehrstuhl der TU Berlin, wo der Professor seine Studien (etwa: "Zur Strahlenphysik der Photonen-Strahlenantriebe und Waffenstrahlen") bis zu seinem Tode 1964 fortsetzte.
Weniger glücklich zog sich Sängers Kompagnon Pilz, offizieller Leiter des ägyptischen Raketenprogramms, aus der Nahost-Affäre. Pilz gibt vor, er habe das Wasserfall-Geschoß zu einer dreistufigen Weltraumrakete umrüsten wollen. Doch die Israelis waren anderer Meinung. "Pilz baut Waffen, die einzig der Zerstörung Israels dienen", behauptete die Regierung in Jerusalem. Der israelische Geheimdienst schickte Pilz per Post ein Päckchen; beim Öffnen detonierte der Inhalt, die Pilz-Sekretärin erblindete.
Damals war die zweite Raketenstufe "fertig und schön geflogen", erinnert sich ihr Konstrukteur. Trotzdem wurde er entlassen.
Nach dem verlorenen Sechs-Tage-Krieg 1967 ließen die Ägypter die Finger von ihrem Raketenabenteuer. Pilz ging in die Bundesrepublik zurück.
Auf der Basis seiner ägyptischen Erfahrungen entwickelte er eine Einfachrakete aus drei Stufen (Pilz: "Die Triebwerke glichen der Otrag-Entwicklung") und empfahl seine Studie der Bundesregierung, als die Europäer Ende der sechziger Jahre Pläne für eine eigene Weltraumrakete entwarfen.
Zwei Jahre nach seinem Ingenieur-Examen gründete Lutz Kayser 1970 die "Technologieforschung GmbH" und verfolgt mit ihr seitdem, laut Handelsregister, einen vielfältigen Geschäftszweck: ..Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von technischem und wissenschaftlichem Gerät, insbesondere auf dem Gebiet der Raumfahrttechnik, Flugkörpertechnik, Raketentriebwerktechnik, Elektronik, Meeresforschung, Regelungstechnik. Optik, Optoelektronik, Umweltverschmutzungsforschung, Motoren- und Turbinentechnik, Meßtechnik, Korrosionsforschung, Medizintechnik, Oberflächenveredelung, Reaktionskinetik, Laser, Werkstoffe, Flüssigkeitssteuerungstechnik sowie technischer Forschung und Beratung für Dritte auf diesen und verwandten technologischen Gebieten". Freundliches Gutachten vom alten Kameraden.
Geschäftsführer Kayser gehen in Stuttgart etwa 35 Angestellte zur Hand. Anteilseigner mit 25 Prozent: Lutz-Bruder Manfred, im Hauptberuf Geschäftsführer im Lindauer Werk der deutschen Luft-, Raumfahrt- und Waffenfirma Dornier.
Dornier wiederum entwickelt im Auftrag der Bundeswehr, freilich nicht in Lindau, kleine Cruise Missiles zur Aufklärung, Flugabwehr und zum Angriff auf gegnerische Stellungen. Dornier-Sprecher Rolf F. Christ, zur überfälligen Erprobung befragt: "Unser Problem ist, wir haben keine Testrange."
Die große Stunde der Kayser-Firma kam 1971, als das Bonner Forschungs-
* Oben: Von britischen Truppen erbeutet: unten: Mit Ehefrau Irene Sänger-Bredt 1955 auf dem 3. Internationalen Astronautischen Kongreß in Stuttgart vor dem Triebwerk der V 2.
ressort 3,57 Millionen Mark für die Entwicklung des Kayser-Triebwerks auswarf. Auf dem Prüfstand der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) wurde es getestet. Prüfleiter Armin Dadieu, ehemals Persönlicher Beauftragter von Hermann Göring für die Lagerstättenforschung in der Ostmark und Gauhauptmann der Steiermark, zog zur Beurteilung einen alten Kameraden zu Rate: Wolfgang Pilz.
Der Experte hatte in der Zwischenzeit in seinem Reihenhaus in Nellingen bei Stuttgart lange über der Idee gebrütet, statt mit teuren Spezialtreibstoffen Raketenmotoren mit handelsüblichem Dieselöl und Salpetersäure zu befeuern. Da war es kein Wunder, daß die Pilz-Stellungnahme zum Kayser-Plan positiv ausfiel -- Kayser nutzt das gleiche Prinzip, auch wenn er es als eigene Erfindung ausgibt (siehe Kasten Seite 62).
Auch die DFVLR-Prüfer kamen in ihrem Schlußgutachten vom 31. Juli 1975 zu dem Ergebnis, das "technische Konzept" sei "grundsätzlich durchführbar".
Kaysers Antrag auf eine Bundesbürgschaft über 300 Millionen Mark wurde in Bonn trotzdem zu den Akten gelegt. Die Bonner Forschungsministerialen hatten das angebliche Billig-Projekt durchgerechnet und "waren zu verheerenden Zahlen gekommen" -- so ihr damaliger Chef Hans Matthöfer.
Inzwischen hatte der Raketenerfinder, am 17, Oktober 1974, die
Otrag gegründet, mit der Kaysers Forschungsergebnisse in Technik umgesetzt und zu Geld gemacht werden sollten. Als Aushängeschilder für den Kayser-Laden firmierten DFVLR-Institutsleiter Theo Peters, Atomphysiker an der Universität Stuttgart, wohnhaft im Nellinger Reihenhaus seines Freundes Pilz, Lindenstraße 123, sowie die Witwe Irene Sänger-Bredt, nach Bekundung von Springers "Welt am Sonntag" eine "der bedeutendsten Forscherinnen der Welt".
Als Aufsichtsratsvorsitzenden gewann der Sänger-Kreis den Peenemünde-Fachmann Kurt Debus, der nach seiner Pensionierung am Cape Canaveral heimgekehrt war.
Die Firmengründung Kaysers wäre folgenlos geblieben, wären dem Raketenexperten nicht hochtalentierte Fachleute aus einem anderen Metier zur Hand gegangen.
Wie man aus Ideen Kapital schlagen und in bare Münze verwandeln kann, hatten die Kaufleute und Mitgründer Werner Will und Walter Kuffner bereits erfolgreich vorgeführt. Will war zuvor Vorstand der in Konkurs gegangenen Flugfirma Atlantis, Kuffner Direktor der Münchner IOS-Bank gewesen.
Will wiederum hatte, aus den Tagen erfolgreicher Transaktionen für Atlantis, Kontakt zu dem Münchner Wirtschaftsprüfer Otto Schreiber, dessen Engagement sich für die weiteren Geschicke der Otrag als äußerst segensreich eiweisen sollte: Mal wirbt er mit seiner "CTM Controll Treuhand München GmbH" für Otrag die ersten Geldgeber, mal prüft er mit seiner Ring-Treuhand GmbH Bücher und Bilanzen der Otrag, dann tritt er in Zaire als "Angestellter, Bevollmächtigter und Finanzberater" des Unternehmens auf.
Aufgrund ihrer Atlantis-Erfahrungen wußten Will und der Otrag-Angestellte Schreiber, wie man Großverdienern durch reichlichen Abschreibungssegen vom Finanzamt Überflüssiges aus der Tasche lockt, unter ganz seriösem Mantel: "Machen wir mal keine GmbH & Co. KG, sondern eine AG. Die ist noch ein bißchen glaubwürdiger" (Will>.
Die Zwei-Mann-Aktiengesellschaft Otrag -- derzeit hält Kayser 74 Prozent, der Frankfurter Spediteur Carl * 1963 bei einem Fernsehinterview in Kairo.
Eberhard Press 26 Prozent -- versah sich deswegen mit einer "Otrag stille Gesellschaft", deren Mitglieder laut Vertrag bis zu 300 Millionen Mark einzahlen dürfen. Für ihre Einlagen kassierten sie, dank einer glücklichen Verfügung des Finanzamts Offenbach-Land, bis zu 326 Prozent steuerlicher Erleichterung, weil sie den afrikanischen Busch technologisch aufrüsten. "Als Soldat weiß Mobutu, was Aufklärung bedeutet."
Aus gemeinsamen Atlantis-Tagen war dem Duo Will/ Schreiber noch ein Bekannter geblieben, Fred Weymar, ein internationaler Finanzmann der Spitzenklasse, der auch -- wie Kuffner -- für Geldzauberer Bernie Cornfeld IOS-Banken verwaltet hatte.
Weymar, von den Geldmachern angepumpt, war zwar gerade nicht liquid, jedoch hilfreich. Er ließ sich ("Was soll ich mit Raketen?") von Kayser die Gewinnaussichten erklären und wußte dann sogleich Rat. Denn der Manager rühmt sich der Freundschaft zum reichsten Schwarzen Afrikas, Mobutu Sese Seko.
Im Herbst 1975 fuhr Weymar im Kayser-Auftrag zu seinem Freund -- dem er zuvor schon einen anderen Freund, den CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, zugeführt hatte -, und "Mobutu hatte nichts dagegen" (Weymar), Der frühere Frankfurter, der jetzt geschäftig von seiner Villa in Monaco nach London, München oder Kinshasa jettet und zum höheren Ruhme Mobutus auch das Box-Spektakel zwischen Muhammad Ah und George Foreman in Zaire inszeniert hat, stellte Lutz Kayser am 30. November 1975 dem Kongo-Potentaten vor.
"Schon nach einer halben Stunde" (Kayser) hatte Mobutu Feuer gefangen. Ihn berauschte die verlockende Aussicht, als erster afrikanischer Staatschef sich mit einem Aufklärungssatelliten im All brüsten zu können; er schwärmte vor Kayser und Weymar davon, in seinem Reich das "afrikanische Kap Kennedy" zu besitzen. Kayser: "Mobutu war der erste Politiker, der die kommerzielle Bedeutung des Projekts klar erkannte. Er wußte, das bringt Prestige und vielleicht Geld."
Freilich machte der Stuttgarter dem Herrscher auch die andere Seite des Projekts verständlich: "Als Soldat weiß Mobutu, was Aufklärung bedeutet. Er möchte die Sahne auf dem Tisch des Nachbarpräsidenten sehen."
Sechs Tage später waren die Präliminarien bereits erledigt: Die Otrag legte der Präsidialkanzlei in Kinshasa den ersten Entwurf eines Vertrages vor, der -- so Aufsichtsrat Debus stolz -- eine fast exakte Kopie jenes Vertrages ist, mit dem die USA im Jahre 1903 von Panama die Kanalzone annektierten. Am 26. März 1976 unterzeichneten Präsidentenberater Bokana W?ondangela und Kayser in Kinshasa das Dokument.
Inhalt: Mobutu tritt den weißen Herren vier Prozent seines Staatsgebiets zur faktisch uneingeschränkten Nutzung ab. Dafür zahlt Otrag ihm jährlich eine Miete von 25 Millionen Zaire (umgerechnet 62,5 Millionen Mark), die Mobutu seinen deutschen Freunden freilich zinslos bis zu jenem Zeitpunkt stundet, da der erste kommerzielle "Abschuß einer Trägerrakete" erfolgt ist.
Der Vertragstext (siehe Kasten) wurde erst bekannt, nachdem eine zairische Oppositionsgruppe die Akte aus der Botschaft des Landes in Bonn geklaut hatte.
Mit der Machtübernahme in ihrer Kolonie, unmittelbar an der Grenze zu den Nachbarn Tansania und Sambia, konnten die Kayser-Treuen gleich mehrere Hürden umschiffen: Nach den Deutschland-Verträgen von 1955 ist es Deutschen untersagt, im Gebiet der Bundesrepublik -- militärisch verwendbare -- Raketen oder Raketentriebwerke herzustellen.
Weil sich ohnehin im dichtbesiedelten Westdeutschland kein geeigneter Startplatz finden ließ, wollten die Jung-Peenemünder ihr Treibrohr ursprünglich von Startschiffen aus in den Himmel donnern; doch es gab ein unüberwindliches Problem: die Uno-Konvention, die bestimmt, daß alles staatliche Hoheitszeichen tragen muß, was in den Weltraum geschossen wird. Bonn wollte dafür den Adler nicht hergeben.
Der Kolonialvertrag mit Mobutu, der auch regelt, daß an den Otrag-Geschossen das Wappen Zaires prangt, erwies sich freilich auch sonst als gewinnträchtig: Das zuständige Finanzamt Offenbach-Land entschied, daß die Kayser-Miete für sein Protektorat, obwohl von Mobutu zinslos gestundet, den Otrag-Geldgebern mit 58 Millionen Mark jährlich als steuerlicher Verlust gutgeschrieben werden könne.
Den einsamen, dem Otrag-Gedeihen äußerst förderlichen Entschluß fällte der Leiter des Finanzamtes Offenbach-Land, Reinhard Hock -- "ohne Beachtung bestehender Verwaltungsanweisungen und trotz zweifelhafter rechtlicher Grundlagen", wie das dienstvorgesetzte Finanzministerium in Wiesbaden später rügte.
Aber Zusagen eines Finanzamtes sind verbindlich, selbst wenn sie "unter Mißachtung von Vorschriften" zustande kommen (Ministeriumssprecher Fritz Rückel).
Seit 1977 dürfen Otrag-Klienten -- so einigte sich die Firma mit dem hessischen Finanzministerium die fiktiven Pachtzinsen nicht mehr beim Fiskus zu ihren Gunsten geltend machen, doch die Otrag-Finanziers wissen sich zu helfen: Um die Steuergelder weiter fließen zu lassen, wollen sie dann eben "den technischen Aufwand für Forschung und Entwicklung erhöhen".
Gewinner der Transaktion war und ist die Otrag; Verlierer die Staatskasse -- und Vorsteher Hock. Hessens Ministerpräsident Holger Börner: "Wir haben dafür gesorgt, daß der entlassen wurde"
Der wache Instinkt für private Verdienstchancen und die Verschlafenheit der Bürokratie lassen Kaysers Steuer-Rakete weiter ins Blaue donnern, ohne Stabilisator und ohne Höhenmesser. Und gelegentlich leisteten Bonner Ministerien Hilfe -- mal aus Zufall, mal aus Dummheit.
So tat Außenminister Hans-Dietrich Genscher nichts, um den absehbaren außenpolitischen Ärger wegen des Kayserschen Zaire-Projektes abzubiegen. Im Gegenteil, er verlieh dem Raketenverein eine zusätzliche Weihe, als er ausgerechnet am Tag des ersten Raketenstarts, am 17. Mail 977, Zaire und der Testprovinz Shaba einen offiziellen Besuch abstattete.
Als überaus günstig erwies sich für Otrag auch, daß sich sogleich ein reichlicher Maschinenpark -- Baugerät und Flugzeuge -- fand, der für die Logistik des Unternehmens unentbehrlich ist. Von der Westdeutschen Landesbank konnte Kayser aus Konkurs-Beständen die Baufirma Stewering et Fils erwerben -- samt einem lukrativen Kontrakt, den das Bonner Entwicklungsministerium schon Jahre zuvor den zairischen Betonwerkern erteilt hatte: Stewering war, als der Eigentümer wechselte, damit beschäftigt, für zehn Millionen Mark aus dem Bundesetat eine Brücke über den Lukuga-Fluß zu schlagen -- ein Bauwerk, das exakt die nördliche Grenze hinein ins Kayser-Reich überspannt.
Zugleich erwarb der Stuttgarter auf einer Versteigerung von der britischen Luftwaffe ausrangiertes Fluggerät, zwei Hawker Siddeley-"Argosy"-Propellermaschinen, die seitdem zwischen München-Riem und jenem Flugplatz pendeln, den Stewering-Buildozer unmittelbar an der Raketenrampe in den Busch schrappten. "Die haben eigentlich gar keine Landerechte."
Kaum waren auf die fliegenden Kisten die Buchstaben Oras (für Otrag Range Air Service) aufgemalt, konnte Kayser schon wieder die deutsche Staatskasse anzapfen. Das Bonner Auswärtige Amt charterte im Sommer letzten Jahres das Fluggerät zum Transport humanitärer Hilfe in das von Rebellionen geschüttelte Shaba.
Kayser strich 945 000 Mark ein, für (laut Rechnung an die Bundeskasse) "315 Flugstunden à 3000,- Mark" und für den Transport von 212 Metertonnen Lebensmitteln, 20 Metertonnen Benzin sowie 0,7 Metertonnen Medikamenten aus Kenia nach Shaba.
Und Kayser will noch mehr. Er läßt derzeit, kabelte im Februar ein aus Bonn entsandter Kundschafter nach Hause, den Busch für eine 4000 Meter lange Betonpiste vermessen, die -- so der Bericht des Emissärs -- "für technische Zwischenlandungen im Transkontinentalverkehr" geeignet ist. Wenn der Airport "Luvua" (Fliegerkode) mal fertig ist -- per Inserat in der "Süddeutschen Zeitung" suchte Otrag Bauingenieure und Betonbaupoliere" -, dann könnten etwa Jets für die weißen Herren von Südafrika zum Auftanken in der Kayser-Kolonie niedergehen, statt wie bislang in Nairobi oder auf den Kapverdischen Inseln -- und wären damit unabhängig vom Wohlwollen fremder Regierungen.
Chef der Fluglinie in Shabas Hauptstadt Lubumbashi ist Lutz Piekatz, im Hauptberuf Gastwirt und Direktor des "Hôtel du Parc", in dem vor einem Jahr zwei deutsche Journalisten (vom "Stern") in ihren Zimmern verhaftet wurden. Wenn Piekatz sich nicht gerade um seine Gäste kümmert, hält er in seiner abhörsicheren Schaltzentrale Funkkontakt zur weiten Welt. Piekatz
* 1971 mir Apollo-Astronaut Dave Scott (l.) im Kontrollraum des amerikanischen Raumfahrtzentrums Kap Kennedy
läßt mit seinen Flugzeugen auch den Proviant für sein Restaurant (Spezialität: Ardennenschinken) einfliegen -- und den Nachschub für die Otrag.
Immer wenn die Donnerflieger im Pendelverkehr zwischen Zaire und Bayern nach jeweils 18stündigem Flug in München-Riem auftauchen, gibt es, berichtet ein Fluglotse, "bei uns Alarm. Die haben eigentlich gar keine Landerechte".
Aber runter kommen sie immer, dreimal in den letzten drei Monaten, und laden dann -- nach Recherchen des Wirtschaftsministeriums ohne Exportgenehmigung -- Raketenteile, die Kayser entweder in eigenen Werkstätten zurechtbastelt oder anderswo kauft: etwa bei Krupp (die spezialgeschweißten Rohre) oder Bosch (die Pkw-Scheibenwischermotoren, die zur Ventilsteuerung dienen).
Je öfter Kayser freilich seine Rohre abfeuert -- beim dritten Test, im Juni, plumpste die Rakete nach wenigen Metern wie ein Stein zu Boden -, desto dringlicher wird für ihn ein neues Projekt. Er braucht, weil er für funktionstüchtige Raketen Hunderte von einzelnen Modulen zusammensetzen muß, eine eigene große Fabrik.
Wie er die kriegt, steht für ihn schon fest: mit Hilfe des Steuerzahlers. Das Werk soll entweder ins Zonenrandgebiet oder in sonstige arme Regionen der Bundesrepublik, wo die Staatskasse für neue Arbeitsplätze Zuschüsse spendet. Hart verhandelt um öffentliches Geld wurde schon mit der Hessischen Landesentwicklungs- und Treuhandgesellschaft (HLT) für eine Fabrik in Kassel; neuerdings ist auch Bremen im Gespräch, wo der Luftfahrtkonzern VFW-Fokker um seine Existenz kämpft.
Und immer wenn sich Hindernisse auftun, greift Kayser zu einem probaten Druckmittel: Er droht, nach Frankreich zu emigrieren. In der vornehmen Pariser Avenue Foch hat Kayser vor Wochen schon eine Otrag-Dependance eingerichtet.
In der Heimat geht ihm sein Zweitaktionär. der Frankfurter Spediteur Carl Eberhard Press, hilfreich zur Hand. Press, unter anderem Herr der Deugro-Spedition, der im Januar 1978 für sieben Millionen Mark die Berliner Boulevard-Zeitung "Der Abend" erworben hat, ist neben seiner 26-Prozent-Beteiligung am Otrag-Aktienkapital auch mit zwölf Millionen als stiller Gesellschafter bei Kayser engagiert.
Kontakte zu einem
potenten Raumfahrt-Konzern.
Für die Frankfurter Braun AG und ihre Mutter, den US-Konzern Gillette, der außer Klingen auch Elektronik fabriziert, beobachtet Braun-Vorstand und Otrag-Aufsichtsrat Albrecht Schultz den Verlauf der Geschäfte. Er gibt sich euphorisch: "Kayser erreichte, was Peenemünde nicht schaffte. Jetzt müssen wir klären, welche Industrie sich mit einem Konsortium beteiligt."
Hilfe wird Otrag zudem durch den Debus-Freund Rolf Huhn zuteil, im Hauptjob in der Frankfurter Filiale des feinen Münchner Bankhauses Merck, Finck & Co. tätig. Auf Huhns Initiative wurden Kontakte zu einem potenten Konzern eingefädelt: zur Münchner Luft-, Raumfahrt- und Waffenschmiede Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), die jetzt -- laut Debus -- mit der Otrag einen "Expertenaustausch" pflegt, auch wenn die Firmenleitung über Kaysers Billig-Raketen bislang noch die Nase rümpft.
Freundliche Gesten wurden Otrag auch sonst zuteil: Wernher von Braun verfaßte für den Kollegen aus gemeinsamen Jahren in Peenemünde und Cape Canaveral, Kurt Debus, eine Hochglanzbroschüre: "Wie Satelliten Entwicklungsländern helfen können". Das Bonner Forschungsministerium gewährte der Kayser-Firma "Technologieforschung" zwischen 1974 und 1976 eine Million Mark für das Projekt "Entwicklung eines Zweistoffsystems zur Bahn- und Lageregelung von Satelliten".
Die US-Stiftung "Sabre Foundation" im kalifornischen Santa Barbara legte für Debus ein "Earthport Project" auf und schrieb Bittbriefe an die Regierungen von Liberia, Indonesien, Sierra Leone" Panama und des Inselstaates Nauru (Pazifik). Die meisten Staaten antworteten geehrt: Sie seien bereit, für Raketenstarts Freigelände bereitzustellen. Mit Sri Lanka" Indonesien und Brasilien verhandelt Kayser selbst um mögliche Ausweichquartiere" falls er einmal sein Kongo-Reservat aufgeben müßte.
Die Arabische Liga, berichtet Debus, will eines der ersten Otrag-Geschosse kaufen, um damit einen Nachrichten-Satelliten in den Raum zu heben. Für den Trabanten namens Arcomsat (arabischer Kommunikationssatellit) laufen die Studien -- im Auftrag und mit Förderung des Bonner Forschungsressorts -- bei den Firmen AEG Backnang (1,02 Millionen), AEG Ulm (0,34), Dornier (0,61), MBB (1,84 und 1,79) und Siemens (0,12).
Ganz gleich, ob jemals ein funktionstüchtiges Otrag-Projektil in den Himmel jagen wird, egal auch, wozu Kayser seine Kolonie in Zaire noch verwenden mag -- den Reibach machen die Veranstalter in jedem Fall.
Kayser-Kompagnon Werner Will etwa verkaufte seinen Otrag-Einstand zum fünffachen Preis (2,5 Millionen) an Kayser und sicherte sich in einem Beratervertrag "20 Prozent an allem, was bei der Otrag rauskommt". "Selbstverständlich kann man alles militärisch mißbrauchen."
Und Otrag-Chef Kayser selbst ließ sich von Sänger-Freund Armin Dadieu außer amtlichen Gutachten auch Privates bewerten: die Peenemünde-Fortentwicklung des Wasserfall-Projektes nämlich. Gauhauptmann Dadieu kam auf 200 Millionen Mark.
Darauf verkaufte Kayser sein Knowhow an die Otrag, und damit zu großen Teilen an sich selbst, zum Vorzugspreis von nur 150 Millionen. 25 Millionen davon zahlt das Unternehmen dem Chef in bar. Der Rest wird gegen fünf Prozent Zins gestundet -- als Darlehen, das die stillen Gesellschafter, die bisher 95 Millionen Mark zeichneten, wiederum in ihrer Steuererklärung als Verlust zu Kasse machen können. Das Finanzamt Offenbach-Land hat es so bestimmt.
Die politischen Kosten der Kayser-Geschäfte hat Bonn zu tragen. Freimütig wirbt die Otrag in ihren himmelblauen Prospekten mit der Konstruktion einer ballistischen Rakete, die keineswegs eine Erdumlaufbahn erreichen soll, sondern über eine Reichweite von "1000 Kilometern" bei einer Tragfähigkeit von "5000 Kilogramm" verfügt.
Unumwunden erklärt Kayser, wenn er nach der Kriegstauglichkeit seiner Erfindung gefragt wird, man könne "selbstverständlich alles militärisch mißbrauchen".
Ganz offen brüstet sich Debus: "Deutschland wäre mit dieser Rakete führend in der Welt."
Und überdeutlich bietet Mobutu-Freund Weymar das Zaire-Grundstück für Höheres feil: "Wenn andere einen Schießplatz brauchen -- unser Gelände ist einmalig. Im ganzen Nato-Gebiet gibt"s so was nicht."
Bei solch vorlauter Publicity konnte es nicht ausbleiben, daß auch die Mächtigen der Politik genauer hinhörten. Die Sowjets protestieren seit dem letzten Herbst gegen die "aktiven Raketen-Ambitionen des westdeutschen Generalstabes und der größten westdeutschen Konzerne des militärisch-industriellen Komplexes".
Um den Kreml-Chef zu besänftigen, unterschrieb Kanzler Helmut Schmidt in der Woche vor der Ankunft Leonid Breschnews in Bonn, am 27. April 1978, die "36. Verordnung zur Änderung der Ausfuhrliste". Seit dieser "Lex Otrag" (Kayser) muß jede Lieferung einer Rakete. jeder Export von Einzelteilen genehmigt werden.
Kanzleramt und Außenministerium ist auch das noch zuwenig: Sie drängen auf ein totales Ausfuhrverbot für Otrag. das nach Paragraph 7 des Außenwirtschaftsgesetzes verhängt werden kann, wenn zu befürchten ist, daß wirtschaftliche Aktivitäten außenpolitische Interessen der Bundesrepublik "erheblich stören". Gegen ein solches Verdikt erhebt jedoch, aus rechtlichen Gründen, das Wirtschaftsministerium Bedenken.
Mittlerweile hat das Stuttgarter Unternehmen durch eine Frankfurter Anwaltskanzlei (deren prominentester Mitarbeiter der frühere CDU-Kanzlerkandidat Rainer Barzel ist) den schleppenden Verfahrensgang für die Export-Genehmigung in Bonn angemahnt.
"Die Bonner Regierung ist viel zu feige."
Dem Zaire-Nachbarn Angola reichen die Maßnahmen der Bundesregierung bisher nicht aus: Das Linksregime weigert sich, den überfälligen Botschafter-Austausch mit Bonn vorzunehmen, solange die westdeutschen Raketenbauer in Zaire ihr Unwesen treiben.
Seit Monaten verhandeln die Bonner Diplomaten, bisher vergeblich, mit Mobutu über ein Regierungsabkommen, in dem sich Zaire verpflichten soll, die Aktivitäten der Otrag unter Kontrolle zu halten. Vorsorglich warnte der Kanzler den französischen Staatschef Valèry Giscard d'Estaing und den brasilianischen Präsidenten Ernesto Geisel davor, Kayser zu helfen, falls er aus der Bundesrepublik emigrieren sollte. Klagt Kayser: "Die Bonner Regierung ist viel zu feige."
Dabei könnten sich die politischen Komplikationen für den schwäbischen Tüftler noch als Segen erweisen. Sollten die Politiker in Bonn oder Kinshasa ihm die Grundlage für sein umstrittenes Raketengeschäft entziehen, so kann er seinen Geldgebern, wenn die Millionen verpulvert sind, erklären. daß nicht mangelnde Effizienz, sondern politische Rankünen den erfolgreichen Countdown verhindert haben.
Dann kann der Raketenmillionär zu neuen Projekten aufbrechen, diesmal nicht über, sondern unter der Erde. Bonns damaliger Forschungsminister Matthöfer überwies ihm bereits vor einiger Zeit 764 068 Mark Steuergeld für Studien über die Hochdruckvergasung von Kohle.
Ein Trost für seine Finanziers, die dann vergeblich in die Otrag-Röhren gucken, könnte Kaysers unverwüstliche Zuversicht sein: "Wir denken an die Ausbeutung von Bodenschätzen. Es soll auf unserem Raketengelände auch Uran geben."
Für Prospektion und Abbau des Atom-Metalls spendet die Staatskasse nämlich Steuergeld.

DER SPIEGEL 33/1978
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