14.08.1978

STÄDTEBAULott stonn

In Düsseldorf soll das als Baudenkmal geschützte Carsch-Haus abgebrochen, versetzt und in ein Kaufhaus verwandelt werden -- eine Architekten-Initiative kämpft für Erhaltung.
Es geht nicht an", sagt der angesehene Düsseldorfer Architekt Michael Langhals, "daß im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts noch Städtebau mit den Mitteln der fünfziger Jahre gemacht wird."
Genau das aber wirft Langhals der Stadtverwaltung von Düsseldorf vor, die "ein architektonisches Juwel, das seinesgleichen sucht", dem U-Bahn-Bau und neuer Straßenführung zuliebe versetzen und entkernen will. Landeskonservator Eberhard Grunsky:"... die Planung ist äußerst bedenklich."
Um die städtebauliche "Idiotie" und einen "vollwertigen Schildbürgerstreich" -- so Langhals -- zu verhindern, hat der Architekt zusammen mit seinem Kompagnon Professor Wolfgang Clasen eine Bürgerinitiative gebildet, deren Parole "Lott stonn" (laßt stehen) lautet.
Stehenbleiben am jetzigen Standort soll das Düsseldorfer Carsch-Haus, das von 1914 bis 1916 als Textilkaufhaus von dem international bekannten Architekten Otto Engler in neuklassizistischem Stil gebaut worden war.
Das Carsch-Haus steht unter Denkmalschutz und bildet mit dem gegenüberliegenden Kaufhof von Josef Maria Olbrich, einem 1907 als "Warenhaus Tietz" konzipierten Jugendstilbau. sowie mit dem Wilhelm-Marx-Haus von Professor Wilhelm Kreis, 1922 bis 1924 in Backsteinmanier gebaut, eine "städtebaulich gewichtige Gesamtheit" (Clasen).
Unter diesem Gebäude-Trio, das den Kern der Düsseldorfer City eindrucksvoll markiert und gewissermaßen als imposante Pforte in die angrenzende Altstadt überleitet, sollen sich künftig zwei U-Bahn-Linien kreuzen; ein doppelstöckiger U-Bahnhof wird hier größte Düsseldorfer Station unter der Erde.
Zugleich soll nach dieser Planung, für die kein Ideenwettbewerb ausgeschrieben worden war, der Fußgängerbereich der Altstadt ausgeweitet und der Durchgangsverkehr -- von der Oberkasseler Rheinbrücke über die Heinrich-Heine-Allee südwärts -- verlegt werden.
Als Folge dieser Trassenführung hat die Stadt Düsseldorf, wie ihr Baudezernent Rüdiger Recknagel kurz und bündig bekanntgab, "nach reiflicher Überlegung die Translozierung des Carsch-Hauses vorgeschlagen".
Genauer gesagt: Das denkmalwürdige Haus soll als Verkehrshindernis abgebrochen und kaum 30 Meter weiter wieder aufgebaut werden. Nutznießer des Verschubs würde vor allem der Kaufhaus-Konzern Horten: Das versetzte Carsch-Haus soll, zusammen mit einem verlängerten Flügel am Marx-Haus und einem Neubau, dann den größten Warenhauskomplex der Hertengruppe bilden, mit sieben Etagen, davon zwei unterirdisch.
Nutzen für die Stadt: Horten will rund 100 Millionen Mark investieren und die Kosten für Abbruch und Neuerrichtung des Carsch- Hauses fast ganz übernehmen.
Nun werden schon seit geraumer Zeit historisch wertvolle Gebäude transloziert -- Bauernhäuser etwa wurden in Freilichtmuseen umgesetzt, isoliert stehende alte Bürgerhäuser zu Straßenzügen formiert. Und just Professor Clasen. der jetzt um das Carsch-Haus kämpft, war maßgeblich an der Versetzung der Felsentempel von Abu Simbel am westlichen Nilufer beteiligt, die dem Assuanstaudamm weichen mußten.
Die Translozierung des Carsch-Hauses jedoch prangern Clasen und Langhals, unterstützt von mehr als 60 Architekten-Kollegen, Städteplanern, Ingenieuren und Professoren. zu Recht als Verstoß "gegen jede architektonische, technische und ökonomische Vernunft" an.
Zwar vermochten die beiden streitbaren Architekten für den Autoverkehr keine andere Lösung als die Stadt anzubieten -- unbestreitbares Handikap ihrer Argumentation. Jedoch verweisen sie auf die in den letzten Jahrzehnten in fast allen Großstädten teuer erkaufte Erfahrung, daß sich "der Verkehr dem Städtebau unterzuordnen, daß er dienende Funktion hat".
Das Architekten-Team und sein Anhang beklagen nicht nur die Translozierung, die das historische Bautendreieck völlig verändern würde, sondern auch die drohende Zweckentfremdung des Carsch-Hauses, in dem derzeit noch das internationale Kulturzentrum "Die Brücke" untergebracht ist.
Das ehemalige Textilkaufhaus dient als Begegnungsstätte für ältere Menschen und als Ausländertreffpunkt, als Bildungsforum der Volkshochschule, es beherbergt ein Filmforum und die englische Bibliothek, den Kulturkreis des Jugendrings und ein kleines Theater für Amateur- und Kinder-Ensembles, für Folklore- und Jazzveranstaltungen.
Nach städtischer Planung würde nur noch ein Drittel des künftigen Neubaus für derlei kulturelle Zwecke freigehalten werden. Bei einer -- ohnehin fälligen -- inneren Sanierung des Carsch-Hauses am jetzigen Platz würden 5660 Quadratmeter "Kulturfläche" (Langhals) zur Verfügung stehen. Im Horten-Neubau wären es nur noch 3222 -- das Filmforum käme unters Dach, der Altenklub in den Keller, die attraktive, für Ausstellungen genutzte Eingangsebene würde entfallen.
Die Horten-Bauabteilung hingegen verheißt in dem neuen Trakt "eine Sache im Basar-Charakter", kein übliches Warenhaus. sie verweist auf neu entstehende Bummelpassagen sowie ein Parkhaus und versichert, die Außenfassade des Denkmal-Gebäudes gehe keineswegs verloren. Langhals: " Horten will die alte Fassade wieder ankleistern, soweit sie nicht zu Bruch geht."
Abgesehen davon, daß die Düsseldorfer Lokalpresse die städtische Planung fast ohne Einschränkung guthieß und kaum über breite Proteste aus der Bevölkerung berichten konnte, bildete sich nun auch noch eine Bürgerbewegung für das städtische Projekt und gegen die "Lott stonn"-Initiative.
Die Düsseldorfer Altstadt-Gemeinschaft mit 300 Mitgliedern -- 200 aus Handel und Handwerk, 50 Altstadtbewohner, 50 Gastronomen -- plädiert für Translozierung und Wiederaufbau, um "eine lebendige Verbindung zwischen Alt- und Neustadt" zu bekommen.
Altstadtsprecher Joachim Klischan zum Horten-Konzept: "Die Altstadt wird dadurch attraktiver, und wir bekommen fast 650 neue Parkplätze für Besucher, Gäste und Käufer." Die endgültige Entscheidung des Düsseldorfer Stadtparlaments steht noch aus, eine Mehrheit für den Verschob des Carsch-Hauses scheint aber sicher.
Als Trostpflaster bot die Altstadt-Gemeinschaft nun Clasen und Langhals je 15 000 Mark Honorar für die Überwachung von Ab- und Aufbau der Carsch-Haus-Fassade. Klischan versicherte dazu: "Von Bestechung kann keine Rede sein." Langhals jedoch will es "Außenstehenden überlassen, sich bei diesem Sachverhalt eine Meinung zu bilden". Er und Clasen wollen mit der "Lott stonn"-Liga weiterkämpfen -- notfalls auch mit Einsprüchen auf dem Rechtsweg.

DER SPIEGEL 33/1978
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