14.08.1978

VATIKANVöllig offen

Das Kardinalskollegium ist internationaler als alle früheren Wahlgremien in der Papstgeschichte. Wird ein Nicht-Italiener gewählt?
Die Kardinäle wählten und wählten eineinhalb Jahre lang, ohne Ergebnis. Um die im Papst-Palast von Viterbo (bei Rom) versammelten Kirchenfürsten zur Eile zu drängen, wurden sie eingesperrt.
Die Bürger Viterbos deckten sogar das Palastdach ab, so daß es hineinregnete, und ließen den 17 zankenden Herren als Kost nur Wasser und Brot zukommen. Schließlich, nach insgesamt 26 Monaten, einigten sich die Eingesperrten: Sie machten den Archidiakon von Lüttich, Tedaldo Visconti, der sich gerade auf Pilgerfahrt im Heiligen Land befand, zum Papst Gregor X.
Die Wahl dieses Gregor, vor rund 700 Jahren, war das längste und zermürbendste Konklave in der Geschichte der Päpste. Später ging's wesentlich fixer. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts brauchten die Eminenzen nie länger als eine Woche zur Pontifex-Wahl. Im letzten Konklave, 1963, dauerte es nur knapp zwei Tage, bis die gemäßigt fortschrittlichen Kardinäle die notwendige Zweidrittel-Mehrheit für ihren Kandidaten, den Mailänder Erzbischof Montini, beisammen hatten.
Am 25. August beginnt das Konklave zur Wahl des Montini-Nachfolgers. "Diesmal ist alles ganz anders", sagt der römische Publizist und Autor mehrerer Vatikan-Bücher, Giancarlo Zizola. "Dauer und Ausgang der Papstwahl sind völlig offen. Ein Konklave voller Incognita."
Nie zuvor nämlich gab es so viele Papstwähler. nie zuvor trug das "Heilige Kollegium der Kardinäle" einen so internationalen Charakter. Am Konklave 1958, aus dem Papst Johannes XXIII. hervorging, nahmen 51 Eminenzen teil, an der Wahl seines Nachfolgers bereits 80. Nächste Woche sind 115 Kardinäle wahlberechtigt.
Der Papst Paul VI. nämlich hatte das Kardinalskollegium beträchtlich erweitert, vor allem, indem er tüchtige Bischöfe aus der Dritten Welt, den ehemaligen Missionsländern, mit dem Purpur auszeichnete. Jeder Kardinalsschub während des l5jährigen Pontifikats Paul VI., lobte die römische Zeitung "II Messaggero", "war eine Etappe, um die Kirche immer "katholischer", immer universaler zu machen.
Zugleich bemühte sieh Paul VI., die Schar der Papstwähler zu verjüngen. Durch das Dekret "Ingravescentem aetatem" (Die wachsende Last des Alters) schloß er die über 80jährigen Eminenzen vom Konklave aus. 15 greise Oberhirten. darunter der Kölner Frings und ein halbes Dutzend Italiener, dürfen deshalb jetzt an der Wahl des 262. Nachfolgers Petri nicht mehr teilnehmen -- bleiben aber wählbar.
Die Kardinals-Politik Pauls VI. könnte wichtige Folgen für den Ausgang des Konklave haben, denn
die römische Kurie hat an Einfluß verloren; die 30 Kurien-Kardinäle könnten die Wahl eines antikurialen Kandidaten zum Papst nicht verhindern
die europäischen Kardinäle stellen nur noch die Hälfte aller Wahlmänner.
Das italienische Kontingent im Konklave ist gar auf 27 geschrumpft. Theoretisch könnte somit erstmals ein Papst gegen die Stimmen der italienischen Eminenzen gewählt werden.
Der Wiener Kardinal Franz König, der selbst als "papabile", als möglicher Papst-Anwärter, gilt, hält es für "durchaus möglich", daß diesmal ein Farbiger römischer Pontifex wird. Und selbst manche Italiener spekulierten, ob demnächst wohl ein "Papa negro", ein Negerpapst, allsonntäglich zu den Gläubigen auf dem Petersplatz sprechen werde -- etwa Kardinal Paul Zoungrana aus Wagadugu in Obervolta.
Doch in Wahrheit sind die Chancen für einen Bewerber aus der Dritten Welt relativ gering. Vieles spricht sogar dafür, daß sich die Papst-Wähler wieder für einen Italiener entscheiden. Der Papst ist Bischof von Rom. Ein "Ausländer" in diesem Amt. täglich konfrontiert mit den heiklen politisch-sozialen Verhältnissen Roms -- das schiene nicht nur den italienischen Katholiken absurd. Und seit dem Tod des Holländers Hadrian VI. im Jahr 1523 saßen nur Italiener auf dem Stuhl Petri.
Mögliche Kandidaten für die Nachfolge Pauls Vi. sind:
Sergio Pignedoli, 67, Vorsitzender des Sekretariats für die Nicht-Christen. Der relativ progressive Kirchendiplomat, der laut "Epoca" "den Oscar der Sympathie verdienen würde", war ein besonderer Schützling Montinis.
Sebastiano Baggio, 65, Präfekt der Bischofskongregation. Der Anhänger Montinis könnte im Konklave (ebenso wie Pignedoli) mit zahlreichen Stimmen vom gemäßigten und linken Flügel des Kardinalgremiums rechnen.
Pericle Felici, 67, Vorsitzender der Kommission für die Reform des Kirchenrechts. Der Latinist Nummer eins des Vatikans gilt als Favorit der Rechten.
Für den Kardinal Alexandre Renard aus Lyon geht es darum, "den geeignetesten Mann für die weitere Verwirklichung der Konzilsbeschlüsse zu finden". Andere Eminenzen dagegen wünschen, auch wenn sie es nicht zugehen, einen obersten Hirten. der einschneidende Reformen stoppt oder verwässert.
Vorsichtigen Schätzungen zufolge gehören rund 60 Kardinäle zum gemäßigt fortschrittlichen Flügel. Wenn diese Zentrumsgruppe einen der ihren zum Papst küren will, muß sie -- um die erforderliche Mehrheit (Zweidrittel plus eins) zu erlangen -- allemal Bündnisse schließen. Deshalb hängt viel davon ab, schreibt Konklave-Spezialist Zizola, ob die Zentrumskardinäle "mehr Rücksicht auf die Konservativen oder mehr auf die Radikal-Progressiven nehmen".
Roms Bürger, in der Mehrheit ohnehin nur laue Katholiken oder gar Anti-Klerikale, verfolgen das Tauziehen um den künftigen Papst zuweilen mit Ironie. Manche erinnern an eine Faustregel, die besagt: Auf einen dicken Papst mit R im Familiennamen folgt stets ein dünner Papst ohne R.
Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts trifft die kuriose Regel tatsächlich zu. Demnach ist jetzt wieder ein Dicker mit R an der Reihe.

DER SPIEGEL 33/1978
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