15.05.1978

BÜCHERMonster der Karabik

Gabriel Garcia Márquez: „Der Herbst des Patriarchen. Deutsch von Curt Meyer-Clason. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 336 Seiten; 34 Mark
Senil und verlassen, auf gewaltigen Elefantenfüßen, mit pfeifendem Hodenbruch und "aus Liebesmangel schrundigem Herzen", so schleppt er "ich des Nachts zwischen Kühen, Hühnern und dösenden Kötern durch die Säle seines zerfallenen Palasts -- cm legendärer Despot "im unbestimmten Alter zwischen 107 und 232 Jahren", ausgehöhlt vom "einsamen Laster der Macht" und so unerreichbar für jeden Sterblichen, daß niemand im "furchtgepeitschten Alptraumreich" mehr weiß, ob dieser von "dreisten Lobhudlern" zum "General des Universums" emporgejubelte Greis nicht bloß "ein Schwindel der Einbildungskraft" ist.
Doch was wäre nicht fabelhaft schwindelerregend, wenn ein Garcia Márquez von seiner exotischen Heimat kündet.
Denn magisch bis zur Augenwischerei ist die Kunst des 50jährigen Autors aus den kolumbianischen Tropen, den nun schon Millionen Bewunderer in Neuer und in Alter Welt als "Numero uno" lateinamerikanischer Literatur preisen und den, seit seinem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" (1967), auch schon die Stockholmer Nobelpreis-Jury in Betracht ziehen soll.
Und wie immer phantastisch bis zum Ohrensausen rauscht sein Erzählstrom voran, in irrwitzigen Metaphern und haarsträubend grotesken Bildern, über 330 randvoll gedruckte Seiten ohne Absatz noch Gänsefüßchen und viel sprachflußhemmende Punkte hinweg, durch zyklisch ineinander verschwimmende Zeiten hindurch, bis es der Leser, verwirrt bei all den abwechselnd raunenden Ichs und Wirs, allmählich doch zu ahnen beginnt: Hier erhebt sich Volkes Stimme zum großen Klage-, Haß- und Hohngesang auf den situationskomisch-blutigen" burlesk-bestialischen Mythos vom namenlosen Diktator am Ufer der Karibik.
Was für ein Unhold! Mehr als 5000 Siebenmonats-Bastarde hat er in schnellem Sprung auf lustlos geduckte Konkubinen-Rücken gezeugt, 2000 Kinder auf zementbeladenem Kahn in die Luft gesprengt. Einen General läßt er, knusprig gebrutzelt, "mit 14 Pfund Medaillen auf der Brust und einem Sträußchen Petersilie im Mund", auf silberner Platte zum Kameradschaftsbankett servieren. Ja, nicht einmal die Territorialgewässer seines Landes sind vor ihm sicher: In "numerierten Teilstücken" verhökert er das ganze Meer an die verdammten Gringos, die es unter "Arizonas Morgenröten" neu ansäen.
Und in solch gargantuesken Dimensionen wütet er nun schon seit Menschenaltern. Seit Ewigkeiten überdauert er, während an seiner Stelle immer nur Doppelgänger sterben, als "der, der befiehlt".
Aber keinen Segen, so lehrt die Fabel, bringt die Gewalt dem Gewaltigen, und am Ende ist er eben doch nur ein ganz armes Schwein: Geschüttelt von auswegloser Angst vor Attentaten und lediglich umgeben von Mistvieh und Aussätzigen, irrt er im schier endlosen Herbst seines Lebens durch die "Vorhölle des Ruhms" und entziffert die anonymen Schmähschriften an den Wänden der Dienstbotenaborte nach den "geheimen Wahrheiten, die niemand ihm zu offenbaren gewagt hätte".
Bis dann schließlich auch er altersschwach das Zeitliche segnet; bis nach den Schwärmen der Aasgeier das noch immer ungläubige Volk eindringt ins "verlassene Haus seiner absoluten Macht" und "die Ruhmesglocken der Welt die frohe Botschaft verkündeten, daß die unzählbare Zeit der Ewigkeit zu Ende sei".
Bei all den Säcken voll abgehackter Köpfe, die seine Henker ihm ins Palais liefern: Dieser Tyrann, endlich einmal, wirkt so rührend lachhaft wie eines jener riesigen Pappmaché-Monstren, die durch Gruselfilme tapsen. Auf jeden Fall, so scheint es, tapst er im phantastischen Schreckens-Panorama des genialen Übertreibers aus Kolumbien den Wirklichkeiten hoffnungslos abgeschlagen hinterdrein.
Die Europäer, so hat sich Garcia Márquez einmal beklagt, verstünden die Probleme seines heimatlichen Kontinents nicht; für sie sei "Südamerika ein Mann mit Schnurrbart, Gitarre und Revolver", sonst nichts. Der "Herbst des Patriarchen" vervollständigt dieses Signalement mit einem besonderen Kennzeichen: einem Hodenbruch, der pfeifen kann. Gunar Ortlepp

DER SPIEGEL 20/1978
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