12.06.1978

UNTERNEHMENWar nie super

Die Textilgruppe van Delden, größte der Branche. ist durch Mißmanagement in Schwierigkeiten geraten. Jetzt soll der Staat mit einer Bürgschaft helfen.
Grußlos und mit Grabesmiene betraten am vergangenen Mittwoch zwölf kurzfristig gemeldete Gäste das Provinzhotel "Krechting" im westfälischen Ochtrup. Bei Kaffee und Säften berieten die Herren, Gewerkschaftsfunktionäre der Gronauer Textilgruppe van Delden, die ernste Lage ihres Unternehmens.
Nur mit Notmaßnahmen wie Massenentlassungen (mehr als 500 Mann) und einer Anfang des Monats in Düsseldorf beantragten Landesbürgschaft über 45 Millionen Mark glauben die Chefs des größten deutschen Textil-Imperiums (Jahresumsatz 1977: 635 Millionen Mark), ihr angeschlagenes Haus noch vor dem Zusammenbruch bewahren zu können.
Deprimierende Zahlen für das erste Quartal lösten höchste Alarmstufe aus. Das bei Banken und Lieferanten mit zusammen 160 Millionen Mark verschuldete Unternehmen hat inzwischen fast das gesamte Eigenkapital (Mitinhaber Gerrit van Delden: "Das war bei uns noch nie super") verloren.
Schon im Februar hatte die Landesregierung in Hannover der im niedersächsischen Nordhorn gelegenen Delden-Firma Ludw. Povel & Co. mit einer 20-Millionen-Bürgschaft aus ärgster Not geholfen. Die auf Stoffe für Anzüge, Hosen und Röcke spezialisierten Povel-Manager hatten so kraß am Bedarf vorbeiproduziert, daß die 1300 Beschäftigten des Unternehmens fast das gesamte letzte Jahr kurzarbeiten mußten.
Die emsländische Povel-Weberei hatte Firmenchef Hendrik van Delden 1969 unter seine Kontrolle gebracht. Zuvor hatten sich die dynamischen Textil-Vettern den Konkurrenz-Betrieb Eilermark in Gronau und die Pleitefirma Gebr. Laurenz in Ochtrup gesichert. Ihren Aufstieg zur Spitze der deutschen Textil-Industrie schafften die Tuchfabrikanten ein Jahr nach dem Povel-Kauf mit der Übernahme der bis dahin von einem anderen Familienzweig beherrschten Spinnerei und Weberei M. van Delden & Co. in Gronau.
Bei seinem Drang nach oben ließ sich Hendrik van Delden von der unternehmerischen Faustformel leiten, daß erst Größe eine moderne Massenproduktion erlaube. Seiner Philosophie kam Anfang der siebziger Jahre der Siegeszug der Synthetics entgegen, der den Stoffwebern bei sinkenden Preisen neue Marktlücken öffnete.
Traditionelle Produkte wie Anzug- und Dekorationsstoffe aus Mischgewebe musterten die Gronauer kompromißlos aus. "Unser Mengen-Konzept", resümiert Hendrik van Delden, "war über zehn Jahre lang außerordentlich erfolgreich."
In ihrem Massenwahn jedoch steuerten die Delden-Planer voll am sensiblen Modemarkt vorbei. Denn Couturiers und Konfektionären stand der Sinn weniger nach den in Großserien aufgelegten Standard-Kollektionen, sondern nach "modischer Aktualitäten-Fertigung, um neuen Trends hautnah zu folgen", so Hendrik van Delden. Überdies reagierten die Gronauer viel zu spät auf die Wiederentdeckung der Baumwolle.
Schon vor Jahresfrist quollen van Deldens Fertigläger in Gronau und Nordhorn von unverkäuflicher Massenware über. Überstürzt feuerte der Konzernchef seinen für das verfehlte Konzept verantwortlichen Top-Manager Jan Volesky und nahm selbst wieder die Zügel in die Hand.
Aufgeschreckt durch die Umsatzeinbrüche sagte der in zahlreichen Verbänden, vom Textilverband bis zum CDU-Wirtschaftsrat, mitsprechende Firmenchef sogar sein dreitägiges Reiterfest auf dem familieneigenen "Hubertushof" bei Schloß Bentheim ab, das sonst regelmäßig im Frühsommer stattfindet. Noch ein Jahr zuvor hatte er gemeinsam mit seinen Reiterfreunden aus der Kaufhaus-Familie Brenninkmeyer die gesamte deutsche Olympia-Equipe für Montreal auf seinem Gut versammelt.
Offenbar geblendet durch solch großspurigen Lebensstil, waren auch die 6300 Delden-Arbeiter sowie Großkunden und Geldgeber über die wahre Situation des unorganisch gegliederten Textil-Konglomerats bis zuletzt im unklaren geblieben. Obwohl die Deutsche Bank als Führerin des Kredit-Konsortiums über ihren Vorstand Horst Burgard jahrelang ihre guten Dienste zur Verfügung stellte, legten die Delden-Herren weder einen konsolidierten Jahresabschluß aller von ihnen regierten Firmen vor, noch bublizierten sie einzelne Zahlen, die Aufschluß über den Zustand der Unternehmen gegeben hätten.
Selbst bohrende Fragen können den Herren von Gronau nur einen müden Kapitalisten-Kalauer entlocken. "Ich bitte Sie", so Gerrit van Delden, "wen geht schon unsere Privatschatulle etwas an?"
Ein Blick in die Familien-Kasse enthüllt denn auch eher Peinliches. Allein im letzten Jahr büßten die van Deldens rund 17 Millionen Mark ein -fast doppelt soviel wie im Jahr zuvor. Nur
durch massive Verkäufe von Grundstücken und Werkswohnungen in Gronau, Ochtrup und Nordhorn im Wert von elf Millionen Mark gelang es den Bilanz-Managern, das Minus in Grenzen zu halten.
Auf der letzten Herbst-Schau der Frankfurter "Interstoff" hatten die beiden van Delden mit einer eilig zusammengewürfelten Mode-Kollektion noch Optimismus verbreitet. Ende Mai schockten sie Finanziers und Großlieferanten mit neuen Verlusten. Reklamationen und Schleuderpreise hatten die Hoffnung auf Gewinne zunichte gemacht.
Mit bösen Vorahnungen reisten in (der letzten Mai-Woche die Delden-Betreuer aus den vier Hausbanken -- außer der Deutschen die Commerzbank, die BHF-Bank und Oetkers Lampe-Bank -- sowie Verkaufs- und Finanzmanager der Synthetic-Lieferanten Enka und Hoechst nach Gronau. Als Hendrik van Delden zu seinen 160 Millionen Mark Schulden noch weitere 90 Millionen Mark Wechselverbindlichkeiten addierte, sah die Gronauer Krisenrunde keinen anderen Ausweg mehr als den Bittgang nach Düsseldorf.
Gerrit van Delden möchte sich wegen der dringend benötigten Staatsgarantie keine Sorgen machen. Der einleuchtende Grund seiner Zuversicht: "Nennen Sie mir eine Textilfirma' die noch keine Landesbürgschaft erhalten hat."

DER SPIEGEL 24/1978
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