17.04.1978

ANTISEMITISMUSGigantisches Netz

Ein katholischer Religionslehrer verfaßte jahrelang antisemitische Schriften. Schule und Behörden wollen davon nichts gewußt haben.
Der Kampf ist "einfach zermürbend", der Gegner schließlich die "größte internationale Macht der Welt".
Es gilt, das "gigantische Netz einer internationalen Verschwörung" zu zerreißen, "die von Amerika aus gesteuert wird".
Die "Agenten und Marionetten" der "Weltherrscher der Finsternis" sind überall: Helmut Schmidt und Otto Wolff von Amerongen, Walther Leisler Kiep und Willy Brandt. Sie alle, und noch viel mehr, haben sich dazu hergegeben, den "antichristlichen Weltstaat" zu errichten.
Verkünder solcher Thesen, Verfasser von Schriften gegen den "Zionistischen Imperialismus" und die "Antichristliche Revolution der Freimaurerei" ist der Religionslehrer Manfred Adler, 49, aus Ludwigshafen, der als Oberstudienrat an der Gewerblichen Berufsschule II seit zehn Jahren angehende Fliesenleger und Maurer, Metzger und Friseure im Wort Gottes unterweist.
Schwierigkeiten mit seiner Schulbehörde hatte Adler bisher nicht. An Adlers Schule will man von dem antisemitischen Schrifttum "nie was gehört" haben. Auch dem Ludwigshafener Schuldezernenten Hanns Astheimer ist über "diese literarischen Ergüsse nichts bekannt".
Zumindest den kirchlichen Vorgesetzten ist jedoch bekannt, was der geweihte katholische Priester seit Jahren in insgesamt fünf Büchern schreibt. 50 000 Exemplare gleich hat der "Miriam"-Verlag im badischen Jestetten, auf kirchliche "Erbauungsliteratur" spezialisiert, von Adlers Hauptwerk, dem dreibändigen Opus "Die Söhne der Finsternis", gedruckt. Darin zieht Adler gegen die "globale Diktatur von Freimaurern, skrupellosen Geschäftemachern und kommunistischen Dikta· toren" zu Felde.
Sein besonderes Augenmerk hat der Pater des Missionsordens "Vom heiligen Johannes dem Täufer" der "Weltmacht Zionismus" gewidmet. Für ihn stecken die Juden mal wieder hinter allem und jedem.
Mit "ihrer sprichwörtlichen Geschäftstüchtigkeit und politischen Skrupellosigkeit", unterstützt von der allmächtigen "freimaurerischen Propaganda", weben die Juden, so Adlers Gebräu, gemeinsam mit Liberalen und Kommunisten, Christdemokraten und "Vertretern der internationalen Hochfinanz" an einem "verschwörerischen Netzwerk". Ihr aller Ziel: die "geplante Weltregierung", eine "totale Diktatur", der "moralische Bankrott", der "Untergang dieser Gesellschaft".
Der Ludwigshafener Priester wirft den Juden auch vor, an den Massenvernichtungen im Dritten Reich mitschuldig zu sein. Er fragt sich gar, wer die "größere Schuld" habe, Nazis oder Zionisten.
Im Mainzer Kultusministerium, wo die Adler-Schriften bislang "ganz unbekannt" waren, sollen die Bücher des Religionslehrers jetzt überprüft werden. Die Kirche, die Adler für den Schuldienst abstellt, hatte ihre Kenntnis von den Produkten des Priesters mit Diskretion behandelt.
Generalvikar Erwin Diemer vom Bischöflichen Ordinariat in Speyer hat den schreibenden Pater intern "streng vergattert" und, für den Wiederholungsfall, gewarnt, "daß wir Leute nicht beschäftigen können, die solche Bücher veröffentlichen".
Der Auffassung des Johannes-Ordens, gegen dessen Willen der Ludwigshafener Lehrer seine "sehr extreme Meinung" publiziert, mag Verleger Josef Künzli nicht beipflichten. Für ihn geht auch die judenfeindliche Trilogie "Die Söhne der Finsternis" "konform mit der Amtskirche". Probleme mit kirchlichen Behörden hat der katholische Verleger trotz solcher Bücher "überhaupt noch nicht" gehabt.
Daß Adlers Schüler von seinem Gedankengut noch nichts abbekommen haben, liegt am geistigen Gefälle. Der Religionslehrer: "Das ist kein Stoff für Schüler, die nur Volksschulbildung haben."

DER SPIEGEL 16/1978
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