05.06.1978

De lange arm van bot Bundeskriminalamt

Ungewiß war Ende letzter Woche noch, ob die vier in Jugoslawien festgenommenen westdeutschen Top-Terroristen an die Bundesrepublik ausgeliefert werden. Fest steht aber, daß der Fang von Zagreb den Erfolg der vom BKA betriebenen Computer-Kriminalistik belegt. Was im Inland oft mißlang, funktioniert im Ausland: Zielfahndung.

Ein olivgrüner, fünfzehn Meter langer Arbeitstisch, Telephon, Gestühl, eine Projektionswand an der Stirnseite des schmalen, aber auffallend hohen Raumes -- viel mehr ist nicht zu sehen im neuen Einsatzzentrum des Bundeskriminalamts. Das karge Interieur wäre einem mittleren Industrieunternehmen für den Konferenzraum eher zu spärlich, das Zubehör im verborgenen aber ist extrem aufwendig; der fensterlose, klimatisierte Raum ist umgeben vom modernsten Arsenal kriminalistischer Technik.

Demnächst, wenn beim Bundeskriminalamt (BKA) die Abteilung Terrorismus und die Spezialisten der Bund/ Länder-Kripokommission Zielfahndung von Bonn nach Wiesbaden übersiedeln, wird das Lagezentrum in Betrieb genommen -- eine bombensichere Anlage mit eigener Notstromversorgung, Auswertungsstelle einer ebenso aufwendigen wie raffinierten Spurensicherungstechnik, Kommando-Kopf mit Direktanschlüssen an die schon legendären BKA-Computer, mit Aufenthaltsräumen für Einsatzprominenz, etwa den Generalbundesanwalt, und auch mit Notküchen für den Tag- und Nachtbetrieb, "eine normale Vorkehrung für das, was kommen kann", wie Horst Herold sagt. Präsident des Bundeskriminalamts.

Er ist der einzige BKA-Beamte, der in dem zum größeren Teil noch unmöblierten Neubautrakt derzeit schon rund um die Uhr zu erreichen ist. Der oberste Terroristenfahnder der Bundesrepublik nächtigt seit geraumer Zeit im Amt, nicht nur aus Sicherheitsgründen; sein Privatleben ist zwischen Fahndungsrastern und Krisensitzungen längst abhanden gekommen.

"Wäre er nicht über die Maßen beschäftigt", so schrieb letzthin "Die Zeit" in einem Herold-Porträt, "müßte man ihn wohl nächst dem Kanzler den einsamsten Menschen der Republik nennen" -- eine anteilnehmende Betrachtungsweise, die Herold offenkundig teilt. "Wer hat es denn besser", pflegt er schon mal zu philosophieren, "die Terroristen oder unsereins?"

Sowohl als auch, wäre letzte Woche die unlogisch-richtige Antwort gewesen:

* Aus Belgrad kam die Bestätigung, daß vier der meistgesuchten westdeutschen Terroristen seit Wochen in polizeilichem Gewahrsam sind -- eine Spitzenleistung der vom BKA gesteuerten Fahndung, die den Zugriff ermöglichte.

* In Bonn legte der von der Bundesregierung bestellte Gutachter Hermann Höcherl seinen Bericht über die Pannen bei der Fahndung nach den Schleyer-Attentätern unmittelbar nach dem Anschlag im September 1977 vor -- er offenbart bei der politischen Führung wie bei der Kripo von Nordrhein-Westfalen wie beim BKA Mängel, die den Zugriff noch zu Lebzeiten Schleyers womöglich vereitelten.

Die Nachricht von einem der größten Fahndungserfolge der westdeutschen Terrorismusbekämpfer ging einher mit der Analyse der schlimmsten Fahndungsfehler -- eine Konstellation, die dem BKA-Chef wie vollendete Ironie erscheinen muß: Die Festnahme der vier Top-Terroristen in Jugoslawien ist in erster Linie das Ergebnis der vor allem von Herold entwickelten Computer-Kriminalistik; und daß bei der Schleyer-Fahndung seinerzeit die Wohnung im rheinischen Erftstadt außer acht blieb, in der Schleyer eine Zeitlang gefangengehalten wurde, brachte auch erst der BKA-Computer an den Tag.

Außer Frage steht, daß der Jugoslawien-Coup -- nach der Festnahme der deutschen Terroristen Folkerts, Wackernagel und Schneider in Holland, Möller und Kröcher-Tiedemann in der Schweiz und Wisniewski in Paris -- auf die unmittelbare Vorarbeit des BKA zurückgeht. "De lange arm van het Bundeskriminalamt", lautet denn auch ein holländischer Anarcho-Schmäh. Was im Inland früher mißlang, funktioniert jetzt im Ausland mit erstaunlicher Perfektion: Zielfahndung mit Resultat.

In Paris, auf dem Flughafen Orly, waren es am 11. Mai deutsche Damen, die den 25jährigen Stefan Wisniewski in der Schlange der Zagreb-Passagiere erkannten. In Belgrad trafen um die Zeit Männer des Bundeskriminalamts ein und legten der jugoslawischen Polizei Schriftliches im Detail vor. Einen Tag später griff ein reichliches Polizeiaufgebot "in Bataillonsstärke" (ein BKA-Mann) in Zagreb zu und vermeldete danach den Deutschen viel Untergrundprominenz hinter Gittern:

* Brigitte Mohnhaupt, 29, Gründungsmitglied der "Roten Armee Fraktion" (RAF) und erst seit Januar vergangenen Jahres nach einer viereinhalbjährigen Freiheitsstrafe wieder auf freiem Fuß;

* Rolf Clemens Wagner, 33, 1974 in den Untergrund abgetauchter ehemaliger Volkswirtschaftsstudent und gesucht als Bankräuber und Schleyer-Entführer;

* Peter Jürgen Boock, 26, Ehemann der in Wien inhaftierten Bankräuberin Waltraud Boock und Guerilla-Kämpfer mit Ausbildung bei der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP);

* Sieglinde Gudrun Hofmann, 33, Gründungsmitglied des aufgelösten terroristischen Heidelberger Patientenkollektivs und wie Boock in einem PFLP-Lager gedrillt.

Brigitte Mohnhaupt gilt beim BKA als "große Drahtzieherin", Rolf Clemens Wagner als Mann "ingeniöser" Pläne. Das Pärchen Boock/Hofmann schließlich -- bislang vergleichsweise unbeschrieben, wiewohl auf dem jüngsten Fahndungsplakat -- glaubt das Bundeskriminalamt in eine lange Zeit offene Puzzlelücke placieren zu können: als das blonde Mädchen und der hagere Jüngere, die zusammen mit Susanne Albrecht den Bankier Jürgen Ponto erschossen haben sollen.

Der Fang markierte den Abschluß der bislang umfänglichsten Antiterroroperation des BKA. Dreieinhalb Monate lang hatte es in minutiöser Stabsarbeit Weg und Wirken von elf der meistgesuchten Westdeutschen verfolgt, kaum eine ihrer Reisen, kaum einer ihrer Aufenthalte blieb unregistriert. Treffs wurden rekonstruiert. Reisepläne aus einer Vielzahl von Beobachtungen hochgerechnet. Alle Informationen schlugen sich nieder in bunten Graphiken mit einem Geschling farbiger Linien: den Routen der Elf.

An Flugplätzen, Hotelschaltern und grünen Grenzen scheint den reisenden Terroristen unbemerkt eine Geisterarmee gefolgt zu sein. Und doch war"s, in der Hauptsache, nur die elektronische Datenverarbeitung. Der Aufwand ist ohne Beispiel. Allein 60 Programmierer waren damit befaßt, die Angaben aus den Hotelmeldezetteln einzuspeisen, die entlang der mutmaßlichen Reiseroute der Elf anfielen -- bislang an die 270 000 Zettel aus dem europäischen Ausland.

Hunderte von Auslandsreisen buchten westdeutsche Kripoleute, um zu prüfen, ob die Gesuchten dann auch dort zu finden waren, wo sie, rechnerisch, vermutet werden konnten. Manchmal führte das, wie ein Einsatzgewaltiger wissen läßt, "bis auf 15 Sekunden heran" -- und doch erst nach Monaten dicht genug heran fürs Zupacken.

Zielfahndung ist seit längerem die Antwort deutscher Terrorbekämpfer auf eine Aufgabe, die laut BKA-Chef Herold so schlicht wie komplex ist: "Wie stöbert man perfekt getarnte, mit riesigen Geldmitteln ausgestattete, ständig ihr Aussehen wechselnde Intelligenztäter im Ausland auf, die häufig ihren Aufenthalt wechseln?"

Entsprechend sperrig ist der Apparat ausgefallen. An die hundert Beamte aus BKA und Landeskriminalämtern, die gruppenweise auf jeweils eine Zielperson geschult, eingestimmt und schließlich angesetzt werden, bilden gleichsam nur die Speerspitze. Der Unterbau besteht aus Informatik. Ein enges Geflecht aus Datenbeständen und -verbünden speichert die persönlichen Angaben, die Äußerlichkeiten, Eigenheiten, Vorlieben, Beziehungen von gesuchten Personen. Wo einer gewesen ist und mit wem und was sie dort zusammen gemacht haben, ist auf Knopfdruck verfügbar, desgleichen eine beliebige Vielzahl von Orten, Personenkreisen und Situationen, wo der Betreffende demzufolge mutmaßlich irgendwann einmal anzutreffen sein wird. Verhalten und Logistik der Untergründler liegen kybernetisch zutage, die Datenverarbeitung liefert Personagramme von fast schon gespenstischer Vollständigkeit.

Die Pariser "Libération" zürnt denn auch schon: "Die deutschen Dienste sind überall." Und selbst im bisweilen etwas grob gewirkten Vokabular des Generalbundesanwalts Kurt Rebmann, der markig die "intensive grenzüberschreitende Observation und Fahndung" rühmt, schwingt etwas von langem Arm und allpräsenten deutschen Sicherheitskräften, "europaweit, und vielleicht auch noch darüber hinaus" (Rebmann).

Daß in Wahrheit hauptsächlich die intelligente Verbindung von Dokumentation und Massenstatistik den Hauptanteil am Erfolg hat, wird oft von Spektakulärem überlagert. Den Ausschlag aber gibt nicht irgendein Sherlock Holmes mit Kripoplakette, sondern die mit Akribie betriebene Computerkriminalistik· der BKA-Chef Herold ungezählte wissenschaftliche Arbeiten gewidmet hat. Er selber bezeichnet sich als "Informations-Fan", Kritiker unter den Kripoleuten nennen ihn dagegen einen "Computer-Fetischisten".

Wenn Herold auf "Pios", das speziell zur Terrorismusbekämpfung bestimmte Programm des BKA-Computers, zu sprechen kommt, gerät er mitunter ins Schwärmen -- so. als rede er von einer Figur aus der griechischen Götterwelt. Das Kunstwort "Pios" steht für P (Personen), I (Institutionen). O (Objekte), S (Sachen).

Es ist ein elektronisches Fundstellenregister für so ziemlich alles, was je in einem Terrorismus-Ermittlungsverfahren oder in einem einschlägigen Strafprozeß registriert oder erwähnt worden ist -- Namen, Telephonnummern, Adressen, Zeitangaben. vielfältig untereinander verknüpft. Durch einfachen Tastendruck vermag der Kriminalist auf diese Art Zusammenhänge zu erkennen, was ihm sonst nur möglich wäre, wenn er Dutzende oder gar Hunderte von Akten durchsähe (von deren Existenz er nicht einmal weiß).

Pios hätte, wäre er nur befragt worden, gleich an einem der ersten Tage nach der Schleyer-Entführung den Hinweis der örtlichen Polizei auf die Wohnung in Erftstadt in eine heiße Spur verwandelt. So aber geriet er in ein Kompetenzloch der Fahnder, in Vergessenheit also, und es ist nicht ohne Pikanterie, daß Hermann Höcherl, der jetzt in Sachen Schleyer-Panne befindet, einst zur Riege jener CDU! CSU-Innenminister gehörte (neben Schröder, Lücke und Benda), die mit ihren Entscheidungen mancherlei Schwächen im Zusammenspiel zwischen Bundes- und Länderpolizei angelegt haben.

In der Datenverarbeitung hing das BKA -- einst von einem Präsidenten geleitet, dem schon das Fernsehen ein Greuel war -- anfänglich vollends zurück. Die meisten Landeskriminalämter begannen deshalb vorab mit der Datenspeicherung nach eigenem Gusto, und als Wiesbaden schließlich nachzog, stellte sich heraus, daß die einzelnen EDV-Systeme schwerlich zueinander passen -- Jahre später beispielsweise der Grund dafür, daß die mutmaßliche Ponto-Attentäterin Susanne Albrecht nicht sogleich identifiziert werden konnte.

Die historisch bedingten Kompetenzschwierigkeiten zwischen BKA und Länderpolizeien konnten nie völlig behoben werden, weder durch gesetzliche Änderungen noch durch Vereinbarungen von Fall zu Fall. Folgt man Beteiligten, dann gibt es auf Innenministerkonferenzen (IMK). in Sitzungen der obersten Polizeiministerialen (Branchen-Kürzel: "AK Zwo") oder auf Tagungen der Landeskriminalamtschefs (AG Kripo) häufig "Pfaffengezänk".

Der eloquente BKA-Chef hat es mit manchen im Lande verdorben. Viele schätzen seine Ingeniosität und theoretische Brillanz, anderen kommt sein Ideenreichtum "nahezu beängstigend" vor, wie es das Fachblatt "Deutsche Polizei" ausdrückte, und das war voller Lob gemeint. Wieder andere mokieren sich über den ebenso präzisen wie launischen Top-Kriminalisten, der sich wie ein Karajan der deutschen Polizei ausnimmt.

Daß der Sanguiniker an der Spitze des BKA das Computer-Geschäft in der Verbrechensbekämpfung versteht wie kein anderer, bleibt bei alledem unbestritten. Die Festnahmen in Jugoslawien sind ein geradezu klassischer Beleg für sein Prinzip, daß Zielfahndung nur Sinn macht, wenn ihr ein solides Rechengeschäft vorausgeht: 10 000 Überprüfungen veranschlagen die Datenverarbeiter beim BKA für auch nur einen brauchbaren Befund. Eine verwendungsfähige "Vorausdokumentation" (BKA-Chef Herold) wie im Fall der richtig prognostizierten Zagreb-Reise fällt selten ab.

Für den Zugriff kommen Zielfahndungserkenntnisse meist zu spät, zur weiteren Verfolgung aber meist rechtzeitig genug. Im Falle Schleyer etwa ergaben sie, daß die des Mordes an den Schleyer-Begleitern verdächtigen Terroristen erst am Tattag nach Deutschland eingereist waren, daß etwa Knut Folkerts an jenem 5. September morgens um fünf Uhr früh sein Genfer Hotel verlassen hatte.

18 konspirative Wohnungen wurden seit der Schleyer-Entführung ausgenommen, weitgehend ein Rechenergebnis aus BKA-Daten. Und dem Ex-Anwalt Jörg Lang, Schlüsselfigur deutscharabischer Anarcho-Freundschaft, spürten sic bis zu seiner Wohnung in einem Beiruter Palästinenser-Viertel nach -- mehr als ein heimlich geknipstes Porträt des von Bewaffneten eskortierten Lang sprang aber nicht heraus.

Denn notgedrungen ist Bescheidenheit die Zier des BKA-Mannes jenseits der Landesgrenzen. Internationale Beistandsabreden oder Interpol-Kompetenzen helfen ihm da nicht; Interpol etwa verweigert satzungsgemäß die Verfolgung wegen politischer Delikte. Da bleibt nur die einverständliche Schiene "von Polizei zu Polizei", die es dem Beamten ermöglicht, im anderen Land seinen tragbaren Computer-Terminal auf BKA-Kontakt zu stöpseln und mit den Ermittlungen zu beginnen.

Das muß freilich nicht einmal im Verhältnis zu befreundeten Staaten klappen; Empfindsamkeit gegenüber den Deutschen und politische Rücksichtnahme aus anderer Interessenlage sorgen bisweilen für Rückschläge im Ausland. Aber die diskrete BKA-Präsenz bat bereits bewirkt, daß sich die deutschen Stadtguerilleros mittlerweile nur noch im Untergrund ausländischer Städte sicher wähnen -- während der Elfer-Jagd dieses Frühjahrs hat keiner der Gesuchten Bundesgebiet betreten, dreieinhalb Monate lang.

Besondere Mühsal verursachte ihren Verfolgern die weitgereiste Brigitte Mohnhaupt, gleichsam eine Wiederterroristin. Die letzten Monate ihrer ersten Freiheitsstrafe hatte sie in Stammheim verbracht. gemeinsam mit Baader und Gudrun Ensslin, von denen sie nach BKA-Ansicht als Platzhalterin aufgebaut worden ist. Drei Tage nach Freilassung, am 10. Februar 1977, verschwand. sie im Untergrund.

Seither gingen Kriminalisten der Bund/Lände-Kommission Zielfahndung den Spuren nach, die Brigitte Mohnhaupt in ganz Europa hinterließ. Erstmals orteten sie die Vermißte im August letzten Jahres in jener Tätergruppe, die gegenüber der Karlsruher Bundesanwaltschaft einen Raketenwerfer in Stellung gebracht hatte.

Einen Monat später tauchte ein Mohnhaupt-Daumenabdruck in ihrem "Lieblingswagen" (BKA), einem Ford Granada auf -- jenem Wagen, den das Kommando Siegfried Hausner während der Schleyer-Entführung benutzt hatte.

Mohnhaupt-Spuren bald auch in einem anderen Granada, den eine Ursula Dietrich am 10. September in Den Haag gemietet hatte, dann wieder entdeckten Angestellte im Haager Parkhotel, wo die "sympathische, gutgekleidete junge Dame" (ein Hotelangestellter) genächtigt hatte, Mohnhaupt-Utensilien: Tonbandgeräte, Haarfärbemittel und ein Videoband des Typs, wie es die Schleyer-Entführer verwendet hatten.

Als Polizisten die Gesuchte bei der Rückgabe des geliehenen Granada erwarteten, entkam sie nach Schußwechsel. Doch schon drei Tage später waren die Fahnder wieder auf ihrer Spur. Beim Utrechter Autoverleiher Budget hatte sie einen roten Ford Taunus gemietet. Am vereinbarten Rückgabetermin wartete diesmal ein ganzes Polizeiaufgebot, und der Dietrich-Begleiter Knut Folkerts erschoß vor seiner Festnahme noch einen niederländischen Polizisten; Brigitte Mohnhaupt aber entkam wieder.

Ein anderer Holland-Vertriebener ist Rolf Clemens Wagner. Er war es, der nach Kripoerkenntnissen gemeinsam mit Komplizin Friederike Krabbe als "Ehepaar Fehr aus der Schweiz" im Amsterdamer Appartementhaus Akkerstijn einen Unterschlupf anmietete -- jene Adresse, wo dann im November die gesuchten Terroristen Christoph Wackernagel und Gert Richard Schneider nach einer Schießerei verhaftet wurden.

Dabei gab es dann wieder Mohnhaupt-Spuren: Wackernagel trug einen Zettel mit Aufträgen der Chefin bei sich, die beispielsweise ein Videoband mit dem BKA-Präsidenten Herold besorgt haben wollte.

Wie sie ist Wagner in der Szene gleichermaßen eng verwoben und im Spurenbild der letzten zwei Jahre nicht minder. Wagner, einst Komplize der vor zwei Jahren verhafteten Terrori-

* Schweizerisch-französische Grenzstation Fahy; in der Nähe wurden Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Wagner am 20. Dezember 1977 verhaftet.

sten Klaus-Wilhelm Dorff und Jürgen Tauras steht schon seit langem auf der Fahndungsliste westdeutscher Terrorermittler: Am 6. September 1976 überfiel er die Offenbacher Filiale der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank -- benutzt wurde dieselbe Schrotflinte wie später bei der Ermordung der vier Schleyer-Begleiter.

Hinweise auf Wagner ergaben sich nach Schießübungen im Badischen oder auch mal in Wien, wo Waltraud Boock bei einem Überfall auf die Creditanstalt-Filiale verhaftet wurde, Wagner nebst Genossen aber entkommen konnten. Leistungsträger bei der RAF wurde er vermutlich erst zu Zeiten der Schleyer-Aktion.

Wagner hat bei einem Reiseveranstaltungskonzern Dienstleistungsmanieren gelernt; er galt den Fahndern als jener Entführungsgehilfe, der mehrfach Telephonkontakt zur anderen Seite hielt und dabei ("Dann dürfen wir uns bedanken und wünschen noch einen angenehmen Abend") mit Höflichkeitsfloskeln auffiel,

Vom Zagreb-Reisenden Boock kam den Ermittlern lange Zeit kaum mehr zu Ohren, als daß er bei Wagners Zielübungen gelegentlich den Trainingspartner abgab. Erst durch einen Tip aus der Szene rückte Boock auf der Verdachtsliste der Kripo vor. Seit auch Tatort-Hinweise und sonstige Spuren auf Beteiligung Boocks und seiner Freundin Sieglinde Hofmann am Ponto-Mord deuten, wird er zu den "dominierenden Figuren" gerechnet, die RAF-Arbeit "an der vordersten Front leisten" (ein Verfassungsschützer).

Daß es Jugoslawien war, wo das Quartett endlich geortet wurde, konnte Kenner des europäisch-arabischen Untergrunds nicht weiter überraschen. Denn das Land bietet reisenden Bombern geographische wie politische Reize. Zwischen Anlaufstationen wie Warschau, Beirut, Bagdad und Paris liegt Belgrad als gern benutztes Luftkreuz.

Und die sensibel ausgetrimmte Lage des Titostaates zwischen sämtlichen Blöcken schafft diplomatische Rücksichtnahmen, die auch schon einmal westliche Verärgerung in Kauf nehmen. Einer wie "Carlos", das venezolanische Terror-Phantom, durfte sich hier unbehelligt fühlen, und kein Wunder, daß wiederholt die Reisebelege palästinensischer Attentäter auf jugoslawisches Gebiet wiesen.

An eine Verfolgung von arabischen Terroristen oder deren europäischen Freunden war jedenfalls nicht ernsthaft zu denken. Einer Auslieferung gar standen bislang schützend internationale Abmachungen entgegen, wie etwa der mit Politvorbehalten gepolsterte deutsch-jugoslawische Auslieferungsvertrag (siehe Kasten Seite 28).

Wie sehr allerdings der internationale Terror-Set alles das, was er über Jugoslawien gelernt hat, künftig noch wird verwenden können, muß sich nun zeigen. Denn an der Verhaftung der Deutschen war nicht die Tatsache des Großeinsatzes das eigentlich Schockierende für die Anarchos; das lag in einer Art fortgeschriebener Mogadischu-Erfahrung: Ein bislang sicheres Anlehnungsland bricht ohne erkennbare Vorwarnung aus.

Und daß die politische Entscheidung, die dem zugrunde liegt, nicht womöglich auch noch die letzte Woche gänzlich ungewisse Auslieferung befördern könnte, müssen die Inhaftierten nun zumindest in Rechnung stellen.

* Ort der Festnahme von Christoph Wackernagel und Gert Richard Schneider am 10. November 1977.

Bonn und Westeuropa andererseits können keineswegs sicher sein, ob sich hinter der unerwarteten Zerschlagung des deutschen Kränzchens nun wirklich eine Umorientierung Belgrads gegenüber dem Terrorismus verbirgt. Zwei Bonner Emissären beispielsweise, dem Staatsminister Wischnewski und dem Innenstaatssekretär Fröhlich, mißlangen die Versuche, in Belgrad sofortige Übergabe der Gefangenen zu erwirken.

Mit Unbehagen auch sahen BKA-Beamte, wie die zunächst so fix kooperierenden Jugoslawen sich nach den Verhaftungen plötzlich wieder eher förmlich und offiziell zeigten. Nicht einmal die beschlagnahmten Gegenstände rückten sie wunschgemäß zügig heraus. Und nach wie vor mag kaum ein Polizei-Oberer sich dafür stark machen, daß die jugoslawischen Behörden mit ihrer Viererliste wirklich schon ihren ganzen Fang vorgezeigt haben.

Nach den Eindrücken und Hinweisen des BKA hätten es nämlich getrost ein paar Verhaftungen mehr sein können. Von Terroristen, die seit langem und auch noch bis ganz zuletzt bei der Vierergruppe geortet worden waren, Rolf Heißler etwa, ist nun aus Belgrad nichts mehr zu vernehmen.

Bonn, das Ende letzter Woche immer noch nicht durchblickte, ob Jugoslawien auf einen Pakettausch RAF gegen Kroaten bestehen würde, mochte sich mit der Vorstellung, Belgrad könne einige großkopfete Guerillas schlicht unterschlagen, gar nicht erst beschäftigen. Die Sprachregelung lautet hoffnungsvoll: "Reine Spekulation."


DER SPIEGEL 23/1978
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