05.06.1978

IRAKWilder Mann

Der noch vor kurzem als bester arabischer Freund der Sowjets bezeichnete Irak knüpft Kommunisten auf und droht Moskau mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen.
Den Todeskandidaten wurde die Schlinge um den Hals gelegt. Sie riefen "aschat el-hurria" ("Es lebe die Freiheit"). Dann arbeitete der Henker.
Er richtete am 12. Mai in einer Kaserne am Südrand von Bagdad 14 Kommunisten hin, obwohl die KP des Irak als Mitglied der Nationalen Front sogar der Regierung angehört. Aber die führende sozialistische Baath-Partei mißtraut dem roten Partner.
"Auf alle, denen die Nationale Front nur als Deckmantel (für Verschwörungen) dient, wartet der Galgen", droht das Baathisten-Organ "El-Thaura". "Keine kommunistische Partei" sei "vaterlandstreu", alle Kommunisten würden "Befehle von draußen" erhalten. Das war ein Angriff auf Moskau.
Die Sowjet-Union antwortete nicht öffentlich, aber sie handelte: Sowjetisches Wartungspersonal der irakischen Raketenstellungen am Schatt el-Arah, gegenüber der persischen Hafenstadt Chorramschahr, wurde nach Hause beordert. Vier ungarische Ikarus-Busse brachten vorletzte Woche 150 Frauen und Kinder von russischen Experten zum Flughafen Basra, wo eine Sowjet-Militärmaschine wartete.
Saddam Hussein, Stellvertreter des kranken Staatschefs Bakr im Revolu-
* Auf dem Anti-Sadat-Treffen in Tripolis mi Dezember 1977.
tionsrat, drohte dem Kreml mit dem Abbruch der Beziehungen -- eine sensationelle Reaktion vom einzigen arabischen Land, das ein Freundschaftsvertrag mit Moskau verbindet und das für viele als "Haupt-Terrorbasis der Welt" gilt (so die Londoner "Times"), weil vom legendären Carlos bis zu den jüngst in Jugoslawien verhafteten deutschen Terroristen immer wieder Spuren nach Bagdad führen.
Der Irak, zwölf Millionen Einwohner, auch von Arabern zuweilen "wilder Mann des Orients" genannt, hat sich mit den Freunden in Moskau zerstritten, weil die Politik der Großmacht UdSSR mit dem arabischen Nationalismus kollidiert, der im Irak Staatsdoktrin ist: Nach der Baath-Ideologie bildet die ganze arabische Welt eine Nation. Die Führung des Irak nennt sich "regionale Führung", die einer -- zukünftigen -- "nationalen Führung" aller Araber unterstehen soll.
Der Anlaß zum Konflikt mit den Russen:
>Moskau hält neuerdings mit seinen kubanischen Helfern das Militärregime in Äthiopien an der Macht -- gegen die eritreischen Befreiungsbewegungen, die es früher unterstützte.
* Bagdad aber schickt nach wie vor den zum arabischen Kulturkreis zählenden Eritreern Waffen. Im Frühjahr kamen 60 Eritreer, die nicht einmal dem linken Flügel der Befreiungsfront angehören, zur Artillerieausbildung nach Bagdad. Für die Iraker ist Äthiopiens Staatschef Mengistu "der Blutrünstige". Moskau feiert den Oberstleutnant als "Revolutionär" und "Sozialisten". So trennt jetzt eine tiefe Kluft die Länder, die so vieles miteinander gemeinsam haben: Die Industrie ist im Irak wie in der Sowjet-Union verstaatlicht, es gibt eine Einheitsgewerkschaft und eine gleichgeschaltete Presse, die Armee ist mit Waffen aus Moskau ausgerüstet, in der Uno stimmt der Irak fast immer wie die UdSSR.
Einst hatten die Irakerin den Russen gar "Herzensfreunde" gesehen (Vizepräsident Maruf). Sie unterzeichneten wie vorher Ägypten 1972 einen Freundschaftspakt mit Moskau und beabsichtigten, dem Comecon beizutreten. Die Sowjet-Union half den Irakern hei 90 Industrieprojekten, holte 1300 Iraker zum Studium in die UdSSR. Russen halfen dem Irak (sechstgrößter Ölförderer der Erde) bei der Erschließung und Förderung von öl.
Das kostete nach dem Oktoberkrieg von 1973 auf dem Weltmarkt fünfmal soviel wie früher und brachte dem Irak jährlich bis 16 Milliarden Dollar ein (1977). Da entdeckte die plötzlich liquide gewordene Regierung in Bagdad, daß die meisten westlichen Investitionsgüter den Ostprodukten überlegen waren. Die Iraker importierten immer mehr von den Kapitalisten: Der Anteil von Einfuhren aus den sozialistischen Freundesstaaten sackte von 30 Prozent auf acht Prozent.
Die Bundesrepublik verkaufte 1977 im Irak Waren im Wert von 1,8 Milliarden Mark -- 16mal mehr als 1973. Mercedes lieferte 19000 Lkw. Doppelstockbusse für Bagdad bezogen die radikalen Iraker sogar von der britischen Firma Leyland, die auf der arabischen Boykottliste stand, weil sie ein Werk in Israel unterhielt.
Trotz gewaltiger Investitionen blieben den Irakern genug Mittel, Revolutionäre in aller Welt zu unterstützen. Der im April in Bagdad beerdigte Palästinenser-Ultra Wadi Haddad, der als Planer der Unternehmen von Entebbe und Mogadischu gilt, genoß Gastrecht im Irak. Der Linksfront aus Palästinensern und Moslemgruppen im libanesischen Bürgerkrieg wurden Geld, Waffen und Kämpfer geschickt.
Sie stand kurz vor dem Sieg, als 1976 Iraks verhaßter Nachbar Syrien in den Libanon einmarschierte. Weil die Syrer ihre Waffen aus der UdSSR beziehen. glaubten die Iraker, daß Moskau Damaskus stoppen könnte. Sie waren verstimmt, als es nur protestierte und Waffenlieferungen verzögerte.
Aus Protest rief Bagdad Rundfunksprecher der arabischen Abteilung von Radio Moskau heim, eine Zeitlang verschwanden sowjetische Zeitschriften von Kiosken in Bagdad. Als der sowjetische Premier Kossygin in den Irak kam, war der Empfang kühl.
So antwortete Saddam Hussein auf Kossygins Frage, weshalb Kommunisten in der irakischen Armee nicht Offiziere werden könnten: "Gibt es denn in der Sowjet-Armee Offiziere, die nicht Kommunisten sind? Bei uns ist die Baath-Partei die Führungspartei."
Kossygin: "Aber Ihre Armee ist mit kommunistischen Waffen ausgerüstet."
Saddam Hussein: "Entscheidend ist. wer über diese Waffen befiehlt."
Die Iraker unterstützten nun vor allem die nach dem Monat der Syrer-Invasion in den Libanon genannte Palästinensergruppe "Schwarzer Juni", die in Habbania, 30 Kilometer westlich von Bagdad. Kämpfer aus vielen Ländern ausbildet und von Abu Nidal geführt wird. der in Bagdads Vorort "Medinet el-thamin min adhar" residiert.
Der "Schwarze Juni" wird für zahlreiche Anschläge auf syrische Politiker verantwortlich gemacht und soll den Londoner PLO-Vertreter Said Hammami ermordet haben, der Kontakte mit israelischen Entspannungspolitikern hatte. Im Gegensatz zur Sowjet-Union, die Israels Existenz in den Grenzen von 1948 befürwortet, will Bagdad "niemals Frieden mit den zionistischer. Landräubern" schließen.
Es stellte eine schwarze Liste der ägyptischen Journalisten zusammen, die mit Sadat in Jerusalem weilten. "Schwarze Juni"-Killer erschossen auf Zypern den Sadat-Freund und Jerusalem-Begleiter Jussif el-Sibai. Gegen den ägyptischen Präsidenten eröffneten die Iraker ein Volksgerichtsverfahren.
Die Iraker waren sich in der Verurteilung der Sadat-Initiative mit den Russen einig, aber Moskaus Politik am Horn von Afrika belastete zunehmend das Verhältnis zwischen den Partnern. Bagdad mochte Moskaus Parteinahme gegen das zur Arabischen Liga gehörende Somalia noch verstehen, denn schließlich hatte Siad Barre die Sowjets aus seinem Lande gewiesen. Die sowjetische Unterstützung des Krieges von Äthiopiens Obristen gegen die Eritreer aber ging den Irakern zu weit.
Zunächst spürten das Moskaus beste Freunde im eigenen Land: Die irakische Geheimpolizei verhaftete im Januar 250 Kommunisten, in den letzten zwei Monaten 800 weitere Personen.
Moskau drosselte daraufhin vor zweieinhalb Monaten die Militärhilfe für Bagdad. Dessen Gegenschlag: Amerikaner führen ein von den Russen begonnenes Hafenprojekt an Iraks Küste am Golf weiter. Die Sheraton-Kette darf in Basra ein Hotel errichten.
Unterdessen versucht ein Mann, den Bruch zwischen Sowjets und Irakern zu verhindern: Er pendelt zwischen Bagdad. Moskau und Habana, spricht mit Äthiopiern und Eritreern -- Palästinenser-Führer Georges Habasch.

DER SPIEGEL 23/1978
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