07.08.1978

Ich habe blindwütig daran geglaubt

Warum Opec-Attentäter Klein sich vom Terrorismus lossagt

Was die Welt bewegen sollte -- "ein Wahnsinn". Was den Herrschenden mit Gewalt vermittelt werden sollte -- "ein Scheißweg". Mit solchen Kommentaren wandte sich Opec-Attentäter Hans-Joachim Klein vom Terrorismus ab. Dem SPIEGEL erzählte er von seinem lebensgefährlichen Ausstieg und den phantastischen Plänen der Genossen.

Hauptpostamt Mailand. 26. April 1977.

Hans-Joachim Klein, 30, einer jener weltweit gesuchten Terroristen, die 1975 die Opec-Konferenz in Wien überfallen (drei Tote) und dabei elf Ölminister als Geiseln entführt hatten, steht am Schalter für die Paketannahme.

Er will eine Sendung loswerden: im Plastikkarton, eingewickelt und verschnürt sein Revolver, Marke "ZBR Zbrojovka 38", ungeladen, samt Lederhülle und einer Tüte mit zwölf Schuß Munition. Begleitschreiben anbei, Adressat: der SPIEGEL in Rom.

Der Beamte will ihm das Paket nicht abnehmen. Er verweist auf die nach zahlreichen Sprengstoffattentaten in Kraft gesetzte Vorschrift, daß Pakete erst einmal aufgemacht und dann mit einer Kontrollbanderole versehen werden müssen. Klein nimmt das Paket zu-

* Mit dem Philosophen Sartre und dem damaligen BM-Anwalt Croissant nach dem Besuch der Haftanstall Stuttgart-Stammheim am 4. November 1974.

rück, schmeißt es krachend auf den Boden und ruft, scheinbar entrüstet: "Da ist doch keine Bombe drin!" Der Beamte fällt darauf herein, er nimmt die Sendung ungeöffnet an.

Die Szene ist der Schnittpunkt einer Biographie, und sie beschreibt zugleich den Mann: Ebenso kaltblütig, wie er 1975 beim Opec-Überfall in Wien agierte, verhält er sich, am Postschalter, nun beim Abgang von der internationalen Terrorszene. In dem Schreiben, das er der Revolversendung beifügt, sagt er sich los von seinen Guerilla-Genossem., ich habe genug angestellt" (SPIEGEL 20/1977).

"Kotzelend" angesichts der "Wahnsinns-Aktionen" der internationalen Terroristen, sucht er Kontakt zur Öffentlichkeit, um vor seinerzeit geplanten Mordanschlägen auf jüdische Gemeindevorsteher in Berlin und Frankfurt zu warnen. Seitdem wird er nicht nur von der Polizei gesucht.

Klein: "Was die Guerilla dazu meinen wird, ist mir klar: Die wird suchen nach mir." Soll heißen: Der Abtrünnige muß die Rache der Ex-Genossen fürchten, wie sie etwa Ulrich Schmücker von der Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" ereilte; Schmücker wurde ermordet.

Gleichwohl meldet sich Klein wieder zu Wort. In einem SPIEGEL-Gespräch, das er aus der Camouflage einer geborgten Identität heraus zuwege brachte, packt er jetzt aus: die bislang unbekannten Details des Opec-Überfalls, die nie geschilderten Hintergründe, die phantastisch anmutenden Pläne der internationalen Guerilla.

Er berichtet über Wadie Haddad, den Drahtzieher. über die Fäden zwischen deutschen und arabischen Terrorgruppen, über seinen "Leader" von Wien, den legendären Ilich Ramirez Sánchez alias Cenon Clarke alias Glenn H. Gebhard alias Carlos -- ein buchstäblich enthüllendes Dokument.

Denn noch keiner, der sich bislang vom Terror lossagte, kennt das internationale Geflecht von Geld, Gewalt und politischen Interessen so aus Insider-Sicht wie dieser Hans-Joachim Klein. Ein Überläufer also, ein neuer Kronzeuge wie die einstigen BM-Leute Karl-Heinz Ruhland, Gerhard Müller oder Dierk Hoff? Ein Vorsichtiger, der sich aus dem Verborgenen eine Art Strafrabatt für den Fall sichern will, daß ihn die Polizei doch ergreift?

Der Ex-Terrorist Klein, und das macht seinen Fall zu einem Phänomen, tut nicht das Naheliegende. Der Mann, der erst beim Opec-Überfall selber mitschoß und dann seine "Knarre" wegschickte, vertritt eine ganz spezifische Position. Er will nicht gemeinsame Sache mit den Fahndern machen, aber auf seine Weise verfolgt er deren Ziel: dem Terror ein Ende zu machen. Er selber hatte, wie er sagt, "blindwütig daran geglaubt", und nun, da er seinen Irrglauben verloren hat, sieht er. daß sich die Anarchos der Gewalt "mit jeder Aktion tiefer in den Sumpf bomben, das ist doch keine linke Politik".

So sucht er für sich säuberlich zwischen "Verrat" (von einstigen Mittätern) und "Verhindern" (von weiterem Terror) zu unterscheiden. Wenn er stracks zur Polizei überliefe. so Klein. gehe er der Glaubwürdigkeit jener Genossen verlustig, an die er sieh gerade wenden möchte.

Als "Linker". wie er sich nach wie vor sieht. "verlöre ich damit meine politische Identität und damit die Chance, auch noch andere vom Terror wegzubringen". Als Verräter könne er kein Vorbild abgeben, und den Ex-Genossen anzuraten, sich der Polizei. also ihrem erklärten Gegner, auszuliefern, sei zuviel verlangt und deshalb wirkungslos. Aber aufhören und aus dem Terror aussteigen, sei nicht nur allerhöchste Zeit, sondern, wie man an seinem Beispiel sehe, auch praktisch durchführbar.

Auf einem derart schmalen Pfad sucht der Ex-Terrorist seine innere wie äußere Balance zu wahren. Wird er eines Tages gefaßt, muß er sich für seine Mitwirkung am Überfall auf die Opec-Minister verantworten. Zwar sind, das steht auch für die Ermittler längst fest, jene drei Opfer von Wien nicht durch Schüsse von Klein getötet worden. Dem Tatplan zuwider hat er sogar zwei Geiseln verschont und sich deshalb, wie er berichtet, massive Vorwürfe von "Carlos" und Genossen eingehandelt.

Doch ob er sich die Brutalität der anderen gleichwohl auch selber zurechnen lassen muß und dann als Mittäter mit dem Lebenslang rechnen müßte oder nur als Gehilfe eingestuft und dann mit einer geringeren Strafe davonkäme, ist juristisch offen.

Irgendwo unter gleichgestimmten Linken, die er "die Jemande" nennt. schreibt Klein derzeit an einem Buch, das in einigen Monaten erscheinen soll. "Wenn ich mit diesem Interview und mit meinem Buch", so Klein im SPIEGEL-Gespräch, "zehn Leute von der Guerilla wegkriege, habe ich mehr erreicht als das BKA mit seinen hundert Millionen Mark."

Denn: "Ich weiß von Siebzehn- und Achtzehnjährigen, die würden heute am liebsten ein Inserat in der "FAZ" aufgeben, um eine Knarre zu kriegen und in den Terror einzusteigen -- ein Wahnsinn. Die müssen doch mal aufwachen."

Er kennt die verhängnisvolle Mechanik des Ausflippens: Wie einer in familiärer Misere weniger heranwächst denn verkümmert, wie man aus den Zwängen massiver Verhaltensstörungen zu linken Gruppen findet, wie man kaputtmachen will, was einen kaputtmacht, und dann bei den "Revolutionären Zellen" landet -- er beschreibt es für den SPIEGEL in einem eigenen Beitrag: "Ich bin doch ein ganz Stinke-Frankfurter Typ" (Seite 80).

Das Gesicht dieses Typs aus dem Frankfurter Armenmilieu ging erstmals 1974 durch die Zeitungen, als er Fahrer und Leibwächter zugleich -- den französischen Philosophen Jean-

* Verletzt durch einen Bauchschuß nach dem wiener Anschlag am 21. Dezember 1975 (siehe auch Titelbild).

Paul Sartre gemeinsam mit dem mittlerweile inhaftierten Rechtsanwalt Klaus Croissant vom Stuttgarter Flughafen abholte und zum Baader-Besuch nach Stammheim chauffierte.

Damals war Klein Bürogehilfe in der Anwaltskanzlei der linken Rechtsanwältin Inge Hornischer, und über sie lernte er auch einen ihrer Freunde kennen: den Atom-Manager Klaus Traube. Zusammen mit anderen besuchte er den Fachmann im Rheinischen, wo Traube für das "Schnelle Brüter"-Projekt in Kalkar zuständig war, traf mit ihm auch mal im Urlaub zusammen und löste später durch seine Teilnahme am Wiener Opec-Anschlag den gesetzwidrigen "Lauschangriff" auf Traube aus -- und damit einen der schwerstwiegenden Rechts- und Verfassungskonflikte der Bundesrepublik. Wie Traube erfuhr auch Klein von allem erstmals aus dem SPIEGEL.

Klaus Traube damals zum SPIEGEL über Klein: "Er war ein sehr kindlicher Mensch, mit dem man sich gar nicht eigentlich unterhalten konnte ... Ich konnte die Kindlichkeit dieses Menschen, sein etwas pubertäres Wesen, geistig nicht in Zusammenhang bringen mit einer Gefährlichkeit, wie sie sich später herausgestellt hat."

Einmal Gefährlichkeit zu demonstrieren war dem Frankfurter Klein dann auch schon genug. Beim Opec-Anschlag, seiner "Feuertaufe", wurde er selber durch einen Bauchschuß lebensgefährlich verletzt. Zu einer Not-Operation wurde er ins Wiener Allgemeine Krankenhaus gebracht und identifiziert, bevor ihn "Carlos" und seine Tatgenossen auf einer Bahre mit in das Flugzeug nahmen, mit dem sie dann die Erdölminister als Geiseln entführten.

Seine Schußverletzung sieht Klein heute fast als persönlichen Glücksfall an. Er konnte sie gegenüber den Untergrund-Genossen immer wieder hervorkehren, wenn er sich aus weiteren Terroraktionen heraushalten wollte, und sie bot ihm schließlich Gelegenheit, das riskante Manöver seines Absprungs vorzubereiten.


DER SPIEGEL 32/1978
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