03.07.1978

Zunge zügeln

Die WM-Blamage des Fußball-Bundestrainers Helmut Schön und seiner Mannschaft stärkte die Macht eines Drahtziehers: Verbandspräsident Hermann Neuberger. „Ich bin für dieses Amt geboren.“ Neuberger über Neuberger
Kaum einer mag ihn, der nichts von ihm zu erwarten hat: aber vielen ist cr unentbehrlich. Multifunktionär Hermann Neuberger, 58, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), kehrt als einziger deutscher Sieger von der WM in Argentinien zurück.
Fans und Fachleute ulkten und höhnten über die Fehlleistungen der deutschen Mannschaft und ihres Bundestrainers Helmut Schön. Ihr Chef Neuberger nahm währenddessen in der Ehrenloge des River Plate Stadions in Buenos Aires. nicht weit von Argentiniens Staatspräsident Jorge Rafael Videla placiert, Lob und Dank wie einen fälligen Tribut entgegen.
Wie schon 1974 hatte er auch in Argentinien die WM als Organisationschef gerichtet. An der "vorzüglichen" Vorbereitung habe Neuberger "ein Hauptverdienst", feierte ihn der brasilianische Präsident des Fußballweltverbandes Fifa, Joao Havelange.
Neuberger darf die WM-Organisation, das gilt augenzwinkernd als abgemacht, 1982 in Spanien abermals in die Hand nehmen. Die sportliche Pleite seiner Mannen ebnet ihm den Weg zu noch mehr Macht: 1982 räumt Havelange seinen Platz für den designierten Nachfolger, den Italiener Dr. Artemio Franchi.
Dessen Posten als Präsident des Europäischen Fußball-Verbandes (UEFA), der einflußreichsten Fifa-Macht, steuert Neuberger nun mit guten Chancen an. Wäre die bundesdeutsche Mannschaft wieder Weltmeister geworden, hätte sich Fußball-Karrierist Neuberger bei den vereinigten Fußball-Europäern keine Hoffnungen ausrechnen können.
So aber geht der Aufstieg des Saarländischen Journalisten unaufhaltsam weiter. Sein manischer Drang, Pöstchen zu scheffeln, um Pöstchen vergeben zu können, wird gestillt. An der Spitze seiner Saar-Seilschaft, andere nennen sie die Saar-Mafia, übernahm der Vorsitzende des 1. FC Saarbrücken, des Saarländischen Fußballverbandes, des Landessportbundes, Direktor des Saarland-Sporttotos, Geschäftsführer der Saarland-Spielbank die Macht in der Frankfurter DFB-Zentrale. Vize Neuberger wurde 1974 ohne Gegenkandidat Präsident.
Schön stieg vom saarländischen Verbandstrainer zum Bundestrainer auf, sein Nachfolger Jupp Derwall kletterte ihm nach. Der Arzt der Nationalmannschaft, Professor Dr. Heinrich Hess, praktiziert in Homburg, Neubergers Heimatrevier. Der Fahrer des Mannschaftsbusses ist Saarländer. Und als der DFB für die WM '74 ein werbeträchtiges Maskottchen suchte, fand er "Tip und Tap". Das Honorar floß an einen Mitarbeiter des Saartotos.
Selbst im Deutschen Sportbund (DSB), der Dachorganisation des bundesdeutschen Sports, fuhrwerkt der Mann mit der Stupsnase herum. Mit dem DFB-Stimmenpaket drückte Neuberger, dem "FAZ"-Herausgeber und Fußballfan Joachim Fest "persönlichen Machthunger" und "autoritären Stil" nachsagt, im Namen seines Verbandes den damaligen NRW-Innenminister Willy Weyer bei der Wahl zum DSB-Präsidenten beiseite und den Turner Dr. Wilhelm Kregel ins Amt. Vier Jahre später ließ der DFB Kregel wieder fallen und inthronisierte Weyer.
Bis in Staat und Städte reicht der lange Arm des DEB. Vor der WM 74 setzte er durch, daß die Kommunen für acht WM-Stadien 150 Millionen Mark investierten. Wer sich weigerte wie die Kölner, an dem ging die WM vorbei.
Wer Neubergers Maximen von Sauberkeit und Ordnung in Verein und Verband folgt, dem garantiert der DFB beamtengleiches Wohlergehen. Wer sich den Befehlen des Saarbrückener Mini-Napoleons widersetzt, muß mit Relegation auf Lebenszeit rechnen.
Horst Gregorio Canellas, einst Vorsitzender der Offenbacher Kickers, der den Bundesliga-Skandal mit Bestechung, Spielmanipulation und Meineiden aufgedeckt hatte, blieb für immer im Verschiß -- "gesperrt", wie es in der DFB-Amtssprache heißt.
Zur angemaßten Unfehlbarkeit paßt es, daß der frühere Nationalspieler Günter Netzer in Argentinien vom "Geheimtraining" ausgesperrt, der Besuch des Obersten Rudel am selben Tag dagegen hochgemut gerechtfertigt wird.
Die glücklose Nationalmannschaft ließ der Vereinsmeier nach seinem Gusto schneidern. "Die Einflußnahme besteht darin", verdeutlichte er, "daß ich als Präsident direkter Vorgesetzter des DFB-Lehrstabes bin, also auch des Bundestrainers." Der Stuttgarter Spieler Hansi Müller durfte in Argentinien spielen, obwohl er kein einziges Vorbereitungsspiel ganz bestritten hatte, ein Merkmal, das Neuberger ausreichte, den erfolgreichen Beckenbauer auszuschließen. Uli Stielike, inzwischen Spielmacher beim spanischen Meister Real Madrid, blieb als Auswanderer draußen vor der Tür. Weltmeister Paul Breitner motzte sich zur persona non grata. "Mit dem hätte man reden können", urteilte der Wiener Trainer Max Merkel.
Der spieltüchtigste Mittelfeldspieler der vergangenen Bundesliga-Spielzeit, Jürgen Grabowski, hätte seinen Rücktrittsbeschluß wohl umgestoßen, falls auch Beckenbauer aufgeboten worden wäre. Doch den mochte Neuberger nicht, weil er zu Cosmos New York abgewandert war. Als Alibi diente Neuberger die verständliche Weigerung von Cosmos, ihren Star für Vorbereitungsspiele freizugeben. Beckenbauer über Neuberger: "Mir gegenüber leidet der an Verfolgungswahn."
Der Zusammenbruch kam zwangsläufig für eine Mannschaft ohne Kopf und anerkannten Kapitän. Denn Schön hielt an dem braven und fleißigen Berti Vogts fest, der stets das tat, was nach seiner und Neubergers Meinung von ihm erwartet wurde. Als ihm Kritiker vorwarfen, er verhalte sich zu still, begann er auf dem Spielfeld zu brüllen. Bald schrien sich alle Deutschen gegenseitig an.
Ein "System der Entmündigung" ("FAZ"), das der Mannschaft alles bis zur Farbe von Socken und Pullovern vorschrieb, ließ Kopfnicker und Jasager übrig. Bei der Rivalität nahezu gleichwertiger Spieler "kann es sich keiner leisten, etwas zu sagen", verriet Weltmeister Bernd Hölzenbein. "Bisher hat nur einer versucht, das zu ändern", zürnte Hölzenbein, "und der ist ja nimmer dabei." Er meinte Breitner.
"Freie Meinungsäußerung", meint Neuberger, "hat ja mit einer zügellosen Kritik überhaupt nichts zu tun." Schließlich, mahnt der Präsident, verdiene ein Nationalspieler "250 000 bis 300 000 Mark im Jahr, auch damit er weiß, halt, es wäre sicher gut. du würdest deine Zunge etwas zügeln". "Genau so macht man graue Mäuse", schlußfolgerte die "Süddeutsche", "angepaßte Befehlsempfänger, die zur Improvisation nicht fähig sind." Ebenso stümperten die Deutschen. Kritik brach über sie, ihren Bundestrainer, über Neuberger und den DFB wie ein Wirbelsturm herein.
Noch während der WM-Parade sattelte der Präsident vorlaut um. Neuberger schwenkte an die Spitze der Kritiker, schmähte das lasche Schön-Training und kündigte Reformen an. "Mehr Kommunikation" mit den Bundesligavereinen soll den Bundesfußball wieder zum Rollen bringen, und überhaupt müsse sich alles ändern.
Auf Bundestrainer Schön folgt nun ein Gespann. Für die Nationalmannschaft ist zwar Derwall verantwortlich, aber seine Co-Trainer Erich Ribbeck und Dietrich Weise unterstehen nicht ihm, sondern Neuberger. Bei Konflikten will der vielbeschäftigte Präsident schlichten und entscheiden.
"Kicker"-Chefredakteur Karl-Heinz Heimann äußerte den Verdacht, "daß die Leute, die heute von einem Trainerkollektiv reden", ganz anderes im Sinne hätten: "die leichtere Möglichkeit, von außen stärker in die Belange der Nationalmannschaft hineinregieren zu können".
Mag die Nationalmannschaft sich auch im Mittelmaß einrichten, dem DFB und seinem Präsidenten tut das keinen Abbruch.
Sogar die WM-Pleite trug Gewinn ein: Sie ersparte dem DFB 800 000 Mark an ausgelobten Prämien. Neuberger: "Ich habe dem DFB schon einige Millionen verdient."

DER SPIEGEL 27/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zunge zügeln

Video 01:34

Besondere Begegnung Orcas umringen Taucher

  • Video "Hambacher Forst: Wir brauchen diese Wälder" Video 00:53
    Hambacher Forst: "Wir brauchen diese Wälder"
  • Video "Geologische Kuriosität in Kalifornien: Schlammgeysir bedroht Bahnstrecke" Video 01:21
    Geologische Kuriosität in Kalifornien: Schlammgeysir bedroht Bahnstrecke
  • Video "Hambacher Forst: Ein Tagebau, so groß wie eine Ostseeinsel" Video 00:50
    Hambacher Forst: Ein Tagebau, so groß wie eine Ostseeinsel
  • Video "Unglück in Genua: Feuerwehr fährt letzten Lkw von Brückenruine" Video 00:36
    Unglück in Genua: Feuerwehr fährt letzten Lkw von Brückenruine
  • Video "Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding" Video 13:02
    Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding
  • Video "Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!" Video 03:20
    Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!
  • Video "Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars" Video 01:44
    Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars
  • Video "Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine" Video 01:48
    Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine
  • Video "Rückkehr ins zerstörte Paradise: Das schmerzt am meisten" Video 02:41
    Rückkehr ins zerstörte Paradise: "Das schmerzt am meisten"
  • Video "(Fast) keine Hindernisse mehr: Vierrad-Rollstuhl fürs Gelände" Video 01:08
    (Fast) keine Hindernisse mehr: Vierrad-Rollstuhl fürs Gelände
  • Video "Filmstarts: Spürst du das auch?" Video 08:20
    Filmstarts: "Spürst du das auch?"
  • Video "Videoanalyse zur neuen CDU-Chefin: Gefahr einer Spaltung der Partei ist real" Video 03:50
    Videoanalyse zur neuen CDU-Chefin: "Gefahr einer Spaltung der Partei ist real"
  • Video "Extreme Kälte in China: Die Schneekünstler von Mohe" Video 01:32
    Extreme Kälte in China: Die Schneekünstler von Mohe
  • Video "SpaceX-Rückkehr von der ISS: Wie die Rakete sich einen Notlandeplatz suchte" Video 03:07
    SpaceX-Rückkehr von der ISS: Wie die Rakete sich einen Notlandeplatz suchte
  • Video "Merkels Abschiedsrede: Wir werden all unsere Kraft brauchen" Video 01:48
    Merkels Abschiedsrede: "Wir werden all unsere Kraft brauchen"
  • Video "Besondere Begegnung: Orcas umringen Taucher" Video 01:34
    Besondere Begegnung: Orcas umringen Taucher