21.08.1978

Terrorismus: Die Atempause geht zu Ende

Nach dem Anschlag auf das Generalkonsulat in Chicago fürchtet Bonn eine Eskalation der Gewalt auf deutschem Boden. Die Anzeichen mehren sich, daß Terroristen wieder aktiv werden. Dadurch könnte Bundeskanzler Schmidts Konzept, die Landtagswahlen in Hessen und Bayern durch Sachinitiativen zu beeinflussen, durchkreuzt werden.
Von seinem Urlaubsquartier am Brahmsee bot sich Helmut Schmidt als der bewährte Krisenkanzler an. Kurz nachdem zwei Kroaten das deutsche Generalkonsulat in Chicago besetzt und acht Geiseln genommen hatten, rief er am vergangenen Donnerstagabend bei Vizekanzler und Außenminister Hans-Dietrich Genscher an: Ob er nach Bonn kommen und das Kommando übernehmen solle? Genscher winkte ab: "Das ist heute abend noch nicht nötig."
Der ehemalige Polizeiminister wollte sich die Chance nicht entgehen lassen, einmal selber eine transkontinentale Kriminalaktion zu dirigieren. In der Vergangenheit, beim Attentat auf die Stockholmer Botschaft, bei der Schleyer-Entführung oder beim Geisel-Drama in Mogadischu. war für den Freidemokraten immer nur die Rolle des Hilfssheriffs hinter Schmidt geblieben.
Diesmal aber wurde sein Auswärtiges Amt zur Schaltzentrale, und Genscher ließ die Drähte spielen. Von Bundesinnenminister Gerbart Baum bis hin zur nordrhein-westfälischen Justizministerin Inge Donnepp beorderte er Vertreter aller einschlägigen Ressorts in seine Chef-Suite am Rhein.
Aus dem Lagezentrum des AA schalteten Genscher-Beamte eine Dauerverbindung zu dem Gesandten Niels Hansen, der in Chicago vier Stockwerke unter dem besetzten Konsulat Posten bezogen hatte. Der Minister telephonierte außerdem mehrmals mit seinem US-Kollegen Cyrus Vance und hielt auch den Kanzler fernmündlich auf dem laufenden. Für seine Krisenrunde gab er die Losung aus: "Das muß ausgesessen werden."
Jäh war die Ferienruhe der schläfrigen Bundeshauptstadt dahin. In Bonn geht seit dem Anschlag von Chicago die Angst vor neuem Terror um, die Furcht vor einem beißen, womöglich blutigen Herbst gewinnt neue Dimensionen. Der Alptraum der Sicherheitsexperten: Westdeutschland könne zum Schauplatz einer Terrorwelle von noch größerer Brutalität als bisher werden, mit neuen Akteuren nicht nur aus der bisherigen Anarcho-Szene, sondern auch vom rechten Rand.
Nationalistische Kroaten, die, wie in Chicago, ihren Landsmann Josip Stipe Bilandzic aus Kölner Auslieferungshaft freipressen wollten, und radikale Neonazis hätten, so die Sorge in Kanzleramt und Innenministerium, allzugut von den Linksextremisten gelernt und könnten künftig ebenso heftig mit Mord und Totschlag die Staatsgewalt herausfordern.,, Die Bundesregierung hat eine erste Kostprobe bekommen warnt ein Bonner Kriminalist, "was geschieht, wenn Bilandzic ausgeliefert wird."
Das Gangster-Stück von Chicago hatte am Donnerstag um 9.30 Uhr Ortszeit -- in Bonn war es 16.30 Uhr
begonnen, als zwei Herren im Generalkonsulat an der South Michigan Avenue 104 vorsprachen -- vorgeblich um ein Anliegen zu unterbreiten. Kaum hatte der Vertreter des Konsuls, Kanzler Werner Ickstadt, die Besucher in sein Zimmer gelassen, bedrohte ihn der eine mit der Pistole, der andere plazierte eine Bombe unter dem Stuhl des Diplomaten. Vergebens schrie Ickstadt um Hilfe; mit ihren Waffen hielten die Eindringlinge die übrigen sieben Bediensteten und einen Besucher in Schach.
Die Forderung der Geiselnehmer, Bilandzic freizulassen, meldete Ickstadt per Telephon ans Bonner AA. Sicherheitsbeauftragter Erich Hornberger alarmierte sofort die Spitze seines Hauses -- Genscher schaute gerade in Aachen den Weltmeisterschaften im Springreiten zu.
In der eilig zusammengerufenen Krisenrunde stand von vornherein fest, der Erpressung dürfe nicht nachgegeben werden. Und alsbald war klar, daß eigentlich nur einer der Bonner Regierung aus der Bredouille helfen konnte: Häftling Bilandzic. Er sollte die Terroristen in Chicago zur Aufgabe bewegen. Doch der Kroate spielte zunächst nicht mit.
Als ihn die Verwaltung der Strafanstalt am Abend mit seinen Landsleuten im Generalkonsulat verband, forderte er sie keineswegs auf, das Unternehmen abzubrechen. Bilandzic: "Ich glaube, die Deutschen liefern mich aus. Ich traue den Deutschen nicht."
Irritiert überlegte die Genscher-Runde, wie der Jugoslawe umzustimmen sei. Innenminister Baum wußte weiter: Er ließ sich mit einem der Bilandzic Verteidiger verbinden, dem Kölner Anwalt Fritz Feller, den er schon seit langem kennt. Der Jurist war rasch zu überzeugen.
Baums Argumente: Wenn Bilandzic sich nicht von den Geiselnehmern distanziere, bestätige er nur den Verdacht seiner Komplizenschaft mit einer terroristischen Vereinigung. Überdies sei die Auslieferung des Jugoslawen an die Belgrader Regierung noch längst nicht beschlossene Sache, zumal die Karlsruher Richter am selben Tag seine Verfassungsbeschwerde gegen eine Abschiebung für zulässig erklärt hatten.
Ein Blutbad, so der Innenminister eindringlich, werde Bilandzic alle Sympathien in der deutschen Bevölkerung kosten. Doch Feller konnte seinen Mandanten noch nicht zur Kollaboration gewinnen.
Die Situation schien sich eher zu verschlimmern. Die Bonner erfuhren, daß Bruder Ivan Bilandzic und ein Anwalt, Helmut Rosebrock, plötzlich in Chicago am Tatort aufgetaucht waren. Sogleich kam den Krisenmanagern der böse Verdacht, die Erpressung sei in Absprache mit Häftling Bilandzic inszeniert.
Doch trotz des seltsamen Zusammentreffens bestätigte sich der Argwohn nicht. Beide Anwälte trugen entscheidend zur Wende bei:
In Chicago verhandelte Rosebrock, unterstützt von Bruder Ivan, dem FBI und einem Priester, durch die geschlossene Tür mit den Tätern. Im Ossendorfer Knast brachte Feller seinen Mandanten schließlich in mühseliger Diskussion zur Einsicht.
Innenminister Baum schaltete sich außerdem in die Bemühungen der Verteidiger ein und sprach am Telephon mit beiden Brüdern. Der Minister machte zwar keine Zusagen. Aber die Bilandzic verloren allmählich ihr Mißtrauen, wußten sie doch, daß Baum sich der Auslieferung widersetzt.
Um 1.35 Uhr MEZ am Freitag früh endlich war es soweit: Bilandzic forderte seine Gesinnungsfreunde zur Kapitulation auf. Punkt 2.02 Uhr meldete der Gesandte Hansen aus Chicago: "Alles ist vorbei."
Nichts ist vorbei. Vielmehr spricht manches für die Annahme, die Atempause nach der Schleyer-Entführung gehe zu Ende. Seit längerer Zeit mehren sich die Anzeichen, daß RAF-Anarchisten neue Aktionen in der Bundesrepublik planen.
Zwar war ihnen zunächst der Boden in der Bundesrepublik zu heiß geworden, und so zogen sie ihre Runden außerhalb der westdeutschen Grenzen. In Prag, Warschau, Wien, Belgrad und Paris wurden eindeutige Spuren der Terroristen entdeckt. Aber inzwischen scheinen sie einzeln oder in Gruppen wieder in die Bundesrepublik einzusickern.
Bonns Sicherheitsbehörden sehen die Terroristen in Zugzwang: Nach der Festnahme zentraler Figuren aus der Szene in Frankreich, Bulgarien und Jugoslawien müssen sie beweisen, daß sie noch aktionsfähig sind. Die Jahrestage der Schleyer-Entführung und der Selbstmorde in Stammheim rücken näher -- die Neigung der Terroristen, makabre Jubiläen auf ihre Weise zu begehen, schürt noch die Nervosität der Fahnder.
Dabei deutet alles auf eine Eskalation des Schreckens. Neue Geiselnahmen gelten als ebenso wahrscheinlich wie Morde aus dem Hinterhalt, gezielte Todesschüsse auf prominente Politiker, Spitzenbeamte oder einflußreiche Wirtschaftsführer.
Unter diesem Druck treiben die Sicherheitsbehörden die Vorbeugung bis ins Groteske: Ein unbemannter Polizeipanzer parkte monatelang zur Abschreckung vor der Bonner Wohnung von Franz Josef Strauß; die Body-Guards zeigen sich mit Maschinenwaffen, die im Passantengewühl nicht zu benutzen sind; die Bewacher ranghoher Politiker werden immer zahlreicher, weil ein Teil der Polizisten die eigenen Kollegen schützen soll -- als Leibwache der Leibwächter.
Doch oft löst die Einsicht, daß es keinen totalen Schutz gibt, bei den Bedrohten auch Fatalismus aus. Horst Herold etwa, BKA-Chef, ist überzeugt: "Ich bin der nächste." Generalbundesanwalt Kurt Rebmann hat schon mehrfach in Interviews kundgetan, mit ihm könne es bald ein gewaltsames
* Am vergangenen Donnerstag mit Tochter Julia im Kölner Stadtwald.
Ende nehmen. Kanzler Schmidt weiß ebenso wie Oppositionschef Helmut Kohl oder der Rechtshesse Alfred Dregger, daß ihre Namen ganz oben auf den Todeslisten stehen.
Als Hinrichtungskandidat war auch Jürgen Möllemann, Verteidigungsexperte der FDP, gemeinsam mit zwei Bundeswehrgeneralen in einer Liste benannt, die Entführer des österreichischen Textilindustriellen Walter Palmers in einer konspirativen Wohnung in Wien hinterlassen hatten. V-Leute des Verfassungsschutzes warnten, Möllemann sei ernsthaft gefährdet.
Vor wenigen Wochen nahm die italienische Polizei ein Pärchen aus der Bundesrepublik fest, das offenkundig Möllemann samt Familie im Urlaubsort Terracina observierte. Schon kurz darauf setzten sich in Rom deutsche Anwälte, laut Polizei aus dem linken Milieu, für das Duo ein.
Eine neue Terrorwelle würde einen Wettersturz im politischen Klima der Bundesrepublik bewirken. Alle Pläne der Sozialliberalen beispielsweise, durch Themenvorgabe aus Bonn die anstehenden wichtigen Landtagswahlen in Hessen und Bayern in den Griff zu bekommen, könnten von heute auf morgen Makulatur werden.
Welche Ruhe und Gelassenheit hatte Bundeskanzler Schmidt noch ausgestrahlt, als er seine sozialdemokratischen Ressortchefs vor Urlaubsantritt um sich versammelte und ihnen jede Zukunftsangst auszureden versuchte. "Laßt euch nicht verrückt machen", mahnte er seine Jünger, "was wir hier heute leisten, kann sich sehen lassen, und das kann man mit Selbstbewußtsein vertreten."
Die Planung für September: eine Umweltschutz-Offensive gegen die "Grünen" (siehe Seite 30) und eine glanzvolle Selbstdarstellung der Bundesregierung in der Haushaltsdebatte, um die Erinnerung an Schmidts erfolgreiche Sommerdiplomatie und die Beschlusse zur Steuererleichterung aufzuwärmen.
Die Geiselnahme in Chicago aber hat den Bonnern wieder einmal gezeigt, wie wenig politisches Kalkül wert ist, wenn Terroristen zuschlagen.
Dennoch: Die Profis in den Parteizentralen versuchen kaltschnäuzig, selbst Gewalttaten zu einer berechenbaren Größe im Kampf um Wählerstimmen zu machen. Und jede Seite hofft, aus dem Schlimmsten das Beste machen zu können.
Die Sozialdemokraten setzen darauf, das Volk werde sich erneut hinter Helmut Schmidt, den Helden von Mogadischu, scharen. Die Union vertraut den Demoskopen, die ihr seit eh und je signalisieren, die Mehrheit der Bürger halte sie für den besten Garanten der Sicherheit.
Am weitesten wagten sich schon Planer der CDU-Zentrale vor: Sollte einer der führenden Bonner Politiker, egal aus welcher der vier Bundestagsparteien, einem Anschlag zum Opfer fallen, müßten die Demokraten in der Stunde der Not zusammenstehen.
SPD und FDP sollten dann die Macht mit der Union teilen -- in einer Allparteienregierung.

DER SPIEGEL 34/1978
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