21.08.1978

KROATENErschlage jeden

Drei Millionen Kroaten leben außerhalb Jugoslawiens. Eine Auslieferung des einsitzenden Kroaten Bilandzic käme „einer Weltkriegserklärung an die Bundesrepublik“ gleich.
Jugoslawien muß zerstört werden -mit Hilfe von Russen oder Amerikanern, von Kommunisten, Nichtkommunisten und Antikommunisten, mit Hilfe eines jeden, der cs auch zerstören will. Zerstören mit der Dialektik des Wortes oder mit Dynamit, aber bedingungslos zerstören. Denn wenn es einen Staat gibt, der keine Existenzberechtigung hat, ist dies Jugoslawien."
Das proklamierte vor zwei Jahren der kroatische Faschist Luburic im spanischen Exil, und das Verbandsblatt "Obrana" der Exil-Organisation "Kroatischer Volkswiderstand" druckte es nach. Luburic ist inzwischen ermordet, der Volkswiderstand-Verein in der Bundesrepublik verboten, dessen Funktionär Stipe Bilandzic, 39, in Köln in Auslieferungshaft.
Die Organisation des Stipe Bilandzic hatte rund ein Dutzend Mitglieder -- nahezu nichts bei 390 000 jugoslawischen Gastarbeitern in der Bundesrepublik, von denen die meisten aus dem Bundesland Kroatien kommen und dahin auch wieder zurück wollen.
Einige zehntausend Emigranten in der Bundesrepublik haben sich im überparteilichen "Kroatischen Nationalrat"
Kroatischen Bauernpartei" vereinigt -beides friedliche Debattier-Klubs. Einige hundert aber kämpfen für einen unabhängigen kroatischen Staat in radikalen Bünden vergleichbar dem "Volkswiderstand", den im Mai der BGH als terroristische Vereinigung eingestuft hat.
Bislang blieb den Radikalen Massenwirkung versagt. Wird Widerständler Bilandzic jedoch an Jugoslawien ausgeliefert, ist ihm die Rolle eines Märtyrers der Kroaten weltweit gewiß -- das sagen Kenner der Kroaten-Szene.
Denn in Kroatien leben nur 4,5 Millionen Kroaten, drei Millionen aber im Ausland. Die aktive Gemeinde in den USA stellt beispielsweise den Gouverneur von Minnesota, der seinen Gästen auch heute noch kroatische Sarma serviert -- fleischgefüllte Krautröllchen -, ferner in Cleveland den jüngsten Bürgermeister einer US-Großstadt, 31 ("Slawe bin ich geblieben"), und auch den Bürgermeister vom Ort der jüngsten Geiselnahme, Chicago. Er heißt auch Bilandzic und stammt womöglich aus derselben Bosniaker-Sippe wie der Häftling in Köln.
Die Radikalen der Kroaten-Internationale wollen sich den eigenen Staat erbomben, notfalls in selbstmörderischen Aktionen. "Erschlage jeden, der dies durch den Verrat an seinem Volk verdient hat", heißt es im US-Blatt "Horvatska Borba".
19 Terroristen aus Australien, wo 300 000 Kroaten leben, und aus der Bundesrepublik marschierten als Kampfgruppe durch den bosnischen Karst. Ein anderer erschoß den jugoslawischen Botschafter in Stockholm, wurde festgenommen und per Kidnapping einer SAS-Maschine durch Kampfgenossen freigepreßt.
US-Kroaten -- unter ihnen eine angeheiratete Deutsche -- entführten eine Linienmaschine auf dem Flug von New York nach Chicago, um sie nach Kroatien zu dirigieren und über einer im Freien tagenden Kirchenversammlung Flugblätter abzuwerfen. Die Entführer sitzen in den USA ein.
Zu Deutschland fühlen sich kroatische Nationalisten besonders hingezogen, weil unter deutschem Protektorat im Zweiten Weltkrieg der Traum vom eigenen Staat verwirklicht wurde: auf Kosten dort lebender und blutig unterdrückter Serben, die sich nach 1945 rächten.
In der Bundesrepublik, die ihnen vertraut antikommunistisch erschien, gingen auch einige zu den Ultras über, die -- wie Bilandzic -- 1945 erst sechs Jahre alt gewesen waren. Die Radikalen trugen auf westdeutschem Territorium einen mörderischen Untergrundkrieg mit dem jugoslawischen Staatssicherheitsdienst aus.
Die Kroaten zählen 20 Tote durch angebliche Anschläge jugoslawischer Geheimagenten; bei einigen Opfern konnten deutsche Strafverfolgungsbehörden tatsächlich ermitteln, daß die Täter sich nach Jugoslawien abgesetzt hatten.
Die letzte große Aktion der Terroristen wiederum war der Sturm auf die jugoslawische Mission in Mehlem vor 16 Jahren, wobei der Hausmeister den Tod fand. Auch Bilandzic, damals 24, war dabei und büßte mit drei Jahren Gefängnis.
Eingeweihte halten den Kroaten-Angriff für ein Ablenkungsmanöver: Das wirkliche Ziel sei das Geheimarchiv der Botschaft mit Unterlagen über einen jugoslawischen Spionagering gegen die Nato gewesen. Viele Tito-Agenten sollen damals aus Westeuropa geflüchtet sein. Damit erkläre sich auch Belgrads Interesse an Bilandzic, der das geräumte Archiv angezündet hatte.
Die Motive der späteren Kroaten-Schläge sind weniger klar. Bei einem wurde drei Jahre nach Mehlem in Meersburg der Vizekonsul Klaric verwundet. Der war offenbar ein Agent, er trug zwei Pistolen, im Kofferraum seines Wagens fanden sieh gefälschte Auto-Kennzeichen. Der Täter kam ins Gefängnis.
Ein Jahr darauf erschoß der Gastarbeiter Goreta im Stuttgarter "Kellerbräu" einen jugoslawischen Konsul, der ihn, so Goreta, als Killer von drei Exilkroaten hatte anheuern wollen. Goreta bekam zehn Jahre Gefängnis, die drei Emigranten wurden trotzdem ermordet.
1969 wurde ein Anschlag auf Jugoslawiens Berliner Missionschef Kolendic verübt. Der Betroffene macht heute -- seltsamerweise -- die Berliner Caritas dafür verantwortlich. Von Mörderhand starb 1976 der jugoslawische Vizekonsul in Frankfurt, Zdovc. Die Hintergründe sind völlig ungeklärt; der wichtigste Zeuge hat sich nach Jugoslawien abgesetzt.
Ebenfalls vor zwei Jahren schossen Kroaten auf den Düsseldorfer Vizekonsul Tropic, verfehlten jedoch ihr Ziel. Zwei der Täter sitzen ein, ein dritter, der geistige Urheber, ist laut Oberlandesgericht Köln womöglich Bilandzic, der zur Tatzeit in Spanien weilte.
Die deutsche Polizei freilich hatte ihm bisher nichts nachweisen können: Ihr fehlte das Material, das die jugoslawischen Behörden jetzt dem Kölner OLG für den Auslieferungsentscheid zugeleitet haben
Wird er seinen Todfeinden überstellt, ist es mit der Liebe der Kroaten zu den Deutschen vorbei, warnte der gut informierte Kroaten-Betreuer Milan Ilinic in München: "Für die gesamte kroatische Emigration wurde die Auslieferung zu einer Prinzipienfrage. Dagegen sind alle Kroaten, ob Exil-Kroaten oder Gastarbeiter. Eine Auslieferung dürfte einer Weltkriegserklärung an die Bundesrepublik gleichkommen.
Dann helfen sie auch nicht mehr der deutschen Polizei. Für die Festnahme ihres Landsmannes Josip Jerkovic etwa kam ein Tip von Kroaten -- sie verprügelten ihn. Jerkovic hatte bei einer Demonstration ein Transparent getragen: Für jeden ausgelieferten Kroaten zwei deutsche Polizisten."

DER SPIEGEL 34/1978
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