21.08.1978

Sabotage vom Knallfrosch bis zum Hijacking

SPIEGEL-Report über Entstehung und Entwicklung der ,Revolutionären Zellen"

Zur wichtigsten Erscheinungsform des westdeutschen Terrorismus haben sich die "Revolutionären Zellen" entwickelt, über die Opec-Attentäter Klein im SPIEGEL berichtete. Nach mehr als 50 Anschlagen der Sprengstoff-Brigaden hat die Polizei eine erste heiße Spur: Ein Bombenbastler in Heidelberg sprengte sich aus Versehen selber in die Luft und wurde schwer verletzt. Seine Notizen führen zu Waffenlagern in deutschen Wäldern.

In Krefeld brach am Morgen Feuer im Keller des Rathauses aus. Abends ging unter der Sammelnummer der Stadtverwaltung ein anonymer Anruf ein: "Dies ist eine Mitteilung der Revolutionären Zelle, Pioniergruppe Krefeld. Die Brände im Rathaus waren nur eine Warnung. Der revolutionäre Kampf hat erst begonnen. Wer die sozial Schwachen benachteiligt und Jugendzentren ablehnt, braucht auch kein Rathaus. Ende der Mitteilung."

In Celle ruderten Unbekannte nachts mit einem Schlauchboot über die Aller und legten einen Sprengsatz an die Mauer der Justizvollzugsanstalt. Die Bombe, mit Hilfe eines 400 Meter langen Sprengkabels gezündet, riß ein 50 Zentimeter großes Loch in die 20 Zentimeter starke Mauer aus Stahlbeton.

In Oldenburg detonierte im Materiallager der Nordwestdeutschen Kraftwerke (NWK) ein Sprengsatz, gebastelt aus einem Sechs-Kilo-Gloria-Feuerlöscher, einem Wecker und Batterien. In Lübeck zerstörte ein Brandsatz im NWK-Verwaltungsgebäude mehrere Buchungsmaschinen, Schaden: 70 000 Mark.

In Augsburg flog ein Mauerstein durch ein Fenster der Justizvollzugsanstalt, darauf eine Stimme am Telephon: "Heute war es nur ein Stein ..."

In Düsseldorf, beim Deutschen Gewerkschaftsbund, Chefbüro, ging in-

* Nach der Explosion eines von Hausmann transportierten Sprengsatzes in Israel fertigte die Polizei, zwecks schneller Identifizierung, nach Zeugenaussagen ein Phantombild (l.) des Getöteten (M.). Photo o. r.: Bombenanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle im Juli 1978; u.: Anschlag im Hauptquartier des 5. US -Corps in Frankfurt/Main im Juni 1976.

dessen Drohpost ein ("Vetter -- 2. Warnung und letzte. Wir kommen bald ...")

Was da -- binnen zweier Wochen im Monat Juli zum Beispiel -- zündelte, bombte und drohte, zählt für Beamte in den Landeskriminalämtern (LKA) "fast immer zur gleichen Feldpostnummer". Die Staatsschützer haben es, sagt Terroristen-Cheffahnder Gerhard Boeden vom Bundeskriminalamt (BKA), mit einer "funktionsfähigen, aber nicht umschreibbaren Gruppierung der Stadtguerilla-Bewegung" zu tun: mit den "Revolutionären Zellen" ("RZ").

Ihre Zahl ist unbekannt, Fachleute schätzen mal "gut ein Dutzend", mal "bis an die fünfzig" regionale Unterzirkel, die mehr oder weniger regelmäßig auf Sabotagetour gehen. Nach offizieller Polizeizählung liegt die Zahl ihrer Anschläge seit 1973 bei 55, die Höhe des angerichteten Schadens bei mehr als 200 Millionen Mark. Ansonsten schweigt sich die Polizei über die "Revolutionären Zellen" aus. "Jedes öffentliche Wort von uns", sagt BKA-Boeden, "wäre zuviel."

Was die Kriminalisten im Interesse der Fahndung nicht sagen mögen oder können, weil sie es nicht wissen, enthüllte wenigstens zum Teil der Wiener "Opec"-Mittäter Hans-Joachim Klein, einst selbst ein Frankfurter "RZ"-Mann, doch nun abgesprungen, vorletzte Woche im SPIEGEL. Danach

* finanzierte zum Beispiel der Hijacking-Spezialist der radikalen Palästinenserorganisation PFLP, Wadie Haddad, die westdeutschen "RZ"-Kader mit monatlich 3000 Dollar Zuschuß;

* leisten westdeutsche "RZ"-Kader nach entsprechender Schulung in Guerilla-Ausbildungslagern "in einem arabischen Land", wohl im Südjemen oder Irak, der PFLP entscheidende logistische Hilfe bei spektakulären Anschlägen und Entführungen.

Laut Klein werden die "Revolutionären Zellen" in der Bundesrepublik "immer noch mächtig unterschätzt". Das hängt einerseits damit zusammen, daß das BKA über die Gruppierungen "und ihre Köpfe lange Zeit nur spärliche Kenntnisse hatte. Denn die Zellen schotten sich konsequenter ah als alle anderen gewalttätigen Anarcho-Gruppierungen.

Andererseits birgt das Etikett "RZ" Terrorismus unterschiedlichster Qualität. So zählen sich auch Terroristen, die mittlerweile zu den Buback-, Ponto- und Schleyer-Mördern gerechnet werden, zu "Revolutionären Zellen". Dann wiederum erweist sich "RZ" als Chiffre für ein buntes Allerlei von Freizeit- und Feierabend-Revolutionären auf jeweils lokaler Ebene, die manchmal nicht mehr als Knallfrösche schmeißen.

Ein Sprengsatz fürs argentinische Konsulat ging vorzeitig hoch.

Es ist noch die harmloseste der vielfältigen "RZ"-Aktivitäten, wenn etwa Vertreter der Energiewirtschaft nichtbestellte Waschmaschinen, Teppiche, komplette Küchen oder Särge ins Haus geliefert bekommen. Typisch dabei: die Vorsicht und die Verschlagenheit, mit der die Trupps überall zu Werke gehen -- kontinuierlich seit Jahren in einem eigenartigen, fast religiös anmutenden Eifer.

* Im Einsatz bei einem -- verhinderten -- Sprengstoffanschlag auf den Aachener "Gloria-Palast" im Januar 1977. Der mobile Roboter, ausgerüstet mit Automatikgewehr, Greifarmen und Fernsehkamera, kann Treppen steigen, Türen sprengen, Kofferräume öffnen und Sprengkörper transportieren.

Nur Zufälle brachten die Fahnder bislang auf die eine oder andere Spur, so letzthin im Fall Feiling: Dem Heidelberger Studenten Hermann Josef Feiling, 26 und im 14. Semester (Pädagogik, Germanistik und Philosophie), fehlte offenbar die ruhige Hand, als er am 23. Juni in einem Hinterhaus an der Schneidmühlstraße Sprengladung und Zündeinrichtung einer Bombe auf seinem Schoß zusammenschalten wollte. Die Detonation riß ihm beide Beine weg, Splitter raubten ihm das Augenlicht.

Bei ersten Vernehmungen in der Intensivstation einer chirurgischen Klinik gab Feiling an, er zähle zu einer "fünfköpfigen Gruppe", die sich seit einem Jahr "intensiv mit den Menschenrechtsverletzungen in Argentinien" befaßt habe. Im Mai hatte er mit seiner Freundin und "drei weiteren Personen aus dem Frankfurter Raum" im Königssaal des Heidelberger Schlosses Feuer gelegt (Schaden: 90 000 Mark). Ende Juni wollte er einen Sprengsatz vor das argentinische Konsulat in München legen.

Seine Kompagnons hatten das Zielobjekt im vierten Stock bereits abgeklärt, Feiling die Einzelelemente der Bombe übergeben, einen Bekennerbrief konzipiert, als das Unglück am Vorabend den Plan scheitern ließ. Während die Ärzte sich um das Leben des jungen Mannes mühten, rückten Sicherheitskräfte zum Schutz der Wehrbereichsverwaltung V in Stuttgarts Rotebühlstraße aus; eine detaillierte Skizze dieses Hauses, die sich in Feilings Wohnung fand, legte den Schluß nahe, daß das Bundeswehrobjekt ebenfalls Ziel der "Revolutionären Zellen" sein könnte.

Andere Beamte durchkämmten mit Metallsonden Heidelberger Stadtwälder und orientierten sich dabei an Feiling-Plänen mit exakten Markierungen. Am Bismarckturm wurde die Kripo fündig: Aus dem Erdreich bargen BKA- und LKA-Spezialisten kiloweise Handgranaten, Sprengzünder, Sprengstoff und mehrere tausend Schuß Pistolen- und MP-Munition. Es war das erste einiger Dutzend "Kriegsdepots" der "Revolutionären Zellen", das die Polizei entdeckt hat; weitere Suchaktionen stehen an.

"Stärke von Sonne und Erde, um von allen der Militanteste zu sein."

Auch andere Funde bei Feiling erschlossen den Ermittlern des Stuttgarter Landeskriminalamtes eine Fülle eindeutiger Spuren. Sie erlauben erstmals Einblicke in Logistik und Querverbindungen der "RZ"-Formationen. So deuten sich zum Beispiel Verbindungen Feilings zu einer Gruppe an, die zeitweise in Nordrhein-Westfalen aktiv war -- an ihrer Spitze der Hauptschullehrer Gerhard Albartus und der Diplom-Soziologe Enno Borstelmann, der sich jetzt (nach seiner Heirat) Enno Schwall nennt.

Anfang 1977 waren sie festgenommen worden, nachdem sie im Aachener "Gloria-Palast" mit einem Dreikilo-Sprengsatz die Aufführung des Films "Unternehmen Entebbe" hatten verhindern wollen. Bei Albartus fand die Polizei -- typisch vielleicht für die religiösen Aspekte dieser Sorte Untergrundarbeit, die an das Gebaren der neuen Jugendsekten erinnert -- einen Zettel mit einer "Selbstverpflichtung" des Pädagogen. Text:

Wenn militant sein heißt, daß ich alle Möglichkeiten nütze, daß ich leden möglichen Schritt tue und alle nur möglichen Aktionen, um ein fur allemal die natürliche Lebensweise der Menschen einzuführen, wenn das militant ist, dann bitte ich meinen Vater Sonne und meine Mutter Erde, daß sie mir Leben und Stärke geben, um von allen der Militanteste zu sein.

Der Prozeß gegen Albartus und Schwall vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht (auch wegen Eigentums- und Fälscherdelikten) zieht sich seit Januar hin, die Beweislage ist schwierig. Auch im Rhein-Main-Gebiet, wo Anfang 1976 zwei Bomben im Hauptquartier des 5. US-Corps detonierten, war die Polizei bei der Suche nach den "Revolutionären Zellen" nicht sonderlich vorangekommen. Eine seinerzeit eingeleitete "Aktion Sommerwind" in und um Frankfurt (zwölf Verdächtige) erwies sich als Fehlaktion.

Auch die Recherchen nach weiteren "RZ"-Anschlägen -- etwa auf das Verwaltungsgebäude der MAN in Nürnberg und die Anlagen des Pumpenherstellers KSB in Frankenthal (August 1977), auf Wohnung oder Auto von Frankfurter Straßenbahnfahrern, vermeintlichen Kontrolleuren (Februar 1978), oder die Wohnung des Mainzer SPD-Bürgermeisters Karl Delorme (Juni 1978) -- brachten die Ermittler nicht weiter. Nur eines wurden offenbar: Meist war ein "Isovox"-Wecker der Firma Junghans eines der Bastelelemente, meist eine bestimmte Blockbatterie von "Varta". Wie Wecker, Batterie und chemische Brisanzstoffe zusammen den erwünschten Effekt erzielen, beschreiben wissenschaftlich exakte Bauanleitungen, die in den Zellen kursieren.

Ideologisch im Spektrum der Linken weitgehend isoliert, suchen die Bumser von den "RZ" vor allem "Gegenmacht in kleinen Kernen" zu organisieren. Beim Anwerben ihrer Helfer ("RZ"-Anleitung siehe Kasten Seite 44) setzen sie sich bewußt von der "neuen Zärtlichkeit" der Spontis, der "Betulichkeit fett gewordener Genossen", der "Körnerfresserei linker Makro-Bioten" ab. In Sabotageaktionen gegen Kernkraft-Anlagen, Fahrschein-Automaten, Industrieanlagen, Militärdepots oder Justizgebäude sehen sie "noch am ehesten eine Möglichkeit, den Teufelskreis von Hoffnungslosigkeit und Passivität" in der linken Szene "zu durchbrechen".

Hauptprinzip der weitgefächerten Sabotage ist es, sich nicht erwischen zu lassen. Dem Computer-Kriminalisten Horst Herold, dem Franken an der Spitze des BKA. sandten die "RZ"ler den Gruß: "Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn." Die Abschottung der Zirkel gilt als perfekt. Palästinenser-Hilfe für die Buback-, Ponto-, Schleyer-Mörder.

Zur Ausstattung einer selbständigen Gruppe (sechs bis zehn Mitglieder) gehören jeweils mehrere konspirative Wohnungen in drei weit auseinander liegenden Städten, mindestens zwei bis fünf weitere Ausweichquartiere "bei Unterstützern/ Sympathisanten", ein Haus mit Werkstatt auf dem flachen Land. Hinzu kommen kleine Depots (für eine Kiste, einen Koffer im Keller bei Freunden), ein halbes Dutzend angemieteter Garagen, Stützpunkte im Ausland ("zum Zurückziehen und Ausruhen").

Ein "gemeinsames Zentrum", besetzt "nach dem Delegationsprinzip"' koordiniert in einer Region die jeweiligen Strategien, sammelt Nachrichten, steuert Propagandakampagnen und Diskussionsprozesse in den Untergruppen. Sporadisch erscheint das "RZ"-Organ "Revolutionärer Zorn".

Hat ein Nachwuchs-Revolutionär der "RZ" beim Bombenlegen seine Mutprobe bestanden und als konspirativer Autoanmieter' Kurier und Wohnungsbeschaffer seine Zuverlässigkeit bewiesen, ist er reif für die Phase "Fernes Land". Regelmäßig begeben sich nach den Erkenntnissen westlicher Geheimdienstler Trupps der "Revolutionären Zellen" nach Nahost, um an Guerilla-Kursen in Lagern der Palästinenser-Organisation PFLP im Südjemen und im Irak teilzunehmen.

Die Vier-Wochen-Lehrgänge sind überaus hart, wie Teilnehmer hinterher zu berichten wissen. Der Tag beginnt um 5 Uhr früh mit einer halben Stunde Morgenlauf, einer Stunde politischer Theorie und 90 Minuten Mann-gegen-Mann-Übungen -- mit und ohne Waffen. Vor dem Mittagessen sieht der Lehrplan "Sprengstoff-Theorie" vor, um 15 Uhr beginnt das Waffentraining an Makarow- und Walther-Pistolen, vor allem aber an Kalaschnikow-Gewehren. Zeitzünder basteln, Handgranaten werfen, Minen legen, Detonationen auslösen wird oft bis zur physischen Erschöpfung der Kursanten geübt. "Fast jeder", so eine Teilnehmerin, "wurde während der einzelnen Übungen, die wir machten, an den Beinen verletzt."

Westeuropäische Fremdenlegionäre der PFLP vom Schlage der "RZ"-Kämpfer, die vor allem als Kuriere und Aktivisten für den späteren Einsatz in den europäischen Hauptstädten geschult werden, haben mittlerweile Grund, ihren palästinensischen Führern zu mißtrauen. Denn da wird auch schon mal ein Ahnungsloser in den Tod geschickt -- so der Deutsche Bernd Hausmann, der mit einer Kontrollbeamtin auf dem Ben-Gurion-Flughafen getötet wurde, als er am Flugsteig seine Aktentasche öffnete; von der eingebauten Bombe hatte er nichts gewußt.

Mit Hausmann wie auch mit den "RZ"-Mitgliedern Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, den getöteten Attentätern von Entebbe, erbrachten die westdeutschen "Revolutionären Zellen" der PFLP gegenüber Vorleistungen, die den Chefterroristen Wadie Haddad später zur Beihilfe bei Aktionen auf westdeutschem Boden verpflichteten. Pässe, Waffen, Flugtickets der Buback-, Ponto- und Schleyer-Attentäter stammen aus Palästinenser-Arsenalen.

"RZ"ler, im Irak und im Südjemen gedrillt, knüpften vor und nach den deutschen Anschlägen im vergangenen Jahr das Unterstützernetz. Das BKA hat die "Handschrift" der Fälscherzentrale für Pässe in Bagdad ausgemacht, Beiruter Schlupfwinkel der Schleyer-Attentäter sind geortet, ein potentielles neues Fluchtland ist erkannt.

Vor allem gilt das Augenmerk der Fahnder der "terroristischen Drehscheibe Paris" (BKA), wo "Carlos"' der Venezolaner Ilich Ramirez Sänchez, schon 1975 ein westeuropäisches Logistik-Zentrum der PFLP' in der Rue Toullier, unterhalten hatte, wo einige der Erpresserbriefe der Schleyer-Entführer eingeworfen wurden (Poststempel: "Gare du Nord"), wo vor kurzem erst Palästinenser und Iraker aufeinander schossen,

Heiß wurde die Terroristen-Spur in der französischen Hauptstadt wieder nach der Festnahme von Kristina Berster, 28, die am 16. Juli mit drei Begleitern an der kanadisch-amerikanischen Grenze aufgefallen war. Sie wies sich als "Shahrzad Nobari" mit einem iranischen Reisepaß (Nummer 1 404 817) aus, der vor zwei Jahren, neben anderen Paß-Unterlagen, bei einer spektakulären Besetzung des persischen Generalkonsulats in Genf gestohlen worden war.

Bemerkenswert: Einen dieser insgesamt elf entwendeten iranischen Blankopässe, das Exemplar Nummer 145 057, hatte die Kurierin Marion Folkerts, Schwägerin des in Holland verurteilten Terroristen Knut Folkerts und Ehefrau von dessen in U-Haft sitzendem Bruder Uwe, bei sich, als sie am 25. Mai als die angebliche Perserin Setareh Ghadimi-Navay auf dem Pariser Flughafen Orly gefaßt wurde; Geheimdienstler hatten sie an jenem Tag bei einem konspirativen Treff mit der Berster photographiert.

Vor allem aber: Auch die vier Palästinenser, zwei Männer und zwei Frauen, die während der Schleyer-Erpressung den Jet "Landshut" nach Mogadischu entführt und, bis auf Soraya Ansari, beim Sturmangriff der GSG 9 erschossen wurden, waren mit Pässen

* Zerstörter Hauseingang eines Frankfurter Straßenbahnfahrers, der fälschlich als Kontrolleur ("RZ"-Brief: "Sollen ihren Schweinejob aufgeben") angesehen wurde.

aus derselben Genfer Beute ausgerüstet. Aus diesen und anderen, noch geheimgehaltenen Erkenntnissen folgern die westdeutschen Terroristenfahnder, daß die ehemalige Heidelberger Studentin Berster, einst Mitglied des "Sozialistischen Patientenkollektivs" (SPK), dann lange Zeit abgetaucht, zuletzt für die organisatorische Verknüpfung von PFLP und "RZ" zuständig gewesen sei.

Schon Opec-Mittäter Hans-Joachim Klein und "RZ"-Mann Wilfried Böse, der später in Entebbe getötete Deutsche, hatten ihre Kontakte zum internationalen Terrorismus via Paris geknüpft. Sie konnten sich dort, wie auch später der zeitweilig in Paris untergetauchte RAF-Anwalt Klaus Croissant und Gefolge, auf eine erstaunlich gefestigte Basis französischer Unterstützerringe verlassen.

Diese Unterstützerkreise verhalfen nach Erkenntnissen des französischen Geheimdienstes deutschen Terroristen, die von 1975 bis 1977 aus Heidelberg kamen, zu falschen Papieren und ersten konspirativen Unterkünften. So halfen sie auch der Deutschen Gisela Pohl aus Stuttgart weiter.

Die Rolle dieser früheren Mitarbeiterin in der Croissant-Kanzlei hellte sich erst auf, als die Bundesanwaltschaft im Mai die Räume einer "Fantasia-Druckerei" und einer "Politkommune" in der Stuttgarter Schlosserstraße durchsuchte und daraufhin die Studentinnen Doris Braune und Dorit Christine Brücher, beide 22, verhaften ließ. Sichergestellt wurde ein Brief der beiden, wonach "Fantasia"-Leute die Nachfolge des Croissant-Büros als "Agitations- und Werbezentrale" der RAF übernommen hatten.

Vor allem aber fand die Kripo einen Container -- in Form eines Werbeprospekts mit zwei zusammengeklebten Seiten -, in dem Doris Braune offensichtlich verschlüsselte Nachrichten für Terroristen zu der Konfidentin Pohl nach Paris bringen sollte.

Gisela Pohl gilt denn auch, so die Bundesanwaltschaft, als "wichtigstes Bindeglied zwischen den Terroristen und ihren legal lebenden Unterstützern", seit die früheren Croissant-Mitarbeiter Elisabeth von Dyck, Ralf Friedrich und Christoph Wackernagel abgetaucht waren.

Noch am 4. September 1977, einen Tag vor der Schleyer-Entführung in Köln, wurde Gisela Pohl von Observanten dabei beobachtet, wie sie sich mit den Terroristen Peter Boock (verhaftet am 11. Mai mit drei Komplizen in Jugoslawien) und Stefan Wisniewski (verhaftet am selben Tag auf dem Flughafen Orly) zu letzten Absprachen traf.

Dokumenten-Funde nach Wisniewskis Festnahme wie auch Ermittlungen im Gefolge der Verhaftung der Pfälzer Pfarrerstochter Christine Kuby, 21, am 21. Januar nach einem Schußwechsel mit Polizisten in Hamburg erhellen ebenfalls die Verzahnungen zwischen den palästinensischen Haddad-Kadern in der PFLP und den " Revolutionären Zellen": Wisniewski war nach Zeugenaussagen in einem Guerillero-Camp im Südjemen "Ausbilder für physisches Training" und einer der Vertrauten des Chefterroristen Wadie Haddad, der angeblich vor kurzem in einem Ost-Berliner Krankenhaus gestorben sein soll.

Ein Freund der Kuby aus der Kaiserslauterer Gruppe "Antifaschistischer Kampf", Gert Schneider, und-wahrscheinlich -- sie selber auch nahmen an einem der zahlreichen PFLP-Ausbildungskurse im Irak teil; Schneider wurde dann, mit ganz frischen Visa-Stempeln aus Belgrad und Prag, in Holland verhaftet.

Zumindest Christine Kuby, die ausgebildete Arzthelferin, kann, wie letzthin BKA-Präsident Horst Herold vor dem Bundestags-Innenausschuß erklärte, "eindeutig dem Fall Schleyer" und anderen Terrortaten zugerechnet werden. In der von ihr (Deckname: "M. Klee") angemieteten konspirativen Wohnung Voltmerstraße 45 lebte sie bis in den Oktober hinein, als Mogadischu geschah, mit einer Handvoll Terroristen zusammen. Es waren Genossen teils mit, teils ohne " RZ"-Kaderschulung in nahöstlichen PFLP-Zentren: Silke Maier-Witt, Monika Helbing, Knut Folkerts, Elisabeth von Dyck, Susanne Albrecht, Ingrid Siepmann und andere.

Deutscher Kopf dieser Attentäter -- unter anderem in den Fällen Buback, Ponto und Schleyer -- war nach Ansicht von BKA-Auswertern zuletzt Brigitte Mohnhaupt, 29, einst Zellennachbarin von Gudrun Ensslin, jetzt in Haft in Jugoslawien. Sie war es nach Einschätzung der Fahnder, die nach ihrer Entlassung im Februar 1977 die Restkader der "RZ"-Gruppen Haag (verhaftet), Böse (getötet) und Jörg Lang (verschollen) von Den Haag, Utrecht oder Brüssel aus steuerte.


DER SPIEGEL 34/1978
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