21.08.1978

VERKEHR Empfehlung von All

Ein elektronisches Autobahninformationssystem, das vor Staus warnt und Umleitungen weist, wird im Ruhrgebiet erprobt.
Erst piept es ein paarmal, dann leuchtet das Wort "Stau" auf, und ein Leuchtpfeil im Anzeigegerät über der Armaturentafel weist nach rechts. Aus dem Autoradio tönt derweil Musik, Meldungen zur Verkehrslage liegen offenbar noch nicht vor.
Gleichwohl verläßt der Wagen die Autobahn an der nächsten Abfahrt und folgt den wechselnden Leuchtzeichen, die ihn piepend mal links, mal geradeaus weisen und schließlich zurück zur Autobahn führen: Das Gerät steuert den Fahrer sorgfältig an einem Stau vorbei, der sich gerade gebildet hat.
Was ein Ingenieur der Hildesheimer Blaupunkt-Werke unlängst auf einer kurzen Teststrecke vorführte, soll jetzt im Alltagsverkehr erprobt werden: ein "Autofahrer-Leit- und Informationssystem", Ah abgekürzt, das den Straßenverkehr in der Bundesrepublik revolutionieren könnte.
Ah wurde vom Institut für Nachrichtentechnik und Datenverarbeitung der Technischen Hochschule Aachen entwickelt. Anstoß war, so Projektleiter Wido Kumm, die Erkenntnis, daß "eine Leistungssteigerung des Straßennetzes nur noch mit nachrichtentechnischen Mitteln möglich" sei.
Die Blaupunkt-Werke griffen die Aachener Novität auf, die Forschungsabteilung der Volkswagenwerke beteiligte sich, und nun ermöglicht das Bundesministerium für Forschung und Technologie mit zwölf Millionen Mark einen Großversuch im Ruhrgebiet.
Testfeld sind die Autobahnen zwischen Recklinghausen und Bochum-Witten, zwischen Dortmund-Nordwest und Dortmund-Witten: zwei Nord-Süd-Trassen mit vier Querverbindungen, acht Autobahn-Kreuzen und 31 Abfahrten. Auf der 90 Kilometer laugen Strecke zwischen den Revier-Großstädten herrscht nicht nur zur Rushhour dichter Verkehr, Staus sind dort normal.
An 82 Stellen auf den insgesamt rund 180 Kilometer Fahrbahnen dieses Autobahn- Vierecks wird derzeit eine kleine Rille in den Asphalt geschnitten, das Aachener Ingenieurbüro Heusch-Boesefeldt verlegt in vier Zentimeter Tiefe kleine Induktionsschleifen.
Das für den Betrieb erforderliche Gegenstück ist derzeit in einigen Testwagen von VW und Blaupunkt installiert und soll im kommenden Jahr zur Ausrüstung von insgesamt 400 Wagen im Ruhrgebiet gehören: ein Mini-Bordcomputer mit Sende- und Empfangsteil, Anzeigegerät und einer kurzen Abtast-Antenne unter der Stoßstange. Über die Drahtschleifen in der Fahrbahn ist dann ein Dialog mit einem zentralen Rechner möglich, der in Recklinghausen steht.
Startet ein Ali-Benützer beispielsweise von Castrop-Rauxel mit Ziel Herne, dann drückt er lediglich eine Kennzahl für Herne, die er -- wie beim Telephonieren -- einem Verzeichnis entnehmen kann. Nach dem Tastendruck fragt der Fahrzeugsender ständig die im Abstand von zwei bis acht Kilometern eingelassenen Meßstellen ab, die Zahl und Tempo der darüber hinwegfahrenden Autos registrieren.
Der Zentralcomputer in Recklinghausen ermittelt daraus die Verkehrsdichte, zeigt Staus an oder sagt sie voraus, berechnet die günstigste Umleitung und gibt das Ergebnis -- wieder über die Induktionsschleifen -- an die Anzeige im Auto.
Projektleiter Kumm erklärt, das Angebot von Ah sei "eine Empfehlung, denn die Entscheidung, ob er folgen will oder nicht, bleibt dem einzelnen Empfänger überlassen". In der Blaupunkt-Forschungsabteilung heißt es, ein Stau komme "gar nicht erst zustande" -- was vorerst freilich schiere Hoffnung ist, denn daß das System unerwünschte Nebenwirkungen zeitigt, ist fürs erste nicht auszuschließen.
Vor allem befürchten Experten einen irritierenden Effekt durch die Zunahme des teils automatischen Funk- und Phonogeräts am Armaturenbrett. Schon gibt es immer mehr Radios mit automatischer Verkehrsdurchsage, dazu die vielfach begehrten Cassettenrecorder und, in immer mehr Autos installiert, eine CB-Funkanlage. Nun kommen auch noch die Töne und Zeichen des Ali-Anzeigegerätes hinzu, das nicht nur auf Staus, sondern auf "Nebel", "Glätte" oder "Abstand" hinweisen kann. Ein verwirrender Signal-Salat mithin, wenn das alles zeitgleich oder sich überschneidend durcheinander funkt.
Und wenn dann alle Ali-Benützer den Umleitungsinformationen prompt folgen würden, wären die zur Entlastung angebotenen Bundes- und Landstraßen wohl bald auch überlastet. Andererseits: Routinefahrer, die stets dieselbe Strecke -- etwa zum und vom Arbeitsplatz -- befahren, ändern nur ungern die gewohnte Tour; sie nehmen lieber Engpässe und regelmäßige Staubildung in Kauf. Und ortsunkundige Fahrer wiederum scheuen womöglich vor Umleitungen zurück, deren Ablauf und Länge sie nicht kennen.
Zwar soll das Ah-System so gesteuert werden, daß nur jeder zweite Autofahrer vor einem Stau gewarnt und zur Umleitung animiert wird. Möglich wäre jedoch, daß die angepeilten Fahrer dann doch auf der Autobahn bleiben, gerade weil sie hoffen, daß der Stau dank Ah ausbleibt.
Um sämtliche Auswirkungen des Ah-Einsatzes, die positiven wie die negativen, genau zu erfassen, ist der Großversuch im Ruhrgebiet -- die Projektleitung hat der TÜV Rheinland in Köln -- auf drei Jahre ausgelegt worden. Schon jetzt aber zeigt sich das Bundesverkehrsministerium, das die Parole "Elektronische Verkehrslenkung statt Straßenbau" ausgibt, von dem System angetan.
Würde es bundesweit eingerichtet, so müßten etwa 350 Millionen Mark für die Elektro-Installation und die Computer-Zentren aufgewendet werden -- eher wenig angesichts der Kosten für den Autobahnneubau, je Kilometer zehn Millionen. Der Autofahrer müßte für sein Ah um 300 Mark ausgeben.

DER SPIEGEL 34/1978
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