21.08.1978

Rommel: Ende einer Legende

Der Diktator zwang ihn nach dem 20. Juli 1944 zum. Gifttod, Historiker und Bundeswehrgenerale feiern ihn als Widerstandskämpfer gegen Hitler: Feldmarschall Erwin Rommel. Der britische Historiker David Irving weist jetzt nach, daß Rommel nie dem Widerstand angehörte und bis zum Juli 1944 von Hitler eine politische Wende erwartete.
Die Gralshüter der Rommel-Legende sind entsetzt, die Mythenschreiber rüsten zum letzten Gefecht. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wittert "eine Ungeheuerlichkeit", und auch die "Deutsche Zeitung" zürnt, hier operiere einer "voreingenommen und stellenweise den historischen Tatsachen nicht entsprechend".
Der ehemalige Marine-Inspekteur Friedrich Ruge wettert: "Eine typisch Irvingsche Übertreibung"' während Vier-Sterne-General Hans Speidel moniert. die Behauptungen seien "entweder irreführend oder falsch". Und Rotkreuz-Präsident Walter Bargatzki ruft die Kameraden auf. der ganzen Sache entschlossen "entgegenzutreten".
Die aufgeregten Kommentare gelten einem Buch des britischen Historikers David Irving über den Generalfeldmarschall Rommel, das Mitte Oktober auf dem westdeutschen Büchermarkt erscheinen soll. Die Unruhe der Herren ist verständlich: Niemals zuvor hat ein ausländischer Autor eine von der bundesdeutschen Öffentlichkeit jahrzehntelang gehegte Legende und Lebenslüge drastischer zerstört als der Revisionist aus England*.
Zug um Zug revidiert Irving das Bild, das sich die Deutschen von Erwin Rommel gemacht haben, dem "Wüstenfuchs" der einst die glänzendsten Schlachten gegen Briten und Amerikaner schlug, in Sieg und Niederlage gleichermaßen besonnen war, der Hitlers Regime beseitigen wollte und durch seinen erzwungenen Selbstmord in das Pantheon der wenigen geriet, die dem Unrechtsstaat Widerstand leisteten.
Irvings Rommel ist anders. Rommel habe, findet Irving, gerne die Leistungen anderer Truppenführer verkleinert, die Verantwortung für eigene Schlappen auf unterstellte Kommandeure abgewälzt, den Rat erfahrener Offiziere ignoriert -- mit "fatalen Folgen für die Truppe" (Irving).
Der im Sieg so sichere Feldherr, analysiert Irving weiter, habe nach Niederlagen und auf Rückzügen leicht die
*David Irving: "Rommel. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 580 Seiten: 36 Mark.
Nerven verloren und unentschlossen geführt. So sei ihm mancher mögliche Erfolg entgangen: Mit etwas größerer Ausdauer hätte er zum Beispiel die Schlacht am tunesischen Kasserine-Paß Anfang 1943 zu seinen Gunsten entscheiden können.
Doch Irving revidiert nicht um jeden Preis, selbst unter seinem Seziermesser bleibt Rommel ein großer Truppenführer und der unübertroffene Meister des Wüstenkriegs. Auch für Irving ist er der "moderne Hannibal, der seine Feinde einkreiste, sie verunsicherte und demoralisierte", ist er der Mann, der "Schlachten gewonnen hatte, die andere gute Generale wahrscheinlich verloren hätten.
Was jedoch Irving grundsätzlich von herkömmlichen Rommel-Bewunderern unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der er seinem Helden politische Intelligenz abspricht.
Irvings Rommel ist ein politischer Naiver, "a soldier's soldier", der sich mit Funktionären von Goebbels' Propagandaministerium umgibt und seine ganze Karriere auf die special relationship mit Hitler abstellt, immer wieder glücklich darüber, daß er Gelegenheit hat, "mich für Führer, Volk und die neue Idee auszuwirken" (so Rommel in einem Privatbrief).
In diesem Porträt ist kein Platz mehr für Ansätze oder gar Gesten eines Widerstandes, die konventionelle Rommel-Bewunderer erkennen wollten. Nicht einmal in der Zeit, die dem Ende des Afrika-Feldzuges im Frühjahr 1943 folgte und die sich die Biographen bisher als eine Periode Rommelscher Selbstkritik und Hitlerscher Ungnade vorstellten, kann Irving Spuren einer Entfremdung zwischen Feldmarschall und Diktator ausmachen.
Im Gegenteil, Irving kann dank neuer Materialien diesem bisher so undeutlichen Lebensabschnitt Rommels schärfere Konturen geben und nachweisen, daß sich Hitler und Rommel nie näher gestanden haben als in jenen Sommer- lind Herbstmonaten des Jahres 1943. Rommel damals über Hitler: "Welche Kraft geht von ihm aus. Mit welchem Glauben und welcher Zuversicht hängt sein Volk an ihm!"
Irving läßt denn auch seinen Rommel Ende 1943 mit der Überzeugung nach Frankreich gehen, die bevorstehende Invasion der Alliierten abschlagen zu können und damit Hitler die Chance zu bieten, mit politischen Mitteln den Krieg zu beenden. Erst im Feuer der Invasionsschlacht zerbricht Rommels Siegesgläubigkeit.
Und sein vielgerühmter Widerstand gegen Hitler in letzter Minute, sein furchtbares Ende? Irving hat für eine Widerstandstätigkeit Rommels keine schlüssigen Beweise gefunden. Er wartet vielmehr mit einer verblüffenden Gegenthese auf:
* Rommel hat sich niemals dem Widerstand angeschlossen. Er führte einige Gespräche mit Widerständlern, doch er legte sich nicht fest. Ein Attentat auf Hitler lehnte er ab. Bis zum Schluß glaubte er, Hitler werde noch einen politischen Ausweg aus dem verlorenen Krieg finden.
* Rommel durchschaute nicht, daß einige seiner engsten Mitarbeiter dem Widerstand angehörten und jene zwei Panzerdivisionen, die von den Verschwörern schon für den bevorstehenden Putsch eingeplant waren, vor ihrem rechtzeitigen Einsatz an der Invasionsfront hinderten, wo sie möglicherweise den Kampf zugunsten der Deutschen entschieden hätten.
* Erst auf dem Höhepunkt der Invasionskämpfe hielt Rommel in "wilden Tagträumen" (Irving) die Idee für realisierbar, mit den Führern der westlichen Angriffsarmeen, gleichsam von Soldat zu Soldat, einen Waffenstillstand im Westen zu schließen und den Krieg im Osten fortzusetzen.
* Rommels Tod geht auf die Taktik verhafteter Widerständler zurück, bei ihren Verhören vor der Gestapo möglichst prominente Feldmarschälle ins Spiel zu bringen, um sich und noch unentdeckte Mitverschwörer abzuschirmen. So geriet auch Rommels Name in die Verhörprotokolle mit verhängnisvollen Konsequenzen für ihn.
Solche Ketzereien müssen nicht nur Rommels Freunde und Apologeten irritieren, sie müssen vor allem Westdeutschlands Historiker herausfordern. Denn Irvings Thesen und Enthüllungen besagen nichts weniger, als daß die Historiker und Vergangenheitsbewältiger allzulange etwas Falsches gelehrt und geschrieben haben.
Die Zeitgeschichtler und Memoirenschreiber der Nation wurden nicht müde, Rommel als die große Vaterfigur des späten, aber noch nicht zu spät gekommenen Widerstandes in den deutschbesetzten Westgebieten zu glorifizieren. Er wurde mit Stauffenberg und den anderen Märtyrern des 20. Juli auf eine Ebene gestellt. Man schrieb ihm zu, er sei von den Verschwörern als Reichspräsident vorgesehen gewesen. Eine "Yorcksche Tat" (Speidel) wurde ihm zugesagt*.
Bundeswehr-Kasernen wurden nach ihm benannt, ein bundesdeutscher Lenkwaffen-Zerstörer führt seinen Namen, Straßen und Hotels nannten sich nach ihm -- es war wie ein fernes deutsches Echo auf Winston Churchills Stoßseufzer aus der Kriegszeit: "Rommel, Rommel, Rommel!"
Der tote Rommel befriedigte nur allzusehr das Bedürfnis einer geschlagenen, schuldig gewordenen Nation nach einer Heldenfigur, die der Welt und Nachwelt suggerieren sollte, daß die Deutschen der Hitler-Ära besser gewesen waren als ihr Ruf, gütiger und menschlicher. Erst ein Märtyrer-Feldmarschall von dem internationalen Bekanntheitsgrad Rommels konnte im Ausland dem dort schemenhaft gebliebenen Anti-Hitler-Widerstand der Deutschen Konturen geben.
Er war fast ein idealer Kandidat für diese Rolle, er, Erwin Rommel, eine der letzten großen Figuren fairer
* Im Rußlandkrieg von 1812 schloß General Yorck von Wartenburg, der Führer des preußischen Hilfskorps der französischen Invasionsarmee, eigenmächtig einen Waffenstillstand mit den Russen und leitete damit das Ende der Herrschaft Napoleons ein.
Kriegsführung, populärster Truppenführer des Zweiten Weltkrieges, von dem ehemaligen US-Generalstabschef Bradley bereits in die Gruppe der zehn größten Feldherren der Weltgeschichte eingeordnet und an den Lagerfeuern nordafrikanischer Beduinen ebenso gefeiert wie in den Kinopalästen der westlichen Welt.
Legende und Mythos hatten ihn schon früh umgeben. Er besaß eine nahezu untrügliche Vorahnung kommender Gefahren, er entging zwei Mordanschlägen alliierter Geheimkommandos und galt als so unverwundbar, daß ihn noch 1967 die Beduinen von El-Alamein mit dem Marschallstab durch die Wüste geistern sahen und seinen alten Gegenspieler Montgomery zum Rendezvous mit ihm einluden.
Narrenglaube, eine Fata Morgana? Araber sehen es anders. Das Kairoer Blatt "Le Bourse" hatte schon 1954 gefragt: "Woher kommt der Zauber, den dieser Mann heute noch auf die Massen ausübt? Rommels Name bedeutet Gefühl und Traum. Von den Sanddünen hebt sich die graue Silhouette des Mannes ab, der für immer ein Gefangener der Wüste, ihrer Poesie und ihres Mysteriums wurde."
Von recht anderer Art war freilich die Legende, die fast zur gleichen Zeit in Rommels alter Heimat entstand. Ehemalige Mitarbeiter und Freunde des Feldmarschalls stilisierten den Toten zum prominenten Widerstandskämpfer empor.
Da gab es den General Speidel, der nur Rommels Stabschef geworden war, weil sich die Frau des Feldmarschalls mit der Frau des Speidel-Vorgängers zerstritten hatte, und der von einem Plan Rommels berichtete, Hitler zu verhaften und von einem Gericht aburteilen zu lassen. Da wußte der Kriegsberichterstatter Lutz Koch von einem Projekt der beiden Feldmarschälle Rommel und Manstein, das ganze Führerhauptquartier zu besetzen. Da erinnerte sich der Widerständler Karl Strölin an weitgehende Komplottgespräche mit Rommel.
Speidel-Kamerad Ruge verbreitete, Rommel sei der einzige Mann in Deutschland gewesen, der auch noch nach dem 20. Juli 1944 den Krieg hätte beenden können, und Ex-Oberst Nolte, ehemaliger Generalstabschef des Afrika-Korps, sah Rommel "unbestechlich in seiner Verurteilung eines unsittlichen, unwahren, andere und sich selbst betrügenden Systems".
Wie fragwürdig solche Thesen auch sein mochten -- ihnen war ein sensationeller Welterfolg beschieden. Die Öffentlichkeit in den westlichen Siegerstaaten, froh, den Deutschen wieder die Hand reichen zu können, akzeptierte nur zu gerne den Widerstandskämpfer Rommel, und bald wurde der vermeintliche Hitler-Gegner zu einer vertrauten Figur ausländischer Massenmedien.
Hollywood-Regisseure und britische Generale popularisierten Hitlers ehemaligen Lieblingsgeneral. Ex-Brigadier Desmond Young eröffnete 1950 die Reihe britischer Rommel-Biographien, während sich der Twentieth-Century-Fox-Film "Der Wüstenfuchs" mit James Mason in der Titelrolle als so erfolgreich erwies, daß die Filmgesellschaft gleich noch einen zweiten Rommel-Streifen ("Die Wüstenratten") folgen ließ, der vollends die Erinnerung an einen früheren antideutschen Rommel-Film mit Erich von Stroheim verdrängte.
Die Rommel-Welle faszinierte auch kritischere Geister. Premierminister Churchill 1953 im Unterhaus: "Rommels Widerstand gegen die Hitler-Tyrannei, der ihn das Leben kostete, betrachte ich als ein zusätzliches Ruhmesblatt."
Wer es jedoch unter den ehemaligen Mitarbeitern Rommels besser wußte, hielt lieber den Mund -- aus patriotischen Gründen oder aus standespolitischen Erwägungen.
"Seine Person", schrieb ein ehemaliger Mitkämpfer Rommels, der Generalleutnant a. D. Kirchheim' an einen Kameraden, "ist durch die Propaganda, erst von Goebbels, dann von Montgomery und schließlich, nachdem er vergiftet war, durch die Propaganda aller ehemaligen Feindmächte' zum Symbol besten Soldatentums geworden." Nicht am Denkmal Rommels kratzen, war Kirchheims Rat: "Jede öffentliche Kritik an dieser schon mythisch gewordenen Persönlichkeit würde dem Ansehen deutschen Soldatentums schaden."
Nur ein paar Unverbesserliche mochten nicht schweigen. Der Ex-Widerständler Hans Bernd Gisevius konnte die "Charakterlosigkeit" dieses "überzeugtesten Nazis unter Hitlers Feldmarschällen" nicht vergessen, und auch Goerdeler-Biograph Gerhard Ritter hielt fest, Rommels Opposition im Juli 1944 unterscheide sich grundsätzlich vom Widerstand eines Goerdeler oder Beck.
Doch was galten solche vereinzelten Stimmen im Chor jener Fachhistoriker, die die Darstellungen Speidels und seiner Freunde gläubig akzeptierten und sogar noch durch manche gelehrte Abhandlung untermauerten! Für Westdeutschlands Zeitgeschichtler gab es keinen Zweifel an der Echtheit des Widerständlers Rommel.
1953 wehrte sieh der spätere Professor Helmut Krausnick' Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, fast leidenschaftlich gegen Kritik an der Widerstands-Version. Rommels Haltung gegen Hitler, so fabulierte er, sei nicht erst unter dem Eindruck der schlechten Kriegslage entstanden, sondern "das folgerichtige Ergebnis allmählich ausgereifter klarer Erkenntnisse und Überzeugung" gewesen.
Ob Peter Hoffmann oder Lothar Gruchmann, ob Wilhelm Ritter von Schramm oder Gert Buchheit -- sie alle teilten die Überzeugung ihres Kollegen Hans-Adolf Jacobsen, er habe gelernt, Rommel wegen seiner "inneren Befreiung vom Nazismus" und deshalb zu bewundern, weil er bereit gewesen sei, sein Leben für den Kampf gegen Hitler zu opfern.
Kein westdeutscher Historiker aber hielt es für geboten, die Quellen kritisch zu überprüfen, auf die sich die Rommel-Thesen stützen. Die Zeugnisse der Rommel-Freunde blieben unbezweifelt, neue Dokumente wurden nicht erschlossen.
Noch heute wundert sich der Bochumer Historiker Hans Mommsen über "die Leichtfertigkeit, mit der die Forschung der Darstellung Speidels über die Beziehungen Rommels zum Widerstand gefolgt ist". Die Forscher nahmen nicht einmal wahr, daß Speidel inzwischen selber begonnen hatte, frühere Aussagen abzuschwächen.
Wo aber die Dritte-Reich-Forschung Lücken unbeachtet läßt und Legenden schont, taucht nicht selten ein "Mann mit düsterem Charme" ("Süddeutsche Zeitung") auf, dem es Vergnügen bereitet, den Kollegen vom Fach Nachlässigkeit und Stümpereien nachzuweisen. David Irving, 40, immer etwas in Eile und meist auf Recherchenfahrt zu den Zeugen der Hitler-Ära, erkannte rasch, daß den deutschen Historikern im Fall Rommel schwere Fehler unterlaufen waren.
Ihnen aber, den akademischen Fachleuten, will der Amateur Irving zeigen, wie man forscht und Geschichte schreibt, seit sich der 25jährige mit seinem Erstling "Der Untergang Dresdens" (1963) in die Riege der Interpreten des Dritten Reiches einreihte. "Die meisten Historiker", stichelt Irving, "forschen ja gar nicht mehr, die schreiben nur noch voneinander ab." Das ist in der Tat seine Stärke: neue Quellen zu erschließen, bisher unzugängliche Zeugen zum Reden zu bringen, manipulierte Zeugnisse zu korrigieren. Da scheut er keine Anstrengung, da ist ihm keine Erkundungsfahrt zu weit. Er geht unter die Thyssen-Arbeiter an der Ruhr, um die deutsche Sprache zu erlernen, er verdingt sich zu Spanien-Studien als Sekretär auf einer US-Luftwaffenbase im Lande Francos, er dringt in die Geheimnisse der deutschen Kurzschrift ein, damit er Himmler-Notizen lesen kann, die vor ihm noch kein Historiker entschlüsselt hat.
Dabei treibt ihn nicht nur offenkundiger Ehrgeiz, sondern auch ein Minderwertigkeitskomplex. Der Sohn eines Fregattenkapitäns hat kein Diplom vorzuweisen. Irving: "Das ist mein schwacher Punkt."
Er hat in seinen ersten Jahren einfach viel Pech gehabt: Die Eltern trennten sich früh, die Abschlußprüfung auf dem Imperial College in London verpatzte er, die Luftwaffe, bei der er sich bewarb, wollte ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht haben, und auch die beiden einzigen Jahre, die er auf einer Universität (dem Londoner University College) verbrachte, verliefen für ihn nicht sonderlich erfolgreich.
Soviel frühe Abweisung verlockte ihn später, immer etwas anders zu sein als die anderen. Englands Historikern saß noch der Schrecken des Hitlerismus in den Gliedern -- Irving aber begann, genüßlich auszumalen, was er für britische Kriegsverbrechen hält, oder der NS-Tyrannei doch noch eine gute Seite abzugewinnen.
Das brachte ihn zuweilen in arge Schwierigkeiten, wenn er trotz einer verblüffenden Anhäufung neuer Materialien und Erkenntnisse seine gewagtesten Thesen nicht belegen konnte. Ein Londoner Gericht verurteilte ihn wegen Verleumdung eines britischen Konvoi-Kapitäns zu einer Geldstrafe in Höhe von 350 000 Mark, und auch seine Behauptung, Churchill habe 1943 den polnischen Exil-Ministerpräsidenten Sikorski ermorden lassen, konnte er nicht beweisen.
Vollends in die Schußlinie der Fachkritik geriet Irving 1977 mit einem Hitler-Buch, in dem er -- gestützt auf ein paar neue, aber nicht sonderlich beweiskräftige Dokumente -- behauptete, der Führer habe nichts von der Massenermordung der Juden gewußt. Zu Recht stellten sich die Kritiker gegen den Briten (SPIEGEL 28/1977).
Nur allzugerne nutzten Irving-Gegner unter den deutschen Historikern die Gelegenheit, den Herausforderer gründlich abzuqualifizieren. Vor allem der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel, 49, Empfänger so mancher Ärgernis bereitenden Irving-Briefe, ließ nicht davon ab, ihn der Sensationshascherei und Unseriosität zu bezichtigen.
Doch großzügigere Jäckel-Kollegen wie Mommsen wissen längst, "daß es ein Glück für uns ist, einen Irving zu haben, der den Historikern zumindest neue Anstöße gibt". In Mommsens Optik hat sich der britische Außenseiter schon wiederholt um die Geschichtsschreibung verdient gemacht.
Die britischen Historiker, weniger hoheitsvoll und empfindlich als ihre deutschen Kollegen, sprechen das offen aus. "Die Berufshistoriker", sagt Michael Howard, "haben Irving immer um seine ungeheuere Arbeitskapazität und sein erstaunliches Glück bei der Aufspürung neuer Dokumente beneidet. Sie sollten ihm dankbar sein, daß er der breiten Öffentlichkeit zeigt, wie wichtig solche Quellen sein können.
Eben derart neue Quellen hatten Irving auch auf "die Spur des Fuchses" gebracht. wie er später seine Rommel-Biographie betitelte. Ein paar Hinweise überzeugten ihn, daß die Lebensgeschichte Rommels noch einmal von Grund auf neu geschrieben werden müsse.
Schon bei der Arbeit am Hitler-Buch war Irving aufgefallen, daß an der Rommel-Story etwas nicht stimmt. Er stieß auf die Kriegstagebücher von Rommels Heeresgruppe B und der ihr unterstellten Armeen, die eine Geschichte dokumentierten, die Irving so ganz anders in Erinnerung hatte.
Aus den Kriegstagebüchern ging nämlich hervor, daß Hitler spätestens seit März 1944 die wahrscheinlichen Landungsräume der alliierten Invasionsarmeen in Frankreich völlig zutreffend vorausgesagt hatte. Hitler war der Meinung, die Alliierten würden in der Normandie und vielleicht auch in der Bretagne landen, während sich Rommel nicht schlüssig werden konnte und die Invasion eher an der französischen Kanalküste erwartete.
In Speidels Aussagen und in seinem Buch "Invasion 1944", aber auch bei Historikern stand es umgekehrt: Dort hatte ein dummer Hitler nie mit der Normandie-Invasion gerechnet, ein kluger Rommel jedoch immer auf die richtigen Landungsräume hingewiesen.
Irving hatte das Gefühl, eine Legende enttarnt zu haben. Irving: "General Speidel hat mit seinen Angaben die ganze Historikerschaft verhext."
War alles so falsch an der Rommel-Story wie diese Geschichte? Irving interessierte das Thema, er begann zu recherchieren. Er reiste durch die Bundesrepublik, auf der Jagd nach neuen Zeugen und ihm noch unbekannten Dokumenten. Immer mehr wurde es ihm zur Gewißheit: Auch die Widerstands-Version war nicht authentisch.
Bei Rommels Witwe in Herrlingen machte Irving halt und bat sie, ihn zu unterstützen. Der Besucher merkte rasch, daß Lucie Rommel nichts mehr befremdete als die Mär vom Widerstandskämpfer. Sie holte eine Erklärung hervor, in der sie sich schon im September 1945 dagegen zur Wehr gesetzt hatte. Irving las:
Ich möchte nochmals feststellen, daß mein Mann nicht an den Vorbereitungen oder der Ausführung des 20. Juli beteiligt war, da er es als Soldat ablehnte, diesen Weg zu beschreiten. Er war während seiner Laufbahn immer Soldat und nie Politiker. Nach zwei Zusammenkünften hatte Rommels Witwe zu Irving solches Zutrauen gewonnen, daß sie ihm erlaubte, was sie noch keinem Historiker gewährt hatte: die etwa 1000 Briefe zu lesen, die sich das Ehepaar geschrieben hatte. Die Originale, unerreichbar für jeden Historiker, liegen im Freiburger Militärarchiv, doch Irving wußte, daß US-Behörden die Briefe auf Mikrofilme genommen hatten -- Lucie Rommel verschaffte ihm Zugang zu ihnen.
Daraufhin wußte Irving über Rommel mehr als jeder andere Historiker. "Wenn man", so Irving, "alles gelesen hat, was ein Mann 30 Jahre lang seiner Frau schrieb, erhält man Einblick in sein Seelenleben, sein inneres Auf und Ab, sein Streben, seine Launen, seine persönlichen Überzeugungen."
Kurz darauf starb Frau Rommel, doch Irving suchte weiter und fand unschätzbare Unterlagen: das verloren geglaubte Tagebuch Rommels aus dem Afrikafeldzug, seine Kurzschriftnotizen über die Schlacht von El-Alamein, die Tagebücher des Rommel-Dolmetschers Armbruster, Briefe und Tagebuch seines Adjutanten Lang, dazu die Aufzeichnungen von Generalen und weiteren Offizieren, die unter ihm gedient hatten.
Irving entdeckte in den Papieren einen Rommel, der kaum Ähnlichkeit mit dem legendären Wüstenfuchs hat. Da wirkt und kämpft und lebt ein nüchterner, fast phantasieloser Schwabe, ehrgeizig, nicht ohne Eitelkeit, nur mit spärlichem Humor ausgestattet, sportlich, pedantisch, durch Vaters herrische Bildungsbeflissenheit schon früh nahezu aller Kunst und Wissenschaft entfremdet.
Der Rektorensohn Johannes Erwin Eugen Rommel, geboren 1891 in Heidenheim an der Brenz, war mathematisch begabt und wollte eigentlich Flugzeugingenieur werden, doch Vater hatte für ihn eine andere Karriere beschlossen: die
Offizierslaufbahn. 1910 empfahl er Erwin der württembergischen Armee als "sparsam, zuverlässig und im Turnen gewandt". Die Armee nahm den Jungen trotz eines Leistenbruchs, und von da an gab es für Erwin Rommel keine andere Welt mehr als jene der Kasernen,
Exerzierreglements und Gefechtsübungen.
Die nächsten Stationen seines Lebens liefen ab wie die so mancher Offiziere: Eintritt ins 6. Württembergische Infanterieregiment Nr. 124, Besuch der Kriegsschule in Danzig, dort erste und einzige -- ernste
Mädchenbekanntschaft (es war die Rektorentochter Lucie Mollin, die er 1916 heiratete), 1912 Leutnant, im März l9l4 Abkommandierung zum Feldartillerie-Regiment Nr. 49 in Ulm.
Erst der Ausbruch des Weltkriegs brachte Farbe in das triste Drilleinerlei des Leutnants Rommel. Er kämpfte zwei Jahre lang auf den Schlachtfeldern Frankreichs, wurde verwundet und mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes dekoriert, anschließend führte er mit seiner Truppe in Rumänien Krieg gegen die Russen.
Seine große Stunde kam, als er 1917 an die italienische Isonzofront versetzt wurde. Der Gegner hatte eine Hauptverteidigungslinie bezogen, die sich vor allem auf den 1200 Meter hohen Monte Matajur stützte. Die Stellung schien uneinnehmbar, vergebens berannte die deutsche 14. Armee die Abwehrpositionen der Italiener.
Da hatte der Oberbefehlshaber der Armee eine Idee: Wer mit seiner Truppe, so ließ er bekanntmachen, den Monte Matajur als erster erstürme, den werde er mit dem Pour le mérite, dem höchsten preußischen Kriegsorden, auszeichnen.
Mit seinen Soldaten stürmte Rommel los, den Berg in seinen Besitz zu bringen. Am nächsten Vormittag hatte er es geschafft. Zum Zeichen seines Triumphes ließ er vier Leuchtraketen' eine weiße und drei grüne, abschießen. Wie erstaunte er aber, als am nächsten Tag das Hauptquartier meldete, der schlesische Leutnant Schnieber habe mit seiner Truppe den Monte Matajur erobert und den Pour Je mérite erhalten.
Empört protestierte Rommel, denn er wußte, daß Schnieber einen falschen Gipfel erstürmt haben mußte. Doch das Hauptquartier schwieg. In seiner Wut trieb Rommel die eigenen Soldaten zum weiteren Angriff an und führte auf eigene Faust Krieg, ohne sich um die Befehle der Vorgesetzten zu kümmern.
Rommel machte so viele Gefangene und brachte so weite Partien der italienischen Front unter seine Kontrolle, daß die Vorgesetzten ein Einsehen hatten: Im Dezember 1917 verlieh ihm der Kaiser den Pour le mérite -- wegen der Erstürmung mehrerer Stellungen, darunter auch des Monte Matajur. Das Drama des Monte Matajur konnte Rommel zeitlebens nicht vergessen, obwohl er gar nicht verstand, daß es über den künftigen Feldherrn mehr aussagte als manches andere Ereignis in seinem Leben. Seine Sturheit, seine Kriegslisten, das Ignorieren von Vorgesetzten, der Kampf um Orden und Kriegsruhm -- hier war alles bereits vorgezeichnet.
Monte Matajur war das zentrale Ereignis seines Lebens, es bestimmte auch seine weitere Karriere. Rommel galt fortan als ein solcher Experte des Nahkampfes, daß ihn selbst die abgemagerte Reichswehr nach dem Krieg nicht missen wollte. Als Lehrer an der Dresdner Infanterieschule gab er seine Erfahrungen weiter und brachte sie in eine Art System. Rommel: "Sie sollen lernen, wie man Blut spart." Er hatte es bewiesen; bei der Erstürmung des Monte Matajur hatte er einen einzigen Mann verloren.
1935 wechselte der Major Rommel als Lehrgangsleiter auf die neue Infanterieschule Potsdam über. Vor allem mit den jüngsten Offizieren kam er gut aus -- so hervorragend, daß das Reichskriegsministerium wähnte, Rommel eigne sich ideal für die Rolle des Kontaktmanns der Wehrmacht zur Reichsjugendführung.
Doch als Jugendbeauftragter erlitt er eine arge Schlappe. Die meisten HJ-Führer mochten nicht die Disziplin-Gehorsam-Sprüche des Majors, der seine körperliche Kleinheit durch einen barschen Kasernenhofton auszugleichen suchte. Auch Reichsjugendführer von Schirach konnte schon nach kurzer Zeit Rommels Matajur-Döntjes nicht mehr hören.
Selbst Rommels Sohn Manfred, 1928 geboren, entzog sich den ständigen Härteappellen des Majors ("Mut ist, daß man die Angst überwindet"). Manfred mußte schon mit sieben Jahren auf einem Pferd reiten und flog prompt herunter, und auch die Anwesenheit seines Vaters und zahlreicher Offiziere konnte ihn nicht dazu bewegen, im Potsdamer Schwimmbad vom höchsten Sprungbrett zu springen.
"Mein Vater", spöttelt heute Stuttgarts CDU-Oberbürgermeister, "hat-
* Im "Führerzug" auf der Fahrt durch das Sudeten. land.
te drei Ziele für mich. Ich sollte ein guter Sportler, ein großer Held und ein guter Mathematiker werden. Er ist dreimal gescheitert."
Inzwischen modernisierte Major Rommel den Unterricht an der Infanterieschule, führte neues Lehrmaterial ein und vertiefte seine Vorstellungen über Taktik und Strategie infanteristischer Kampfverbände.
Dabei kam er, fast ganz nebenbei, auf die Idee, ein Buch zu schreiben. Er kürzte seine Vorlesungstexte, schrieb sie ins Präsens um und fügte sie zu einem Buch zusammen, das Rommels Namen in der Militärliteratur begründete: "Infanterie greift an". Irving hält es nicht ohne Grund für "das wahrscheinlich beste Infanteriebuch, das je geschrieben wurde". Ein besonders eifriger Leser brannte sogleich darauf, den Verfasser kennenzulernen: Hitler. Er ließ Rommel kommen, der ihm so gut gefiel, daß er ihn schon ein Jahr später, während der Sudetenkrise im Kerbst 1938, zum Kommandeur des "Kommandos Führerreise", einer Art Begleittruppe Hitlers, bestimmte.
Auch Rommel war tief beeindruckt von Hitler. Anfangs hatte er, wie viele Offiziere des Heeres, noch eine gewisse Reserve gegenüber dem neuen Kanzler bekundet, aber mit den scheinbar immer größeren Erfolgen des Regimes war auch sein Respekt vor dem Führer gewachsen. Und wo seine Begeisterung noch nicht die rechte Hohe erreicht hatte, da half Ehefrau Lucie nach: Sie war seit langem eine enthusiastische Hitler-Anhängerin.
"Beten Sie auch jeden Abend für unseren Führer?" fragte sie gerne Besucher. Erwin lernte rasch, sich dem neuen Ton anzupassen. Selbst auf Postkarten an Freunde unterschrieb er jetzt mit der Schlußformel "Heil Hitler!" und notierte sich eifrig, wo immer er unter Ausländern "Sympathie für das neue Deutschland" entdeckte.
Zudem rückten Hitler und Rommel angesichts des kommenden Krieges eng zusammen. Der Diktator witterte in dem unintellektuellen, im Grunde traditionslosen Offizier, der Generalstäbler und Adlige nicht mochte, eine ihm kongeniale Figur und förderte ihn entsprechend. Im Hochsommer 1939 wurde Rommel Kommandant des Führerhauptquartiers und Generalmajor -- zum Ärger der traditionellen Militärs, die ihn zu rasch befördert fanden.
Rommel mochte denn auch nicht mehr von der Seite seines Führers weichen. "Bin viel mit dem Führer zusammen", schrieb er nach Hause. "Dies Vertrauen ist für mich die größte Freude, mehr als mein Generalsrang." Er wußte jetzt ganz sicher: "Der Führer wird die richtige Entscheidung bestimmt treffen." Neuer Brief: "Der Führer weiß genau, was für uns das Richtige ist."
Und Lucie Rommel sah Führer und Ehemann nur noch als trautes Duo: "Möge der liebe Gott ihn und auch Dich, mein lieber Erwin, unter seinen Schutz nehmen." Immer wieder drängte es sie, "Dir zu schreiben und ihn zu bitten, sich nicht in Gefahr zu begeben! Für das Volk wäre es ein unersetzlicher Verlust. Man zittert überhaupt bei dem Gedanken!"
Er begleitete Hitler im Polenfeldzug und war stets zur Stelle, wenn der Diktator kriegsunwillige Generale kritisierte. Zufrieden notierte er dann: "Der Führer wurde sehr deutlich. Das scheint aber auch nötig, denn wenn man mit den verschiedenen Kollegen spricht, ist doch selten einer, der mit vollem Herzen und Überzeugung mitmacht."
Bei so bewiesenem Eifer glaubte er sich berechtigt, mit Hilfe des Führers einen weiteren Schritt voranzukommen: Rommel bat um das Kommando über eine Division, möglichst eine Panzerdivision. Das Heerespersonalamt war sofort dagegen (er hatte nie in einer Panzereinheit gedient), doch Hitler erfüllte ihm den Wunsch.
Im Februar 1940 übernahm Rommel in Bad Godesberg die 7. Panzerdivision. Kurz zuvor hatte er bei einem Empfang in der Reichskanzlei seinen ehemaligen Regimentskommandeur Rudolf Schmidt beiseite genommen: "Sagen Sie, Herr General, wie führt man am besten eine Panzerdivision?" Schmidt brummte: "Es gibt immer zwei Entschlüsse. Der kühnere ist immer der richtigere."
Rommel merkte sich den Tip und beherzigte ihn auf verblüffende Art -- im Frankreichfeldzug, in dem die 7. Panzerdivision so blitzschnell vorstieß, daß sie immer an mehreren Stellen zugleich zu sein schien und bald den Namen "Gespensterdivision" erhielt.
19 Tage lang brauste die Division im Mai 1940 als Speerspitze der 4. Armee durch Belgien, getrieben von Rommels Maxime, "mit größter Kühnheit vorzustoßen, ohne daran zu denken, daß Flanke und Rücken ungedeckt waren", wie Irving formuliert.
"Die Zeit eines Seydlitz und Ziethen ist wiedergekommen", jubelte Rommel. "Wir müssen den heutigen Krieg vom Kavallerie-Standpunkt sehen, Panzereinheiten wie Schwadronen führen, Befehle im fahrenden Panzer wie früher aus dem Sattel geben."
Rommel war's, als erlebe er die Tage des Monte Matajur in einer Neuauflage. Und schon rollten seine Panzer Anfang Juni wieder nach vorn, diesmal tief durch Frankreich, immer weiter nach Süden. Die konventionellen Militärs staunten: So schnell war eine Panzerdivision noch nie bewegt worden, Rommels Panzer bewältigten durchschnittlich am Tag 60 bis 80 Kilometer.
Stolz ließ sich Rommel das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz anheften, das ihm als erstem Divisionskommandeur im Frankreichfeldzug von Hitler verliehen worden war, der ihm auch sonst ungewöhnliche Sympathie bekundete. Der Diktator gab sich bei der nächsten Begegnung väterlich: "Rommel, wir waren alle sehr in Sorge um Ihre Sicherheit in den Tagen Ihres Angriffs!"
In den Hinterzimmern der Stäbe aber tuschelten die Militärs über den Einzelgänger Rommel und seinen hohen Gönner. General Hoth fand, Rommel neige zur Sprunghaftigkeit, er schätze die Leistungen anderer gering. Ein Panzerkommandeur warf ihm vor, er habe seine Division allzu rücksichtslos eingesetzt, die 7. habe die größten Verluste unter allen Divisionen im Feldzug gehabt.
Hitler sah keinen Grund zur Kritik an Rommel. Ein halbes Jahr später hatte der Diktator einen neuen Auftrag für seinen Favoriten, den größten in Rommels Leben: Einsatz in Nordafrika.
Am 12. Februar 1941 betrat Erwin Rommel den Boden Afrikas. Er führte sich gleich mit einem Trick ein: Kaum waren die Panzer seiner beiden Divisionen, mit denen er den vor den britischen Angriffsverbänden zurückweichenden Italienern helfen sollte, im Hafen von Tripolis entladen, ließ er die Panzer in großer Paradeformation durch die Stadt rollen und immer wieder um den gleichen Häuserblock fahren. um seine Truppenmacht möglichst groß erscheinen zu lassen.
Zugleich gab er Befehl, zur Täuschung der feindlichen Luftaufklärung Hunderte von Panzerattrappen aus Holz und Pappe zu bauen, und auch im Wüstensand hatten die Marschkolonnen Auftrag, möglichst viel Staub zu machen, der dem Gegner das Herannicken einer großen Armee suggerieren sollte. Das Täuschungsmanöver klappte.
Dann stürzte sieh Rommel mit seinem "Deutschen Afrika-Korps'~ auf den Gegner. Die Befehle des Generalstabs besagten, nur die Stellungen der Italiener zu festigen und zu halten, doch Rommel kümmerte sich nicht um die Orders. Rommel ließ angreifen, schier pausenlos trieb er seine Soldaten an, keinem Ruhe gönnend, immer neue Ziele vor Augen.
Das Führerhauptquartier war bestürzt, die italienischen Generale ob der ungewohnten Aktivität beleidigt -- so hatte man sich den Einsatz der deutschen Hilfstruppe nicht vorgestellt. Doch Rommels Männer griffen weiter an. Die Briten befanden sich schon auf dem Rückzug, bald würde die Cyrenaika wieder in der Hand der Achsenmächte sein.
Wenn aber der Angriff stockte und Rommel Ermüdungserscheinungen unter seinen Einheiten bemerkte, dann flog er mit seinem Fieseler Storch über die Köpfe rastender Soldaten hinweg und warf einen Zettel ab: "Wenn Sie nicht sofort antreten, dann komme ich runter! Rommel."
Als der Kommandeur der 5. Leichten Division, Generalmajor Streich, zu bedenken gab, die Truppe sei erschöpft und brauche eine Ruhepause, schrie ihn Rommel an, er sei ein Feigling. Streich polterte: "Nehmen Sie das zurück, oder ich werfe Ihnen mein Ritterkreuz, das ich nicht wegen Feigheit bekommen habe, vor die Füße." Rommel entschuldigte sich, doch ein paar Stunden später stand er wieder vor Streich. Er zog seine Uhr und schnauzte: "Es ist jetzt 17 Uhr. Um 18 Uhr greifen Sie an."
Rommel war so auf Attacke und Eroberung fixiert, daß er gar nicht merkte, wie sich die Briten fingen und zur Gegenoffensive vorbereiteten. Im Mittelpunkt aller Überlegungen Rommels stand das britische Hauptbollwerk, die Festung Tobruk, die er um jeden Preis nehmen wollte.
Mitte April ließ er die Truppe gegen Tobruk anrennen -- blanker Wahnwitz, denn das Afrika-Korps war viel zu schwach, um die 34 000-Mann-Festung zu bezwingen. Prompt erlitten die deutschen Angreifer eine schwere Niederlage, schlimmer noch: Die Stimmung der Truppe schlug gegen den "wild gewordenen Soldaten" (wie ihn Generalstabschef Halder nannte) um; Rommel wurde zu Recht vorgeworfen, aus persönlichem Ehrgeiz gute Soldaten zu "verheizen".
Aber er lernte nichts daraus. Wütend schob Rommel die Schlappe auf angeblich unfähige Kommandeure, setzte Streich ab und betrieb die Entlassung seines Ia aus dem Generalstab. Die Initiative aber hatten inzwischen die britischen Verbände. Sie entsetzten das eingeschlossene Tobruk und drängten die deutsch-italienischen Truppen immer weiter zurück. Dabei erwies sich freilich Rommel als ein Meister des hinhaltenden Rückzugs und entwickelte plötzlich "Talente, von denen nicht einmal er selbst eine Ahnung gehabt hatte" (Irving).
Das versetzte ihn schließlich in die Lage, doch noch einmal zu einer geballten Gegenoffensive anzutreten. Im Januar 1942 brachen die deutschen und italienischen Truppen zu ihrem letzten Siegeszug auf. Churchill staunte und erschrak: "Wir haben es mit einem äußerst kühnen und geschickten Gegner zu tun, einem großen Feldherrn."
Unaufhaltsam schienen Rommels Verbände. Sie eroberten die Cyrenaika abermals zurück, nahmen Tobruk ein und standen in wenigen Wochen an der Grenze Ägyptens. Rommel prahlte: "Wenn meiner Panzerarmee heute der Durchbruch gelingt, sind wir am 30. Juni in Kairo."
Der neue Generalfeldmarschall Rommel ("Tobruk! Der Kampf war wundervoll") wähnte sich auf dem Höhepunkt seines Lebens. Eine gigantische Propagandamaschine lief an, den Ruf des populärsten Feldherrn Deutschlands in alle Winkel der Erde zu tragen. "Es ist alles wie ein Traum", schrieb Lucie Rommel an ihren Mann, und auch ihm erschien es traumhaft, "daß ich nun "Feldmarschall' geworden bin".
Der Traum zerrann rasch. England mobilisierte in Nordafrika und im Nahen Osten seine letzten Kraftreserven, mit deren Hilfe der britische General Montgomery Anfang November Rommels Streitmacht bei El-Alamein entscheidend schlug. Kurz darauf landete auch eine britisch-amerikanische Armee in Algerien. Rommels Verbände gerieten in eine tödliche Zange.
Der Feldmarschall wußte, daß dies das Ende des afrikanischen Abenteuers war. Er wollte gleich mit seinen Truppen Nordafrika verlassen, doch der fanatische Durchhalte-Stratege im Führerhauptquartier ließ das nicht zu. So mußte Rommel weiterkämpfen, ohne Elan und meistens ohne die gewohnte taktische Meisterschaft.
Erst als selbst Hitler im Frühjahr 1943 die Niederlage in Afrika für unabwendbar hielt, berief er Rommel ab, um ihm die Schmach der Kapitulation zu ersparen. Der Heimkehrer Rommel aber sah sich jäh der ganzen Tristesse und Ausweglosigkeit des Tausendjährigen Reiches konfrontiert, das seinem Untergang entgegentorkelte.
Wie er sich dabei verhielt, war lange Zeit im Nebel der Legenden und Apologien verborgen. David Irving hat diese politisch bedeutendste Lebensphase Rommels im letzten Teil seiner Biographie entschlüsselt, mit dessen Veröffentlichung der SPIEGEL in der nächsten Woche beginnt. Irving: "Es ist unbekanntes Land."
In Rommels Briefen und Tagebüchern fand Irving zahlreiche Belege dafür, daß der Feldmarschall auch jetzt noch nicht an seinem Führer irre wurde. Nichts wäre Erwin Rommel damals befremdlicher erschienen als der Gedanke, sich von Regime und Diktator zu distanzieren oder sich gar mit den Gegnern des NS-Staates zu verbinden.
Dabei war er deprimiert und unsicher, was Hitler mit ihm vorhatte. Desto bereitwilliger schloß er sich dem Propagandaminister Goebbels an, der sein Fürsprecher bei Hitler wurde. Am 11. Mai 1943 notierte sich Rommel: "Dr. G. trotz des neuen schweren Verlustes bester Zuversicht. Das tat mir gut, da jetzt doch meine Stimmung besonders gedrückt ist, da alles zusammenbricht in (Tunesien)."
Zweifel an Hitler kamen ihm nicht. Als Mussolini im Juli stürzte, sah Rommel auch etwas Positives darin: "Es kann uns nur recht sein, wenn nur ein großer Mann in Europa führt." Das unterschied sich kaum von seiner Meinung in einem Brief vom April 1940: "Ja, wenn wir den Führer nicht hätten! Ich weiß nicht, ob es einen anderen deutschen Mann geben würde, der die Kunst der militärischen Führung und auch der politischen Führung in gleichem Maße so genial beherrschte."
Ungeduldig wartete er darauf, daß ihn sein Führer wieder rief -- zu neuen Feldzügen, zu neuem Ruhm. "Man ist so abgeschlossen von aller Welt", klagte er, "und hat doch das Gefühl, jetzt handeln zu müssen. Bin froh, wenn dieser Zustand mal ein Ende hat. Man ist als Generalfeldmarschall in der Heimat ein Gefangener."
Da endlich hatte Hitler wieder einen Auftrag für seinen Feldmarschall. Erwin Rommel ahnte nicht, daß es sein letzter sein würde. Hochgestimmt schrieb er an seine Frau: "Alles Liebe und Gute für 1944! Möge es uns den Sieg und einen langen Frieden bringen."
Im nächsten Heft Beginn der Serie: Rommel soll im Westen die Abwehr gegen die drohende Invasion organisieren -- "Wir werden es schaffen" -- Widerständler suchen Kontakt zu Rommel
* V. l.: Rommel-Adjutant Lang, Vizeadmiral Ruge und Stabschef Speidel in Frankreich.

DER SPIEGEL 34/1978
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