09.10.1978

ÄTHIOPIENAffäre Greif

Kalte Krieger aus Ost-Berlin und ungeschickte Diplomaten aus Bonn sind verantwortlich für die jüngste Schlappe der westdeutschen Außenpolitik am Horn von Afrika.
Fidel Castro war in aufgeräumter Stimmung. Er paffte vergnügt dicken Zigarrenqualm in die dünne Luft von Addis Abeba und riß Witze über die Kapitalisten. So kam es, daß ihm eine der Attraktionen der "Expo 78" ganz entging, die Politwerber aus der DDR liebevoll in Szene gesetzt hatten: eine Schautafel mit Porträts von "Spionen aus Westdeutschland".
Trotzdem brauchen sich die Ost-Berliner Aufklärer in Äthiopien nicht über Mangel an Resonanz zu beklagen. Mit gezielten Tiefschlägen haben sie es verstanden, das westdeutsch-äthiopische Verhältnis in Trümmer zu legen.
Im kalten Krieg der beiden Deutschländer um die Gunst des Gewaltherrschers Mengistu Haile Mariam hat die DDR tüchtig Geländegewinn gemacht, nicht zuletzt dank der kläglichen Taktik westdeutscher Diplomaten.
Das aktuellste Photo in der Steckbriefgalerie, die Mitte September auf der "Expo 78" zur Schau gestellt wurde, zeigt den -- inzwischen versetzten
Botschaftsangehörigen Rudi Gabriel, der den äthiopischen Behörden als Waffenschmuggler aufgefallen war.
Gabriel war an der Sudan-Grenze von einer Militärstreife aufgebracht und nach Addis Abeba eskortiert worden, weil er seine Papiere nicht beisammen hatte.
Obwohl Kulturattaché Bernd Kalscheuer die Zwangsinspektion zu verhindern suchte, nahmen die Äthiopier Gabriels Unimog auseinander. Was sie fanden, bestätigte den Hinweis, den sie offenbar von außen bekommen hatten: Im doppelten Boden des Fahrzeuges waren eine Schrotflinte, eine Maschinenpistole vom Typ "Uzi" und ein Repetiergewehr verborgen.
Es half nichts, daß Gabriel seinen Diplomatenpaß zückte. Er wurde festgenommen und mußte drei Tage und Nächte in einem Zelt auf dem Hof der Sicherheitspolizei verbringen. Dann wurde er abgeschoben.
Die Äthiopier ließen es bei einem formlosen Protest bewenden. Schlechter, als sie waren, konnten die Beziehungen zwischen Bonn und Addis ohnehin nicht mehr werden.
Kräftig mitgedreht am westdeutschäthiopischen Krisenkarussell haben vor allem die DDR-Berater im lnformationsministerium und im Geheimdienst. Die Infospezialisten versorgen Mengistus Junta seit Jahren mit äthiopienkritischen Artikeln aus westdeutschen Zeitungen und helfen den Redakteuren der zwei Hauptstadtblätter "Addis jemen" und "Ethiopian Herald" mit ideologischem Rat bei der Bewältigung des Ost-West-Konflikts.
Zwölf Abhörexperten aus Ost-Berlin gehen im ersten Stock des Telephon- und Telegraphenamtes an der Churchill Road dem Regime beim Aufspüren unzuverlässiger Elemente innerhalb der Ausländerkolonie zur Hand. DDR-Lauscher hatten auch das Ohr am Draht des Bonner Botschafters Hanschristian Lankes.
Der Westdeutsche, so steckten sie Staatschef Mengistu, habe in Telephonaten mit äthiopischen Oppositionellen Umsturzpläne gegen die Regierung erörtert.
Die Denunziation klang plausibel. Denn Lankes war in ähnlicher Sache schon 1971 aus dem westafrikanischen Guinea ausgewiesen worden, nachdem ihn DDR-Diplomaten hei Staatspräsident Ahmed Sekou Touré als angeblichen Drahtzieher einer regimefeindlichen Invasion angeschwärzt hatten.
Das Ergebnis des Lauschangriffs auf die Bonner Mission traf Mengistu an einer empfindlichen Stelle. Er fühlte sich von Lankes, den er für einen Freund gehalten hatte, verraten. Lankes nämlich hatte sich immer bemüht, alle Berichte über die Massaker der Junta-Gruppen in Bonn als "schmutzige Schmierereien" (so Lankes zum SPIEGEL) herunterzuspielen, um seinem Gastgeber zu gefallen.
So konnte Lankes sogar noch auf dem Höhepunkt der Mordorgien, die Amerikaner und EG-Europäer in Addis Abeba auf deutliche Distanz zu Mengistu brachten, letzten Sommer im Privatjet des Diktators von der afrikanischen Gipfelkonferenz in Libreville (Gabun) nach Addis Abeba reisen.
In Bonn wurde der Rausschmiß des Botschafters mit dem 25-Millionen-Mark-Kredit motiviert, den die damalige Entwicklungshilfeministerin Marie Schlei dem äthiopischen Erzfeind Somalia als Dank für die Hilfe beim Schlag gegen die gekaperte Lufthansa-Boeing zur freien Verfügung angewiesen hatte. Doch unabhängig davon, so erklärte Äthiopiens Botschafter in Bonn. Haile Gabriel Dagne, "hätte man den Mann sowieso ausweisen müssen".
Auch im Auswärtigen Amt war es kein Geheimnis, daß "etwas aus der persönlichen Sphäre" des Botschafters die brüske Reaktion der Äthiopier beeinflußt haben müsse. Deshalb fiel die Bonner Reaktion auf den Affront auch betont mild aus.
"Ato (Herr) Greif", wie die Äthiopien-Deutschen Lankes in Anspielung auf seine Gepflogenheiten beim Umgang mit einheimischen Damen nannten, war des öfteren durch Affären ins Gerede gekommen. Im vergangenen Jahr hatte er nach einer feuchtfröhlichen Feier die mitternächtliche Sperrstunde überschritten und prompt das Gewehrfeuer einer Milizstreife auf sich gezogen.
Im Dezember brachte er die Regimespitzen gegen sich auf, als er sich weigerte, mit dem Erziehungsminister über die Wiedereinstellung von 14 entlassenen äthiopischen Mitarbeitern der deutschen Schule zu verhandeln. Obwohl die Behörden für den Fall. daß
* Oben: bei der verabschiedung auf dem Flughafen von Addis Abeba: unten: nach der Besetzung durch äthiopische Soldaten.
nicht schnell eine Lösung für die Arbeitslosen gefunden würde, die Schließung der Schule angedroht hatten, fuhr Lankes unbekümmert ins Weekend an den Langano-See südlich von Addis.
Als er zurückkam, war die Schule geschlossen. Kulturattaché Kalscheuer hatte nicht einmal die Plünderung des Inventars durch Milizsoldaten verhindern können. "Sie luden sogar die Sportgeräte auf", sagt ein deutscher Pädagoge. "Das Klavier fuhren sie im offenen Landrover vom Hof."
Nur wenige Wochen nach der Ausweisung des Botschafters gelang den Ostdeutschen ein weiterer Coup gegen die Konkurrenz. Im günstigen Klima des äthiopisch-westdeutschen Stimmungstiefs drängten sie drei Bundeswehr-Führungskräfte aus Beraterpositionen bei der äthiopischen Polizei. Für die geschaßten Westler rückten Berater der Nationalen Volksarmee nach.
Und ehe die behäbigen Bonner es verhindern konnten, kaperten Äthiopier und Ostdeutsche auch noch ein Schiff mit Gerätenachschub aus der Bundesrepublik für die inzwischen aus dem Land gewiesenen Bundeswehr-Experten. Als der Kapitän im Hafen von Assab die Umkehrorder erhielt, hatten die Besatzer seinen Dampfer schon geentert.
Um den Rest der westdeutschen Präsenz in Addis Abeba gegen die Übermacht des Ostens zu behaupten, hat Bonn auf Schadenersatzleistungen verzichtet. Die Äthiopier sollen sogar noch einen 30-Millionen-Kredit außer der Reihe bekommen. Damit soll die Fernstraße von Addis Abeba zur äthiopischen Südgrenze fertiggestellt werden, die Äthiopien in einem neuen Waffengang mit Somalia als strategische Achse braucht.

DER SPIEGEL 41/1978
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Affäre Greif

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