22.05.1978

Der Ball hat kein Leben

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht, nachdem sie 1974 auf eigenem Boden den Weltmeistertitel gewonnen hat, nicht als Favorit zur WM 1978 in Argentinien. Bundestrainer Helmut Schön führt Niederlagen in den Vorbereitungsspielen auf den neuen, für die Weltmeisterschaft extra entwickelten Lederball zurück. Fußballfans und Fachkritiker dagegen tadeln Schön. Dem Bundestrainer fehlen Weltstars und eine moderne Spieltaktik.

Wenn vor einem Länderspiel die Nationalhymnen erklingen", verrät Bundestrainer Helmut Schön, 62, "dann läuft mir immer noch ein Schauer über den Rücken."

Schauerliches verspürte er neuerdings auch während und vor allem nach einem Länderspiel. Kurz vor der Weltmeisterschaft verlernte Schöns Weltmeisterequipe das Siegen. Für die Fußball-WM 1978 vom 1. bis 25. Juni in Argentinien ist der Titelverteidiger zum Außenseiter degradiert.

"Das Trauma von den unbesiegbaren Deutschen existiert nicht mehr", jubelte die brasilianische Zeitung "El Globo", nachdem Brasiliens Nationalmannschaft in Hamburg die Schön-Spieler 1:0 ausgetrickst hatte. Als dann auch Schweden in Stockholm die bundesdeutschen Weltmeister 3:1 überrannte, fielen die Deutschen auf dem Wettmarkt aus der klaren Favoritenrolle an die sechste Stelle zurück.

Auf der deutschen Trainerbank im Stockholmer Rasunda-Stadion guckte keiner mehr den anderen an. "Noch nie war die Stimmung so mies", berichtete Masseur Erich Deuser. 67, der schon seit 27 Jahren die Waden der deutschen Fußballer knetet und walkt.

Deutschlands oberster Fußballfeldherr Helmut Schön beugte sich aus der Hüfte nach vorn und krächzte verzagt zum Spielfeld hinaus: "Nu macht noch was, Leute." Doch die Spieler rannten vergebens. Da legte Schön einen Finger über seine Lippen und sagte kein Wort mehr. Nur Assistent Jupp Derwall, 51, alle 30 Sekunden auf die Uhr blickend, gab noch Befehle: "Marschieren, Jungs, marschieren, ab geht die Post, noch einmal."

Dann lehnte auch er sich zurück und murrte: "Unsere haben ja schon alle die Ohren runter." Schließlich schob er das Desaster auf den neuen Ball, ein deutsches Fabrikat Modell "Tango", das die Herzogenauracher Firma "adidas" aus Lohngründen in ihrem französischen Werk produzieren läßt. Nach Meinung der deutschen Trainer und Spieler hüpft der Ball nicht wie gewünscht.

Derwall schimpfte: "Dat Ei springt nich, der liegt wie "ne Kugel flau am Boden." Auch Helmut Schön meldete sich wieder. "Der Ball hat kein Leben, wirklich, das ist so, der hat kein Leben."

Die Ballhersteller hatten über den Tango-Ball eine dünne Kunststoffschicht gezogen, weil sie starke Regenfälle im argentinischen Winter befürchteten. Die Kunststoffauflage soll verhindern, daß der Ball zuviel Feuchtigkeit aufsaugt. Zweifel sind erlaubt, ob die von adidas versprochene Abhilfe siegen hilft.

Nach dem Schlußpfiff von Stockholm entschloß sich der weiche Sachse Schön zur Härte: "Nu rede ich Fraktur

* Beim Endspielsieg der WM 1974 gegen Holland in München

mit den Spielern." Doch wie meist mißriet dem gutturalen Langen der Anpfiff. "Es war nicht so schlimm", meldete Mittelstürmer Klaus Fischer telephonisch von Stockholm nach Gelsenkirchen.

Schwedischen Reportern vertraute Helmut Schön etwas an, was er daheim keinem sagen mochte: "Wir können in Argentinien den Weltmeistertitel nicht verteidigen." Wieder auf deutschem Boden. gab der Bundestrainer die deutsche Fassung zur Fußball-Lage der Nation: "Noch sind wir Weltmeister, unsere Chance, es zu bleiben, besteht darin, daß wir nicht mehr der große WM-Favorit sind."

Diese Meinung teilen die deutschen Fußballfans längst. Nach 12 Spielen ohne Niederlage und vor den Spielen gegen Brasilien und Schweden tippten 65 Prozent bei Umfragen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Hinterher glaubten nur noch 32 Prozent daran. Inzwischen erholte sich der Siegesglaube wieder auf 45 Prozent. Fans und Fachleute hauen allein noch auf das, was der erfolgreichste Trainer der Welt bisher im Übermaß besaß -- Glück.

Auch wenn Schöns Mannschaft wie gegen England oder die Sowjet-Union miserabel spielte, siegte sie schließlich durch Tore in den letzten Minuten. Bei der Auslosung zur Welt- und Europameisterschaft erwischte Schön die leichtesten Gegner.

Als Schöns Equipe bei der WM 1974 gegen die DDR versagte, entpuppten sich seine Ersatzspieler Rainer Bonhof und Bernd Hölzenbein als Weltklassespieler und rissen die verfahrene Weltmeisterschaft aus dem Feuer. Der Bundestrainer wurde Champion.

Volkes Stimme kennt er zur Genüge: "Ich habe bald eine Million Kollegen, ein paar Dutzend rufen mich jetzt täglich an, ich ändere dauernd die Mannschaft, für den einen so, für den anderen so:' Dann besinnt sich Zweifler Schön auf den Ernst der Lage: "Ich trage die Verantwortung, also stelle ich auch die Mannschaft auf."

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Hermann Neuberger, versichert: "Ich vertraue auch diesmal Helmut Schön." In Wirklichkeit präsentiert gerade er ihm fast jede Woche einen neuen Aufstellungsvorschlag.

Spaniens Nationaltrainer Ladislao Kubala bewundert zwar immer noch Helmut Schön als,, erfolgreichsten Trainer aller Zeiten", fürchtet aber dessen Mannschaft, den Weltmeister Deutschland, nicht mehr: "Die Vormachtstellung des deutschen Fußballs ist gebrochen, wir haben seine Trainingsmethoden übernommen und besitzen die besseren Spieler."

Der Wiener Schmäh-Redner Max Merkel (siehe Seite 102), WM-Direktor des Österreichischen Fußball-Bundes. grantelt ähnlich: "Die Deutschen hat-

* Beim Finale der Europameisterschaft 1976 gegen die CSSR in Belgrad.

ten einen Fritz Walter und wurden Weltmeister. Dann hatten's den Franz Beckenbauer und wurden wieder Weltmeister -- jetzt hoaben's nur noch Gulasch."

Fritz Walter und Franz Beckenbauer galten als perfekte Vertreter der deutschen Fußballschule. Für das beliebteste Ballspiel der Welt besaßen sie technische Fertigkeiten wie kaum ein anderer. Sie konnten praktisch, ohne hinzusehen, den Ball an den Seiten des Schuhs eng bei Fuß führen. Im rechten Augenblick verstanden sie, Vorlagen (Fachausdruck: "Pässe") über 40 Meter und weiter zu schlagen und die gegnerische Abwehr mit einem Zug auszuspielen.

Mit Walter gewann Josef ("Sepp") Herberger 1954 die Weltmeisterschaft. Mit Beckenbauer holte 20 Jahre später Helmut Schön den Welttitel.

Bei bislang zehn WM-Turnieren gewannen nur die Brasilianer die Weltmeisterschaft häufiger: dreimal. Je zweimal, wie die Deutschen, gewannen Uruguay und Italien den Titel, einmal siegte England, das seit 1831 den Fußball vom lokalen Gassenhauer zur internationalen Kraftprobe entwickelt hatte.

"Einen Fritz Walter oder Franz Beckenbauer gibt es vielleicht erst wieder in 50 oder 100 Jahren", mutmaßt Bundestrainer Schön, der nach der WM in Argentinien in den Ruhestand tritt. Am liebsten wäre der amtsmüde Coach schon nach dem Titelgewinn 1974 zurückgetreten, doch Beckenbauer hatte ihn bedrängt, zu bleiben.

"Nur wenn Sie in Argentinien Bundestrainer sind", nahm der Star seinen Chef an, "spiele ich auch 1978 für Deutschland." Denn von Schöns Stellvertreter Derwall, der von Juli an Bundestrainer sein wird, hält Beckenbauer nicht viel: "Das ist kein Großer."

Schön (Monatsgehalt: 8000 Mark) gehorchte Beckenbauer, weil "ich noch Geld für meine Rente verdienen mußte". Jetzt muß er ohne Beckenbauer zur Weltmeisterschaft reisen, denn der Star hat sich 1977 zu Cosmos New York abgesetzt, für sieben Millionen Mark binnen drei Jahren. Das nicht gerade schmeichelhafte DFB-Angebot, Stellvertreter von Derwall zu werden, schlug Beckenbauer aus: "So einen Haufen Geld wie bei Cosmos hätte mir keiner mehr im Leben geboten." Trainer zu werden, und das auch noch im zweiten Rang hinter Derwall, fand er ebensowenig reizvoll wie 20 Jahre zuvor sein Vorbild Fritz Walter. "Der Jupp Derwall soll froh sein, denn ich als sein Assistent wäre überall in der Welt wie der Bundestrainer behandelt worden, weil ihn doch keiner kennt."

Der "Fall Beckenbauer war die größte Enttäuschung meines Lebens", lamentierte Bundestrainer Schön hinter dem Auswanderer her. "Der Franz verschwand so schnell, daß ich mich noch nicht einmal richtig von ihm verabschieden konnte." Trotzdem gibt Schön vor, dem Ballkünstler die Landflucht nicht übelzunehmen.

Geringere Spieler waren schon aus dem WM-Kader geflogen, wenn sie mal wie Erwin Kremers von Schalke 04 einen Schiedsrichter "blöde Sau" genannt oder wie Torwart Norbert Nigbur von Hertha BSC burschikose Grüße wie "der Bundestrainer kann mich mal" hatten übermitteln lassen.

Mit Beckenbauer fiel Schöns Spiel. entscheidende Figur aus. Der Münchner hatte nicht nur durch eigene Superleistungen Spiele bestimmt, sondern lenkte die ganze Mannschaft als allseits anerkannte Autorität. Diesmal fehlt dem Bundestrainer ein Anführer, dem alle uneingeschränkt folgen.

Brachten schon der unrühmliche Abgang Beckenbauers, das Zaudern Schöns und die auf Selbstüberschätzung programmierten Fußballfunktionäre, unfähig, den Star wenigstens für die WM-Spiele zurückzuholen' das deutsche Aufgebot aus den Fugen, so trug die starrsinnige, übelnehmerische Haltung der alten Herren im DFB-Vorstand eine weitere Schwächung ein: Nach Dauerquerelen mit den Funktionären lehnte Weltmeister Paul Breitner von sich aus endgültig ab, in die Mannschaft zurückzukehren.

Den Nationalspieler Uli Stielike, der inzwischen das Spiel des spanischen Meisters Real Madrid bestimmt, durfte Schön nicht einmal anfordern. Stielike hatte wider den Willen des DFB die Bundesliga vor der WM verlassen. Der Frankfurter Weltmeister Jürgen Grabowski, dessen Spielstärke sogar ausländische Trainer höher als 1974 einschätzen, ließ sich nicht zur Rückkehr überreden.

Insgeheim spürt Schön, daß er vor vier Jahren den idealen Rücktrittstermin verpaßt und den Zenit einer makellosen Trainerkarriere überschritten hat. In den 14 Jahren als Bundestrainer war der Kunsthändlersohn mit Abitur ebenso zum Nationalheros wie sein Vorgänger Herberger geworden.

Doch während die Fans Herberger vertraute Anreden wie "Bundes-Sepp" oder "Muckl" anhefteten, fiel ihnen zu Schön kein passender und vertraulicher Spitzname ein. Allenfalls skandierten deutsche Ballomanen nach genügendem Alkoholgenuß deftigen Scherz: "Helmut, laß die Löwen raus."

Der listige und verschmitzte Herberger stand den Fans näher als der fürs rauhe Fußballvolk zu feinsinnig und immer etwas weinerlich wirkende Schön. Herberger winkte bei Jubelrufen auch mal zu den Rängen hinauf. Schön schlurft, wegen einer Knieverletzung etwas hüftsteif wirkend und meist vornübergebeugt, den Zuschauern entrückt, zur Bank am Spielfeldrand, die er "als schlechtesten Platz im Fußballstadion" bezeichnet.

Der knorrige Herberger, Arbeitersohn aus

Mannheim, schätzte kernigen Umgangston, der zartbesaitete Schön wählt Worte mit Bedacht. Herberger trug oft einen Seppl-Hut, keck in den Nacken geschoben. Schön bevorzugt für die Arbeit eine schottische Sportmütze, korrekt auf Mitte gerückt.

Von Herberger zu Schön hatten sich die Arbeitsbedingungen der Fußball-Bundestrainer wesentlich verändert. Herberger mußte seine Mannschaft aus fünf regionalen Oberligen zusammenklauben. Seine Nationalspieler waren minder bezahlte Halbprofis, die oft einen Beruf zumindest halbtags ausübten. Mit ihnen konkurrierte Herberger gegen Vollprofis.

In den Klubs wurden die Spieler selten gefordert. Herberger schickte ihnen Trainingshausaufgaben, damit die Nationalmannschaft wenigstens an Kondition mit internationalen Spitzenmannschaften mithalten konnte. Nur selten konnte er, außer bei Lehrgängen, unmittelbar auf die Kicker einwirken. Dabei ging Herberger autoritär, jedoch mit der psychologischen Einfühlung einer Kompanie-Mutter vor.

Vor wichtigen Spielen untersagte er seiner Mannschaft Alkohol und Nikotin. Aus dem WM-Hotel in Schweden bootete er die einzige attraktive Kellnerin aus, bevor die Männer einzogen.

Auf langen Waldspaziergängen vertraute er jedem einzelnen an: "Sie sind mein wichtigster Mann." Er motivierte sie mit badischen Mundartweisheiten wie "Brenne müsse "se, brenne!"

Schön trat sein Amt 1964 nach der Premierensaison der Bundesliga an. Sie vereinte alle erfolgreichen Spieler. Seine Kandidaten konnte er stets im Blick behalten. Für ausreichende Kondition sorgten die Klubtrainer.

So konnte sich Schön darauf beschränken, die günstigste Zusammensetzung seiner Mannschaft auszukundschaften. Allerdings duldete die neue Spielergeneration auch nicht mehr Bevormundung und Befehl. Ungehemmt feilschten Spieler 1974 -- zu Schöns Enttäuschung -- mit den Funktionären um die \VM-Prämien.

Unautoritär und im Vertrauen auf die Überzeugungskraft seiner meist etwas salbungsvoll vorgetragenen Argumente lenkt der Bundestrainer die Spieler heute an langer -- allzu langer? -- Leine. Fest steht jedenfalls, daß Sepp Herbergers Führungsmethoden bei den coolen Vollprofis der Bundesliga inzwischen auch nicht mehr anschlagen würden.

Von einem Umstand profitierten Schön wie Herberger gleichermaßen. Der DFB hielt es, was seine Oberen anbelangt, stets mit der Beständigkeit. Während die Brasilianer in den letzten fünf Jahren drei Nationaltrainer verschlissen, die Engländer und Italiener gar fünf, kamen die Deutschen in 48 Jahren mit drei Reichs- und Bundestrainern aus.

"Kontinuität über Jahrzehnte hat die Position des Cheftrainers und des deutschen Fußballs gestärkt", resümierte der künftige Pensionär Schön, dem der DFB wie zuvor Herberger eine monatliche Leibrente von 2000 Mark zahlen will. "Keiner war eben die Kopie des anderen", verwarf Schön Vergleiche mit seinem Lehrmeister.

Der personellen Beständigkeit im DFB entspricht die Sportkameraden-Kumpanei, die jedem ehrenamtlichen Funktionär oder Angestellten wie dem Trainer Lebensstellungen offenhält, In 78 Jahren gab es nur sieben DFB-Präsidenten. Der DFB hat das Generationsproblem institutionalisiert.

Der vorletzte DFB-Präsident, Dr. Hermann Gösmann, schied als 7ljähriger aus dem Amt. Herberger zählte 67 Jahre, als er an Schön Übergab. Schön verteidigt nun mit 62 Jahren die Weltmeisterschaft. In den Klubs hält sich keiner so lange; fast nie trainieren Fußballlehrer, die älter als 60 Jahre sind, Mannschaften der Bundesliga.

Erstmals 1930 hatte der DFB einen hauptamtlichen Reichstrainer bestellt: Der Turn- und Sportlehrer Professor Otto

Nerz war mehr Theoretiker als Praktiker. Niemals hatte er aktiv Fußball gespielt. Er versuchte nach englischem Muster die damals moderne Sportpädagogik zu vermitteln. Doch er klebte zu sehr am Konservativen: Brauchtum Turnvater Jahns.

Nerz hatte 1930 erstmals das Fach Fußball an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin eingeführt. Bis dahin hatten die meisten deutschen Schulen strikt vermieden, das vulgäre Bolzspiel ins Unterrichtsprogramm aufzunehmen.

Nerz förderte "Jawoll-Sager". Als der Schalker Nationalspieler Ernst Kuzorra dem Reichstrainer vorhielt, mit der Mannschaft seiner Wahl "bleibste besser zu Hause", blieb er zu Hause; sein Platz in der Nationalelf war weg.

Kuzorra behielt recht. 1936 verlor die Nerz-Auswahl im olympischen Turnier gegen den Fußballzwerg Norwegen 0:2. Hitler ließ Nerz feuern.

Nerz-Nachfolger Herberger lockerte den Turnlehrer-Drill durch kurzweiligere Trainingsprogramme auf. Zweimal täglich rief Herberger zum Training. Abends müssen "die Männer lachend umfallen", lautete Herbergers Trainingsregel. "Wer erschöpft ist, säuft auch abends nicht mehr", kalkulierte er.

Unlösbar erwies sich für ihn damals ein anderes Mannschaftsübel: Im Kader Großdeutschlands paßten die auf Hitlers Wunsch vereinigten deutschen und österreichischen Spieler -- immer halbe, halbe -- nicht zusammen. "Der deutsche Stil mit weiten Pässen und das Wiener Scheiberl-Spiel", so Herberger, "werden nie harmonieren."

Als Herberger zur WM 1938 weisungsgemäß Deutsche und Österreicher mixte, scheiterte er schon im Achtelfinale an der Schweiz und sollte auch abgesetzt werden. Fortan berief Herberger die Österreicher nur noch seltener. Sein neuer Torjäger stammte aus Dresden: Helmut Schön.

"E dieregder Lewe is er ja nich", warnten sächsische Fußballkenner vor dem schlaksigen und etwas verletzungsanfälligen Schön. Dennoch setzte sich "der Lange" -- Stockmaß: 1,87 -- auf Anhieb durch, weil "ich nie nervös wurde wie andere, wenn sie hörten, Herberger säße auf der Tribüne, um sie zu beobachten".

Unter Herbergers Augen schoß Schön sieben Tore in einem Spiel. Anschließend klopfte ihm Herberger auf die Schulter, wozu sich der um fast zwei Köpfe kleinere Mann auf die Zehenspitzen stellen mußte. Schön erwartete uneingeschränktes Lob, aber Herberger sagte: "Das war schon ganz gut, aber Sie müssen vorne noch mehr, noch energischer reingehe in die Bälle."

In 16 Länderspielen schoß Schön 17 Tore. Mit dem Dresdner Sport-Club (DSC) gewann er zweimal die Deutsche Meisterschaft. 1944, nach der letzten vom DSC gewonnenen Meisterschaft, bekam der wegen einer Knieverletzung

* Als Torschütze des Dresdner SC beim 4:0 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1944 gegen den Luftwaffen-Sportverein Hamburg.

aus einem Fußballspiel vom Kriegsdienst befreite Schön den Auftrag, die offizielle Meisterschaftstrophäe "Viktoria", einen mannsgroßen Siegesengel, vor Bombenfall und anderer Kriegsunbill zu bewahren.

Als ein Schön-Freund nach Kriegsende vor dem Klubheim beobachtete, wie ein sowjetischer Major alle Pokale und Trophäen auf einen Lastwagen laden ließ, bat er um Herausgabe der Viktoria. Kopfschüttelnd ließ der Sowjetmensch das Monstrum wieder abladen.

Herberger lud den lädierten Torjäger Schön nach Köln zu seinem ersten Trainerlehrgang nach dem Krieg ein. Der Herberger-Schüler galt den Sportpolitikern der Gruppe Ulbricht so viel, daß sie ihn ziehen ließen. Schön bestand die Trainerprüfung und durfte nach seiner Rückkehr endgültig die Auswahl der Sowjetzone trainieren.

Er hatte jedoch erkannt, wo im Fußball die größere Zukunft lag. 1949 waren inzwischen die Bundesrepublik und die DDR gegründet worden. Mit einem Möbelwagen fuhr Schön 1950 nach West-Berlin, nachdem er als Ziel Leipzig angegeben hatte. Ebenfalls 1950, als seine Dresdner Klubmannschaft in West-Berlin gastierte, setzte sich die Mannschaft in den Westen ab. Schöns Gefährten aus dem gemeinsamen Herberger-Lehrgang, 24 Mann, trainierten längst die besten Klubmannschaften zwischen Kiel und München, Braunschweig und Aachen.

Herberger legte für den schüchternen Schön ein gutes Wort bei den Kluboberen des 1. FC Köln ein. "Ich sollte dort anrufen", berichtete Schön, der in seiner Flüchtlingsbehausung noch kein eigenes Telephon besaß. Er suchte das nächste Postamt auf. Unterwegs kamen ihm Bedenken; er kehrte wieder um. "Ich wollte nicht, daß die Kölner glaubten, ich laufe ihnen hinterher, das konnte ja auch nur meinen Preis drücken."

Wieder zurück, fand er in der Wohnung einen Brief vom Saarländischen Fußball-Verband vor. Die Saarländer, damals im Fußball autonom, verfügten über eine eigene Nationalmannschaft und boten ihm den Posten des Verbandstrainers an. Schön sagte zu. "Als Klubtrainer wäre ich wie viele andere "Vielleicht mehrmals rausgeflogen, als Verbandstrainer kam ich mir so sicher wie ein Beamter vor."

Sein Gefühl trog nicht. Mit der Saarland-Elf traf Schön bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1954 ausgerechnet auf die Mannschaft seines Ausbilders und Vorbildes Herberger. Die Deutschen -- mit dem Spielmacher Fritz Walter -- siegten und wurden Weltmeister. Für Verlierer Schön verlief die Entwicklung dennoch so glücklich, daß die Kollegen aus dem Staunen und Neiden kaum herauskamen.

Zwei Jahre nach dem WM-Triumph Herbergers kehrte das Saarland heim ins Reich. Herberger holte Schön als Assistenten, eine Position, auf die sieh noch ein Dutzend anderer Herberger-Schüler gespitzt hatte.

Von Anfang an pflegte Schön seine Legende, wenn schon nicht etwas Besseres, so doch etwas Anderes zu sein als jedes Mitglied des von einst 25 auf mehr als 1000 angewachsenen Rudels deutscher Fußballtrainer. Zumindest in einem unterscheidet sich der elitäre Schön von den skrupellos um Salär und Job kämpfenden Bundesliga-Coaches. Zwar liegen deren Monatsverdienste zwischen 10 000 und 30 000 Mark jenseits seiner Traumgrenze, doch darf er sich in der Sicherheit seiner mit 8000 Mark und Pensionsberechtigung dotierten, beamtenähnlichen Bundestrainer-Position wiegen.

Erspart geblieben ist dem Feinfühligen -- möglicherweise zu Lasten seiner und der Nationalmannschaft Erfolgsbilanz -- das zu Höchstleistungen stimulierende Gefühl, auf einem Schleudersitz zu hocken. In Schöns 14 Bundestrainer-Jahren kippten in den Klubs ungeduldige Präsidenten fast 100 Fußballehrer, wenn sie nicht oft genug siegten.

"Ich bin Sportlehrer, nicht Fußballtrainer", merkt Schön immer wieder an. Und dann erklärt er selbstkritisch: "Mit dem Ball kann ich alles, am Reck war ich nur eine Lachnummer." Tatsächlich -- Akrobat schööön mit dem Ball jongliert er immer noch verblüffend, läßt ihn auf dem Fuß tanzen oder auf der Fingerspitze kreiseln.

Alle Intrigen der Rivalen prallten von Schön ab. Seine Erfolge, wenn auch oft von glücklichen Umständen unterstützt, und Neubergers starke Hand schützten ihn. Bei drei Weltmeisterschaften belegte Schöns Equipe je einmal den ersten, zweiten und dritten Platz. Dazu gewann er noch eine Europameisterschaft. "Ich vertraue unserem Helmut Schön", erklärt der DFB-Präsident Neuberger selbstzufrieden jedem, der Schön Fehler nachweist. So blitzte immer wieder der populärere Trainer Hermes Weisweiler ab, wenn er Schön taktische Fehler vorwarf, dessen angeblich falsche Mannschaftsaufstellungen kritisierte und damit artikulierte, was Deutschlands Fußballfans schon lange aufreibt: Der zaudernde Schön hänge an alten Erfolgszöpfen, an Spielern, mit denen heute kein Fußballstaat mehr zu machen ist. "Mut, auf Angriff zu spielen", erklärte Weisweiler, "hat er nie gehabt. Er macht die Abwehr stark und verzichtet auf Angriffsspitzen."

Weisweiler, mit Borussia Mönchengladbach und zuletzt auch mit dem 1. FC Köln Deutscher Meister, attackierte Schön so unermüdlich, daß sogar die Kölner Spieler darunter zu leiden hatten. Seit sich Kölns Mittelstürmer Dieter Müller, mit 24 Treffern erfolgreichster Torschutze der Bundesligasaison 1977/78, das Knie verletzt hatte, setzte ihn Schön in der Nationalmannschaft nicht mehr ein und lud ihn auch nicht zum WM-Lehrgang vor Argentinien.

"Warum spielt Schön nicht mit zwei Mittelstürmern", nörgelte Weisweiler. Schön wehrte ab: "Kölns Dieter Müller und der Schalker Klaus Fischer passen nicht zusammen." Weisweiler bezweifelte das. "Er hat das ja erst dreimal versucht, immerhin wurden dabei sechs Tore von den beiden geschossen." Eiligst rief Schön den Kölner Müller doch noch ins WM-Aufgebot. Letzte Woche ließ er auch beide wieder gemeinsam spielen. In seinen Memoiren, die im Juli bei Ullstein erscheinen, will Schön seinem Kritiker "Hennes aber noch einiges ins Stammbuch schreiben".

Der ungarische Trainer Gyula Lorant vom FC Bayern München fand heraus, daß die deutsche Nationalmannschaft "den unmodernsten Fußball der Welt" spielt: "Alle Bundesligaklubs haben sich schon auf Raumdeckung umgestellt, nur die Nationalmannschaft spielt noch reine Manndeckung wie zu Herbergers Zeiten."

Der Vorteil der Raumdeckung (siehe Graphik Seite 110) besteht darin, daß die einzelnen Spieler weniger laufen müssen, als wenn jeder seinen Gegenspieler deckt, wo immer der hinläuft. Die totale Abschirmung eines Stürmers durch einen Verteidiger hatte Herberger seinen Spielern mit der Bemerkung eingetrichtert: "Und wenn der Rechtsaußen Tee trinken geht, gehen Sie mit." Sobald also der Rechtsaußen zur linken Seite wechselte, sollte der für ihn zuständige Verteidiger ihm auch auf die andere Spielfeldseite folgen.

Bei der Raumdeckung ist jeder Spieler für einen bestimmten Bereich des Spielfeldes zuständig. Sobald dort ein gegnerischer Spieler auftaucht, muß er ihn angreifen. Verläßt der Angreifer seinen Raum, übernimmt der nächste Spieler die Beschattung. "Die Deutschen haben die intelligentesten Spieler", behauptet Lorant, "aber in der Nationalmannschaft spielen sie den dümmsten Fußball."

Totale Raumdeckung allerdings, wie sie Lorant wünscht, spielen auch die Bundesligaklubs noch nicht. Sie haben eine Mischung von Raum- und Manndeckung im Raum", so Bundesligatrainer Otto Knefler.

"Macht doch aus unserem schönen Fußballspiel keine Doktorarbeit", beklagte Schön den Streit der Fachleute. "Das Schöne am Fußball ist es doch. daß er so einfach ist." Schön verabscheut es auch, den Spielern an der Tafel Spielzüge einzupauken. Manche Nationalspieler hören sogar im Trainingslager tagelang kein persönliches Wort von ihm.

Ganz einsilbig wird der Bundestrainer nach Niederlagen, die ihm in letzter Zeit mehr und mehr beschieden waren. 1974, als die Bundesequipe beim WM-Turnier ausgerechnet gegen die DDR 0:1 verloren hatte, stieg Schön, statt seine Mannschaft moralisch aufzumöbeln, als erster in den Mannschaftsbus und sagte stundenlang kein Wort. Spielführer Beckenbauer berichtete: "Er hatte sich doch gerade gegen seine Landsleute einen Sieg gewünscht, ich habe ein paar Stunden gebraucht, um ihn wieder aufzurichten."

Beckenbauer riet Schön damals, wie die Mannschaft am besten umgestellt werden könnte. Schön befolgte die Ratschläge, und die Deutschen wurden Weltmeister. Nicht ohne Selbstüberheblichkeit umschrieb Beckenbauer die Entschlußlosigkeit des Chefs. "Er ist für mich immer noch der beste Trainer, gerade weil er Ratschläge annimmt."

Seit dem Gewinn des Welttitels 1974 gab sich Schön etwas gelassener. Die Fußballwelt pries ihn als den Größten. "In Südamerika könnte er als Multimillionär seinen Lebensabend verbringen", behauptet der brasilianische Trainer Mario Zagallo.

Dem Tag des Rücktritts nach der WM in Argentinien lebt Schön geradezu fröhlich entgegen. "Am meisten freue ich mich, daß ich dem Termindruck entkomme", sagt er. "Aber Ruhestand soll es keineswegs werden." Schön hofft, für den DFB als außerordentlicher Fußballgesandter künftig die Länderspiele anderer Nationen zu besuchen und auf Banketts die Honneurs zu machen. Alle angesammelten Fußballtrophäen in seinem Neckermann-Haus, Typ Konsul, räumt er aus und schickt sie zum DFB hinüber.

"Ein Mann wie Helmut Schön ist ein Markenartikel", erklärte DFB-Präsident Neuberger zuversichtlich, zumindest nach außen. Tatsächlich aber ist er froh, den Altmeister des deutschen Fußballs von der Bühne zu holen. Im Eilverfahren engagierte er zwei jüngere Trainer-Assistenten für Schöns nach Ansicht der Fachleute zweitrangigen Nachfolger Derwall: Erich Ribbeck, 40, vom 1.FC Kaiserslautern und Dietrich Weise, 43, von Fortuna Düsseldorf, zwei ausgemachte Bundesligaprofis. Neuberger brüstete sich: "Wenn es in Argentinien nicht klappt, greife ich selbst ein." Als Chef des Lehrstabes darf der Mini-Napoleon des deutschen Fußballsports sogar die Nationalmannschaft allein aufstellen.

Als der designierte Bundestrainer Jupp Derwall unlängst beim WM-Lehrgang im holsteinischen Malente über Rückenschmerzen klagte, ordnete Neuberger sofort eine Bandscheiben-Operation an und delegierte Ribbeck als neuen Assistenten zu Helmut Schön. Ribbeck, ein Weisweiler-Schüler, staunte, als er feststellte, wie bei der WM-Vorbereitung fast alles "aus dem Handgelenk" geschah. Stundenpläne, wie sie jeder Bundesligatrainer allwöchentlich zusammenstellt, kennen die Bundestrainer nicht.

Die letzten 27 Kandidaten, unter denen er die 22 Argentinienfahrer heraussuchen mußte, hatte Schön auf einem Zettel notiert. Den Kreis der 40 Spieler für die WM hatte er zuvor mit seinem Assistenten Derwall hei den Positionen 27 bis 40 "geschlossenen Auges" anhand einer Bestenliste des Fachblattes "Kicker" zusammengestellt.

"Das war das schwächste Aufgebot, das vor einer WM hier war", urteilte Sportschul-Heimleiter Hans Merkle in Malente. "Den Helmut Schön habe ich noch nie so ratlos gesehen." Mitleidig spendete Schön-Gegner Weisweiler Trost: "Die anderen haben auch keine überragende Mannschaft; Weltmeister wird der Glücklichste."

Glücksvogel Schön aber hat auch daran keine Freude. Dem Amtsmüden entfuhr der Wunsch: "Ich wollte, die WM wäre schon vorbei."

Dann jedoch erkannte er einen der Außenwelt verborgenen Wert seiner Mannschaft, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit kampiert und trainiert: "Das Betriebsklima war noch nie so gut."


DER SPIEGEL 21/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 21/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Ball hat kein Leben