06.02.1978

Science Fiction - Flucht ins Weltall

In dieser Woche startet Hollywoods Weltraum-Spektakel „Krieg der Sterne“ in den deutschen Kinos. Im März folgt der Ufo-Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, in dem Außerirdische landen, um den Menschen bessere Zeiten in Aussicht zu stellen: Hollywood sahnt in bisher ungeahntem Ausmaß die Milchstraße ab -- beide Filme machen in den USA Rekord-Kasse. Nach den Teufels- und Exorzisten-Melodramen, den Katastrophenfilmen und Weltkrieg-II-Schinken kommen jetzt die Weltraumspekulanten -- die Phantasie bleibt auf der Strecke.
Im August vorigen Jahres betraten zwei Roboter Hollywoods weltberühmtes Kino "Mann's Chinese Theatre" und verewigten ihre blechernen Fußstapfen in feuchten Zementplatten vor dem Eingang, in unmittelbarer Nachbarschaft der pedalen Konterfeis von Filmstars wie Clark Gable, Ava Gardner und Judy Garland. Der Science-Fiction-Film hatte seine ritterlichen Weihen durch die Aufnahme in die Zement-Kartei von Hollywoods Starhimmel erhalten.
Denn der pyknische R2-D2 und der trottelige C-3PO, so die Namen der beiden Maschinenwesen, sind Stars der Weltraum-Oper "Krieg der Sterne" ("Star Wars"), des (noch) profitabelsten Films aller Zeiten. Fast 50 Millionen Besucher- in aller Welt haben sich bisher von diesem in ferne Galaxien transportierten trojanischen Krieg, der um eine Art Dornröschen der Brüder Grimm in Western-Manier und auf die Weise der Ritter-Spektakel geführt wird, faszinieren lassen.
Noch erfreuter dürfte allerdings die 2Oth Century-Fox, Verleiher des Films, sein. Sie hat bis Ende Januar aus ihrer Weltall-Goldgrube einen Kassenumsatz von mehr als 200 Millionen Dollar gemacht. Die Profite dieser Sternentaler würden genügen, um die Fixkosten des Verleihs auf drei Jahre hinaus zu begleichen.
Einzigartig ist dieser Erfolg allerdings nicht mehr. Er hat inzwischen harte, ebenfalls außerirdische Konkurrenz bekommen: Steven Spielbergs "Unheimliche Begegnung der dritten Art" ("Close Encounters of the Third Kind").
Der ins Gewand wissenschaftlicher Seriosität gehüllte Ufo-Thriller -- Amerikas "Ufo-Professor" Dr. J. Allen Hynek diente dem Film als technischer Barater -- macht seit seiner Premiere im vergangenen November fast ebenso schnell Kasse. In den wenigen Wochen bis Ende letzten Jahres spielte er fast die Hälfte dessen ein, was Stanley Kubricks Raum-Trip "2001: Odyssee im Weltraum" in zehn Jahren einspielte.
Science Fiction, so erkannte Hollywood, ist nach der Welle der Katastrophen- und der Kriegsfilme nun das Big Business. Schon sind Fortsetzungen von "Krieg der Sterne" und der "Unheimlichen Begegnung" geplant, Paramount wird seiner erfolgreichen Serie "Star Trek" ("Raumschiff Enterprise") eine Kinoversion folgen lassen, die Disney-Studios reagieren mit Projekten wie "The Cat from outer Space" auf den SF-Boom, Action-Spezialist John Frankenheimer ("Schwarzer Sonntag") arbeitet an einem Remake des apokalyptischen SF-Klassikers "Der jüngste Tag", und auch auf den Broadway-Bühnen sollen die Bretter bald den Weltraum bedeuten: Isaac Asimovs Roman "Ich, der Robot" wird gerade fürs Theater adaptiert. Um in der "Krieg der Sterne"-Brise uneingeladen mitzudriften, puschte der Scotia-Verleib seinen "Großen Krieg der Planeten" in Deutschlands Kinos -- Verwechslungen sind rein zufällig, aber nicht unerwünscht.
Kein Wunder also, daß die neuerdings nach breiter Publikumsgunst gierenden deutschen Fernsehanstalten ihr Heil ebenfalls in der Zukunft suchen. Anfang dieses Jahres startete die ARD eine Science-Fiction-Reihe mit einer Auswahl von 39 Filmen. die von Fritz Langs düsterem Anti-Utopieentwurf "Metropolis" über die Kalten-Kriegs-Plotten wie "Das Ding aus einer anderen Welt" bis zur wilden SF-Persiflage Finsterer Stern" reicht.
Das ZDF, wohl um Wiedergutmachung für die Ausstrahlung der dümmlichen SF-Serien "Raumschiff Enterprise" und "Mein Onkel vom Mars" bemüht, rückt die auf zunächst sieben Folgen konzipierte SF-Serie "Geschichten aus der Zukunft" ein. Für die Seriosität des Unternehmens, dessen erste Folge "Australische Blindheit", jüngst ausgestrahlt. von der Kritik als "belanglos" abqualifiziert wurde, soll Professor Heinz Haber geradestehen, der einst Mitschöpfer des spintisierenden "Science Fiction Club Deutschland" war.
Neu an diesem hektischen Boom ins Ufo-lose mag allenfalls der archivarische Ehrgeiz der ARD oder der wissenschaftliche Anspruch des ZDF sein, die Science Fiction selbst hat in Deutschland bereits seit Jahrzehnten einen festen Sympathisantenkreis, dessen harter Kern in Clubs und Clübchen organisiert, das verschworene und versponnene Leben einer exklusiven Kaste lebt (siehe Kasten Seite 166).
Gespeist wird deren Phantasie-Hunger vornehmlich vom Buch- und Heftchenmarkt. Zu Beginn der 60er Jahre stiegen die großen Taschenbuchverlage ins SF-Geschäft ein, das zuvor nur von der billigen Heftchenproduktion bestritten worden war. Der Heyne-Verlag etwa brachte es bis heute auf insgesamt 600 Titel (Startauflage: 17 000 bis 18 000). darunter auch Taschenbuchmagazine wie "Science Fiction Reader" oder "Titan" sowie die Reihe Science Fiction Classics.
Goldmann kurbelte nach seiner Eingliederung in den Bertelsmann-Konzern (und nach der Übernahme des Heyne-Lektors Reinhold Stecher) die Science-Fiction-Produktion an und bringt nun monatlich drei Titel, außerdem auch die Romanversion vom "Krieg der Sterne" und der "Unheimlichen Begegnung" heraus. Umfang der Reihe bisher: 270 Titel.
Knaur, bislang abstinent im Geschäft mit der Zukunft, wird im Juni eine eigene SF-Taschenbuchreihe mit ein bis zwei Titeln pro Monat starten und die SF-Anthologie "Countdown" herausgeben. Andere Verlage befassen sich eher sporadisch mit Science Fiction. Am konsequentesten verfährt dabei der Insel-Verlag, der den auch im seriösen Literaturfeld hochgeschätzten polnischen SF-Schriftsteller Stanislaw Lem unter Vertrag hat.
Zum Inbegriff -- und Buhmann -- des Trivialgenres Science Fiction wurde in der Bundesrepublik allerdings eine Heftchenserie, von der seit ihrem Start 1961 bisher 859 Folgen erschienen sind und in einer Gesamtauflage von über 300 Millionen allein in Deutschland über die Kioske verkauft wurden (zum Vergleich: geschätzte Weltauflage der Bibel 250 Millionen): Perry Rhodan.
Dieser "Großadministrator" des "Solaren Imperiums", der der Menschheit als galaktischer Herrenrasse das "Erbe des Universums" sichern hilft, gilt seriösen SF-Kritikern allgemein als die schlimmste Ausgeburt imperialistischer, faschistischer Zukunftsphantasie. Rhodan, der "Space Adolf" (so die kritische "Science-Fiction-Times") und sein bester Freund Atlan kämpfen nach blutrünstiger Landesmanier gegen galaktische Feinde, die als "krank, degeneriert", oder, wenn sie Intelligenz haben, als "hinterhältig wie Skorpione" beschrieben werden.
Da überrascht es nicht, daß Perry Rhodan. wie jüngste SF-Forschungen ergaben, Vorfahren aus den 30er Jahren hat. 1933 erschien die Heftehenreihe "Sun Koh", dessen gleichnamiger Held als Erbe der untergegangenen Kultur von Atlantis mit allerlei futuristischen Schnickschnack-Waffen gegen seinen Erzrivalen Juan Garcia, einen verschlagenen Südländer, um die Vorherrschaft zu fighten hat. Die Gründer der Perry-Rhodan-Serie haben die Herrenmenschen-Ideologie von Sun Koh, "Perrys Opi" ("Science-Fiction-Times") bruchlos übernommen und lediglich die Arier gegen die "Terraner" ausgetauscht.
Daß diese primitiven Machwerke, um die sich inzwischen eine ganze Industrie mit Plüschfiguren, Posters, Raumschiffmodellen und eine Fan-Gemeinde von über 100 Perry-Rhodan-Clubs rankt, mit seriöser Science Fiction soviel zu tun hat wie Fix und Foxi mit Shakespeare, liegt auf der Hand. Anspruchsvolle SF-Literatur, auch wenn sie sich auf Plato, Thomas Morus ("Utopia") und die Staatsromane der Renaissance berief, hatte es immer schwer, sich vom Makel des Trivialen zu befreien.
Unschwer lassen sich in der utopischen Literatur zwei "klassische" Vorbilder ausmachen -- selbst dann, wenn sie auf dem Trivial-Pflaster der Milchstraße bis zur Unkenntlichkeit breitgetreten worden sind.
Es handelt sich einmal um den Abenteuer- und Ritterroman, wo ein Held in der "Fremde" im Bestehen von Abenteuern seine Bewährung sucht -- und was wäre eine fremdere Fremde als das unbekannte All?
Und es handelt sich zum zweiten um eine Kritik menschlichen Verhaltens und menschlicher Zustände von einem möglichst fremden Standpunkt höherer oder besserer Lebewesen. Diese auf den Satiriker Jonathan Swift ("Gullivers Reisen") und die französische Aufklärung (Montesquieus "Persische Briefe") zurückgehende Literatur sucht die Ferne, um das Naheliegende zu kritisieren.
Der SF-Literatur ist es bis heute nicht gelungen, in einer griffigen Definition dessen, was Science Fiction ist, ein tragbares Selbstverständnis zu finden. Die Grenzen sind fließend zur Futurologie mit ihrer wissenschaftlichen Extrapolation gegenwärtiger Entwicklungen in die Zukunft. zur schieren "Fantasy" à la E. T. A. Hoffmann, die gegenwärtig mit der Entdeckung Tolkiens ("Der Herr der Ringe") eine gigantische Hausse erlebt, aber auch zum Horrorgenre mit seinen Monstern (King Kong) und seinen Homunculi ("Frankenstein").
"Eine Science-Fiction-Geschichte". schreibt der Autor Crispin, "ist eine Geschichte, die eine Technologie oder die Wirkung einer Technologie oder eine Störung der natürlichen Ordnung voraussetzt, wie sie die Menschheit bis zu diesem Zeitpunkt in der Wirklichkeit noch nicht erlebt hat." Eine derartige Abgrenzung trifft vor allem auf die amerikanische Science Fiction zu, deren wissenschaftliche Komponente vornehmlich aus den Bereichen der Naturwissenschaften gespeist wird. Sie prahlt gerne mit ihrer beachtlichen prognostischen Trefferquote und ihrem "aufklärerischen Wert, den keine andere Literatur gegenwärtig für sieh reklamieren kann" (Isaac Asimov).
Tatsächlich haben sich SF-Autoren hie und da als erstaunliche Propheten erwiesen: So beschrieb Edmond Hamilton bereits 1931 Form und Funktion der heutigen Raumanzüge. H. G. Wells sagte vor dem Ersten Weltkrieg den Einsatz von Panzern voraus und schilderte Luftschlachten, ehe das erste Flugzeug gebaut wurde. Robert A. Heinlein spekulierte in "Solution Unsatisfactory" bereits 1941, der Zweite Weltkrieg werde durch den Einsatz einer Atombombe beendet werden. (Allerdings sah er Berlin getroffen und nicht Hiroshima). Den Bau der Atombombe beschrieb Cleve Cartmill in "Deadline" 1944 immerhin genau genug, daß sein Herausgeber John W. Cambell in die Fänge der Spionageabwehr geriet.
Die Beschränkung der Science Fiction auf die rein technologischen Aspekte der Zukunft hat ihre Wurzeln sicherlich im blinden Fortschrittsglauben eines Teils ihrer Leserschaft, der sich mit dem Fluchtwillen aus den realen Ängsten der Gegenwart paart. Die Warnung Heinleins, die SF-Autoren müßten bei ihren Lesern um deren Geld fürs Bier kämpfen, koppelt beide Motive eng aneinander. "In den Wunsch- und Angstbildern der Science Fiction" stellt der deutsche SF-Kritiker Eike Barmeyer fest, "in ihren Allmacht- und Ohnmachtsphantasien kompensieren sich aktuelle kollektive Konflikte und Sehnsüchte."
Nirgends wird das deutlicher als in Hollywoods Science-Fiction-Filmen, welche die Ängste ihres Publikums vor den schicksalhaft erduldeten Ereignissen wie Weltwirtschaftskrise, Pearl Harbor, Hiroshima, Kalter Krieg und atomare Bedrohung vermarkten.
Die erste Welle der Ufo-Filme etwa, die zur Zeit des Korea-Kriegs ihren Höhepunkt hatte, schlachtete schamlos die Invasions-Ängste der Amerikaner aus. Paradebeispiel "Phantom from Space" (1953): Unsichtbare außerirdische Lebewesen landen in Kalifornien und morden die Einwohner. Erst mit Hilfe von Radar können die Außerirdischen aufgespürt und vernichtet werden.
McCarthys Kommunistenhatz schürte Hollywood mit einer Reihe von SF-Filmen, in denen mysteriöse Viren die Bevölkerung befallen und aus ihnen seelenlose Wesen machen, in denen jede Herzensregung erstorben ist. Genau so stellte man sich ja damals einen Kommunisten vor. Sein tierisches Pendant war das Insekt ("blaue Ameisen"), das in Filmen wie "Formieula" oder "Tarantula" in gigantisch vergrößerten Formen die USA bedrohte.
Mit dem Abflauen des Kalten Krieges verlor der SF-Film seinen Erbfeind. Er konnte sieh aus der Zwangsjacke politischer Propaganda befreien und sich mehr sozialen und anthropologischen Problemen widmen. Die politische, dualistische Ideologie wich der Ausmalung apokalyptischer Visionen.
Kubriks bissige Satire "Dr. Seltsam oder -Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" (1964) endet mit dem atomaren Harmagedon, "Jahr 2022, die überleben wollen", den die ARD diesen Samstag ausstrahlt, illustriert die Schrecken der Überbevölkerung, und die beiden Filme "Westworld" und "Futureworld" schildern eine schöne neue Welt, deren totale Freizeitkultur die Menschen zu willen- und leidenschaftslosen Marionetten degradierte.
Der neuerliche Wandet von den Naturwissenschaften zu den Humanwissenschaften (das Überwiegen von "Fantasy" über "SF") befreite allerdings die Trivialgattung SF keineswegs aus ihrer generellen Crux. Stanislaw Lem klagt, die SF bringe "nicht das Sisyphusschicksal des in den eigenen Werken verstrickten Menschen näher, sondern sie entfernt ihn mir von jeglicher Art realer Problematik, indem sie ihr primitive und damit betrügerische Surrogate zuliefert. Ich habe nichts gegen Unterhaltung, auch wenn sie unsinnig ist, aber Unsinn, der sich als faustische Mythologie ausbreitet, ist ein Krebsschaden an der Kultur".
Der polnische SF-Philosoph zum SPIEGEL: "In der Science Fiction ist das ganze Weltall total verfälscht worden. Das Universum der Physik, der Kosmologie existiert da nicht, weil die Science Fiction alte Barrieren der räumlichen und zeitlichen Begrenzung einfach ignoriert." Statt dessen, so Lem, werde ein fiktiver Kosmos verharmlost, vermenschlicht und verniedlicht. Und der Münchener Psychologe Jürgen vom Scheidt präzisiert: "Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Science Fiction und der "Literatur-Literatur" besteht darin, daß sieh letztere ganz und gar um die Tatsache dreht, daß der Mensch in zwei Variationen auftritt, nämlich einer männlichen und einer weiblichen samt den darin wurzelnden Konflikten und ihren Folgen; ·wohingegen sich die SF mit genau dieser wirklich zentralen Quelle menschlichen Glücks wie Leids überhaupt nicht befaßt."
Erotik ist der Science Fiction deswegen meist ebenso fremd wie Zärtlichkeit. Beschäftigt sie sich mit sexueller Thematik, wie etwa in Philip Jose Farmers Roman "Die Liebenden", in dem es ein Irdischer mit einer Insektenfrau treibt, dann beschränkt sie sich lediglich auf die biologischen Aspekte des Sex.
Die amerikanische Essayistin Susan Sonntag entdeckte denn auch in der Science Fiction Parallelen zur Pornographie: "Die ahistorische, traumwelthafte Landschaft. in der die Handlung abläuft. das merkwürdige zeitlupenhafte Tempo, in dem einzelne Handlungen ausgeführt werden: All das ist in der Science Fiction fast ebenso häufig anzutreffen wie in der Pornographie ... Die Pornographie ist -- genauso wie die Science Fiction -- ein Zweig der Literatur, der auf Desorientierung, auf psychische Verwirrung, ausgerichtet ist."
Vom Scheidt, unter dem Pseudonym Thomas Landfinder selbst Herausgeber von SF-Büchern, hat in seiner Praxis SF-Freaks psychoanalytisch behandelt und dabei
Defekte der seelischen Struktur seiner Patienten entdeckt, die offensichtlich typisch für das Gros der SF-Anhänger sind. Von Freuds Feststellung ausgehend, "der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte", stieß er auf eine narzistische Persönlichkeitsstörung, die sich durch "seelische Zustände von Sinnlosigkeit, tiefster Verlassenheit und Isoliertheit" bemerkbar macht.
Der typische SF-Leser befinde sich, so vom Scheidt, im Zustand der "Regression". er sinke in "vergangene" meist frühkindliche Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen" zurück. Dieser Disposition komme der in der gängigen SF zu beobachtende Ausdruck von Größenwahn, Verfolgungsideen und Beeinflussungswahn entgegen, also unter anderem dem, was Freud als "infantile Allmachtsphantasien" bezeichnete.
Vom Scheidt vergleicht den SF-Leser mit dem Rauschdrogen-Konsumenten: "Er kann mit Hilfe einer SF-Erzählung regredieren (wie der Hascher mit seiner Droge), und er kann dies um so ungestörter, als das Arsenal an technologischen Klischees ihm vorgaukelt, er "progrediere" in Wirklichkeit -- aber dann wird er im Stich gelassen und muß selbständig versuchen, aus dem Zustand der oft sehr tiefen Regression wieder in den Alltag aufzutauchen."
"Fanatiker und Dipsomane der Science Fiction werden nie erwachsen". klagt auch Stanislaw Lem. Er verdammt die herrschenden Zustände in dieser Gattung auch am radikalsten: SF sei zu einer "Domäne des Kitsches und der Mystifikation" geworden, sie sei zwar noch nicht "insgesamt in die Tiefen eines Wahnsinns hinabgesunken, der eine Art degenerierte Handlungskreation ist", aber sie befinde sich auf einem solchen Wege.
Natürlich betrifft dies nur eine Gruppe von SF-Anhängern. Denn in der Beliebtheit des Genres drückt sich auch berechtigte Utopie: Hoffnungen und Wünsche nach phantasievollen Gegenwelten aus. Der spielerische Umgang mit der Technik, den die SF gewährt, spiegelt den uralten Menschheitswunsch, den Gegensatz zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Unendlichkeit und Begrenzung wenigstens in Phantasie-Träumen und erdachten Modellen aufzuheben -- oder drohende Schrecknisse warnend vorauszuzeichnen.
Daher gibt es durchaus ernst zu nehmende Werke dieses Genres, das sich auch auf die optimistischen Technik-Abenteuer eines Jules Verne berufen kann, angefangen von H. G. Wells" Klassiker "Die Zeitmaschine", Orwells "1984" und "Farm der Tiere" bis zu Lems Romanen, wie etwa "Solaris", dessen hervorragende Verfilmung durch Andrej Tarkowskij die ARD in ihrer SF-Reihe senden wird. US-Autoren wie Isaac Asimov ("Ich, der Robot"), Ray Bradbury ("Fahrenheit 451") und der Brite Arthur C. Clarke, der zusammen mit Kubrick das Drehbuch zu "20O1" schrieb, genießen auch in der "seriösen" Literatur Beachtung.
Zudem hat sich gerade in den USA vor allem unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges eine Art "kritischer Science Fiction" entwickelt. Joe Haldeman etwa -- Vietnam-Invalide -- gewann mit seinem pazifistischen SF-Roman "Der ewige Krieg" die begehrten Hugo- und Nebula-Preise. Ihm geht es wie einer Reibe seiner jüngeren Kollegen vornehmlich um Gesellschaftskritik im Mantel der Science Fiction.
So beschreibt George R. R. Martin in der Kurzgeschichte "Nights of the Vampyres", wie die amerikanische Regierung Bomben auf Städte des eigenen Landes werfen läßt, um dann dieses Verbrechen einer Oppositionspartei in die Schuhe zu schieben. Thomas M. Dish läßt in "Camp Concentration" Amerikas Intellektuelle das Schicksal der europäischen Juden im Dritten Reich nachvollziehen -- man sperrt sie in Konzentrationslager.
Themen dieser neuerten SF-Welle sind Umweltkatastrophen, Rassenkonflikte, die Dschungel der Städte, Ausbeutung, Verelendung und machtpolitische Korruption. Die Science Fiction wird hier allerdings lediglich als Vehikel benutzt, um kritische Botschaften auf der Ebene der Trivialrezeption zu verbreiten. Dem rauschhaften Effekt der SF, "sense of wonder" genannt, huldigen sie nur bedingt.
In das "Wundergefühl" lullen die beiden Filme, die für den neuen weltweiten SF-Boom verantwortlich sind. durch perfekte Dramaturgie und faszinierende Tricks ihr Publikum ein. An "Krieg der Sterne" und "Unheimliche Begegnung" lassen sich auch die neuesten Strömungen der Science Fiction festmachen.
Steven Spielberg ("Unheimliche Begegnung") stützt sich in seinem Film auf die traditionellen Muster des Ufo-Thrillers. mit einem entscheidenden Unterschied allerdings: Seine Außerirdischen sind freundliche Wesen. und seine Irdischen sind es auch. Statt hysterischen Invasions-Ängsten, wie etwa im "Krieg der Welten". herrscht hier wissenschaftliche Exaktheit und Neugier. verbunden mit jenem "human touch". auf den kein Hollywoodfilm verzichten kann. So, auf die nette, möchte man sich gerne den Kontakt mit Weltraumwesen vorstellen. "Unheimliche Begegnung", stellte "Newsweek" erleichtert fest, "handelt nicht vom Übersinnlichen, sondern von Menschen."
Nicht nur. Der Film berührt die Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Religion. Sein Höhepunkt, die Landung des gigantischen Ufo-Mutterschiffs auf einem Tafelberg in Wyoming ist ein Weihespiel, gegen das eine vatikanische Osternacht blaß und nüchtern wirkt. Mit wagnerianischem Getöse und einer Lichtarchitektur. die an gotische Kathedralen erinnert, illustriert Spielberg seine Heilsbotschaft des Alle-Galaxianer-werden-Brüder. Und wie in der Bibel sind es bei ihm die Kinder. die als erste das technologische Himmelreich schauen dürfen.
Auch der irdische Held, ein Kraftwerkingenieur, verheiratet, drei Kinder, handelt nach neutestamentarlichen Maximen, wonach der, welcher nicht bereit ist, Frau und Kinder zu verlassen, des Himmelreichs nicht ansichtig werde. Also zieht der Ingenieur-Apostel von dannen und entschwebt, wohlversehen mit den christlichen Sakramenten, am Ende mit den Außerirdischen. Zu fragen, ob seine Familie per Dauerauftrag aus der Galaxie weiterversoret werde, wäre zu banal. "Unheimliebe Begegnung" ist die wissenschaftlich verbrämte Kulthandlung einer Ersatzreligion. für deren Anhänger der Bildschirm längst zum Tabernakel geworden ist. Dabei muß sich Hollywood nicht schämen, die Nasa steht der Traumfabrik in nichts nach. Oder kann man sich ernsthaft vorstellen, etwaige Außerirdische könnten etwas mit jener Schallplatte anfangen, die den Raumsonden "Voyager" im letzten Jahr beigelegt wurden? Auf ihr sind neben Hyänengeschrei. Schiffssirenen und Kußgeräuschen unter anderem auch Beethovens "Fünfte", Chuck Berry, Louis Armstrong und eine Ansprache von Jimmy Carter zu hören. Welch eine galaktische Visitenkarte.
George Lucas" "Krieg der Sterne" enthält sich dagegen aller wissenschaftlich-religiösen Spekulation. Als hätten ihn de Brüder Grimm, plötzlich zu "Space-Freaks" geworden, verfaßt, wirkt der Film wie ein Märchen, in dem Gut und Böse fein säuberlich getrennt sind und die zu erlösende Prinzessin, eine edle Weitraumpflegerin, so sexy wie Dornröschen ist. Hier schrumpft Science Fiction endgültig auf die Größe kindlicher "Gadget"Phantasie, das Weltall wird zum Disney-Land, zum Abenteuerspielplatz der Plastik-Society.
Dennoch hat es Lucas verstanden, mit seinem harmlosen Spektakel so etwas wie einen Gesamtkatalog gängiger Film-Genres zu vereinen: Das reicht vom Mantel- und Degen-Kostümfilm über die Welt der Cowboys und einsamen Reiter bis zum Zweiten-Welt-
* Carrie Fisher.
kriegs-Kampfgetöse, dessen Luftschlachten am Ende technisch bravourös, wenn auch mit der Schlage-tot-Mentalität der Landser-Filme aller Nationen, im Weltraum noch einmal ausgefochten werden.
Neben den Raumschiffen, die mit "Hyperspeed" durchs All jagen, neben wandelnden Computern und künstlichen Killerplaneten sehen die wenigen menschlichen Wesen aus, als kämen sie gerade von einem Krippenspiel einer alpinen Gemeinde. Sie könnten sieh ohne Kostümänderung nahtlos in jene versunkenen Phantasiereiche einfügen, wie sie Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs ("The Land that Time Forgot") und Tolkien ("Silmarillion") erdacht haben. Mit diesen kauzigen Ritterwelten hat "Krieg der Sterne" mehr gemeinsam als mit Science Fiction. Der Unterschied: Statt zu Pferde wird zu Raumschiff Attacke geritten, und statt mit der Lanze kämpft man mit dem Laserschwert.
Wissenschaftliche Mystik und Märchen für Leute, "die das Glück haben, noch Kinder zu sein, und jene, die das Unglück haben, nie erwachsen zu werden" (Magazin "New York") -- für ernsthafte Science Fiction ist kein Platz in der Massenkultur.
Resigniert der französische Autor Michel Butor: "Wir haben es mit einer Mythologie zu tun, die im Staube liegt, die ohnmächtig und nicht imstande ist, unser Handeln eindeutig anzuleiten ... Man hat die Tore sperrangelweit aufgerissen, um auf Abenteuer auszuziehen. und es stellt sich heraus, daß man nur ums Haus herumgegangen ist."

DER SPIEGEL 6/1978
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