06.02.1978

„Geschwindigkeit auf Sauffaktor 8“

In Unterammergau lebt Lord Hughbold, der Mastermind, und plant den nächsten Krieg.
Mit Schwert und Spieß, mit Quadrigen und Onagern, mit Burgen und Zauberern will Lord Hughbold, Führer des Löwen-Clans, wider die Lords und Ladies des Adler-, Falken- und Voodoo-Clans streiten um Länder, die so heißen: Wolsan, Azzôn oder Pfrtlmf.
Blut, freilich, wird keines fließen. Das Schlachtfeld ist aus Holz, die Krieger sind daumengroß und die Burgen handgeschnitzt; Würfel entscheiden über Sieg und Tod. Das Kriegsspiel, nach der sagenhaften Endschlacht "Armageddon" geheißen, ist der liebste Zeitvertreib einer zeitgenössischen Menschengruppe, der "Fellowship of the Lords of the Lands of Wonder", kurz "Follow".
"Follow" ist das braune Schaf des deutschen "Fandoms" -- so nennen Science-Fiction-Fans ihr Reich, in dem sie sich auf "Cons" (Konventen) oder "Worldcons" treffen, da Kostüme ihrer Helden anlegen, über Hohlwelten, fünfte Dimensionen, Mutanten, Zombies, intergalaktische Flüge diskutieren und zur Selbststeigerung ("Egoboo") auch mal einen "Vurguzz" schlürfen, die SF-Hausmarke, ein grünes Gesöff.
Im Fandom aber herrscht kein Friede. Statt mit Laser oder Lanze bekriegen sich die SF-Clubs mit "Fanzinen" -- Fan-Magazine, von denen noch an die zwei Dutzend kursieren, "Andromeda" heißen oder "Magia", "Science Fiction Times" oder "Quarber Merkur"; die einen sind den anderen zu links oder rechts oder schlicht zu dusselig.
Die Fanzine, Auflagen zwischen 50 und 2000, simpel getippt oder knackig aufgemacht, sind die Signale einer Subkultur, die sich einst als Vortrompeter der SF-Literatur verstand, mittlerweile aber, da das Land in SF-Schwarten versinkt, sich in Krals einigelt oder im großen Geschäft mitscheffelt.
Ingenieure, Buchhändler, kleine Angestellte füllen da ihren terranen Freiraum; aber, so zählte ein Eingeweihter auf, auch "Schizoide, Paranoiker, Napoleoniden, Venusmenschenkontakter, Untertassenkonstrukteure und Propheten der letzten Stunde" ziehe das Fandom an "wie Motten das Licht", ebenso solche mit "stetigen Absagen von den Seiten des anderen Geschlechts".
Der Urknall hatte Mitte der 50er Jahre stattgefunden und zur Gründung des "Science Fiction Club Deutschland" geführt, Amerika stand Pate. Mitschöpfer waren der nachmalige Fernseh-Professor Heinz Haber, der SF-Schreiber Walter Ernsting (alias Clark Darlton) und der ihm sehr verbundene Heftchen-Verlag Pabel; ihm entsprang später der Milchstraßen-Feger "Perry Rhodan".
Die kosmische Brüderschaft zerbarst im Sommer 1970, beim "Worldcon" in Heidelberg. Angeödet von läppischen Ritualen und Sternfahrer-Maskeraden der Konservativen, machte die Linke ihre eigene Apo auf, und die rechten Lords aus Unterammergau zogen sich in die Berge zurück.
Damit war im deutschen Fandom eine Teilung besiegelt -- zwischen "Fantasy" und "Science Fiction". Diese nicht für jedermann gravierende Differenzierung soll hier nicht unterschlagen werden.
Während SF mit bio-, techno- und soziologischen Spekulationen ins Futur und galaktische Fernen schweift, treibt Fantasy die Utopie nach rückwärts, in archaische, barbarische, mythologische Phantasie-Vorzeiten; die alten Rittersleut von Follow", hierarchisch organisiert und von kindlichem Spieltrieb, traben in ihrem Lehen.
Literarischer Oberheld dieses auch "Sword & Sorcery" (Schwert & Magie) genannten Schrifttums ist der Urmensch Conan; in die Vorwelt gesetzt hat ihn um 1930 der Texaner Robert E. Howard. Conan, ein blauäugiger Lendenschurz-Jäger vom Stamm der Cimmerier, ist der größte Einzelkämpfer aller Zeiten.
In mürben Ruinen und stygischen Grüften treten ihn grünköpfige Zauberer und glibbrige Monster an; doch er nestelt nicht an nordischen Knoten, er spaltet Schädel wie Butterbirnen, ruft den "wilden Gott" an, der "Schwächlinge haßt", und ist auch bei Damen bullig: Er balzt nicht, er bolzt gleich.
Gegen solche Steinzeit-SS hat die "Arbeitsgemeinschaft Spekulative Thematik" immer ein linkes Wort zur Hand. In ihrem Fanzin "Science Fiction Times", gefüllt mit Kritiken, SF-Bibliographien und SF-Stories, geißelt sie gern das von "kapitalistischer Ideologie eingelullte Kleinbürgerbewußtsein" der SF-Menschen. Marx war, rechts besehen, auch ein SF-Autor.
Der Erzfeind freilich für die linken Spekulierer ist Pabels Astro-Sturmführer Perry Rhodan. Doch wie der Weltraumschiffer stößt der Verlag in immer weitere Hohlwelten vor. Mit Schmus und "Cons" -- Redner: Däniken -- versucht er, die zahlreichen Perry-Rhodan-Clubs nun unter ein Dach zu bringen, feuert sie an, eine Rhodan-TV-Serie zu fordern, und plant Höhenflüge bis ins Jahr 1990.
Der Mensch, ein auf Verschleiß und Veralten angelegtes Modell, fabuliert sieh gern Unsterbliches und Übermenschliches. Das deutsche Fandom freilich scheint zu bröckeln, nur ein Bruchteil, wird geschätzt, ist noch organisiert, rund 1000. Schon treten in den Fanzinen SF-Veräppler auf den Plan.
Einer, beispielsweise, entwarf ein Raumschiff, das auf Bier-Basis funktioniert: Eine "höchst leistungsfähige Brauerei" an Bord produziert den Stoff, der nach Durchströmen der Astronauten und einer "Aufbereitungsanlage" Raketenschub entwickelt. Beim Befehl "Geschwindigkeit auf Sauffaktor 8 erhöhen" mußten "alle Kerle in der Bar doppelt so schnell trinken".

DER SPIEGEL 6/1978
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