27.02.1978

Berlinale: Warten auf Rosinen

Auch die 28. Berlinale, in den Winter vorverlegt und letzten Mittwoch eröffnet, kann sich mit dem Festival von Cannes nicht messen. Gewichtiger als der offizielle Wettbewerb, dem es an hochkarätigen Film-Novitäten mangelt, ist das Rahmenprogramm der Rück- und Werkschauen: ein 12tägiges Cinéasten-Fest mit 500 Filmen.
Nebel, Matsch und Nieselregen: Zu Beginn der 28. Berliner Filmfestspiele herrschte Donner-Wetter. Wolf Donner, 39, seit letztem Jahr Leiter des nach Cannes wichtigsten Film-Festivals, ist es zu verdanken, daß die Berlinale nun nicht mehr im warmen Frühsommer, sondern im feuchtkalten Spätwinter stattfindet.
Kein Grund zur Klage, möchte man meinen. Schließlich ist Kino keine Freiluftveranstaltung, und auch der aus den 50er Jahren bekannte Starrummel vor den Film-Festivalpalästen, der auf leichte Kleidung angewiesen war, entfällt schon seit Jahren mangels Masse. Aber der empfindsamen Crew des Festival-Sets, den Filmemachern, Journalisten, Ein- und Verkäufern könnte unfreundliche Witterung schnell aufs sensible Gemüt schlagen.
Wolf Donner, einst als Filmkritiker der "Zeit" nicht gerade ein Freund der Berlinale, hat denn auch mit Ironie und Charme versucht, einschlägige Argumente zu unterlaufen: Auf dem Werbeplakat prangt diesmal ein Filmstreifen, dem eine bunte Pudelmütze aufgestülpt ist. In lokal ausgestrahlten TV-Spots, finanziert aus dem Zwei-Millionen-Etat des Festivals, wirbt eben diese Kopfbedeckung für Donners Veranstaltung, indem sie den Filmstreifen nach Comic-Manier mampft und stückweise wieder ausspuckt. Die Pudelmütze gibt es für Besucher außerdem zu kaufen; Absatz reißend.
Dabei ist es nicht blindwütiger Sadismus, der Donner diesen unwirtlichen Termin wählen ließ. Der alljährliche Festival-Zirkus zwischen Oberhausen und Sydney krankt, Folge weltweiter Filmkrise, am Mangel an qualitätsvollen Filmen. Zudem ist Cannes, unbestrittener Star unter den Filmfesten, seit Jahren bemüht, das Beste vom Besten für sich zu buchen -- mit Erfolg.
Dem Riesen von der Côte d'Azur hat Donner nun insgeheim den Kampf angesagt, indem er die Berlinale drei Monate vor den Cannes-Termin verlegte, in der Hoffnung, aus dem internationalen Filmangebot, das zur Winterzeit am umfangreichsten ist, die Rosinen herauspicken zu können. Das stieß zunächst auf Widerstand der Franzosen, die sich mit versteckten Boykott-Drohungen -- keine deutschen Filme mehr in Cannes -- gegen den Donner-Coup zur Wehr setzten. Sie lenkten schließlich ein in der Gewißheit, ihr Festival durch die Berlinale nicht gefährdet zu sehen.
Denn nach wie vor sind die großen europäischen Produzenten und ist vor allem Hollywood geneigt, mit erfolgversprechenden Filmen lieber bis zum Mai auf Cannes zu warten als nach Deutschland zu kommen, das an Filmabstinenz eh zur Spitzengruppe in der Welt zählt. Und selbst deutsche Filmer lassen sich lieber zuerst im Ausland
* Links: Regisseur Schlöndorff, Darstellerinnen Franziska Walser, Angela Winkler; oben: Regisseur Cassavetes, Darsteller Ben Gazarra, Gena Rowlands.
feiern. Beispiel: Rainer Werner Fassbinders Nabokov-Verfilmung "Despair" mit Dirk Bogarde und Andréa Ferréol wird, obwohl längst fertiggestellt, erst im Cannes-Wettbewerb gezeigt werden. Berlin erhielt einen Korb.
So fehlen in Donners Wettbewerbsprogramm die großen Namen, die totsicheren Publikumsrenner. Frankreich, das zur Zeit in einer öden Filmflaute steckt, ist mit keinem Werk vertreten. Aus den USA kommt lediglich "Opening Night" ("Premiere") des Hollywood-Außenseiters John Cassavetes. Steven Spielbergs Ufo-Thriller "Unheimliche Begegnung der dritten Art" wird das Festival zwar beschließen, läuft aber außer Konkurrenz.
Die Jury, der unter anderen die Schriftstellerin Patricia Highsmith und der Regisseur Sergio Leone ("Spiel mir das Lied vom Tod") angehören, wird Preiswürdiges vor allem unter Filmen aus Lateinamerika und dem Ostblock herauszufinden haben. Und aus dem Angebot der Bundesrepublik, die neben Niklaus Schillings "Rheingold" und Hark Bohms "Moritz, lieber Moritz" auch das mit Spannung erwartete Kollektivprodukt "Deutschland im Herbst" (SPIEGEL 2/1978) in den Run auf die "Goldenen" und "Silbernen Bären" schickt.
Eines ist deutlich: Der Wettbewerb, vor Jahren schon von Kritikern als Farce gebrandmarkt, verliert mehr und mehr an Bedeutung gegenüber den wuchernden Rahmenveranstaltungen, die aus der Berlinale, ganz im Sinne ihres Leiters, ein totales 12tägiges Cineastenfest mit rund 500 Filmen und unzähligen Cocktails machen.
Neben dem "Internationalen Forum des Jungen Film", das, so sein Leiter Ulrich Gregor, "versucht, Filme einer radikalen Neuartigkeit zu finden", wird geboten: der zweite Teil der Marlene-Dietrich-Retrospektive; eine Auswahl von Filmen, die im Dritten Reich produziert, aber verboten wurden; Werkschauen mit Filmen von Peter Lilienthal und der Russin Larissa Schepitko; eine Reihe mit Werken des jungen deutschen Films, gedacht vor allem für ausländische Film- und Fernseh-Einkäufer; eine Filmmesse, auf der Lizenzen und Verleihverträge gehandelt werden. Und sogar für Kinder ist mit einer eigenen Filmreihe gesorgt.
Um aus der Berlinale auch wirklich ein Publikumsfest zu machen, ging Donner noch vor Wochen mit seinem Team und einer Dixie-Band den Kurfürstendamm entlang und verteilte Programme und Pudelmützen. Den Berliner Lokalmatadoren von Presse und Fernsehen beschnitt er drastisch die Freikartenpfründe, damit die Vorführungen wenigstens zur Hälfte mit "normalem" Publikum belegt sind. Der Ansturm dankbarer Berliner gibt ihm recht.
So beklagen den neuen Festival-Termin nur noch die Autogrammjäger, die vor Kälte schnatternd vor dem Kempinski und dem Hilton mit staunenswerter Sturheit auf sogenannte Prominenz warten. Auch die örtliche Presse hat sich -- zunächst -- mit der Winterzeit abgefunden: "Schöne Dekolletés" " tröstete Springers "Berliner Morgenpost", "kann man auch unter Pelzmänteln spazierenführen."

DER SPIEGEL 9/1978
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