30.01.1978

Datum: 30. Januar 1978 Betr.: Manifest

Eine "bemerkenswerte Reaktion auf das SPIEGEL-Manifest" registrierte die "Frankfurter Allgemeine" am vergangenen Freitag. Unter der Überschrift "Das Privatleben der Funktionäre ist für die Bürger tabu" überlegt ihr Korrespondent Peter Jochen Winters, ob vielleicht mindestens die jüngeren "Politbürokraten" der DDR sich künftig "mehr als Menschen denn als "Heilige' geben" wollten.
Zuvor hatte schon der Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Peter Pragal, konstatiert, die Autoren dieses Manifestes hätten offenbar mit ihren Hinweisen auf privaten Funktionärsluxus einen Nerv getroffen. Auch Wolf Biermann hatte in der "Zeit" an die Manifest-Autoren geschrieben, er fände es gut und angemessen, "dass Ihr im Text dem parasitären Lebenswandel der Fürsten im deutschen demokratischen Feudalsozialismus so breiten Raum gebt".
Im Manifest hatte gestanden: "Da vermacht die Nummer eins der Hauptstadt seinen Söhnen Offiziersstellen in der Bezirksverwaltung des MfS (Ministerium für Staatssicherheit), seiner Gespielin das Palast-Theater sowie eine Villa, die Möbel-Hübner (West-Berlin) ausstaffiert." 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin der SED -- jene "Nummer eins" -- ist Konrad Naumann, laut Handbuch der Volkskammer (1977) "verheiratet, zwei Kinder". Leiterin des 1976 gegründeten Palast-Theaters ist Vera Oelschlegel, jahrelang verheiratet mit dem Vize-Präsidenten des Schriftstellerverbandes der DDR, Hermann Kant ("Die Aula") und jahrelang liiert mit Konrad Naumann, den sie offenbar inzwischen auf Druck der Partei heiraten musste. Winters fragt in der "FAZ", ob sich die Sängerin Oelschlegel durch das Manifest "gekränkt, verletzt, beleidigt gefühlt" habe. Jedenfalls antwortete sie im DDR-Fernsehen -- das SPIEGEL-Heft mit dem zweiten Teil des Manifests "war gerade eine Woche alt" ("FAZ") -auf eine Hörerfrage: "Und warum soll ich das dann nicht laut und deutlich sagen, so wie man also vor dem
Standesamt das auch laut und deutlich mit einem Ja beantwortet. Nein, mein Mann hat keinen künstlerischen Beruf. Er ist Parteisekretär in Berlin. Er heisst Konrad Naumann." Die "FAZ": "Solche Offenheit hat es im Hinblick auf das Privatleben führender Parteifunktionäre bisher nicht gegeben."

DER SPIEGEL 5/1978
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