30.01.1978

Pointen bis zum bitteren Rest

Peter Zadek hat, so scheint es, die "Komiker" als eine Art Erholungspause zwischen seine Shakespeare-Gesamtausgabe gelegt. Denn vorher hatte er, als Abschiedspräsent für Bochum, einen Brocken wie "Hamlet" auf die Bühne gestemmt. Und jetzt, wo die "Komiker"-Premiere am Hamburger Thalia Theater gelaufen ist, beginnt er am Hamburger Schauspielhaus mit Shakespeares "Wintermärchen".
Trotzdem kann von Erholung keine Rede sein -- weder für die Schauspieler, noch für den heimtückischen Entertainer Zadek, noch für sein Publikum, mögen das diesmal auch die von Theater-Schrecknissen selten heimgesuchten Besucher der Boy-Gobert-Bühne sein.
Denn die "Komiker" sind nur auf den ersten Blick ein Stück von einer Handvoll Möchtegern-Komikern, die sich in einer Volkshochschule in Manchester auf die Schlußprüfung vorbereiten und dem Publikum ihre Prüfungsnummern zur Gaudi vorführen.
Der aus Manchester stammende Trevor Griffiths, 43, hatte mit seinem Stück so etwas wie ein Lehrbuch über Komik im Sinn (wie sie heute entsteht und warum Leute im Varieté und im Theater lachen); und Peter Zadek macht daraus noch einen böse amüsanten Grundkurs in Peinlichkeit.
Wenn nämlich Komik entsteht, weil bestimmte menschliche Erwartungen düpiert werden, so entsteht Peinlichkeit durch Verletzung gesellschaftlicher Erwartungen. Wo besser als im Theater, wo noch besser als in Hamburgs Thalia, das in der Hansestadt so etwas wie everybody"s darling ist?
Die "Komiker" sind ein schweres Stück, eins, das es in sich hat. Denn ist schon schwierig genug, komische Leute auf der Bühne auftreten zu lassen, über die man auch lacht -- wieviel: schwieriger ist es, ein Stück zu inszenieren, in dem Komiker vorkommen, die gar nicht komisch sind und über die man dennoch lachen soll.
Einen Akt lang sieht der Zuschauer die Vorbereitung von Komik (letzte Absprachen vor der Prüfung); er wird also mit dem Versprechen von Komik frustriert, muß erleben, daß Komiker, wenn sie sich auf ihre Komik vorbereiten, gar nicht komisch sind.
Die Komiker bringen nun, im zweiten Akt, ihre komischen Nummern. Die sind erst recht nicht zum Lachen. Sie erzählen schlüpfrige Witze miesesten Kalibers, reagieren über Neger, Iren, Juden, Frauen und Sex ihre fiesen Ängste und Vorurteile ab, unterhalten also das Publikum weit unter dem, was es für sein "Niveau" erachtet.
Wehren kann sich der Theaterbesucher nicht so recht dagegen, denn er weiß nicht, ob er, mit Einverständnis der Aufführung, lachen soll oder ob man ihm gerade das vorführt, worüber keiner lacht. Es breitet sich Peinlichkeit aus, die immer dann entsteht, wenn das Lachen nicht durch eine gesicherte Konvention abgestützt wird.
Doch damit nicht genug. Griffiths hat seinen Komik-Eleven einen Lehrer beigestellt, dessen Humor-Verständnis auf einer anderen Grundlage beruht als das des Komik-Prüfers. Im letzten Akt darf der Prüfer diejenigen Komiker mit Berufsdiplomen versehen, die er mag. Es sind genau die, denen der Lehrer keine Sympathie entgegenbringt. Belohnt werden also die peinlichsten Nummern, belohnt wird die billige Zotigkeit, belohnt werden Leute, die über Neger blödeln, ihre Scherze über Frauen mit Tuten und Blasen machen.
Peter Zadek hat, und dies ergibt eine zusätzliche Thalia-Theater-Irritation, den Komik-Richter mit dem Intendanten Boy Gobert besetzt. Wenn der also erklärt, was er komisch findet, und was er vom Publikum hält (nämlich nichts), dann schlägt die Aufführung noch einmal eine peinliche Volte. Zadek, so versteht man, weiß Pointen bis zum bitteren Rest auszukosten.
Das vertrackte Stück, das erst am Ende endgültig in den trostlosen Bierernst des idealischen Konservations-
* Mit Boy Gobert, Heinz Schubert, Uwe Schubert, Uwe Friedrichsen, Ulrich Wildgruber, Hans-Peter Hallwachs.
stückes wegsackt, leistet vorher dem Zadekschen Peinlichkeitserzeugungsmodell beispielhafte Hilfsdienste.
Etwa wenn der Komik-Professor (Heinz Schubert spielte ihn, mit sympathisch lächelnder Resignation) gegen die chaotischen Iren, die geldgierigen Juden, die geilen Frauen und die faulen Arbeiter vom Leder zieht, dann kapiert das Publikum erst eine Weile später, daß eine zur Identifikation einladende Figur Vorurteile nur zwecks Abschreckung darstellt.
Überhaupt ist das mit der Aufforderung zum Lachen so eine Sache: Zwar werden in dem Stück Zoten gerissen, daß man betreten zu Boden blicken müßte. Gleich darauf jedoch wird man mit der Tatsache konfrontiert, daß solche Zoten vielleicht doch so etwas wie eine soziale Waffe sein könnten: Humor als Anarchie aus den Slums.
Und wenn Ulrich Wildgruber und Uwe Friedrichsen eine berstend peinliche Nummer unfreiwilliger Komik abziehen -- lacht man da falsch über das Richtige oder richtig über das Falsche?
Zum ersten Mal in Deutschland lacht man auch über einen Juden (Ernst Stankovski), der so gut wie alle Vorurteile über Juden und deren schlüpfrigen Witz zu verkörpern scheint: Wird dabei mit dem Vorurteil der Zuschauer gespielt oder doch eher mit der Um-jeden-Preis-Anpassung eines Gefallsüchtigen an dieses Vorurteil? Lachen ist eine verstörende Angelegenheit, wenn es Zadek in die Finger fällt.

DER SPIEGEL 5/1978
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