13.03.1978

SCHLEYERNacktes Chaos

Schlamperei, verschwundene Belege, en Wirrwarr an Zuständigkeiten -- die Schleyer-Suche, größte Fahndungsaktion in der bundesdeutschen Geschichte, schlug fehl wegen kläglicher Pannen bei der Polizei.
Erftstadt-Liblar, Zum Renngraben 8, ein Appartementhochhaus. Über den langgestreckten engen Flur des dritten Stockwerks geht ein Mann, etwa 1,80 Meter groß, stabil gebaut. Zielstrebig passiert er mehrere Wohnungseingänge und bleibt vor dem letzten stehen, ganz hinten links am Flurende. Dort nimmt er einen Zettel von der Fußmatte.
Der Mann wird beobachtet. In der Tür zur gegenüberliegenden Wohnung, Flurende rechts, steckt in einem Schraubenloch statt der Schraube die winzige Linse einer Fernsehkamera. Am Monitor, im Inneren der Wohnung: Kriminalbeamte. Über Funk sind sie in Kontakt mit Kollegen, die auf mehrere Wohnungen in nächster Nähe verteilt sind.
20 Beamte stehen dem nichtsahnenden Besucher im verborgenen gegenüber. In der Wohnung hinten links, das wissen die Fahnder, wurde Anfang September mehrere Tage lang der entführte Hanns Martin Schleyer gefangengehalten.
Der Mann hat den Zettel, eine Nachricht vom Elektrizitätswerk, inzwischen eingesteckt und wendet sich zum Gehen -- und die Polizisten lassen ihn. Vielleicht kommt er wieder, so ihre Rechnung, und mit ihm noch andere. Es ist der 29. Januar, ein Sonntag. Seit neun Wochen warten Fahndungs- und Zugreifspezialisten am Renngraben auf die Rückkehr der Entführer.
Daß sie nun einen unbekannten Verdächtigen laufen lassen in der Hoffnung auf den noch größeren Fang, fügt sich in den Ablauf des gesamten Unternehmens: Die Fahndung nach den Schleyer-Entführern, die größte in der Geschichte der Bundesrepublik, war vor allem ein großes Fiasko.
Zehntausende von Polizisten und Grenzschützer suchten damals zu Land, zu Wasser und in der Luft, Zehntausende von Hinweisen aus der Bevölkerung kamen als Resultat abendlicher Fernsehaufrufe, Autobahnen wurden abgeriegelt, Züge gestoppt, Wohnungen gestürmt, Gesetze verbogen: Deutschland im Herbst 1977. Und doch scheiterte, wie sich jetzt herausstellte, diese hochtourige und so perfekt erscheinende Aktion der Sicherheitsorgane an banalen Schnitzern auf allen Kompetenzstufen.
Wichtige Hinweise wurden verschlampt, und wie im billigen Krimi verschwanden Telexbögen aus den Akten, die wenigstens den Hergang der Panne belegt hätten. "Vielleicht tauchen sie ja wieder auf", hofft Horst Herold, Chef des Bundeskriminalamts, dessen hochgetrimmter Fahndungsapparat sich in der Praxis als störanfällig erwies.
Schwächlich letzte Woche auch die verantwortlichen Politiker, Bundesinnenminister Maihofer und NRW-Kollege Burkhard Hirsch (beide FDP), deren Dienststellen sich verhängnisvoll in die Quere gekommen waren und deren Manöverkritik vor der Bundespressekonferenz in der Erkenntnis gipfelte. "manches hätte man besser machen können" (Hirsch).
Soweit, in der Tat, war sich das politische Bonn letzte Woche einig. Kein anderes Thema -- ob Streik, ob Neutronenbombe -- beherrschte die Bundeshauptstadt so sehr wie der nun offenkundige Dilettantismus bei der Schleyer-Fahndung. Der christdemokratischen Opposition, der die Regierung in letzter Zeit mit Rentendebatte, Abhöraffären und Untersuchungsausschüssen in reichem Maße Munition lieferte, war wieder mal ein Selbstgänger zuteil geworden. Die Blamage, so das genüßliche Kalkül der Union, ist den Sozialliberalen allemal sicher, wenn sie nicht gar am Ende noch einen ihrer Minister verstoßen müssen.
Merkwürdige Fronten kamen da letzten Mittwoch bei der Spurenlese im Bonner Innenausschuß zueinander. Oppositionsführer Helmut Kohl hatte Order gegeben, aus Gründen künftiger Koalitionsfähigkeit den Professor Maihofer zu schonen. Zurückhaltend auch die Sozialdemokraten, deren Unmut über Maihofer derzeit noch von der Genugtuung übertroffen wird, daß hier erstmals in der neueren Bonner Krisengeschichte die Sündenböcke aus der FDP ganz unter sich sind.
Ein Ausbruchsunternehmen Maihofers schließlich vereitelte ein enger Mitarbeiter von der anderen Partei. Maihofer versuchte gerade, die Affäre um das unentdeckte Schleyer-Gefängnis in Erftstadt-Liblar mit dem Hinweis herunterzuspielen. die konspirative Wohnung könne nur einen Tag lang, am 6. September, benutzt worden sein, weil schon tags darauf ein, freilich auffallend geparkter. VW-Transporter mit Schleyer-Spuren an der Schweizer Grenze gefunden worden sei.
Da stellte BKA-Präsident Horst Herold (SPD) den Vorgesetzten richtig: Er zitierte aus Terroristenschriften über das Auslegen falscher Spuren: und mit Hilfe eines Akustiker-Gutachtens wies der BKA-Chef nach, daß auch das um den 14. September letzten Jahres entstandene Schleyer-Videoband in der Erftstadter Wohnung gefertigt worden sein muß.
Im Innenausschuß schoben Hirsch und Maihofer einander die Schuld gegenseitig zu. Fest steht, daß ein rechtzeitiger Hinweis auf den Gefängnisort des entführten Schleyer im Polizeiapparat hängengeblieben ist -- und zwar bei der Sonderkommission des Bundeskriminalamts, in Maihofers Beritt also. Was darüber hinaus freilich an Ausfällen anderer Dienststellen aufkam, auch aus dem Bereich Burkhard Hirschs, ließ die Christdemokraten frohlocken. Ein CSU-Ausschußmitglied: "Den Bericht über die Zuständigkeiten kann man zerfetzen. Das war das nackte Chaos."
Kaum war BKA-Chef Horst Herold am 5. September zum zentralen Einsatzleiter ernannt, hatte das Chaos seinen Lauf genommen. Eigenhändig malte Herold in seinem Kommandostand in der BKA-Dependance Bad Godesberg mit Farbstiften Netzpläne der Ermittler aus, setzte Daten zueinander in Bezug, versuchte in Wandgraphiken rhythmische Gesetzmäßigkeiten in der zeitlichen Abfolge der Terroristen-Botschaften zu erkennen." Das meiste", stöhnte der pistolenbewehrte Amtschef, "muß man halt immer selber machen."
Die Solo-Nummern des Superkommissars. von seiner Umgebung bewundert und auch belächelt, verrieten, daß es nach den Fällen Buback und Ponto in der BKA-Spitze offenbar keine generalstabsmäßigen Übungen gegeben hatte, in denen der nächste Fall in all seinen möglichen Entseheidungsphasen durchgespielt worden war.
Herold hatte weder Vorsorge getroffen, daß die Fülle der bei einem neuen Attentat zu erwartenden Hinweise aus der Bevölkerung von der mit Hochdruck ermittelnden Sonderkommission ferngehalten werde, noch hatte er zweifelsfrei klarstellen lassen, wo und wie diese Hinweise dennoch gewissenhaft ausgewertet werden sollten.
Für den Fall, daß ein heißer Tip im Polizeiapparat untergehen würde, war kein doppeltes Netz gezogen, das Pannen vielleicht noch aufgefangen hätte. Ein Telex im falschen Ablagekorb, die Fehlentscheidung eines untergeordneten Beamten -- das war nicht revidierbar.
Vor allem aber: Die Kommunikationswege zwischen BKA-Dienststellen, den zuständigen Landeskriminalämtern und der örtlichen Polizei waren nicht auf ihre Tauglichkeit geprüft worden. Einsatzleiter Herold blieb im Ernstfall Schleyer nichts anderes, als flott zu improvisieren.
Der jetzt vorgelegte 14-Seiten-Bericht von BKA Wiesbaden und LKA Düsseldorf enthüllt denn auch, wie Schlafmützigkeit lokaler Polizeibeamter und das Durcheinander im Melde- und Führungswesen für Pannen sorgten. Zunächst mündlich, dann fernschriftlich hatte Innenminister Maihofer am 5. September das Bundeskriminalamt (gemäß Paragraph 5 Absatz 3 des BKA-Gesetzes) mit der "Wahrnehmung der polizeilichen Aufgaben auf dem Gebiet der Strafverfolgung im Fall Schleyer" beauftragt. Herold übernahm in der Bad Godesberger Abteilung "Terrorismus" (TE) des Bundeskriminalamts die zentrale Einsatzleitung (ZEL) und war als "ZEL 1" für "die Gesamtleitung aller der Sachbearbeitung dienenden Maßnahmen" zuständig.
BKA-Abteilungspräsident Gerhard Boeden, der Chef von TE, war in einem zweiten Arbeitsbereich (ZEL 2) mit 150 Kriminalbeamten des höheren und gehobenen Dienstes sowie 60 Hilfskräften für die "Beschaffung, Entgegennahme und Bearbeitung aller tatbezogenen Informationen" und "die Abwicklung von Ermittlungs- und Fahndungskonzeptionen" zuständig.
Ein Teil von ZEL 2 war "Soko 77" -- 20 BKA-Beamte, die von Düsseldorfer LKA-Männern und, je nach Arbeitsanfall, bis zu 200 örtlichen Kriminalisten unterstützt wurden. Soko bezog im Nebenflügel des Kölner Polizeipräsidiums Quartier. Aufgabe der Sonderkommission unter dem Befehl des BKA-Kriminaldirektors Erich Ruckmich waren die "unmittelbar fallbezogenen Ermittlungen aus dem Tatablauf" und die "Entgegennahme und Bearbeitung von entsprechenden Hinweisen
Auch NRW-Innenminister Burkhard Hirsch, der am Kölner Tatort sogleich erkannt hatte, "daß wir alles zu tun haben, um der Täter habhaft zu werden" (Tagesschau-Statement), war unterdessen nicht untätig geblieben. Neben dem Godesberger Herold-Boeden-Team und der Kölner Soko 77, die bereits lebhaft miteinander kommumzierten, richtete der ehrgeizige NRW-Politiker drei Tage nach der Tat eine zusätzliche, 104 Mann starke Schleyer-Arbeitsgruppe aus Beamten des Düsseldorfer Landeskriminalamtes ein.
Die neue Gruppe, die dem Chef des Landeskriminalamts Hamacher und Minister Hirsch unterstand und Herolds direktem Einfluß entzogen war, residierte ebenfalls im Polizeipräsidium zu Köln und nannte sich "Koordinierungsstab". Ihr Auftrag -- im Gegensatz zur "Soko 77": "Anschriften und Unterlagen aus allen Auskunftssystemen der Polizei- und der Verfassungsschutzbehörden sowie andere tatunabhängige Hinweise -- einschließlich der listenmäßig erfaßten Objekte und Personen -- beizuziehen und abzuklären".
Der erste entscheidende Hinweis auf Erftstadt-Liblar, der den Koordinierungsstab nach dieser Zuständigkeitsregelung hätte erreichen müssen, kam dort, wie nun aus dem BKA/LKA-Bericht hervorgeht, entweder nie an oder ist nachträglich aus den Polizeiakten entfernt worden.
Die heiße Meldung -- schlecht recherchiert und nur zögernd nach oben weitergegeben -- war schon für sich kein kriminalistisches Meisterstück:
Erftstadt-Liblar, Zum Renngraben, 3. Etage. Wohnung 104. Angeblich hat eine Frau Annerose Lottmann-Bückler am 21. 7. 1977 die Wohnung bezogen. Wohnungsgesellschaft VVG als dringend beantragt. Eine Kaution von 800,- DM wurde sofort bar bezahlt. Frau Lottmann-Buckler nahm das Geld aus ihrer Handtasche, in der sich noch ein ganzes Bündel von Geldscheinen befand.
Es war der Tip des Hausmeisters, der das Wohnhaus Zum Renngraben 8 beaufsichtigt und der den Polizei-Appellen gefolgt war, alle nur erdenklichen Auffälligkeiten in Hochhäusern zu melden.
Weniger aufmerksam war ein Beamter der Polizeistation Erftstadt, der den Tip notierte. Bei der Weitergabe verwies der Polizist weder darauf, daß es sich um ein anonymes Wohnhochhaus -- typisch für das Fahndungsmuster bei der Terroristen-Suche -- handelte, noch versuchte er, weitere Details zu erkunden, etwa über die Autos und Besucher der obskuren Mieterin.
Am 7. September um 15 Uhr, zwei Tage nach der Schleyer-Entführung, ging der Tip per Telex an die Schutzpolizei beim Oberkreisdirektor Bergheim, die Vorgesetzte Dienststelle. Dort brauchten die Dienststellen-Leiter von Schutz- und Kriminalpolizei bis zum übernächsten Morgen, um den Hinweis zusammen mit anderen Meldungen auszuwerten und zu erörtern.
Am 9. September, 17.30 Uhr, hatten die Polizisten auf Kreisebene die in der Frühbesprechung erörterten Tips schließlich zu Papier gebracht und schickten ein Sammel-Telex ab, in dem die Meldung über Annerose Lottmann-Bückelers unter Punkt 3 ("einschlägig verdächtigte Objekte") Buchstabe "d") verzeichnet war. Ausdrücklich genannte Empfänger: "Koordinierungsstab", "Köln Regierungspräsident" und, "nachrichtlich", alle Polizeidienststellen im Landkreis.
Für eine irgendwann wohl fällige Durchsuchung von Hochhäusern im Kreis Bergheim wurde das Objekt in Erftstadt-Liblar zwar in eine Verdachtsliste aufgenommen; auch wurde der Hinweis im Rahmen der sogenannten "Bürofahndung" überprüft. Eine Annerose Lottmann-Bückelers war nicht beim Einwohnermeldeamt registriert. Doch die Beamten alarmierte diese Entdeckung nicht weiter: Die Spur blieb liegen.
Die Polizei ist in Erftstadt und in Bergheim noch nicht mit einem direkten Terminal an den BKA-Fahndungscomputer "Pios" (Personen, Institutionen, Objekte, Sachen) angeschlossen. Wäre sie es und wäre der Beamte vor Ort auf Terroristen-Verdacht gekommen, hätte "Pios" in Wiesbaden prompt Alarm geschlagen. Denn Bückelers heißt eine Norddeutsche, die bereits viermal ihren Personalausweis und zweimal ihren Reisepaß verloren gemeldet hat. Als Unterstützerin der Anarehoszene verdächtigt, ist die Dame seit längerem in "Pios" gespeichert.
Unter dem Namen Bückelers traten überdies Terroristinnen wie Silke Maier-Witt und Friederike Krabbe auf. Vor allem aber, wie das BKA heute weiß, eine Monika Helbing, 24, die bereits vor und nach der Festnahme von Knut Folkerts in Utrecht in den Niederlanden Terroristen-Quartiere besorgt haben soll und gegen die seit dem 15. November 1977 Haftbefehl besteht. Monika Helbing, glaubt das BKA, war die Frau mit dem Geldscheinbündel in Erftstadt-Liblar.
Daß sie auch nach dem entscheidenden Tip des Hausmeisters unbehelligt blieb, ist dem Umstand zuzuschreiben, daß das Telex aus Bergheim mit dem brisanten Vermerk unter Punkt 3d) im Kölner Polizeipräsidium in den falschen Kasten geriet.
Am 8. September um 12.49 Uhr hatte das Kölner Regierungspräsidium per Fernschreiben an seine Polizeistellen verfügt, daß Hinweise "insbesondere über mögliche Verbringungsorte" an die Boeden-Kriminalisten in Bad Godesberg zu tickern seien -- und zwar "unmittelbar". Am gleichen Tag um 19.15 Uhr aber wurde diese Verfügung mit neuer Telex-Anweisung wieder geändert: Nicht mehr nach Godesberg, sondern, bitte schön, an den LKA"Koordinierungsstab" im Kölner Präsidium sei nun über die möglichen Verbringungsorte zu berichten -- mit Wirkung vom "9. 9. 1977, 12.00 Uhr".
Für die spätere Fehlleitung des entscheidenden Telex aus der Kreisstadt Bergheim, korrekt abgesetzt am "9. 9. 77, 17.30 Uhr" an den "Koordinierungsstab", könnte diese Änderung des zuständigen Adressaten ausschlaggebend gewesen sein.
Um 20.30 Uhr ging das Fernschreiben mit dem Erftstadt-Tip heim 14. Kommissariat des Kölner Polizeipräsidiums ein -- und kam dann in den falschen Kanal, der einen Tag zuvor noch der richtige gewesen wäre. Ein Beamter schrieb das Wort "Soko" auf "die Erstschrift ... mit Durchdruck auf die Zweit- und Drittschrift" (BKA/LKA-Bericht). Die Drittschrift ist, wie der Rapport akribisch vermerkt, neben dem Wort "Soko" mit dem originalen handschriftlichen Zusatz "hat Original" versehen und in den Akten der Fernschreibstelle enthalten. Das Original ging mithin an die Soko 77 des BKA-Manns Ruckmich und nicht, wie es laut neuester Anweisung und auch korrekter Adressenbeschriftung geboten gewesen wäre, an den "Koordinierungsstab", die andere Sonderkommission.
Daß der Erftstadt-Hinweis beim Ruckmich-Team des BKA angekommen ist, läßt sieh beweisen: Die auf dem gleichen Telex-Blatt unter Punkt 4 vermerkten "sonstigen tatrelevanten Beobachtungen" gaben Ruckmichs Kölner BKA-Leute prompt an Boedens Godesberger BKA-Arbeitsgruppe weiter -- nicht aber den Fall Erftstadt.
Der verkam, so umschrieb letzte Woche BKA-Präsident Herold, "als heißer Tip auf einer kalten Liste". Erst zwei Monate später, am 8. November, und drei Wochen nach Schleyers Tod, wurde das BKA von der Polizeistation Erftstadt ein zweites Mal auf die Wohnung in dem Hochhaus Zum Renngraben 8 aufmerksam gemacht -- nachdem die Hausverwaltung angemahnt hatte.
Dort war im Sommer schon das "Fräulein Bückelers" eingezogen und ganz so, wie es sich gehört, freundlich und unauffällig, auch den Anstandsbesuch hei den alten Höltgemeyers in der Wohnung gegenüber vergaß sie nicht. Auffallend war höchstens der häufige Besuch. Die jungen Herren, so beobachtete der Hausmeister, kamen mit Vorliebe im Mercedes, und oben auf dem Flur wurde es zuweilen laut beim Kommen und Gehen. Wenn Oma Höltgemeyer, was auch vorkam, mal durch den Türspalt linste, dann wurde bei Bückelers schnell die Tür zugeschlagen.
Dabei hätte das Interieur den kritischen Blick nicht scheuen müssen. Alles war gediegen und aufgeräumt, soweit man sehen konnte. Ein spanisches Schränkchen stand auf dem Flur, davor ein runder Teppich, Herbstblumen in der Vase. Beamte von BKA und der Grenzschutzeinheit GSG 9, die die Wohnung besichtigten, hatten eine spartanisch eingerichtete Matratzen-Gruft nach RAF-Art erwartet und stießen auf eine jungdeutsche Idylle: "Nix Billiges, nix Teures", mit Sitzgarnitur im Wohnzimmer.
Auf die tatsächliche Nutzung ließen nur zwei Beobachtungen schließen: Der dritte Raum, wohl einmal als Kinderzimmer geplant, war vollkommen kahl. An der Rauhfasertapete fanden sieh noch feinste Abrisse vom Tesafilm. mit dem die Entführer nach Ansicht der Polizei den Hintergrund für die Videoaufnahmen von Schleyer aufgeklebt haben. Außerdem war der große Wandschrank auf der Diele mit zehn Zentimeter dickem Schaumstoff ausgekleidet, in Sitzhöhe waren Handfesseln aus Ketten befestigt.
Im übrigen war das verlassene Kleinbürgerheim peinlichst von Spuren gereinigt worden. Wo immer die Ermittler auf der Suche nach Fingerabdrücken ansetzten, auf Schaltern, Hähnen, Toilettendeckel, fanden sich nur noch die Wischspuren der kriminaltechnisch offenbar vorgebildeten Bewohner.
Für den Fall, daß die Mieter nochmals in größerem Kreis zur Wohnung zurückkehren würden, hatten die Polizeistellen ein Zugriffsnetz gesponnen, das keinem Besucher eine Chance gelassen hätte.
Am 24. November, nach Wiederentdeckung der Spur Renngraben, rückte das Mobile Einsatzkommando Köln sieben Mann stark, zur Außenbeobachtung an; schon einen Tag später hatte das BKA den ersten Brückenkopf geschlagen -- in die Wohnung der Höltgemeyers. "Oma und Opa wurden belatscht", erinnert sich ein Beteiligter, und mit Handgeld und guten Worten für einige Zeit zu Verwandten in den Süden komplimentiert. Das BKA leerte derweil den Briefkasten.
Im Stützpunkt Höltgemeyer, wo die Beamten bei Kartenspiel und Selbstgeschmurgeltem aus Omas Küche die Tage und Nächte am Monitor verbrachten. war Einsatzzentrale. Zusätz-
* Mit mobilem Datenterminal des BKA-Fahndungscomputers.
lieh war im gegenüberliegenden Haus eine leerstehende Wohnung mit Videoaufzeichnern ausgestattet und als Beobachtungsposten eingerichtet worden; in weiteren Wohnungen lauerten Zugreifkommandos und Präzisionsschützen.
Beim Einsatzbefehl wäre im Nu der Flur zur konspirativen Wohnung abgeriegelt, die Tiefgarage besetzt worden. Die Beamten waren auf Gegenwehr der Terroristen vorbereitet. Daß einer der Ertappten womöglich im engen Flur noch eine Handgranate gezündet hätte, "bevor einer von uns "ne Decke drüberwerfen kann", mußten die Beamten einkalkulieren; keine Frage, daß, wie ein Beamter sagt, "von uns sofort geschossen worden wäre", schon beim geringsten Zögern aufs "Polizei, Hände hoch!"
Vom 25. November bis zum 2. Februar observierten stets 20 Mann rund um die Uhr den leeren Unterschlupf. Während der gesamten Geisterbelagerung hielt sich außerdem in Hangelar ein GSG-9-Kommando für den Ernstfall bereit, den Sturm auf die Wohnung. Solch ein Einsatz mit seinen blutigen Risiken war seinerzeit den Verantwortlichen allem Anschein nach selbstverständlich -- nach dem Muster: "Das GSG 9 fliegt herein, macht die Jungs kalt, wenn"s sein muß, und wir fliegen hinterher, und das GSG 9 verschwindet" (ein NRW-Polizist).
Mit Schaudern erinnern sich Kölner Praktiker einer Beinahe-Probe aufs Exempel. Zahlreiche Indizien hatten auf eine Kölner Souterrain-Wohnung als Schleyer-Versteck hingewiesen. Der Sturm wurde anberaumt, Polizei sperrte ab. Einem im Hintergrund geparkten grauen Mercedes entstieg Innenminister Burkhard Hirsch persönlich, "um wohl dem Schleyer als erster die Hand zu schütteln", wie Beamte spotteten. Dann stürmten die Grenzschützer, doch die Wohnung war leer. Ein Aktionsteilnehmer: "Ganz am Anfang hat man sich ja auf alles, was sich bot, draufgestürzt."
Die Aktion Liblar, ganz am Schluß, ging weniger stürmisch zu Ende. GSG 9 war nur noch beim Öffnen der Wohnungstür behilflich. Und auch beim Visitieren des Wohnungsinhalts wurde eine zivile Gangart beibehalten.
Um in Ruhe die Gegenstände sortieren und zuordnen zu können, trat das Bundeskriminalamt ganz offiziell erst einmal die Rechtsnachfolge von Fräulein Bückelers an. Das BKA mietete die Wohnung.

DER SPIEGEL 11/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 11/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHLEYER:
Nacktes Chaos

Video 00:40

Dänische Luftwaffe Kampfjets fangen russischen Bomber über der Ostsee ab

  • Video "Dänische Luftwaffe: Kampfjets fangen russischen Bomber über der Ostsee ab" Video 00:40
    Dänische Luftwaffe: Kampfjets fangen russischen Bomber über der Ostsee ab
  • Video "Mysteriöser Tod: Der Fall Kim Wall kompakt erklärt" Video 02:37
    Mysteriöser Tod: Der Fall Kim Wall kompakt erklärt
  • Video "Proteste in Phoenix: Trump hat uns schon zu lange terrorisiert" Video 02:54
    Proteste in Phoenix: "Trump hat uns schon zu lange terrorisiert"
  • Video "Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!" Video 00:42
    Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!
  • Video "Filmstarts der Woche: Charlize Theron als Atomblonde" Video 07:29
    Filmstarts der Woche: Charlize Theron als Atomblonde
  • Video "Filmstarts der Woche: Charlize Theron als Atomblonde" Video 07:29
    Filmstarts der Woche: Charlize Theron als Atomblonde
  • Video "Videoanalyse zu Trumps Phoenix-Auftritt: Er rettet sich in den Schoß der Basis" Video 03:14
    Videoanalyse zu Trumps Phoenix-Auftritt: "Er rettet sich in den Schoß der Basis"
  • Video "Hochzeit läuft aus dem Ruder: Ramm-Duell im Autokorso" Video 00:48
    Hochzeit läuft aus dem Ruder: Ramm-Duell im Autokorso
  • Video "Taifun Hato: Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus" Video 00:53
    Taifun "Hato": Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus
  • Video "Die gespaltenen Staaten von Amerika: Der Spuk vom Bürgerkrieg" Video 03:27
    Die gespaltenen Staaten von Amerika: Der Spuk vom Bürgerkrieg
  • Video "Tumulte bei Stadtratssitzung in Charlottesville: Ich kriege das nicht aus meinem Kopf" Video 02:03
    Tumulte bei Stadtratssitzung in Charlottesville: "Ich kriege das nicht aus meinem Kopf"
  • Video "Deutsch-Türken über Erdogans Wahleinmischung: Ist ja Quatsch!" Video 01:44
    Deutsch-Türken über Erdogans Wahleinmischung: "Ist ja Quatsch!"
  • Video "Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!" Video 00:42
    Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!
  • Video "Hai schlägt Angler in die Flucht: Wir müssen von hier verschwinden" Video 00:55
    Hai schlägt Angler in die Flucht: "Wir müssen von hier verschwinden"
  • Video "Überwachungsvideo: Die Straße, das Erdloch und der Rollerfahrer" Video 00:30
    Überwachungsvideo: Die Straße, das Erdloch und der Rollerfahrer