13.03.1978

FLUGZEUGE

Lustiges Ding

Er war kein Hubschrauber, und doch konnte er in der Luft beinahe stillstehen: der "Fieseler Storch". Ein Buchautor berichtet weithin unbekannte Einzelheiten über das Wunderflugzeug der dreißiger Jahre.

Unter schnarrenden Motorgeräuschen landeten im Frühdunst des 10. Mai 1940 Dutzende von einmotorigen Flugzeugen in Luxemburg und Belgien -- nicht auf Flugplätzen, sondern auf Ackern und Wiesen. Schwerbewaffnete deutsche Soldaten sprangen heraus.

Auf einer Chaussee, neben der eine der langbeinigen Maschinen an einem Hindernis koppheister gegangen war, stoppte ein hilfsbereiter Luxemburger Zivilist seinen schwarzen Citroen und rief: "Ist was passiert?" Antwort: "Ja, der Krieg, steigen Sie aus!" Dem erschrockenen Neutralen half kein Zetern ("Aber meine Herren, bitte, machen Sie Ihren Krieg allein, nur lassen Sie mich bitte weiterfahren, ich habe eine wichtige geschäftliche Verabredung"), er war seinen Wagen los.

Ein paar Kilometer entfernt setzten sich einige der schlanken Schulterdecker unmittelbar neben drei überraschten Gendarmen des neutralen Nachbarn ins Gras. Die Beamten ließen sich durch Panzerbüchsen und Maschinengewehre nicht beirren: Sie drohten dem Feind Internierung an, forderten ihn auf, "sofort das Land zu verlassen Einer schnappte sich einen deutschen Leutnant: "Ich muß Sie melden. Wie heißen Sie? Alter? Dienstgrad? Wie kommen Sie hierher?"

So begann im Zweiten Weltkrieg der "Westfeldzug"" zugleich der -- bis heute kaum bekannte -- erste und letzte Masseneinsatz eines der sonderbarsten Flugzeuge, die je gebaut wurden. Es war der "Fieseler Storch", entworfen im Jahre 1935 als "Fi 156" des deutschen Flugzeugkonstrukteurs und Kunstfliegers Gerhard Fieseler. Die Leistungsdaten des ersten brauchbaren Spezialflugzeuges für extrem kurze Start- und Landestrecken, für Start und Landung in Feld und Flur und für sicheren Langsamflug muten sogar noch heute erstaunlich an.

"Gewöhnlich", schrieb Autor Janusz Piekalkiewicz, der über den legendären Langsamflieger unlängst eine Monographie* verfaßt hat, "brauchte er für die Landung nur eine Strecke, die nicht länger war als die Spannweite seiner Tragflächen" -- 14,25 Meter.

Im praktischen Flugbetrieb aber kam es sogar vor, daß dem Storch für eine Landung bei mittlerer Windstärke fünf Meter Rollstrecke genügten. Und bei entsprechend starkem Gegenwind konnte das Flugzeug, wie heutzutage

* Janusz Piekalkiewicz: "Fieseler Fi 156 Storch im zweiten Weltkrieg". Motorbuch Verlag. Stuttgart; 196 Seiten: 28 Mark.

ein Hubschrauber, gleichsam auf der Stelle "hängen". Sogar mit nur 51 km/h flog der Storch noch sicher -- einer Geschwindigkeit, bei der sich andere herkömmliche Flugzeuge nicht in der Luft halten könnten.

Fieseler hatte seinem nur 930 Kilogramm schweren und mit nur 240 PS bescheiden motorisierten Flugzeug die ausschlaggebenden Eigenschaften durch damals neuartige technische Finessen verliehen.

Auffallend waren die besonders günstigen Anstellwinkel der zudem mit 26 Quadratmetern ungewöhnlich großen Tragflächen. Den luftfahrttechnischen Clou aber bildeten "Vorflügel" an den Vorderkanten der Tragflächen, sogenannte Hochauftriebshilfen, deren schwierige Bauweise den Ingenieuren in jenen Jahren noch Kopfzerbrechen machte.

Unter Luftwaffenpiloten galt der so ausgerüstete Storch als gutmütiges, auch in brenzligen Situationen leicht beherrschbares Luftgefährt "Seiner flugtechnischen Eigenschaften wegen, die so überzeugend und einmalig waren", schrieb Piekalkiewicz, hätten die Deutschen damals gar die Entwicklung von Hubschraubern vernachlässigt und ihre auf diesem Gebiet führende Stellung verloren.

Für Hitlers Truppenführer wurde der Storch als "Fliegender Feldherrnhügel" zum Statussymbol, unentbehrlich während der Vormärsche. Und er wurde zum Nothelfer, als es auf den Rest ging.

Der letzte Besucher im zernierten Berlin, der neuernannte Luftwaffen-Oberbefehlshaber Robert Ritter von Greim, war -- gemeinsam mit der Fliegerin Hanna Reitsch -- per Storch durch die sowjetischen Flak-Sperren gekurvt, etliche Gauleiter und Heerführer stahlen sich in ihren Störchen in Baumwipfelhohe davon.

Der Feind wußte den Fieseler Storch gleichfalls zu schätzen. General Eisenhower, der alliierte Oberbefehlshaber, flog von 1944 an genauso im Beute-Storch wie sein britischer Kollege Montgomery, zuvor in Afrika Gegner des deutschen Storch-Passagiers Rommel.

Englands Kriegspremier Winston Churchill flog nach der Invasion häufig im erbeuteten Storch zwischen den Frühstückszelten seiner Generäle hin und her. Über die ungewöhnlichen Qualitäten der Maschine hatten Hitlers Luftwaffenchefs den Feind schon vor dem Krieg informiert.

"Ein recht lustig aussehendes Ding, nur noch ein paar Geranien in seinen großen Fenstern, und man könnte es in ein Gewächshaus verwandeln", berichtete der amerikanische Luftwaffen-Major Al Williams schon 1938 nach einem Testflug mit einem Storch, den ihm der deutsche General-Luftzeugmeister Ernst Udet überlassen hatte. Williams erkannte auch, warum der Storch auf ungewöhnlich "langen, dünnen Beinen" einherrollen mußte: "Ein notwendiges Übel, um beim Landemanöver und beim Start die hohen Anstellwinkel auszunutzen, was durch die Vorflügel ermöglicht wird."

"Völlig trudelsicher", gutachtete der US-Testflieger über den Storch beim Langsam-Flug ("die besondere Stärke der Kiste").

Eine dramatische Bestätigung dieser Beurteilung erlebte im Jahre 1942 der Afrika-Korps-General Crüwell, dessen Storch-Pilot in einer Höhe von 150 Metern über der Steuerung zusammensackte, nachdem ihn eine britische MG-Kugel getötet hatte. Der zerschossene Motor blieb stehen.

Crüwell: "Wie durch ein Wunder stürzte das Flugzeug nicht ab, sondern schwebte aus und machte selbständig eine Landung, wobei das Fahrgestell vollständig abriß."

Sowjet-Führer Josef Stalin, dem Luftmarschall Göring im Jahre 1939 einen Storch sogar als Geschenk überlassen hatte, war derart begeistert, daß er in der Sowjet-Union eine Fabrik für den Nachbau einrichten ließ. Doch als im Herbst 1941 die ersten roten Störche flügge waren, kamen die Spender aus dem Westen mit ihren Original-Störchen angeflogen und stoppten die Produktion.

Bei den Franzosen ging es umgekehrt. Als die Deutschen kapitulieren mußten (145 Störche erbeuteten die Sieger), setzten die Franzosen die von den einstigen Besatzern begonnene Storch-Montage noch eine Weile fort. Der Storch, nun "Criquet" (Heuschrecke) genannt, wurde in Frankreichs neue Luftwaffe eingereiht und nahm sogar an der Siegesparade auf den Champs Elysees teil.

Zu einem Masseneinsatz von Störchen, wie am ersten Tag des Westfeldzugs an den Grenzen Luxemburgs und Belgiens, hatten es die Deutschen freilich während des ganzen Krieges nicht wieder kommen lassen. Zwar hatten jene rund 500 Westfeldzug-Soldaten, von 125 Störchen weit im Hinterland abgesetzt, ihre Aufgaben erfüllt, Straßenkreuzungen gesperrt, Nachrichtenstränge unterbrochen und den Panzern des Generals Guderian den Weg nach Sedan geöffnet.

Aber es hatte sich dabei gezeigt, daß der Langsam-Flieger für derartige Operationen zu wenig Nutzlast schleppen konnte -- und überdies mit nur 173 km/h "Spitze" zu langsam war, wenn es auf forschere Gangart ankam. 22 Störche waren bei dem Einsatz auf der Strecke geblieben.

Fortan trat der Storch nur noch einzeln oder in kleinen Rudeln auf, als Kurier, Schlachtenlenker, Transporter für Verwundete und Munition, sogar mit kleinen Bömbchen als U-Boot-Jäger.

Einer dieser Einsätze brachte den Storch in die Schlagzeilen der Weltpresse: der Handstreich, mit dem der Duce Benito Mussolini am 12. September 1943 befreit wurde.

Der italienische Kampfgenosse Hitlers war von seinen Bewachern auf das zerklüftete Abruzzen-Massiv Gran Sasso geschafft, dort aber gleichwohl von den mit Lastenseglern eingeschwebten Fallschirmtruppen des Haudegens Otto Skorzeny befreit worden. Ein gleichfalls gelandeter Fieseler Storch (Pilot: Hauptmann Gerlach), der den Duce zu Tal bringen sollte, konnte auf kaum 120 Meter Anlauffläche nur hangabwärts mit gefahrträchtigem Rückenwind wieder starten.

SS-Führer Skorzeny, offenbar scharf auf die Meriten, bedrängte den Flugzeugführer mehrfach ("beinahe kniefällig"), außer dem Befreiten auch noch ihn, den Befreier, mitzunehmen. Der Pilot ließ sich schließlich umstimmen und startete den völlig überladenen Storch mit den beiden wohlgenährten Passagieren.

Als das Flugzeug am Ende der Anlaufstrecke über die Kante hopste, sah es sekundenlang nach einem Absturz in die Schlucht aus. Gerlach: "Hinter mir ein kurzer Aufschrei" (wobei ungeklärt blieb, ob Skorzeny oder Mussolini geschrien hatte). Dann hatte der Pilot "genügend Fahrt aufgeholt und fing die Maschine ab".

"Skorzeny", schrieb Autor Piekalkiewicz, "bekommt für dieses Unternehmen das Ritterkreuz. Hauptmann Gerlach muß sich mit der Feststellung begnügen, daß er gut geflogen sei."


DER SPIEGEL 11/1978
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