08.05.1978

UNTERHALTUNGPhantom in Satin

Fern der Heimat, in Paris, macht die Schauspielerin Ingrid Caven Karriere: als Chanson-Sängerin.
Die Franzosen hatten es, wieder einmal, früher gespannt. "Anfang der 40er Jahre wurde irgendwo in Saarbrücken der letzte deutsche Star geboren", so dekretierte 1974 der Filmkritiker Guy Tesseire. Die Duft-Note des Unikats: "Ein Hauch Marlene Dietrich, ein Hauch Greta Garbo".
Nun steht der Star, die Fassbinder-Schauspielerin Ingrid Caven, 36, in vollem Glanze da. Im Pariser Nostalgie-Nachtklub "Pigall"s", vom Yves-Saint-Laurent-Direktor Pierre Bergé mit und für die Caven eröffnet, tritt sie seit drei Wochen vor ein verzücktes Publikum, in schwarzer Satin-Robe vom heiligen Laurent" das rote Haar von Meister Alexandre zubereitet -- und singt.
"Der Wind", singt sie mit rauchiger Stimme, "hat mir ein Lied erzählt", auf lateinisch dann Gounods "Ave Maria", auch Französisches, vor allem aber Texte von Rainer Werner Fassbinder, ihrem Ehemann für drei Jahre, zur Musik vom Peer Raben, Fassbinders Hauskomponist; und die "szenische und musikalische Konzeption" stammt vom Schweizer Filmregisseur Daniel Schmid, einem Fassbinder-Freund.
Ein "Potpourri aus Klischees" heißt Ingrid Caven ihre Ein-Frau-Show, "aus Träumen, wahrer und falscher Liebe. mit Humor gebracht". Auch aus "Kitsch", denn Kitsch ist nichts Schlimmes, er sei "in Formeln gesteckte Gefühle".
Das selige Diseusen-Cabaret der Berliner Zwanziger stand sichtlich Pate für das Familien-Unternehmen, die wehen, verwehenden Gefühle und kessen Schnackler. Sperlingsdünn, mal cooler Vamp nach Marlene-Art, mal ekstatisch an letzte Dinge rührend, so erobert sich die Caven Paris.
Der Pariser Presse, zumindest, verschlug ihr Auftritt fast die Sprache. "Ein Phantom der 30er Jahre, das die 80er vorwegnimmt" ("L'Express"); "Lc Monde" raunte endzeitlich von einer "verformten Vision als äußerstes Mittel, die dramatische Form wiederzufinden in dem, was an ihr wesentlich ist"; und "Le Matin" griff in die vollen: Eine "schwarze Fackel der expressionistischen Verzweiflung" werde da gereckt, es könne aber auch ein "schöpferisches Feuer" sein, das in Gestalt von Ingrid, "besonders intensiv in der nebeligen Monotonie der Bundesrepublik brennt" und das "Sprachrohr einer authentischen Erneuerungs-Bewegung ist".
Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Deutsche Künstler und Filmer, daheim oft verkannt oder gar kritisiert, sind in Paris wie in London oder New York zu Kultfiguren geworden: Fassbinder etwa. Werner Schroeter, Werner Herzog, Syberberg und nun eben Ingrid Caven, bürgerlich Schmidt.
Vor allem eine Art deutscher Décadence -- maniriert, hyperästhetisch, narzistisch, gründelnd -- wird von einem spezifischen Fan-Milieu goutiert: jugendliche Intellektuelle mit einem Hang zu Avantgarde und Kaschmirpullovern, eine Society auch, die ab und an den Duft von Leder und eine Prise Kokain schätzt und in der die Liebe nicht immer hinfällt, wo sie die katholische Kirche zuläßt.
Die Caven, früh schon im Fassbinder-Clan, wurde durch Filme des Meisters, aber auch durch Werke Werner Schroeters ("Der Tod der Maria Malibran") und Daniel Schmids ("La Paloma") in Paris bekannt. Der französische Regisseur Jean Eustache ("Die Mama und die Hure") engagierte sie für seinen Pubertätsfilm "Meine kleinen Geliebten".
Die Fassbinder-Chansons vor allem sind den "Pigall"s"-Gästen lieb und wert. Vom Leder wird da gesungen, oder "Wenn ich dich quäle. hast du das gern", und klagend berichtet Frau Caven von einer Liebe, die zu Ende kam, weil ihr Mann davonging, mit einem anderen Mann. James Baldwin, der US-Autor, drückte ihr die Hand: "Sag Fassbinder" ich bete ihn an."
"Ingrid Caven chante" steht groß auf Plakaten in Paris und in weißen Neon-Lettern am "Pigall"s". Die schmale Sängerin, ein Bündel stählerner Energie, ist ihrem Lebensmotto auf der Spur. "Ich bin", sagt sie, "eine Kleinbürgerin mit Kitsch-Träumen, und ich bin ein Kind, das weint und schreit, weil es alles und jeden besitzen will." Voilà, une femme.

DER SPIEGEL 19/1978
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DER SPIEGEL 19/1978
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