29.05.1978

BÜCHERGeld für Bismarcks Kriege

Fritz Stern: „Gold und Eisen“. Deutsch von Otto Weith. Verlag Ullstein, Berlin-Frankfurt-Wien; 756 Seiten; 48 Mark.
Die deutschen Historiker haben ihn nie gemocht, den geschäftig-parvenuhaften Gerson von Bleichröder, Bismarcks Privatbankier und Finanzier seiner Kriege. Der Mann, der einst der reichste Jude Deutschlands war, Intimus fast aller Mächtigen seiner Zeit und doch Opfer rabiater antisemitischer Hetze, blieb allzeit eine vage Figur.
Erst jetzt hat er einen Biographen gefunden, und es wirkt wie ein Akt der Gerechtigkeit, daß es ein ehedem deutscher Jude ist, der ihn von allen Verzerrungen der Legende befreit: Fritz Stern, gebürtiger Breslauer, 1938 vor der NS-Verfolgung nach den USA geflohen und heute Professor für Neuere Geschichte an der New Yorker Columbia-Universität.
20 Jahre intensiver Forschungsarbeit benötigte Stern, ehe er genug über seinen Helden wußte. Da das Geschäftsarchiv des später vom Dritten Reich "arisierten" Bankhauses S. Bleichröder im Zweiten Weltkrieg verlorengegangen war, mußte Stern praktisch von vorn beginnen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: In New York tauchten Überbleibsel von Bleichröders Privatarchiv auf, darunter Briefe der Familie Bismarck.
Die Papiere wiesen Stern auf neue Spuren, die ihn in das Dachgeschoß eines alten Pariser Hauses führten, wo er die jahrzehntelange Korrespondenz zwischen den Pariser Rothschilds und ihrem Berliner V-Mann Bleichröder fand. Und in Bismarcks Alterssitz Friedrichsruh entdeckte Stern die dritte Hauptquelle für seine Arbeit: tausend Briefe, die Kanzler und Bankier miteinander gewechselt hatten.
Daraus machte der US-Historiker ein anspruchvolles Buch. Stern begnügt sich nicht damit, Bleichröders Leben nachzuzeichnen: er verbindet es mit einer weiträumigen Geschichte Bismarcks, der deutschen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts und der Rolle, die darin die Juden spielten.
Für den Autor ist Bleichröder eine Symbolfigur des deutsch-jüdischen Schicksals, ein "überlebensgroßes Porträt", das Möglichkeiten und Grenzen deutsch-jüdischer Koexistenz inmitten einer noch halbfeudalen Gesellschaft illustriert, unter deren dünnem Boden schon das Rumoren eines barbarischen Judenhasses hörbar war.
So erscheint es Stern auch kein Zufall, daß die deutschen Historiker Bleichröder so lange vernachlässigt haben; für sie, so wähnt er, sei der Bankier "eine Un-Person", hei ihnen herrsche noch immer "der Wunsch und Wille" vor, "Bleichröder totzuschweigen". Und warum? Stern: "Er stand für so viele Tabus -- Geldraffen, Einflußhandel, Jüdischsein."
Das ist nun freilich eine groteske Übertreibung, die bei einem so kundigen Autor überrascht. Er kann nicht gut übersehen haben, daß die deutschen Historiker trotz aller Zurückhaltung ihren Bleichröder durchaus kennen: kaum eine moderne deutsche Bismarck-Biographie, in der Bleichröder nicht der ihm zukommende Platz eingeräumt wird, kaum eine Untersuchung über die Wirtschaftsgeschichte der Bismarck-Zeit ohne Berücksichtigung des jüdischen Bankiers.
Dabei hat es Stern gar nicht nötig. so extrem zu formulieren, spricht doch sein Buch für sich allein: Ihm ist gelungen, das Dunkel um den Bankier aufzuheilen und das Netz von Beziehungen und
Querverbindungen freizulegen. das Bleichröder mit nahezu allen Machtzentren der damaligen Welt verknüpfte.
So kann Stern auch lückenlos klären, wie die Partnerschaft zwischen Bismarck und Bleichröder entstanden ist. Ihre Wegbereiter waren die Rothschilds, Europas mächtigste Bankiersfamilie, für die schon Vater Samuel Bleichröder, Inhaber einer Wechselstube in Berlin, als Agent arbeitete.
Samuel und später auch der 1822 geborene Gerson, der zunächst als Teilhaber in die zum Bankhaus avancierte Wechselstube eintrat, kauften und verkauften Wertpapiere für die Rothschilds, bedienten sie mit seltenen Antiquitäten und politischen Nachrichten.
Zu dem Frankfurter Stammhaus der Rothschilds unterhielt auch Preußens Gesandter Otto von Bismarck Kontakte, der eines Tages im März 1859 vom Chef des Hauses wissen wollte, ob er in Berlin einen verläßlichen Bankier kenne, dem man die Verwaltung eines Vermögens anvertrauen könne. Der Frankfurter Rothschild kannte einen: Gerson Bleichröder.
Der Bankier übernahm die Verwaltung des Bismarck-Vermögens ohne sonderliche Begeisterung. Es gab bei den Bismarcks nicht viel zu verwalten: Die Güter Kniephof und Schönhausen waren hochverschuldet und längst verpachtet; Bismarck besaß ein paar Anteile an einer Brauerei und die 30 000 Taler Jahresgehalt, die er als Gesandter bezog.
Die beiden Männer rückten erst näher zusammen, als Bismarck 1862 preußischer Ministerpräsident wurde und den schon seit Monaten tobenden Verfassungskonflikt zwischen Krone und Parlament wegen der Bewilligung einer vorn König geforderten Heeresreform immer schärfer zuspitzte.
Da brauchte der zusehends in die Isolierung driftende Bismarck den Bankier mit seinen internationalen Verbindungen. Und Bleichröder half ihm gerne, konnte er doch hoffen, durch Geld und Ratschläge aus der jüdischen Diaspora in das altpreußische Establishment aufsteigen zu können. "Unserem hoch verehrten Chef" (Bleichröder über Bismarck) wollte er allzeit dienen mt der bei den Rothschilds erlernten "überschwenglichen Untertänigkeit und Loyalität", die zuweilen in "grenzenlose Servilität" umschlug, wie Stern zürnt.
Als der Landtag Bismarck die Kriegskredite für die Feldzüge gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866) verweigerte, befreite Bleichröder seinen Herrn aus aller finanziellen Kalamität. Ohne ihn hätte die Armee kaum marschieren können: Bei allen Geldbeschaffungen übernahm er nun "eine zentrale Rolle" (Stern).
Zunächst wollte Bleichröder die staatlichen Kohlegruben an der Saar einer Privatgesellschaft verkaufen und mit dem Erlös die Mobilmachung der Armee bestreiten. Dann kam ihm eine andere Idee: Im Juli 1865 handelte er im Auftrag Bismarcks einen Vertrag aus, in dem der preußische Staat gegen 13 Millionen Taler auf das wenige Jahre zuvor erworbene Recht verzichtete, alle Aktien der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft aufzukaufen.
Ein knappes Jahr später wurden mit Hilfe Bleichröders auch die Preußen gehörenden Stammaktien der Eisenbahngesellschaft abgestoßen -- ein klarer Bruch der Verfassung, da der Landtag jeder Veräußerung von Staatseigentum zustimmen mußte. Preußens Kriegsminister Roon aber jubelte: "Es ist Geld da, genug um die ganze Armee mobil zu machen und einen Feldzug hindurch zu bezahlen."
Von Stund an fühlte sich Bleichröder als "Hilfsarbeiter des Auswärtigen Amtes". Er ging für seinen Chef auf geheime Auslandsmission, er finanzierte ungarische Freischärler im Krieg gegen Preußens Rivalen Österreich, er wurde zum Mitverwalter des supergeheimen Welfenfonds, mit dessen Geldern Bleichröder Spione und Journalisten subventionierte.
Als die deutschen Armeen 1870/71 über Frankreich siegten, wußte der Reichsgründer Bismarck keinen besseren Unterhändler als Bleichröder, um den Franzosen die größte Reparationssumme abzupressen, die bis dahin je ein Sieger einem Besiegten abverlangt hatte: fünf Milliarden Franc.
Auch als Privatbankier des Kanzlers konnte jetzt Bleichröder Wunder vollbringen -- dank des ausmanövrierten Landtags, der Bismarck in einem Akt patriotischer Selbstverleugnung 400 000 Taler (nach heutigem Kurs etwa 5 Millionen Mark) dediziert hatte. Bleichröder legte Bismarcks Geld in ausländischen Wertpapieren an, befreite die Güter von aller Schuldenlast und machte den Kanzler durch Zukauf neuer Ländereien zu einem der größten Grundbesitzer Preußens.
Kanzler und Kaiser wußten solche Verdienste zu lohnen. 1872 wurde der Bankier als erster ungetaufter Jude in den erblichen Adelsstand Preußens erhoben, "über Nacht war Bleichröder der berühmteste Jude Deutschlands" (Stern).
Doch je weiter Autor Stern in die siebziger Jahre vordringt, desto farbloser gerät ihm die Figur Bleichröders. Ab 1872 hat der Bankier keine politisch bedeutsame Rolle mehr gespielt: Die Währungspolitik der Reichsleitung widersprach seinen Vorstellungen, eine Reichstagskandidatur scheiterte, mit Bismarcks mächtig-cholerischem Sohn Herbert überwarf er sich. Dem vierzigfachen Goldmark-Millionär blieb nur die Rolle des Sündenbocks der Bismarckschen Wirtschaftspolitik, zu dem ihn die antisemitischen Parolen der konservativen Bismarck-Gegner aufwerteten.
So muß Stern, da er erst knapp ein Drittel seines 756-Seiten-Buches erreicht hat, die letzten 21 Jahre der Lebensgeschichte Bleichröders mit allerlei Themen anreichern, in denen der Bankier vollends unterzugehen droht: mit Wirtschafts- und Sozialgeschichte, komplizierten Anleihegeschäften und Bismarckscher Außenpolitik.
Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, daß Sterns Buch an einem kapitalen Konstruktionsfehler leidet. Es will zu viel, der literarische Ehrgeiz seines Verfassers kennt keine Grenzen. Stern möchte offenbar gleich drei Bücher auf einmal schreiben: ein Buch über Bleichröder, ein zweites über Bismarck, ein drittes über die Judenfrage eine unlösbare Aufgabe, an der auch ein dramaturgisch begabterer Autor scheitern würde.
Schon die Idee, eine Doppelbiographie Bleichröder-Bismarck zu schaffen, läßt sich nur schwer verwirklichen, denn zu verschieden, zu unvergleichbar sind diese beiden Figuren: hier der größte Staatsmann des 19. Jahrhunderts, vielleicht sogar der deutschen Geschichte, dort ein knapp überdurchschnittlicher Bankier.
Gewiß, Bleichröder hat als Kriegsfinanzier eine wichtige Funktion in der Anfangsphase der Politik Bismarcks ausgeübt, gleichwohl gilt, was der britische Historiker Jonathan Steinberg einmal Stern entgegenhielt: "Bismarck hätte zehn andere Bleichröder finden können. Es gab genügend diskrete jüdische Bankiers, aber es gab nur einen Bismarck."
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 22/1978
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