29.05.1978

SCHAUSPIELERWeg gefunden

Manfred Krug, vor elf Monaten aus der DDR in die Bundesrepublik übergewechselt und letzte Woche erstmals in einem ARD-Film zu sehen, dreht jetzt in Jugoslawien eine vielteilige Fernseh-Serie.
Die Pointe wirkte manchmal schon etwas kokett -- so oft haben Interviews mit Manfred Krug seit seinem deutsch-deutschen Grenzübertritt vor elf Monaten mit der Feststellung geendet, er sei ja nicht nur der Gaukler und Sänger, sondern besitze, für alle Fälle, auch einen Lkw-Führerschein; Lastwagen fahren könne er immer noch, keiner der fünf Krugs würde jedenfalls hungern müssen im fremden Westen.
Das nun hatte kaum jemand befürchtet. Wer wie Neubürger Krug während der ersten zehn Tage in der Bundesrepublik gleich fünfmal im Fernsehen Platz und Stellung nehmen konnte, wer aufs Bonner Kanzlerfest gebeten wurde und auf Münchenhagens Talk-Couch, der schien für alle Zeit außer Gefahr, fortan sein Brot auf dem Bock verdienen zu müssen.
Und doch sieht Manfred Krug, 41, zur Zeit aus wie einer, der schon jahrelang mit 360 PS und 30 Tonnen im Genick auf der halsbrecherischen Piste zwischen Deutschland-West und Persien unterwegs ist. Als am Mittwoch vergangener Woche mit dem Gaunerstück "Paul kommt zurück" Krugs "glänzender Einstand" ("Hamburger Abendblatt") im ARD-Abendprogramm zu sehen war, kletterte der Zwei-Zentner-Mann gerade von einem Sattelschlepper -- vor einem Motel, 50 Kilometer von Belgrad entfernt.
"Auf Achse" ist Krug derzeit für eine TV-Serie dieses Titels, die von der Münchner Bavaria produziert wird. Anfang 1980 soll die "Fernfahrerarie" (Krug) durch die ARD-Regionalschauen laufen. Sechs Folgen werden jetzt erst mal an einem Stück gedreht, sieben weitere sollen folgen.
Krug gibt den deutschen Bullen hinterm Lenkrad, dem von München bis Ankara nichts Menschliches fremd ist, ein Kumpel auf Rädern, für das "Brummi"-Image des ewig klagenden Speditionsgewerbes wie gemalt. Portioniertes Abenteuer auf der Landstraße für ein gutes Dutzend Fernseh-Stunden, in denen der deutsche Mensch -- so sagt die Bavaria-Konzeption -- "Land und Leute kennenlernen" soll.
Wirklichkeit darzustellen, bundesrepublikanische und andere, habe ihn "angelockt", sagt der ehemalige DDR-Bürger Krug. Wenn davon etwas am Rande herauskomme, sei er es schon zufrieden. Und außerdem biete "Auf Achse" ja die schöne Gelegenheit, "den Leuten hier so häufig hintereinander meine Fresse zu zeigen, daß sie vielleicht sagen: "Ach, den kann man sich ja wirklich angucken.'"
Land und Leute -- das sind für den Übersiedler immer noch auch ganz persönlich Reizworte. Mit panslawischem Wortaufwand feilscht er auf dem Belgrader Wochenmarkt um Knoblauchzehen, als gelte es, eine neue Welt einzukaufen. Er freut sich auf Saloniki, den nächsten Drehort, "wie ein Kind", auch auf "die Türken". Nur zweimal hatten ihn die DDR-Oberen seit dem Mauerbau in Richtung Westen herausgelassen: nur nach West-Berlin.
In Jugoslawien allerdings war "Manne" Krug schon mal als Defa-Star: 1968, als sich die sozialistischen Bruderarmeen, Nationale Volksarmee mittendrin, über die CSSR hermachten. Damals haben, erzählt er nun den staunenden Kollegen, aufgebrachte Jugoslawen die ostdeutschen Filmteam-Fahrzeuge demoliert, Hakenkreuze in den Lack gekratzt: "Die dachten, wir kommen auch noch zu ihnen."
Als hätte er Angst, von West-Ohren falsch verstanden zu werden mit solchen Geschichten, fügt er andere an: von den vielen Orten großdeutschen Massenmordens, die er auf seinen Filmreisen quer durch Osteuropa gesehen hat, von Warschau und Lidice. Faschismus. auch der neue, promillekleine in der Bundesrepublik, mache ihn krank, gesteht Krug als eine wichtige Erfahrung. Denn, DDR-Abgang hin und her: "Na klar" ist er Sozialist.
Es ist schon ein anderer, bißchen fremder Zweig deutscher Schauspieler-Kultur, vielleicht sogar Geschichte, der da jählings in den Westen herübergewachsen ist. Krugs Kollegen bestätigen es, der Regisseur, der Produzent. Einer, der Brecht noch gekannt hat, der bei der NVA als Krad-Melder diente und Parteisekretäre spielte, von denen die SED heute noch träumt. Einer, den Walter Ulbricht mit dem Nationalpreis dekorierte -- und den Worten: "Nu Genosse, äh, Herr Krug, Sie haben jetzt Ihren Weg gefunden, ja?"
Für Rüdiger Kirschstein, der den zweiten Lkw-Fahrer auf dem Film-Trip nach Teheran spielt, ist dieser Kollege zugleich "Offenbarung und große Beruhigung". Krug sei jemand, mit dem zusammen man selbst aus solcher Trivial-Serie "noch ein ganz schönes Niveau herausholen" könne.
Krug selbst ulkt, er sei "so 'ne Art Eckermannfred" bei dem Unternehmen: Emsig feilt er an Szenen und Dialogen und, ruck-zuck, hat er sogar binnen drei Tagen einen eigenen Fortsetzungsteil geschrieben. Das quirlige Schwergewicht sei, lobt Produzent Georg Feil, "ein großes dramaturgisches Talent".
Die Verwunderung über einen dramaturgisch mitdenkenden Schauspieler wundert den Manfred Krug. In der DDR sei dieser Darsteller-Typ gang und gäbe, und wo -- wie bei der Serienfilmerei -- jeden Tag "hundert Filmmeter reingedroschen werden", sei er um so mehr vonnöten.
Da wird ein Stückchen Umstellungsproblematik sichtbar: In der DDR hatte Krug nur unter guten Drehbüchern zu wählen brauchen. Hier muß er vorerst noch versuchen, weniger gute nachzubessern. Auch daß beim DDR-Film in der Regel sorgfältiger gearbeitet wird. ist eine Erkenntnis aus den ersten Ost-West-Vergleichen; und dann, daß hierzulande "eben kaum einer weiß, was drüben so läuft: Filme, Schauspielernamen, Regisseure, Kunstdiskussionen, Autoren".
Trauer über sein verlorenes Publikum, dem er eine durch Parteidressur unverbogene Identifikationsfigur bot -- das ist für Krug immer noch ein zentrales Thema. Er weiß: "So eine Popularität kriege ich hier nie wieder."
Andererseits war sein Bild von der Bundesrepublik, zu der er sich nie "wie irre" hingezogen fühlte, von vornherein negativ genug, um heute "angenehm enttäuscht" zu sein.
Sicher: Die große Ein-Mann-Show hat es bislang für ihn noch nicht gegeben. Aber Angebote dafür hat er, gleich von drei Sendern, und irgendwann will er es probieren. Aber Illusionen hat er auch da nicht: "Ich bin nicht der große Entertainer."
Musik dagegen will Manfred Krug weiter machen. In den Drehpausen in Jugoslawien bastelt er an Texten für eine Schlager-Platte, die im Spätherbst in die Läden soll. Und sonst, sagt er, "halte ich mich, wie ausgemacht, an die Wahrheit. In irgendeinem fiesen Kalten-Kriegs-Chor gegen die DDR singe ich jedenfalls nicht mit".

DER SPIEGEL 22/1978
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