06.06.2005

GRÜNELinksruck mit Rudis Jüngstem

Die Öko-Partei bereitet sich auf die Opposition vor. Die Pragmatiker sollen gehen, die Linken wollen in den Bundestag - darunter auch Dutschke-Sohn Marek.
Als die Mitglieder des grünen Landesverbands Berlin am Mittwoch vergangener Woche ihre Post durchsahen, glaubten nicht wenige zunächst an das Machwerk eines Spinners. Auf zwei engzeilig bedruckten Seiten ("Manifest") stellte sich ihnen ein zorniger junger Parteifreund vom linken Flügel vor, der anlässlich der vorgezogenen Bundestagswahl für einen radikalen Kurswechsel eintrat.
"Mein Name tut nichts zur Sache", schrieb der Verfasser - aber verheimlichen wollte er den dann doch nicht: "Mit grünen Grüßen - Marek Dutschke."
Seither erschaudert die Szene vor wohliger Nostalgie. Immerhin war es Mareks Vater Rudi, der als charismatischer Wortführer der Studentenrevolte Ende der sechziger Jahre den Keim für eine Bewegung jenseits der etablierten Altparteien säte. Und wer könnte besser geeignet sein, den erschlafften Ökopaxen nun frischen Revoluzzergeist einzublasen, als "ausgerechnet"
(so der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele) Rudis Jüngster?
Prompt fanden sich namhafte Parteigänger, die dem Sprössling zu einem Platz im nächsten Bundestag verhelfen wollen. Als "jung und frisch" und "durchaus mit den Qualitäten des Vaters" gesegnet lobt zum Beispiel die grüne Fraktionschefin Krista Sager den Nachwuchspolitiker.
Apo-Opa Ströbele gab bereits bekannt, dass er Mareks Bewerbung um einen aussichtsreichen Listenplatz nicht im Weg stehen werde, sondern sich auf die Verteidigung seines Direktmandats konzentriere. Und auch der Linksausleger der Bundestagsfraktion, Winfried Hermann, signalisierte Unterstützung. Mit bebender Stimme erinnerte er seinen jungen Freund Marek daran, wie er schon dessen Vater umsorgt hatte. Unter anderem habe er dem bei einem Attentat verletzten Rudi Dutschke kräftigende Turnübungen vorgemacht.
Dass der prominente Junior die grüne Schaffensbilanz der vergangenen Jahre vor allem "Scheiße" findet, scheint seine Förderer nicht zu stören - im Gegenteil. Weil kaum noch einer an einen Sieg der Koalition bei der Bundestagswahl glaubt, denken die Parteilinken darüber nach, sich in der Opposition neu zu formieren.
Es gelte, so die Forderung, sich von den neoliberalen Irrtümern der vergangenen Regierungsjahre gründlich zu verabschieden. Bereits am Sonntag vorvergangener Woche trafen sich mehr als 50 Junggrüne mit Nachwuchssprecher Stephan Schilling in einer Berliner Weinstube, um sich unter der Parole "Links neu!" von ihren realpolitischen Spitzenkräften zu distanzieren.
Befördert wird die Kehrtwende auch von etablierten Kräften. Frithjof Schmidt, Vorsitzender
der Grünen in Nordrhein-Westfalen, hat die Koalition mit der SPD zwar jahrelang klaglos mitgetragen, doch seit der Niederlage bei der Landtagswahl will er plötzlich alles ändern.
In Gesprächen mit Gleichgesinnten wie Bundesumweltminister Jürgen Trittin und Parteichefin Claudia Roth ist in ihm die Erkenntnis gereift, dass die bisherige angebotsorientierte Wirtschaftspolitik "gescheitert" sei.
Personelle Konsequenzen sollen folgen. Als sicher gilt die Ablösung der Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt. Sie scheint nicht krawallig genug, um auf der Oppositionsseite aufzufallen. Ihren Job soll die derzeitige Verbraucherministerin Renate Künast erledigen.
Auch Krista Sager, die zweite Fraktionschefin, ist gefährdet. Doch die Abgeordnete aus Hamburg will nicht kampflos aufgeben: "Ich kann vor einem Linksruck nur warnen", sagt sie. "Eine grüne Partei, die sich von den Ergebnissen der eigenen Reformpolitik distanzierte, ist auf Jahre hinaus nicht regierungsfähig."
Geht der Plan der Linken auf, würde Künast im Bundestag einer deutlich verjüngten Truppe vorstehen. Nachwuchssprecher Schilling etwa versieht seine Bewerbung um einen Listenplatz in Niedersachsen ausdrücklich mit einer Kampfansage an die derzeit im Parlament vertretene Generation. Die habe es sich "schon viel zu lange bequem gemacht".
Marek Dutschke hat erkannt, dass die Revolution Opfer fordern wird - von anderen. Als ihm vergangene Woche der grüne Realo und Quoten-Ossi Werner Schulz einen Deal anbot, ließ er ihn abblitzen. Für die Aufstellung der Berliner Landesliste am 19. Juni hatte Schulz angeregt, sich mit den jeweiligen Truppen wechselseitig zu unterstützen: Er beanspruche Platz 2 der Liste, während Dutschke - ebenfalls noch aussichtsreich - Platz 4 vorbehalten sei. Auf diese Weise könne es gelingen, den Berliner Landespolitiker Wolfgang Wieland auszustechen.
Doch der Jungstar sagte nein - sehr zur Freude seiner Förderer. In der Rolle des Bundestagsabgeordneten seit 1990 habe Schulz hinreichend Gelegenheit gehabt, sich als Politiker zu bewähren - tatsächlich aber, so eine Spitzengrüne giftig, "immer nur das große Wort geführt".
Dass sich die in ihn gesetzten Hoffnungen vor allem auf seine Herkunft stützen, ist Dutschke dabei völlig klar. Zwar starb der berühmte Vater noch vor der Geburt seines Jüngsten an den Folgen des Attentats, doch Marek ist sich sicher, dass Rudi - würde er noch leben - genauso gegen Praxisgebühren und Hartz IV zu Felde zöge.
Welch Donnerhall sein Name gerade im grünen Milieu hat, erfuhr der Filius bereits vor vier Jahren. Nach Abschluss seines Germanistik- und Politikstudiums in den USA hatte sich Dutschke junior für eine Hospitanz im Bundestag beworben. Selten bekam ein Praktikant der Pressestelle so viel Besuch von prominenten Bundespolitikern, die sich vor Begeisterung über die frappierende Ähnlichkeit des Sohnes mit seinem Vater kaum beruhigen konnten.
Sogar den Außenminister drängte es damals danach, beim Tee in Erinnerungen zu schwelgen. Seit'' an Seit'' mit Rudi ("ein toller Typ") habe er bei einer Demo in Baden-Baden erstmals einen Polizeiknüppel auf den Kopf gekriegt, berichtete Joschka Fischer.
Das Urteil des Praktikanten über seinen Chef fiel dennoch eher schlecht aus. Man könne sich kaum vorstellen, dass der vor mehr als 30 Jahren mal ein idealistischer junger Mann gewesen sei, befand der unbekümmerte Marek spontan. Und dass sich Fischer mit einem protzigen Siegelring schmücke, sei geradezu "widerlich".
Dutschke setzt darauf, dass seine mit derlei Furor vorgetragene Kritik am Obergrünen auch die Berliner Parteifreunde bei der Listenaufstellung überzeugt. Weil er bis Freitag vorvergangener Woche noch im Brüsseler Europaparlament jobbte, verfügt er für seinen Wahlkampf weder über nennenswerte Kontakte in den grünen Funktionärsapparat noch über ein eigenes Büro.
Doch die Familie will helfen. Für kommende Woche hat sich in Mareks Wohngemeinschaft dessen großer Bruder Hosea-Che angekündigt. Gemeinsam wollen sie die Zeit bis zur Listenaufstellung nutzen, um mit ihrem großen Namen bei grünen Basisgruppen aufzutrumpfen. Marek Dutschke ist sich sicher: "Rudi wäre stolz auf mich." ALEXANDER NEUBACHER,
CHRISTOPH SCHMITZ
* Krista Sager, Katrin Göring-Eckardt, Volker Beck, Claudia Roth und Renate Künast beim Parteitag in Kiel im Oktober 2004.
Von Alexander Neubacher und Christoph Schmitz

DER SPIEGEL 23/2005
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