06.06.2005

SAUDI-ARABIENDie Stunde der Ideologen

König Fahd ist todkrank, und die frommen Konservativen im Land sind entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen: Der Wüstenstaat steht vor einem heiklen Machtwechsel.
Es ist nicht weit vom Jamama-Palast hinunter zum König-Feisal-Krankenhaus im Stadtzentrum von Riad. Fahd Ibn Abd al-Asis, 82, König von Saudi-Arabien, Diener der beiden heiligen Stätten Mekka und Medina und ein schwerkranker Mann, ist die paar Kilometer oft hin- und hergefahren seit seinem Schlaganfall vor zehn Jahren - vorbei an den exklusivsten Adressen seines Königreichs, durch kunstvoll angelegte Parks und Palmenalleen, dezent beobachtet von versteckten Überwachungskameras und unauffällig patrouillierenden Zivilstreifen.
Gleich links vor dem Palasttor steht das Gartenschloss seines Bruders Salman, 69, des Gouverneurs von Riad; daneben der Palast seines Bruders Sultan, 77, des Verteidigungsministers; ein paar hundert Meter weiter das Stadtpalais von Innenminister Prinz Naïf, 72, auch er ein Bruder des Königs. Auf dem Jamama-Hügel im Westen von Riad hat sich der innerste Kreis der saudischen Königsfamilie niedergelassen - die sogenannten Sudeiri-Brüder, die Söhne des Staatsgründers Ibn Saud mit dessen Lieblingsfrau Hassa Bint Sudeiri.
Der älteste von ihnen, König Fahd, wurde vorvergangenen Freitag mit hohem Fieber und einer akuten Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Spärlich fließen seither die Informationen über seinen Gesundheitszustand; umso mehr beschäftigt seine Untertanen die Frage, wie es nach dem Tod des Königs weitergeht.
Unstrittig ist, wer ihm nachfolgen wird: sein Halbbruder, Kronprinz Abdullah, 81, der Saudi-Arabien schon seit Fahds Erkrankung 1995 faktisch regiert. Der Kronprinz stammt aus einer anderen Ehe seines Vaters als die Sudeiri-Brüder und residiert weitab von Jamama im Osten der Hauptstadt.
Abdullah gilt als einsamer Reformer unter den heute führenden Prinzen: Er steht hinter den ersten zaghaften demokratischen Reformen im Land und tritt für ein vergleichsweise offenes Verhältnis des Wüstenstaats mit dem Westen ein; väterlich hielt er bei seinem Besuch im April minutenlang die Hand von George W. Bush. Doch der Kronprinz ist nur ein Jahr jünger als der todkranke König; er wird wohl nicht lange regieren.
Entscheidend ist deshalb, wen der Familienrat als Nummer zwei und Nummer drei an der Staatsspitze bestimmen wird. Verteidigungsminister Prinz Sultan, nominell als Kronprinz an der Reihe, hat zwei Krebsoperationen überstanden und gilt seither als Figur des Übergangs. Hinter ihm rangieren die Prinzen Naïf und Salman - beide bekannt für ihr belastetes persönliches Verhältnis zu Kronprinz Abdullah. Vor allem Innenminister Prinz Naïf, ein entschiedener Hardliner, hat sich als Gegenspieler des Kronprinzen profiliert. Er war es, der noch Monate nach den Terroranschlägen vom 11. September bestritt, dass Saudi-Araber überhaupt an den Verbrechen beteiligt waren.
"Wer immer in die Führung aufrückt, wird vor den gleichen Problemen stehen", sagt der Reformer Chalil al-Chalil: "Er muss den Terror bekämpfen, die Milliarden aus dem neuen Ölboom gerecht verteilen und langfristig den Einfluss des religiösen Establishments zurückdrängen." Chalil unterrichtet an der islamischen Imam-Mohammed-Ibn-Saud-Universität in Riad, die Dutzende militanter Islamisten hervorgebracht hat; in seinem Haus gehen Mutawaa-Offiziere aus und ein, die berüchtigten Religionspolizisten in ihren charakteristisch kurz geschnittenen Dischdaschas. Chalil kennt das religiöse Establishment aus persönlicher Erfahrung.
Doch es sieht nicht so aus, als wollte sich der ehrgeizige Innenminister ernsthaft mit den Schriftgelehrten anlegen. Prinz Naïf hat im Kampf gegen die saudi-arabischen Qaida-Ableger beachtliche Erfolge erzielt - auch wenn Kritiker wie Chalil meinen, viele Terroristen hätten sich nur vorübergehend in den benachbarten Irak abgesetzt, von wo sie jederzeit wieder zurückkehren könnten. Die islamistischen Ideologen im Königreich jedenfalls haben unter der Terroristenjagd nicht gelitten - im Gegenteil: Sie demonstrieren am Vorabend des Machtwechsels deutlich, dass ihr Einfluss ungebrochen ist.
Das zeigt der nur scheinbar harmlose Fall von Mohammed Al Sulfa, einem Historiker, den der König zum Mitglied der "Schura" ernannte, einem 120-köpfigen Beratungsgremium der Regierung. Al Sulfa wollte eine Routinesitzung zum Thema Verkehrssicherheit nutzen, um eine Vorlage einzubringen, die inzwischen einen Kulturkrieg ausgelöst hat. Die Schura solle diskutieren, so sein Antrag, ob es nicht gute Argumente gäbe, den Frauen in Saudi-Arabien das Autofahren zu erlauben.
Zwölf Milliarden Rial (etwa 2,6 Milliarden Euro) koste es die Volkswirtschaft jedes Jahr, ein Heer ausländischer Fahrer damit zu beschäftigen, Saudi-Arabiens Frauen durch Stadt und Land zu chauffieren; Stunden verbrächten diese Frauen in Gegenwart männlicher Ausländer ohne
den Schutz ihrer Ehemänner - und das alles, weil das Land einer engstirnigen Fatwa folge, für die sich im Koran schwerlich eine stichhaltige Begründung finde.
Am vorvergangenen Montag sollte Al Sulfas Vorlage eingebracht werden, doch ein paar Pamphlete und Aufrufe puristischer Theologen zwangen den Präsidenten der Schura in die Knie: Auf Druck der Schriftgelehrten untersagte er, dass der Antrag unter den Ratsmitgliedern auch nur verteilt werden durfte. Seither klingelt Al Sulfas Handy rund um die Uhr.
Was denn eine Autofahrerin tun solle, wenn sie mitten in der Stadt eine Reifenpanne habe, will ein Anrufer wissen. "Was soll schon passieren?", gibt er unwirsch zurück. "Dann ruft sie eben über ihr Handy den Pannendienst an!" Jetzt ist der Anrufer wirklich entsetzt: "Ja, finden Sie denn im Ernst, Frauen sollten Mobiltelefone besitzen?", fragt er. Al Sulfa beendet das Gespräch.
"Wir lieben und respektieren unsere Schriftgelehrten", sagt er in einem Anflug von Mutlosigkeit, als das Handy schon wieder klingelt, "aber diese Menschen leben in einem anderen Jahrtausend." Er habe Angst - nicht um seine physische Unversehrtheit, sondern vor einer "Revolution der Jugend in Saudi-Arabien". Die Widersprüche in der Gesellschaft hätten sich so zugespitzt, dass die "Gefahr einer Explosion" bestehe.
Vorsichtig kritisiert Al Sulfa die politische Führung des Landes. Der Staatsgründer Ibn Saud habe gegen den Willen der Traditionalisten das Telefon und die Eisenbahn eingeführt, König Feisal vor 40 Jahren sogar das Fernsehen und die Mädchenschulen. "Ich werde mich beugen, wenn die Schura die Fahrerlaubnis für Frauen mehrheitlich ablehnen sollte", sagt er. "Aber ich kann nicht akzeptieren, dass uns verboten wird, darüber zu diskutieren."
Der Auto-Streit entzweit auch das Königshaus. Der Konflikt sei "bedeutungslos", entschied Prinz Naïf. Außenminister Saud al-Feisal hingegen versicherte dem SPIEGEL am Freitag in Riad: "Ich bin dafür. Nirgendwo im Koran steht geschrieben, dass Frauen nicht Auto fahren dürfen." Kronprinz Abdullah schweigt bislang.
Es sei eine historische Erfahrung des Königreichs, dass die Religiösen jeden Augenblick politischer Schwäche gnadenlos ausnutzten, sagt ein saudi-arabischer Politologe - unter der Bedingung, dass sein Name nicht bekannt wird: "Wer als Herrscher gezaudert hat, konnte sich noch nie gegen die Orthodoxen durchsetzen." Die Tage, Wochen oder Monate, die bis zum Tod König Fahds und dem Antritt der neuen Herrscher noch verblieben, seien heikel. Wer sich jetzt mit den Ultras anlege, habe mit Einschüchterung zu rechnen. "Die glauben, das Königreich gehöre ihnen."
Er fürchte die Herrschaft dieser Minderheit, sagt Mohammed Al Sulfa, was die Mehrheit des Volkes will, sei für sie völlig unerheblich. Der Koranvers, mit dem die Scheichs seinen Antrag blockierten, scheint ihm recht zu geben: "Und wenn du der Mehrzahl derer auf Erden folgtest, sie würden dich abirren lassen vom Wege Allahs. Sie folgen nur einem Wahn. Und siehe, sie lügen."
VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
* Mit seinem Bruder Mitab (l.) bei einem Kulturfestival am 24. Dezember 2003 bei Riad.
Von Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 23/2005
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