Von Dürr, Anke und Wellershoff, Marianne
SPIEGEL: Herr Akin, in dieser Woche kommt Ihr neuer Film "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" ins Kino. Wollten Sie dem Erwartungsdruck nach dem Erfolg von "Gegen die Wand" entkommen, indem Sie eine Dokumentation statt eines Spielfilms gedreht haben?
Akin: Dem konnte ich gar nicht entkommen. Der nächste Film wäre immer der Film nach "Gegen die Wand" gewesen. Aber eigentlich ist "Crossing the Bridge" noch aus dem Schwung von "Gegen die Wand" heraus entstanden.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Akin: Alexander Hacke, der Bassist der Einstürzenden Neubauten, war während der Dreharbeiten zu uns nach Istanbul gereist und nahm den Roma-Chor für "Gegen die Wand" auf. Ich fand es faszinierend zu beobachten, wie er sofort mit den Roma über die Musik kommunizierte, Türkisch verstand er ja nicht. Als wir dann abends im Hotel zusammensaßen, schimpften der Produzent und ich, dass wir nie wieder einen Spielfilm machen wollten. Und plötzlich waren wir begeistert von der Idee, mit Hacke über die Musik Istanbuls eine Dokumentation zu drehen.
SPIEGEL: Wieso war Ihnen die Lust am Spielfilm vergangen?
Akin: Das geht mir jedes Mal so: Drehe ich einen Spielfilm, sehne ich mich nach einer Dokumentation, weil Spielfilme so anstrengend sind. Es gab aber noch ein weiteres Motiv, "Crossing the Bridge" zu machen: Ich hatte gerade meine eigene Produktionsfirma Corazón International gegründet und brauchte für den Anfang ein überschaubares Projekt. Eines, das mich nicht total ruiniert, wenn es scheitert.
SPIEGEL: Und dann gewannen Sie mit "Gegen die Wand" den "Goldenen Bären" bei der Berlinale. Wäre es da nicht geschickter gewesen, diesen Erfolg zu nutzen und wieder einen Spielfilm zu drehen?
Akin: Nein, ich war sogar sehr froh, nach dem ganzen Rummel für ein paar Monate Deutschland zu verlassen und diese Dokumentation drehen zu können.
SPIEGEL: "Gegen die Wand" zeigt die Zerrissenheit der Türken zwischen Ost und West. Hat Ihr neuer Film nicht in Wahrheit dasselbe Thema?
Akin: Das kann man so sehen. Istanbul ist die eigentliche Hauptstadt der Türkei und reflektiert die gesellschaftliche Situation in dem Land ziemlich gut. Ich wollte mit dem Film auch der Frage nachgehen, ob die Türkei eigentlich europäisch genug ist für die Europäische Union. Und ich dachte, die Musik ist ein interessanter Weg, diese Frage zu beantworten.
SPIEGEL: Aber "Crossing the Bridge" gibt keine Antwort.
Akin: Weil es keine eindeutige Antwort gibt. Ich habe bei den Dreharbeiten gelernt, dass die Situation in der Türkei dafür viel zu komplex ist. Das zeigt eben schon die Musik: Es gibt HipHop und Roma-Orchester, Rockbands spielen im Viervierteltakt und traditionelle Gruppen im Neunachtelrhythmus. Der Westen, das ist mir klar geworden, endet nicht in Griechenland. Und der Osten erstreckt sich nicht von Istanbul bis China. Das sind imaginäre Grenzen.
SPIEGEL: An wen richtet sich Ihr Film? An Deutsche? An Türken? An in Deutschland lebende Türken?
Akin: An alle, die wissen wollen, wie die Türkei wirklich aussieht - jenseits der Diskussion um Kopftücher. Und die sich, wie ich selbst auch, für diese Zerrissenheit interessieren. Die Frage, ob ich mich eher als Deutscher oder als Türke fühle, stellt sich ähnlich für die Türkei: Ist sie nun westlich, oder ist sie es nicht? Meine Antwort lautet: Sie ist beides.
SPIEGEL: Sie haben mehrfach erklärt, Sie fühlten sich nicht als Vermittler zwischen den Kulturen. Nehmen Sie mit diesem Film aber nicht genau diese Rolle ein?
Akin: Ehrlich gesagt: Mir ist es inzwischen egal, wie man mich sieht. Ich kann sowieso nichts daran ändern. Und ich habe gar nichts dagegen, wenn "Crossing the Bridge" als politischer Film verstanden wird. Die heutige Zeit ist viel zu unpolitisch. Deshalb hätte ich jetzt auch keine Lust, irgendeine Komödie zu drehen.
SPIEGEL: Glauben Sie, mit Ihrem neuen Film endlich auch die in Deutschland lebenden Türken für Ihre Werke begeistern zu können?
Akin: "Gegen die Wand" wurde schon von mehr Deutschtürken gesehen als meine vorherigen Filme. Dafür gibt es zwei Gründe: Der Film hatte zum einen in den Medien viel Aufsehen erregt, gewolltes und ungewolltes. Zum anderen kam er zeitgleich in der Türkei ins Kino. Vorher bekommen viele Türken hier in Deutschland gar nicht mit, wenn ich einen Film gemacht habe. Ich bin beispielsweise erst auf "Im Juli" angesprochen worden, als er in der Türkei ins Kino kam - zwei Jahre nachdem er in Deutschland gelaufen war.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Akin: Die hier lebenden Türken informieren sich nicht aus deutschen Medien. Sie lesen türkische Zeitungen und sehen türkisches Fernsehen. In Deutschland hat sich eine mediale Parallelgesellschaft entwickelt, und zwar durch die technische Weiterentwicklung wie Satellitenfernsehen und Internet. Der Fortschritt ist paradoxerweise zum Rückschritt geworden. INTERVIEW: ANKE DÜRR,
MARIANNE WELLERSHOFF
DER SPIEGEL 23/2005
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