26.12.1977

Bonns Wunderpanzer: Nur bedingt kampfbereit

Heeresrüster und Truppenoffiziere stellen sich beunruhigende Fragen: Bauen die Sowjets den Zukunftspanzer T-80, der allen westlichen Typen eine Panzergeneration voraus ist? Schießt selbst Moskaus alter T-62 besser als der bundesdeutsche Export-Hit Leopard 1? Die gesamte westliche Panzerstrategie könnte auf dem Spiel stehen.
Verteidigungsminister Georg Leber war zuversichtlich. Der deutsche Kampfpanzer Leopard 2, prophezeite er noch vor wenigen Monaten, sei "bis weit in die 90er Jahre dem Feindpanzer überlegen" -- und das schien keineswegs übertrieben.
Denn das internationale Lob für dieses Prachtstück deutscher Qualitätsarbeit war einhellig. Selbst den neuen amerikanischen Super-Panzer XM- 1 hatte der Leopard 2 im Vergleichstest an Feuerkraft und Beweglichkeit weit abgeschlagen.
Sein Vorgänger Leopard 1 ist längst ein deutscher Exportschlager geworden: 2378 Exemplare der Leopard-l-Familie sind bis heute ins Ausland verkauft. Wenig sprach dagegen, daß es mit dem Leopard 2 anders gehen würde. Jedenfalls aber hielten sich die Deutschen mit diesem Qualitätsvorsprung im Panzerbau für ausreichend gegen alle Sowjet-Panzer gerüstet.
Heute sind sich westliche Rüstungsexperten nicht mehr so sicher. Denn durch eine gezielte Nato-Information wurde bekannt, daß die Sowjets einen im Westen bislang gänzlich unbekannten Panzer (Nato-Bezeichnung: T-80) erproben, der westlichen Modellen wie dem Leopard 2 und dem amerikanischen XM-1 weit überlegen sein dürfte.
"Der T-80 kommt sechs Jahre zu früh und für uns völlig unerwartet", klagte ein deutscher Panzerfachmann und folgerte: Wenn der deutsche Wunderpanzer Leopard 2 dem sowjetischen T-80 im Gefecht gegenüberstehe, habe er wohl kaum eine Chance.
Bisher waren die deutschen Panzerbauer von einem doppelten Dogma ausgegangen:
* Der Leopard 1 ist dem Standardpanzer der Warschauer-Pakt-Streitkräfte, dem T-62, leicht überlegen.
* Der Leopard 2 erhält diese technische Überlegenheit gegenüber dem T-72 aufrecht, auf den die Sowjetarmee derzeit umgerüstet wird.
Doch was über den T-80 bis jetzt bekannt wurde, könnte die gesamte Panzerabwehr-Konzeption der Nato in Frage stellen, die bisher allein auf die sowjetischen Panzertypen T-62 und T-72 ausgerichtet ist.
Der neue Sowjet-Panzer, nach Meinung westlicher Experten fast eine Entwicklungsgeneration fortschrittlicher als die Westpanzer Leopard 2 und XM-1, soll bereits
* eine Mehrschichtpanzerung besitzen, die ihn gegen westliche Panzerabwehrwaffen mit Hohlladungsprinzip ausreichend schützt,
* flügelstabilisierte Wuchtmunition** aus einer 125-Millimeter-Glattrohrkanone verschießen, die jede westliche Panzerung durchschlägt. > mit Hilfe eines hydropneumatischen
Fahrwerks seine Silhouette verklei-
* Danach wird bis zu 40 Zentimeter dicker Panzerstahl von einem Energiestrahl durchschweißt. ** Sie enthält einen Kern aus Wolfram oder Uran.
nern und die Geländegängigkeit erhöhen können,
* einen Laserstrahler besitzen, der die optischen Geräte von Feindpanzern und Flugzeugen selbst noch in 20 Kilometer Entfernung zerstören kann und eigene Raketen treffsicher ins Ziel lenkt.
Freilich -- gesehen hat den neuen Sowjet-Panzer im Westen noch niemand, und ungewiß ist auch, ob er jemals in Produktion gehen wird. Nützen könnten die Mutmaßungen um den sowjetischen Wunderpanzer vor allem der deutschen Rüstungs-Lobby und den Befürwortern der Neutronenbombe -- der einen, weil er ihnen in die Panzer-Planung der Zukunft paßt. den anderen, weil sie mit der neuen Panzierdrohung aus dem Osten Vorbehalte ausräumen möchten.
Schon jetzt suchen die deutschen Panzerschmieden nach einem Anschlußprojekt, das ihre Fertigungskapazitäten auch nach der Produktion des Leopard 2 auslastet. Allein zwölf deutsche Firmen und Ingenieurbüros haben sich deshalb um das vom Bundesverteidigungsministerium ausgeschriebene Zukunfts-Projekt "Kampfpanzer 3" beworben.
Nato-Experten macht aber nicht nur der sowjetische T-80, sondern neuerdings sogar der im Warschauer Pakt einsatzbereite T-72 Sorge. Westliche Militärbeobachter mußten nämlich bei der diesjährigen Moskauer Parade zur Oktoberrevolution mit Erstaunen feststellen. daß ihnen ein bisher unbekannter Panzer vorgeführt wurde: ein an Fahrwerk und Optik modernisiertes Modell des T-72.
Damit ergab sich eine völlig neue Lage: Während der Leopard 2 in der Bundeswehr erst von 1980 an einsatzbereit ist, dürften den Sowjet-Truppen in der DDR ab Mitte 1978 bereits 3300 1-72 der modernisierten Bauart zur Verfügung stehen -- mehr als 40 Prozent ihres gesamten dort stationierten Kampf panzerbestandes.
T-80 wie auch T-72 neuer Version belehrten den Westen. daß Moskau nicht nur in rasantem Tempo weiterrüstet, sondern zunehmend auch technologische Fähigkeiten im Panzerbau erworben hat. So bescheinigte der Bundeswehrgeneralmajor und Panzer-Spezialist Ferdinand von Senger und Etterlin dem T-72 einen hohen technischen Standard: "Er ist auf weite Kampfentfernung passiv-nachtkampf-fähig*. Diese Fähigkeit hat noch kein westlicher Kampfpanzer erreicht!"
Waffenexperten räumen deshalb dem T-72 gute Chancen im Gefecht mit dem Leopard 1 ein. Die glatte 122 Millimeter Kanone des T-72 verschießt flügelstabilisierte Wuchtgeschosse, denen die Panzerung des Leopard 1 selbst auf Entfernungen über 2000 Meter nicht standhält.
Durch die hohe Geschwindigkeit (fast fünffacher Schall) erhalten die Sowjet-Geschosse außerdem eine extrem gestreckte Flugbahn. Der Vorteil: Bis zu 1600 Meter können die Sowjet-Panzer auf komplizierte Entfernungsmessungen und Rechner verzichten und haben dennoch eine sehr hohe Trefferwahrscheinlichkeit.
* Der Panzer strahlt selbst kein Laserlicht aus, sondern verstärkt vorhandene Lichtquellen, beispielsweise Sternen- und Mondlicht.
Doch die Negativ-Seite der westlichen Panzer-Bilanz ist auch damit noch nicht erschöpft. Denn der deutsche Leopard 1 schnitt in einem Punkt sogar gegen den älteren Sowjet-Panzer T-62 schlecht ab: im Schießen.
Das stellte sich erst heraus, als Israel der Bundeswehr einen im Nahost-Krieg erbeuteten Sowjet-Panzer zu Versuchszwecken auslieh. Bei einem Vergleichsschießen auf der Schußbahn der Erprobungsstelle 91 in Meppen war die 115 Millimeter-Kanone der Russen der deutschen 105 Millimeter-Kanone im Leopard 1 deutlich überlegen.
Für die deutschen Militärs war das ein Argument, die Entwicklung einer neuen 120-Millimeter-Kanone voranzutreiben und den Leopard 2 schon ab 1978 in Serie zu produzieren.
Im Verteidigungsausschuß wagte es denn auch nur ein Abgeordneter der FDP, der Wehrexperte Jürgen Möllemann, Bedenken gegen die Beschaffungsvorlage für den Leopard 2 anzumelden.
Möllemann zum SPIEGEL: "Der Verteidigungsausschuß wird immer häufiger mit Rüstungsbeschaffungs-Vorlagen konfrontiert, deren Einordnung in ein strategisches Gesamtkonzept kaum erkennbar sind."
Bisher hat noch immer das Schreckgespenst der sowjetischen Aufrüstung ausgereicht, um kritische Abgeordnete letztlich doch zur Annahme umstrittener Rüstungsprojekte zu bewegen. So passierte auch die Beschaffungsvorlage des Leopard 2 den Haushaltsausschuß, nachdem Georg Leber den Parlamentariern die Leistungsfähigkeit des russischen T-62 auf dem Versuchsgelände in Meppen demonstriert hatte.
Die Truppe aber steht dem Leopard 2 vielfach skeptisch gegenüber. Bei den Schießversuchen, so geben Test-Offiziere zu, sind Pannen passiert, die zu umfassenden Mängel-Beanstandungen durch das Heeresamt führten.
Auch bei der Prüfung zur sogenannten "Truppenverwendbarkeit" schnitt der Leopard 2 schlechter als erwartet ab. Zwar demonstrierte er überragende Fahreigenschaften, die Handhabung der Kanone und die Schießleistung entsprachen jedoch nicht ganz den Forderungen der Militärs an einen deutschen Kampfpanzer für die 80er Jahre. Vor allem erfüllte der Leopard-Prototyp nicht die gegenüber dem T-72 geforderten Leistungen.
So blieb die Treffsicherheit der deutschen 120-Millimeter-Kanone bei einem Nato-Vergleichsschießen sogar hinter der Leistung der britischen 110-Millimeter- und der amerikanischen 105-Millimeter-Kanone zurück.
Bundeswehr-Offizieren kommen angesichts der sowjetischen Panzer-Technologie inzwischen Zweifel an der Richtigkeit der offiziellen Rüstungsdoktrin, westliche Qualität schütze vor sowjetischer Quantität. Ein Bundeswehrmajor zum SPIEGEL: "Uns wird alles, was technisch möglich ist, als sinnvoll angeboten und die Wehrpflichtigen kommen dann mit dem komplizierten Gerät nicht klar."
Selbst dem Minister Leber, der sonst stolz darauf ist, in seiner Amtszeit die Bundeswehr zur modernsten Armee in Westeuropa hochgerüstet zu haben, erscheint das Rüstungstempo mitunter zu schnell. "Die Truppe ist kaum in der Lage, alle Waffen und Geräte, die sich im Zulauf befinden, personell zu verkraften", bemerkte der Minister vor dem Verteidigungsausschuß.
Auch in der Bundeswehrführung wird die einseitige Ausrichtung auf hochkompliziertes Gerät inzwischen offen diskutiert. Der General für Heeresrüstung, Brigadegeneral Wolfgang Schöppe: "Was wir in der Rüstung brauchen, ist das Optimum zwischen Quantität und Qualität." Soll wohl heißen: mehr unkomplizierte Quantität an Stelle komplizierter Qualität.
Die Sowjets scheinen derartige Schwierigkeiten bisher noch nicht zu kennen. Ihre Panzer haben einerseits eine "hervorragende Formgebung" (so ein israelischer Panzeroffizier) und inzwischen auch eine fast ebenso hohe Erstschuß-Treffwahrscheinlichkeit wie die komplizierten Westmodelle. Andererseits sind Sowjet-Panzer technisch immer noch einfacher zu beherrschen als die Westmodelle, das heißt Wartung und Instandsetzung sind wesentlich einfacher. CIA-Rüstungsspezialist Stevens lobte vor dem US-Kongreß in einem Hearing zur sowjetischen Bedrohung, daß die Sowjets in der Lage seien, "viele Teile durch relativ unausgebildetes Personal reparieren zu lassen".
Ihre Kampfkraft verstärken die sowjetischen Panzerverbände schließlich noch durch eine besondere Taktik, die westliche Geheimdienste im Ostblock ausgemacht haben wollen: Die Russen üben häufig das Feuergefecht von drei eigenen Panzern gegen jeweils einen Feindpanzer. Das entspricht genau dem zahlenmäßigen Panzer-Verhältnis in Mitteleuropa: 19 000 Panzer des Warschauer Pakts stehen 6400 Panzern der Nato gegenüber.
Was der Bundeswehr angesichts dieser Unterlegenheit bleibt, ist die Hoffnung auf das tiefgestaffelte Panzerabwehrsystem der Nato. Simulierte Computerspiele sollen ergeben haben, daß bis zu 80 Prozent eines sowjetischen Panzerkeils bereits durch Flächenbomben, Panzerminen und Panzerabwehr-Hubschrauber vernichtet werden, ehe der Angriff überhaupt in die Reichweite eigener Panzer gerät. "Dort", so ein Hardthöhen-Optimist, "wird er dann endgültig zerschlagen."
Daran zweifeln aber selbst Bundeswehr-Generale: Sie entschlossen sich, ihre Erkenntnisse über die Panzergefahr aus dem Osten für sich zu behalten." Die Öffentlichkeit und unsere eigenen Soldaten", so ein Insider, "solllen nicht beunruhig werden."

DER SPIEGEL 53/1977
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