28.11.1977

CHILE-REISEArbeiten lernen

In Chile rechtfertigte CSU-Chef Strauß die Pinochet-Junta und desavouierte den Christdemokraten Eduardo Frei.
Am vorletzten Samstag, um 17.10 Uhr Ortszeit, ist der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß auf einem Hügel am Ufer des Llanquihue-Sees in Chile öffentlich für die Herstellung der Demokratie eingetreten. Und keiner, außer der CDU/CSU-Fraktion in Bonn, hat's gemerkt.
Die starren Augen des Junta-Chefs Augusto Pinochet im Rücken und rund 2000 erwartungsvolle Augenpaare von unten auf sich gerichtet, schmetterte Strauß: "Sorgen Sie dafür, daß die Freiheit in ihrem Lande, gleichgültig von woher sie bedroht wird, erhalten bleibt."
Seine Zuhörer: Deutsch-Chilenen und Junta-Freunde, die überaus glücklieb sind mit dem, was sie heute an Freiheit statt Sozialismus haben, jubelten. "Endlich", schrie ein Deutsch-Chilene; "sehr richtig", murmelte ein anderer; "das ging voll gegen den Marxismus", freute sich ein dritter.
Als den Bayern im Sheraton Hotel San Cristóbal in Santiago die ersten Ausläufer eines sich in der Bundesrepublik zusammenbrauenden Proteststurms gegen den "weltweiten Amoklauf des CSU-Vorsitzenden" (SPD-Fraktion) erreichten, reagierte er zunächst gelassen. "Kleinkariert" nannte er die SPD-Haltung. Später dann schimpfte er wütend auf die Heuchelei derer, die "wie Wehner Arm in Arm mit Gierek die Bundesrepublik verteufeln" oder - wie DGB-Chef Vetter - "mit dem Massenmörder Schelepin Bruderküsse tauschen".
Die nur halbherzige Verteidigung seiner Chile-Auftritte durch die Christdemokraten in Bonn und die Kritik der Jungen Union empfand er als Bestätigung, es schon immer besser gewußt zu haben. Da mäkelten einmal wieder jene in der CDU - unausgesprochen war der verantwortliche Buhmann Helmut Kohl -, die stets mit Eduardo Frei, Chiles christdemokratischem "Waschlappen" (Strauß), paktiert hätten, während ihm selbst sein "politisches Fingerspitzengefühl" von vornherein gesagt habe, daß das (Abkommen Frei-Allende) "nicht gutgehen kann".
Unverdrossen setzte er derweil seine Runde durch jene Institutionen fort, deren bloßes Vorhandensein der Pinochet-Junta als Fassade für einen angeblich bereits begonnenen Rückweg zur Demokratie dient: Verfassungskommission, Oberstes Gericht, Gewerkschaften.
"Ich habe nichts zu verbergen", versicherte er Journalisten in Chile. Aber eines hätte er am liebsten ungeschehen gemacht: die Ahnenfeier am See zum Gedenken an die 125. Wiederkehr des Jahres der ersten deutschen Einwanderung.
Nirgends wurden die Zusammenhänge so deutlich wie hier, in Südchile, wo es idyllisch begann. Ein gerührter Strauß - begleitet von Frau Marianne und seinen CSU-Mannen - schritt den Hügel hinan durch ein Spalier von fröhlichen Feuerwehrleuten in bunten Uniformen und silbernen Helmen von Anno dunnemals, ländlichen Reitern, Huasos, in malerischen Ponchos, und "lieben deutschen Landsleuten" (Strauß).
Auf der Plattform vor dem Ahnendenkmal gab es lebhafte Begrüßung: "Ja, wen haben wir denn da alles", staunte der mit einer Delegation des "Deutsch-Chilenischen Freundeskreises e.V." angereiste CDU-Rechte Horst Schröder aus Lüneburg und fiel seinem CSU-Kollegen, dem Strauß-Begleiter Erich Riedl, in die Arme.
Ja, wen hatten wir denn da alles? Die Kommunistenfresser Graf Huyn von der CSU und Wilfried Böhm von der CDU: die Chefs der beiden Unions-Stiftungen, Bayerns Arbeitsminister Fritz Pirkl (CSU) von der Harms-Seidel- und den Ex-Bundesminister Bruno Heck (CDU) von der Konrad-Adenauer-Stiftung; auch die von Ultrarechten durchsetzte Deutschland-Stiftung war vertreten.
Da drängelten ferner der Chef des Deutsch-Chilenischen Freundeskreises, der Wirtschaftsjurist und chilenische Honorar-Konsul Fritz Bohmmüller, der Strauß zu der Veranstaltung gekeilt, und der wieselige Wichtigtuer Max Müller vom "Deutsch-Chilenischen Bund" in Santiago, der Junta-Chef Pinochet dazu geladen hatte. Zwanzig hohe Offiziere umringten ihren hölzernen Boß. Dahinter quirlte noch viel rechtsgewirkte Semiprominenz aus der Bundesrepublik. Soldaten rückten nach, drückten Feuerwehrleute und Huasos in den Hintergrund.
Und Strauß paßte sich der gewandelten Szenerie an. "Freiheit", beschwor er die Versammlung, sei "nur in Ordnung" möglich. "Sehr richtig", tönte es aus der Menge zurück.
Nachträglich will der CSU-Chef nur quasi aus Versehen in diese entlarvende Gesellschaft geraten sein - "eigentlich sollte ich auf einer ganz anderen Veranstaltung auftreten". Und: "Mit der ganzen Bohmmüller-Szenerie habe ich nichts zu tun."
Er mußte freilich auch nicht alles selbst machen. Graf Huyn nämlich, Mitglied der Strauß-Delegation, außenpolitisches und ideologisches Echo seines Chefs, ist dem Ahnenfeier-Veranstalter Bohmmüller "eine große Hilfe gewesen". Er wurde auch in der Teilnehmerliste des Freundeskreises geführt, den die chilenische Junta mit nahezu dem gleichen protokollarischen Aufwand bedachte wie die Strauß-Truppe: Pinochet-Besuch, Ministerbesuch, offizielle Limousinen.
Überhaupt bot die Junta den deutschen Gästen - den Chile-Freunden wie der CSU-Mannschaft - das frohe Bild eines aufwärtsstrebenden Landes mit Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit. Den paar bettelnden Kindern, den wenigen in ihren Gesichtskreis geratenen Armen brauchte nach Auffassung der Deutschen nur eine andere Mentalität beigebracht zu werden: "Die sollen doch arbeiten lernen."
Die Marschroute, sich durch nichts von der vorgefaßten Ansicht (Strauß in Pinochets Sommerresidenz: "Meine Meinung hat sich ja nicht erst gebildet, seit ich hier bin") abbringen zu lassen, hielt auch der CSU-Trupp eisern durch. Da galt als ausgemacht, daß allein von Moskau gesteuerte Links-Intellektuelle und "Berufschilenen" (Strauß) im Exil über Land und Regime schlimmste Lügen verbreiten.
Dabei hätten die Besucher sehr wohl an Ort und Stelle erfahren können, daß die Junta weiter entführt und foltert, daß die relative optische Unaufdringlichkeit von Polizei und Militär Zeichen der Konsolidierung des Terrors und nicht der Ausdruck neuer Liberalität ist. Doch von Junta-kritischen Anwälten wollen die Unionschristen darüber nichts hören. "Die reden doch über ihr Land wie Croissant über die Bundesrepublik", glaubt Erich Riedl.
Aber auch der offizielle Pinochet-Sprecher, Max Reindl Hauser, der eine Einladung der Seidl-Stiftung nach Kreuth in der Tasche trägt, hätte ihnen sicher gesagt, was er dem SPIEGEL offenbarte: "Natürlich geht der Bürgerkrieg weiter, deshalb bleiben ja die Parteien verboten." Und ebenso natürlich: "Ein Krieg ohne Tote ist kein Krieg."
Auch über die Zahl der Opfer hätte Reindl die Christsozialen aus der Ungewißheit reißen können, zumindest was die Größenordnung angeht: "Sagen wir mal 2000? 3000, so genau kann man das nicht wissen."
Franz Josef Strauß belästigte seinen Gesprächspartner Pinochet nicht mit Fragen nach der Verletzung von Menschenrechten. Ob er denn den Auftrag der christdemokratischen Weltunion ausgeführt habe, der auch die CSU angehört, und bei dem Junta-Chef die Wiederherstellung der Grundfreiheiten verlangt habe? Strauß wischte die Frage ungeduldig beiseite: "Sollten wir nicht über Seriöseres reden?"
Willig ließ sich der Bayer dafür in Chile in die Rehabilitierungs-Propaganda der Generale einspannen. Geschmeichelt empfing er eine eigens für ihn erfundene Ehrenprofessorwürde der Universität in Chile, deren "Patron" Pinochet ist.
Den erzkonservativen Mitgliedern der Verfassungskommission diente Strauß seinen Rat an, für die "individualistischen Chilenen" ein strenges Wahlrecht zu schaffen. Und - im schnellen Rollenwechsel vom Alpen-Churchill zum Anden-de Gaulle - empfahl er der Kommission ein "den Umständen des Landes angepaßtes" Präsidialsystem nach französischem Muster.
Nur wer sich als Opponent der Junta vom Besuch aus der demokratischen Bundesrepublik Schützenhilfe erhofft hatte, sah sich bitter getäuscht. Am schlimmsten erging es dem Christdemokraten und früheren Staatspräsidenten Eduardo Frei.
Schon die Unions-Abgeordneten Böhm, Schröder und Graf Huyn mochten Frei nicht recht glauben, als er schlichtweg bestritt, daß es im heutigen Chile irgendwelche politischen Freiheiten gebe. Auch Freis Hinweis, ihr Gespräch in seiner Privatwohnung werde von der Junta mit Richtmikrophonen abgehört, nahmen sie mit Skepsis auf. Schröder: "Der ist verbittert. Auf den setzen nicht mehr viele."
Davon ging Franz Josef Strauß aus. Zum Besuch im Hause des "Emigranten im eigenen Lande" (Frei) machte sich der CSU-Chef bereits mit der Überzeugung auf, den im Grunde Hauptverantwortlichen für die Allende-Regierung zu treffen, der nun sauer sei, daß die Militärs ihn nach dem Sturz des Sozialisten nicht zum Präsidenten gemacht hätten. Nach der Unterredung polterte Strauß: "Das könnte dem so passen, erst Schiffbruch erleiden und jetzt einfach sein Spielzeug wiederhaben wollen."
Bitter beklagte sich Frei, der seine Version des Gesprächs in der Bundesrepublik über den Ring Christlich-Demokratischer Studenten verbreiten mußte, gegenüber dem SPIEGEL: "Herr Strauß hat in fünf Tagen alles zusammengetragen, was meine Feinde über mich verbreiten."
Eduardo Frei mag sich trösten. Als der Bayer ihn prügelte, meinte er vor allem Helmut Kohl, seinen Chef-Kollegen in der Bonner "Gemeinschaft von Unionsparteien" (Strauß). Zu Frei nämlich hielten Bonns Christdemokraten über die Adenauer-Stiftung in Santiago bisher Kontakt.
Jetzt wird das anders in Santiago. Die Seidel-Stiftung wird dort mit "Erwachsenenbildung" beginnen und geeignete Leute für eine Strauß-genehme Partei unterstützen, der Volksfront-Gedanken fremd sind. Strauß: "Wir sind gern bereit, beim Wiederaufbau der Parteien zu helfen." Kreuth kommt nach Chile.

DER SPIEGEL 49/1977
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