28.11.1977

„Aha! Dies ist die Hauptstadt“

Siebenundzwanzigmal hatte die Essener Graphikerin Doris Schlüter ihre Lippen auf Zeichenpapier der Sorte "Bristol Karton" gedrückt. Dann hatte ihr Lipstick "Yardley" den zarten, zyklamenfarbenen Abdruck hinterlassen, der seit fünf Jahren im Namen Bonn das O ersetzt und auf Plakaten und Autoklebern, Kopftüchern und Karnevalsorden, T-Shirts und Tragetüten durch die Republik die Runde macht.
Spielerisch leicht entstand das Signet, das der Residenz am Rhein im Urteil des Alt-Kolumnisten Walter Henkels "erstes erotisches Flair" und "ein unsagbares Etwas von Poesie" verleiht: Die Bürgerstadt Bonn gibt Küßchen.
Wie schwer bis unmöglich es hingegen für die Bundesstadt Bonn ist, Wahrzeichen der Bundesrepublik Deutschland zu werden, unverwechselbar Gesicht und Gestalt zu gewinnen als Kapitale einer 60-Millionen-Industrienation, wurde während der letzten Wochen wieder deutlich.
Nach jahrzehntelangem Gewurstel -- für die Bauten des Bundes gleichermaßen verhängnisvoll wie für die Gemeinde Bonn -- verpflichtete die Regierung endlich ein Planerteam, das den Ausbau der Hauptstadt "begutachtend und beratend" überwachen soll:
* Professor Rudolf Hillebrecht, 67, Planer von Wiederaufbau und Verkehrsneuordnung in Hannover, > Professor Gerhart Laage, 52, Hamburger Stadtforscher und Architekturplaner an der Technischen Universität Hannover,
* Professor Walter Rossow, 67, vielfach preisgekrönter Gartenarchitekt und Landschaftsplaner aus Berlin. Bundeskanzler Helmut Schmidt konferierte mit den Sachverständigen über die Gestaltung des Parlaments- und Regierungsdistrikts zwischen Kanzleramt und Rheinaue, Bundesstraße 9 und Rhein (Graphik Seite 95). Dann präsentierte Bundesbauminister Karl Ravens die Experten als die "drei Hauptstadt-Weisen" und nannte den Ausbau Bonns bei der Gelegenheit eine "einmalige, wenn nicht geschichtliche Aufgabe".
Die "Bonner Rundschau" verdeutlichte ihren Lesern das Gewicht dieser Aufgabe mit der Zeile "Jeder soll sehen: Aha! Dies ist die Hauptstadt".
Ein "Aha!"-Erlebnis wollen die "drei Weisen" mit ihrem ersten Gutachten -- Honorar: je 25 000 Mark -- auch dem "Hauptstadtausschuß" bereiten, der nächsten Monat über das endgültige Konzept für das Regierungsviertel befinden soll.
In diesem Gremium rangeln je fünf Vertreter von Bund, Land und Kommune seit Jahren um die "Gestaltung eines repräsentativen Stadtbildes" sprich: um Standorte von Einzelgebäuden oder Ausgestaltung von Straßenabschnitten -- für Bundeskanzler Helmut Schmidt "eine Personenmehrzahl"" von der "große geistige oder künstlerische Konzepte" nicht zu erwarten sind.
Auch Bundespräsident Walter Scheel hat das "ständige Hineingerede von Beamten" satt und plädiert neuerdings für "besseren Gebrauch von Hirnsubstanz" durch Männer vom Fach.
Die Staatsoberen sind spät zur Einsicht gekommen -- zu spät. "Wer immer nur ein Notwendiges plante, hat auch das Notwendige nicht erreicht"
so vermittelt der Münchner Kunsthistoriker Wolfgang Braunfels historische Erkenntnisse über "Herrschaftsform und Baugestalt" aus der abendländischen Stadtbaukunst. Die Bonner haben bislang nicht einmal das Notwendige geplant.
Bauen sei "verkörperte Geschichte", mahnte der Jurist und Parlamentarier Adolf Arndt 1960 in seinem berühmt gewordenen Vortrag über "Demokratie als Bauherr". Seitdem verstummen nicht die Fragen nach einer architektonischen Äquivalenz unserer Gesellschaftsform, die "Gleichheit, aber auch Individualität" verlangt, "repräsentativ, doch nicht monumental" sein soll (so der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens).
Die Bonner haben es überhört. Wieder und wieder herrschte zwischen Venusberg und Drachenfels die Bürokratie als Bauherr, wurden politische Entscheidungen zur Aufgabenerledigung für den Behördenapparat.
28 Jahre nach Gründung dieser Republik zeigt ihre Kapitale mehr Fratze als Gesicht. Das alte Bonn ist schwer beschädigt -- das neue Bonn eine Addition von Kubikmetern, von Bürokraten für Bürokraten Gebautes, Stauraum für Akten und Beamte, errichtet nach dem Behördenschlüssel "Klosetts und Kantinen" (Stadtentwicklungsforum).
Die bebaute Fläche Bonns hat sich in 25 Jahren mehr als verdoppelt. Doch "wohl keine Regierung in der ganzen Welt" hat im Urteil des Monatshefts "Merian" soviel "architektonisches Chaos produziert wie der Bund in Bonn".
Wie eine Garrotte schließt sich der Ring der Betonbauten um die Residenz an der Rheinschleife. Schon lange nicht mehr ist das 900 Jahre alte Münster mit seinem 81 Meter aufragenden Turm höchster oder auch nur beherrschender Bau: 112 Meter macht das Abgeordnetenhaus "Langer Eugen" (das selbst sein Erbauer Egon Eiermann einen "peinlichen Finger" nannte), 72 Meter mißt der kommunale Behördenbunker, 69 Meter bringt das Betonkreuz des Justizministers. Im Tulpenfeld klotzt das Allianzhochhaus des HJ-Architekten Hanns Dustmann. Auf dem Bonn-Center -- 50 Meter höher als das Arbeits-Zimmer des Kanzlers vis-~-vis -- dreht sich unablässig der blauweiße Mercedes-Stern.
In der Enge zwischen Rhein und Schiefergebirge -- an der schmalsten Stelle knapp anderthalb Kilometer breit -- schneiden Rhein und Bundesstraße und Bundesbahn das Städtchen in Streifen, und über die Diplomaten-Schleichstrecke von Bonn nach Bad Godesberg wühlen sich in den Spitzenzeiten mehr als 40 000 Automobile; längst ist die B 9 zur "tristen Abgasschleuse" ("FAZ") geworden. Wie Saloons
einer Goldgräberstadt.
Die Bebauung an diesem annähernd vier Kilometer langen Strip zwischen Bundeskanzlerplatz und Godesberger Bahnunterführung erinnert Gerhart Laage an "aneinandergereihte Saloons einer Goldgräberstadt": Spekulationsbauten für Lobbys und Verbände, Parteizentralen und Botschaften neben Autohändlern, Tankstellen und Imbißbuden.
Dazwischen Rechnungshofarchitektur: Dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde vom Baukonfektionär Heinz Mosch eine Fertigteilkiste wie für eine Margarinefabrik hingestellt (Monatsmiete: 180 000 Mark); dem Polizeipräsidenten wurde eine schmuddelig-olivgraue Bereitschaftskaserne zugewiesen.
Die CDU baute sich ein Renditeobjekt, das Ortsunkundige für die Verwaltung der Union-Brauerei halten könnten: "Union-Säle" und "Union-Schenke" hinter einer Fassade, "die kleinbürgerliche Kunst- und autoritäre Staatsvorstellungen bestimmen" (so der Architekturhistoriker Joachim Petsch).
Als Entschuldigung für all die städtebaulichen und architektonischen Missetaten diente ein Vierteljahrhundert lang immer das sogenannte Provisorium -- in Erwartung der Chimäre Wiedervereinigung mit einer Hauptstadt Berlin. Doch dieses Alibi wurde nicht erst durch Mauerbau und Grundvertrag faul. Das "Tabu", das sich "auf jeden Ziegelstein senkt, der in Bonn gesetzt wird" (die "FAZ" noch Ende 1969), war seit Gründung der beiden deutschen Staaten im Herbst 1949 brüchig.
Denn gebaut wurde die ganze Zeit -- nur ohne Konzept und meist in aller Heimlichkeit. Eine zementmixende Ministerialbürokratie richtete während der fünfziger und sechziger Jahre bleibendes Unheil an.
Als Bauherr und eigener Architekt für die Ministerien für Finanzen, Post, Verteidigung und Wirtschaft, für das Auswärtige und das Presseamt fungierte durchweg die Bundesbaudirektion.
Zudem machte der Bund sich bis zur Arrondierung von Groß-Bonn das Gezänk zwischen den Nachbargemeinden zunutze und spielte Bonn gegen Duisdorf und Bad Godesberg gegen Bonn aus. So wurden ohne Wissen der Stadt Bonn auf der Wiese in Godesberg Nord sieben riesige Kreuzbauten geplant und -- bis auf zwei -- erst in buchstäblich letzter Stunde durch die kommunale Neuordnung verhindert.
Der Bund poussierte die rivalisierenden Gemeinden so schamlos, daß beispielsweise Staatsbesucher gehalten waren, sich gleich in zwei Goldene Bücher einzutragen -- in Bonn und in Bad Godesberg.
Mangelnde Courage und Gleichgültigkeit, Kompetenzschwierigkeiten und Parteienhader, Denken und Planen in Legislaturperioden, konjunkturelle Schwankungen und tagespolitische Erwägungen führten zu einem Tohuwabohu, das sich im Bonner "General-Anzeiger" in nur fünf Jahrgängen so liest:
* "Einigkeit über geplanten Hauptstadtausbau" (12. Oktober 1973); > "Hauptstadtplanung ins Stocken geraten" (4. Dezember 1973); > "Grünes Licht für Hauptstadtausbau" (7. März 1974);
* "Kein Geld für den Hauptstadtausbau" (9. August 1974);
* "Weichen für den Hauptstadtausbau sollen endgültig gestellt werden" (16. Dezember 1975); > "Parlamentsneubau auf Eis gelegt"
(11. Februar 1976);
* "Die letzte Chance nutzen" (13. Januar 1977).
Daß die letzte Chance wohl längst vertan ist, befürchtete der Politologe Eugen Kogon schon vor diesem Hickhack, Anfang 1972: "Gibt es jemanden, der glaubt, es könne noch gelingen, Bonn zur repräsentativen Hauptstadt der Bundesrepublik auszugestalten?"
Ernste Zweifel sind wohl inzwischen auch den meisten Politikern gekommen, denn all ihre Äußerungen offenbaren totale Hilflosigkeit: Niemand weiß, was er will; alle wissen nur, was sie nicht wollen.
"Weg von den Betonklötzen", fordert der Kanzler. Zudem dürfe die Stadt "nicht nur Dienstmagd für die Bedürfnisse des Bundes" sein.
Dem Bundespräsidenten mißfällt es, wenn immer nur "das Ministerium X an der zufällig bebaubaren Stelle Y irgendein Haus" bekommt.
Carlo Schmid will nicht, "daß die Abgeordneten anfangen (könnten), die Schiffchen auf dem Rhein zu zählen". Dem schließt sich Herbert Wehner an: "Die sollen arbeiten und nicht aus dem Fenster gucken."
Die Christen-Union weiß offenbar gar nichts: In Hauptstadtfragen sind ihre Häuptlinge sogar auf Anfrage sprachlos.
Und Bauminister Karl Ravens erklärt sich für den Hauptstadtausbau erst gar nicht für zuständig: "Bundeshauptstadt wird man nicht dadurch, daß man Gebäude baut", sondern "durch den Geist, der in einer solchen Stadt herrscht".
Bislang herrschte der Geist der Mandarine, die das Regierungsgetto von der Außenwelt abzuschirmen trachteten -- schon vor der Terrorwelle 1977.
Jahrelang war im Zusammenhang mit dem Jahrhundertbau dieser Republik, dem geplanten Neubau für das Parlament, von "Transparenz" und "Bürgernähe" die Rede, von "Offenheit", "Öffentlichkeit", "Durchlässigkeit". Parlamentsvizepräsidentin Annemarie Renger wünschte sich "Durchsichtigkeit" (was immer sie darunter verstehen mochte). Und der Abgeordneten Katharina Focke schwebte "eine Art Park" vor, "in der sich auch die Bürger frei bewegen können
Die Reize
einer schläfrigen Frau.
Daß sich derzeit vorrangig Panzerfahrzeuge und Hundeführer im Regierungsdistrikt bewegen und Scharfschützen und Scheinwerfer hinter Stahl und Stacheldraht postiert sind, resultiert aus akutem Notstand.
Doch bereits im Mai 1976 forderte der Bund für seine neuen Ministerien einen 2,50 Meter hohen Maschendrahtzaun, und als er ihn von den Stadtplanern nicht zugebilligt bekam, wurde George Orwells Vision "1984" schon damals rund um die Kreuzbauten an der Rheinaue Wirklichkeit: Der Bund verschanzte sich hinter Stacheldraht.
Und gewiß wird sich auch in anderthalb Jahren an diesem Bild nichts geändert haben, wenn sieben Millionen Besucher direkt an diesen Bauten vorbei zur Rheinaue pilgern -- zur Bundesgartenschau 1979.
Der Bund, "dieser sadistische Untermieter" ("Deutsche Zeitung"), schlug der Stadt die bösesten Wunden. Doch auch Kommune und Kapital haben verheerende Spuren hinterlassen. Bonn, zürnt der Kunsthistoriker Heinrich Lützeler, sei von "Architektur-Knallen" erfüllt.
Der Bahnhofsvorplatz wurde in Beton gegossen. Gleich dahinter frißt sich der Mehrzweckbau "Cassius-Bastei" nun wirklich wie eine Krebsgeschwulst ins alte Stadtgewebe. Am Münsterplatz nimmt ein öder "Kaufhof"-Karton eine ganze Flanke ein, und zwischen den Gründerbauten der Südstadt wuchert der Versicherungskonzern "Deutscher Herold".
Bürgerfeindlich und machtarrogant erhebt sich die neue Stadthaus-Burg über den Wohnquartieren. Von diesem bedrückenden Verwaltungskloß -- an dem Baubeamte "federhafte Leichtigkeit" rühmen, "die das Gebäude fast schweben läßt" -- erhoffen sich nicht nur Bonner Bürger ein neues "Wunder des Malachias": daß der Bau abheben und davonfliegen möge wie der sündhafte Tanzpalast in Bruce Marshalls verfilmtem Roman.
Denn Einheimischen und Besuchern ist Bonn zu allererst nestwarme Innenstadt mit buntbemalten Häusern, autofreies Areal ohne Nepp und Nuditäten, mit Buchhandlungen und Boutiquen, Cafés und Crêperien, mit Floh- und Gemüse- und Blumenmarkt: Kleinstadtidylle mit sommerlicher Folklore.
Zwischen Venusberg und Drachenfels, in einem Kranz von Burgen, bauten kunstsinnige Kurfürsten Residenz- und Wasserschlösser. Aus den Gründerjahren stammen die stuckreichen, vielfarbigen Halbvillen, deren Formenreichtum der Südstadt ein unverwechselbares Bild verleiht. Rund um den dreieckigen Marktplatz mit dem alten Rathaus wirkt die Altstadt gemütlich wie eine Wohnstube.
"In der Mitte zwischen Enge und Weite, Schönheit und Häßlichkeit" fand der Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt vor 150 Jahren eine "freundliche, wohnliche Stadt". Einen "besonderen provinziellen Reiz", "Zurückgezogenheit" und "Bescheidenheit" entdeckte nach dem Zweiten Weltkrieg auch der französische Diplomat Andre Francois-Poncet.
Heinrich Böll schrieb in den "Ansichten eines Clowns" ein Plädoyer gegen den ihm unverständlichen "Pflichthaß" auf eine Stadt, deren "schläfrige Reize" ihn an eine Frau erinnerten, deren Reiz gerade "eine gewisse Schläfrigkeit" sei.
"Eine gute alte Tante kann einem beibringen, wie man Deckchen häkelt und Sherry serviert", so Böll, "ich würde doch nicht von ihr erwarten, daß sie plötzlich in den Nutten-Jargon verfällt, den alle in Bonn so schmerzlich vermissen."
Klima und Verkehrsanlagen bestimmen den Bonner Alltag. Volksweisheit: "Entweder et rähnt, oder die Schranke ess eronde, oder me sinn möht."*
* "Entweder es regnet, oder die Schranke ist runter, oder wir sind müde.
Denn Bonn liegt mehr noch als am Rhein an der Schranke, an jener Schnittwunde einer Eisenbahnlinie, auf der im Sommerfahrplan dieses Jahres täglich 196 Züge durch das Innere der Stadt zischten, vorbei an den Schranken von sieben Bahnübergängen, die Tag für Tag insgesamt zehn Stunden geschlossen waren.
Der ebenerdige Schienenstrang machte Bonn zu einer geteilten Stadt schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten, und seitdem warten die Bonner auf die Wiedervereinigung.
Altkanzler Konrad Adenauer dachte an Umleitung und wollte den Venusberg tunneln lassen. Während der sechziger Jahre keimte die Wahnsinnsidee, neben den Gleisen auch noch eine Autopiste zu betonieren -- das Projekt hieß "Gleichlage" und löste sogleich die "Aktion Tieflage" aus, die den Schienenstrang in eine Rinne abzusenken vorschlug.
Seitdem ist alles unentschieden, und nicht nur Bonner fragen sich, wie eine Stadt eine Mitte gewinnen soll, deren Mitte immer nur die Eisenbahn sein wird.
In dieser Stadt muß nun ein Gebilde wachsen, das die Bundesrepublik weltweit ebenso repräsentieren soll wie der Kreml Rußland, das Kapitol Amerika, der Petersplatz die katholische Welt.
Zwar umfaßt die Geschichte hier nahezu zwei Jahrtausende -- vom römischen Feldherrn Drusus Germanicus bis zum westdeutschen Kanzler Helmut Schmidt -, und 1900 Jahre vor dem Bundeskanzleramt entstand auf Bonner Boden ein Römerkastell.
Doch ein Pragmatiker wie der gegenwärtige Regierungschef sieht in der Siedlung eher eine "verkrüppelte Ansammlung von Dörfern", in der "die Karos zuweilen etwas zu klein" sind. Sein Bekenntnis zu Bonn kleidete er lange in nüchterne Feststellungen wie "Die politische Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß Bonn Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland geworden ist" oder "Die Parteien haben zu erkennen gegeben, daß sie sich hier auf Dauer einrichten".
Nach 28 Hauptstadtjahren ist dieses Bonn nicht mehr, was es mal war, und schon gar nicht, was es sein soll. Es hält nicht Vergleichen mit geistigen Metropolen wie Prag oder Wien, Paris und London stand, aber auch nicht mit einer planmäßig angelegten Stadt wie Washington, deren Gebäude in ihrer Gesamtheit die amerikanische Verfassung veranschaulichen.
Künstlich angelegte Regierungssitze wie Oscar Niemeyers Brasilia oder Dakka von Louis Kahn sind kein Vorbild; sie zeigen keinerlei politisches Programm, sie sind, so Braunfels, lediglich "Zeugen des Zeitalters der abstrakten Malerei".
Die "Zeit des Übergangs" währte ein Vierteljahrhundert.
Bonn als Hauptstadt ist eine Aufgabe ohne Beispiel: ein riesiger Apparat in einer alten, kleinen, gewachsenen Stadt; erst Notbehelf -- nun Symbol einer Halbnation. Woran sollen die Baumeister sich orientieren? An der ehemaligen Reichshauptstadt, die der exilpolnische Schriftsteller Witold Gombrowicz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Ort von "Zerfall, Verzerrung der Wirklichkeit" nannte -- an Berlin?
In Berlin wurde das erste deutsche Parlamentsgebäude errichtet -- unter Bismarck. In Berlin planten und bauten die Nazis. In Berlin stehen die neuen Staatsimmobilien der DDR (siehe Kasten).
Die westdeutschen Parlamentarier aber streiten sich -- 28 Jahre nach Gründung beider deutscher Staaten -- weiterhin in der ehemaligen Pädagogischen Akademie, jenem "wirr und billig aneinandergestückten Gehäuse" dessen Aus- und Umbauten Adolf Arndt schon 1960 als "das Elendste" bezeichnet hatte.
Arndts fordernde Frage, "ob ein Mißgebilde, solch ein Mißgebilde überhaupt die eigenste Stätte des Volkes, wenn auch nur für eine Zeit des Übergangs, sein könne", blieb ungehört.
Die "Zeit des Übergangs" dauerte ein Vierteljahrhundert: Erst nach Unterzeichnung des Grundvertrags mit der DDR, in der Regierungserklärung vom 18. Januar 1973, bekannte Willy Brandt sich als erster Bundeskanzler uneingeschränkt zu "Bonn als Bundeshauptstadt".
Bis dahin, vor allem in der zwanzigjährigen Regentschaft der CDU-Kanzler Adenauer, Erhard, Kiesinger, fehlte es zwar keineswegs an Grundsteinlegungen, doch um so mehr an Grundsatzplanung. In aller Heimlichkeit schusterten die Behörden einen "Zellenstaat der Bürokratie" (Kritiker Eberhard Schulz) zusammen. Und als Alibi diente stets das Tabu Berlin.
20 Jahre lang, so beteuert der CDU-OB Hans Daniels, war es "sozusagen eine vaterländische Pflicht, damit zu rechnen, daß die Bundeshauptstadt täglich nach Berlin verlegt würde".
Das 481 Quadratkilometer große West-Berlin war von den Sowjets blockiert, als die linksrheinische Rentnerstadt (31 Quadratkilometer) im Frühjahr 1949 Berlins Rolle "auf Zeit" übernahm. Schon im Sommer 1948, nach der Währungsreform, war auf Geheiß der Militärgouverneure der Parlamentarische Rat der Bizone als verfassungsgebender Konvent zusammengetreten.
Der einzige Gepäckträger hatte nur einen Arm.
Im Verein mit dem nordrhein-westfälischen Kanzleichef Hermann Wandersieb und dem Bonner Oberstadtdirektor Johannes Langendörfer hatte Konventspräsident Konrad Adenauer zunächst Karlsruhe und dann Frankfurt als Konkurrenzort für die Sitzungen des Rats ausgetrickst.
Hauptargument: Bonn sei "so offensichtlich" ungeeignet als Hauptstadt, daß die Gefahr, sie auf Dauer herzurichten, nicht zu befürchten sei. So kamen die meisten Parlamentarier denn auch in Privatquartieren und das Personal in einem Bunker unter. Der Konvent tagte im Beisein ausgestopfter Säugetiere im Museum Koenig. Am Hauptbahnhof tat ein einzelner Gepäckträger Dienst, und der hatte nur einen Arm: glaubhaftes Provisorium!
Und permanentes Provisorium: Auch nach dem Mauerbau wirkte die Politik der Heuchelei und Illusionen fort. Ein Gutachtergremium mußte sich verpflichten, eine Gesamtkonzeption für die Bonner Zukunft "unter absolutem Ausschluß der Öffentlichkeit" zu entwickeln. Noch nachdem der Bundestag seine Plenarsitzungen in West-Berlin eingestellt hatte, 1966, als Egon Eiermann den "Langen Eugen" hochzog, rügte das "Sonntagsblatt": Der Bau eines dreißiggeschossigen Abgeordnetenhauses lasse "Zweifel an der Aufrichtigkeit und Zielstrebigkeit der deutschen Wiedervereinigungspolitik" aufkommen.
Das Provisorium in Permanenz gestattete den Bundesbaubehörden, in ihrem Baupfusch nicht nachzulassen.
Während seiner gesamten Amtszeit von 1964 bis 1975 hat Oberstadtdirektor Dr. Wolfgang Hesse "eigentlich nichts anders gemacht, als wöchentlich an die Tore des Bundes gepocht, um sein Interesse an seiner Hauptstadt zu wecken". Ihm sah es ganz so aus, "als wolle unser Staat nicht Bauherr seiner eigenen Hauptstadt sein".
Über die rücksichtslose Bauerei, die währenddessen die Stadt fortschreitend verwüstete, klagte der Asta der Bonner Universität: "Alle sind betroffen, aber nur wenige profitieren." Mit "erschreckender Ausschließlichkeit" würden die "kommerziellen Interessen einiger" befriedigt.
Cleveren Grundbesitzern, Immobilienhändlern und Bauunternehmern wurden gerade die Planlosigkeit und die Rangelei um Raum in diesen zweiten Bonner Gründerjahren zu festen und fetten Posten im Kalkül.
Der Bodenhandel begann mit Preisschüben von 70 Pfennig auf zehn Mark, von vier auf 100 und von 120 auf 195 Mark buchstäblich über Nacht. Von 1963 bis 1971 erfuhren Bonner Bodenpreise eine Steigerung von 298 Prozent: deutsche Spitze. Zu Beginn der siebziger Jahre lagen die Richtwerte für den Quadratmeterpreis bei 700 Mark. Bei einem Gebäudekomplex in der Südstadt betrug der Spekulationsgewinn in zwei Jahren nahezu 100 Prozent: eine Million Mark.
Die Bonner Baulöwen Dirk Denninger und Ernst August Jann mörtelten an so vielen Bürohäusern für Lobbys und Verbände längs der "Diplomatenrennbahn", daß der exilbulgarische Stadtplaner Nikola Dischkoff in einer Studie anmerken konnte: "Denninger- und-Jann-Allee, im Volksmund auch B 9 genannt."
Im Herbst 1969 verfügte die neue Brandt-Regierung einen Planungsstopp, um das Hauptstadtprogramm überdenken zu lassen. Bonn war durch Eingemeindungen zum Großraum geworden (und mit 141 Quadratkilometer Gesamtfläche sogar etwas größer als der Berliner Bezirk Köpenick). Bund. Land und Stadt bildeten den Arbeitskreis zum "Ausbau der Stadt als Sitz der Bundesregierung".
Die Turmbauten der Ministerien. "die jetzt als vielstöckige erratische Betonbarrieren in der Rheintalidylle stehen" (Kogon), konnte der Ausschuß ebensowenig verhindern wie das neue Bundeskanzleramt in dieser Form und an dieser Stelle.
Der "stählerne Raumkäfig in schwärzester Seriosität" (Architekturhistoriker Heinrich Klotz) -- den Horst Ehmke, des Kanzlers schneller Brüter, mit Energie und Ungeduld aus dem Hauptstadtprogramm ausgliederte -- steht nun, beziehungslos, am meistbelasteten Verkehrsknoten der Region. Sekretärin Ilse Fiedler: "Als sei es für den Kriegsfall geplant."
Die städtebaulichen Grundlagen für das neue Hauptstadtprogramm wurden 1972 in einem Ideenwettbewerb ermittelt. Den Grand Prix gewannen die Diplomingenieure Stephan und Ursula Legge mit einer "deutschen Pforte am Rhein" (Klotz) die in Form einer gläsernen Fußgängerbrücke über den Strom gewaltige Baumassen in Bonn und Beuel miteinander verband.
Davon blieb im folgenden Bauwettbewerb für Bundestag und Bundesrat glücklicherweise nichts übrig. Doch auch dieser bislang spektakulärste Akt in der Bonner Ausstattungsrevue zeigte den Bund weiterhin in der Rolle des erbärmlichen Bauherrn.
Ist die Hauptstadt soviel wert wie eine Olympiade?
200 Architekten hatten Unterlagen angefordert, nur 36 gaben Entwürfe und Modelle ab. Das erste Preisgericht im November 1973 ließ vier Entwürfe übrig.
Diese Vorschläge zur Gestaltung des Parlaments -- das laut Bundestagspräsident Karl Carstens doch "der sichtbare Ausdruck des Freiheitswillens des deutschen Volkes" ist -- wurden Anfang 1974 in der Abgeordneten-Lobby ausgestellt. Die späteren Nutzer waren um ihre Meinung gebeten.
Indes, die Abgeordneten, die noch bei jeder Gelegenheit Appelle um rege Beteiligung ans Wahlvolk richten, hatten kaum Meinung.
Von 518 Abgeordneten gaben 30 auf 73 Zetteln Anmerkungen ab. Einer erinnerte daran, daß es in Bonn häufiger regnet als anderswo -- andere wünschten sich ein Fußgängerförderband oder eine Kabinenbahn.
Die Antworten auf die Frage nach möglicher Kommunikation der Volksvertreter mit den Vertretenen in Restaurant und Schwimmbad reichten von "Vermischung: Nein!" über "Sichtbeziehung" bis zu "Gleichgeschlechtlich erwünscht".
Der SPD-Abgeordnete Wilderich Freiherr Ostman von der Leye heftete als Resümee an die Zettelwand: "Die Beteiligung der Kollegen ist leider beschissen."
Parlamentsvizepräsident Hermann Schmitt-Vockenhausen kehrte von einem Sightseeing-Trip aus Brasilia zurück und schwärmte: "Niemeyer -- ein toller Mann!" Über den Bundeswettbewerb urteilte er: "So was hätte man international ausschreiben müssen!" Kommentar eines Bonner Stadtplaners: "Der hätte aber gestaunt, wenn ein Kollektiv aus der DDR gewonnen hätte."
Bei der Endausscheidung im Sommer 1974 -- nach einer Überarbeitung der Entwürfe durch die Architekten -- blieben zwei im Rennen:
* das Stuttgarter Team des Architekten Günter Behnisch, Erbauer des Münchner Olympiaparks, und > die Konstanzer Baubeamten Wilhelm und Friederike von Wolff mit Eugen Schneble, Erbauer der Universität in Konstanz.
Die Kluft ging tief durchs Preisgericht: Die Architekten stimmten für Behnisch, Politiker und Beamte waren für von Wolff. Nach einer weiteren Überarbeitung im Mai 1975 war "aus einer Qualitätsfrage" unversehens "fast so etwas wie eine Charakterfrage" ("Die Zeit") geworden: Wolff hatte seinen Entwurf dem Behnisch-Modell weitgehend angeglichen.
Das Preisgericht mochte nicht entscheiden und forderte beide Teams zur Zusammenarbeit auf. Behnisch lehnte ab. So wurde der Auftrag im Dezember vergangenen Jahres aufgeteilt: Wolff soll nun den Fraktionsbereich, Behnisch nur die Plenarbauten errichten.
Und wieder ergingen Sparauflagen: Die veranschlagte Bausumme -- zur Zeit irgendwo bei 600 Millionen Mark -- muß durch Reduzierung im Raumprogramm um rund 50 Millionen gesenkt werden.
Dazu der FDP-Stadtverordnete Eberhard Hönig: "Dem Bund muß die Hauptstadt mindestens soviel wert sein wie die Olympiade." (Alle Münchner Olympiabauten kosteten 1,35 Milliarden Mark.)
Dazu der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi: "Ein Neubau kostet den Bruchteil dessen" was ein neues Waffensystem für die Bundeswehr erfordert." (Allein die 192 bislang abgestürzten Starfighter kosteten mehr als 1,7 Milliarden Mark.)
Und dazu, vor 17 Jahren schon, Adolf Arndt: "Wir sind nicht den einen Kaiser Wilhelm losgeworden, damit der Finanzminister bestimmen kann, ob ihm die ganze Richtung nicht paßt." Noch weniger komme Rechnungshöfen zu, "unter dem Blickwinkel der Sparsamkeit kulturelle und politische Entscheidungen zu treffen".
Es sei stets ein "Alarmzeichen für die Demokratie", wenn "aus einer Gesellschaft, die Vergeudung keineswegs scheut, der Fanatismus einer angeblichen Sparsamkeit laut wird", sobald es um das "bauliche Herz" der Demokratie gehe.
Auch Behnisch hat sich darüber Gedanken gemacht -- freilich anderer Art. Er hat beobachtet, "wie unsere Höheren mit Chauffeuren, Wachpersonal und Sekretärinnen, mit Autos, Flugzeugen und Hubschraubern umgeben sind". Er fand das "natürlich etwas lächerlich" (denn "wir kleben unsere Briefmarken ja selbst auf den Umschlag").
Er kann sich kaum vorstellen, daß diese Bonner Majestäten nach den rationellen Prinzipien der Verpackungsindustrie unterzubringen sind -- unter dem Gesichtspunkt etwa: der Abgeordnete als Ei.
Doch die Unterbringung der Abgeordneten mit Hilfskraft und Sekretärin auf je 54 Quadratmeter ("unterteilbar in drei Räume") obliegt nun dem Behnisch-Konkurrenten, und Wolffs "Verwaltungszwingburg" (Bayerischer Rundfunk) hat inzwischen auch in der Öffentlichkeit Proteste provoziert.
Der hufeisenförmige Fraktionsbau -- 200 Meter lang und 33 Meter hoch -- würde nicht nur den Blick auf das Siebengebirge versperren (Lord Byron einst: "Ein herrlich' Bild!"), die gewaltige Baumasse ist auch klimatisch bedenklich für den nur mangelhaft durchlüfteten Raum zwischen Bonn und Bad Godesberg.
In einem Gutachten über Bonner Mief und Bonner Schwüle warnte das Wetteramt Essen 1972 vor "dichter Bebauung" und "ungünstiger Baukörperverteilung". Nun prophezeit der Bonner Landschaftsbeirat, daß es nach Realisierung des Fraktionsgebirges "vielleicht ein ähnliches Erschrecken" in der Bürgerschaft geben wird wie nach der Vollendung der Stadthaus-Burg.
Die Arbeitsgemeinschaft Bonner Ärzte bezeichnet den "schraubenschlüsselförmigen" Koloß als "einmalig zerstörerischen" Eingriff in die Rheinlandschaft und fordert strömungsmechanische Untersuchungen an einem Modell des Rheintals. Freilich ist derzeit wieder völlig ungewiß, ob die Bagger beiderseits des "Langen Engen" schon, wie ursprünglich vorgesehen, 1980 mit dem Aushub beginnen können. Der neue Bundesbaumeister Erhard Weiß erwartet die Entscheidung über die Grundsteinlegung erst vom nächsten Bundestag.
Von der Möglichkeit, die Bauleitplanung vielleicht noch beeinflussen zu können, machten Bonner Bürger ohnehin wenig Gebrauch. Als mehrere Wochen lang das Modell am Bonner Friedensplatz ausgestellt war -- um den Vorschriften aus Bundesbank- und Städtebauförderungsgesetz zu genügen -, gaben sie nur zögernd Anregungen und Bedenken
ab. "Mag sein", erklärte der "General-Anzeiger" sich das geringe Engagement, daß die Bonner "nach den zahlreichen Todsünden resigniert" haben.
Verständlich wär"s: So konnten Bürgerinitiativen nicht den Bau des maßstablosen Stadthauses, hundert Professoren nicht die Umwandlung weiter Teile des Wohnquartiers Poppelsdorf in Büroflächen, der Kunsthistoriker Lutzeler nicht die Betonierung der Bahnhofsgegend verhindern.
"Wer ist in der Bonner Situation der Schwächere?" fragt Behnisch. Er findet: "Ganz sicher sind es die kleinen Häuschen, die drumherum stehen. Es ist die Landschaft, die Uferaue, es ist der Rhein." So denken offenbar nur wenige von Kommune und Kapital.
Professor Friedrich Spengelin -- Jurysprecher beim Wettbewerb für die Parlamentsbauten und Gutachter für die mögliche Neuordnung der Universität und die Sanierung Poppelsdorfs -- durfte am Bahnhof das "Bonner Loch" gießen und neben diesem offenen Kellergeschoß ein Hotel hochstemmen.
An der barocken Schloßachse der schönen" breiten Poppelsdorfer (Kastanien-)Allee, der vornehmsten Wohnstraße Bonns, errichtete der Versicherungskonzern "Deutscher Herold" nach Abriß alter Villen einen Büroquader, über den der Architekturhistoriker Joachim Petsch urteilt: "Die Formensprache ist der offiziellen Baukunst des Dritten Reiches wörtlich entlehnt."
Die Affinität westdeutscher Assekuranz-Unternehmen zu Altmeistern faschistischen Baustils zeigte der "Herold" auch bei seiner jüngsten Expansion, als er sechs Neubaumodelle zur Auswahl anbot, von denen drei von dem Hitler-Bildhauer und Gerling-Baumeister Arno Breker und einer von Baldur von Schirachs Bauoberem Hanns Dustmann stammten.
Die lebhafte Gärung im Bonner Raum treibt natürlich auch die Mieten hoch, in der Südstadt beispielsweise auf einen Quadratmeterzins von 15 Mark. In Bonn Nord sprang die Miete für eine 73-Quadratmeter-Wohnung in fünf Jahren von 276 auf 515,60 Mark, bei der gemeinnützigen Vebowag mit einem Schlag von 330 auf 560 Mark.
In den Leserbriefspalten der beiden Bonner Blätter wird neuerdings nachdrücklicher nach "Interessenkollisionen" gefragt -- seit etwa Oberbürgermeister Dr. Hans Daniels bei Abstimmungen im Stadtrat als befangen gelten muß, weil seine Ehefrau über Eigentum in der "Cassius-Bastei" verfügt.
Sicher denkt Helmut Schmidt auch an derlei Querelen, wenn er für den Hauptstadtausbau fordert: "Weg von der beschränkten Betrachtungsweise, die da glaubt, Bonn spiele sich lediglich ab zwischen Poppelsdorfer Schloß und Kennedy-Brücke."
Den "großen universalen Geist, der dies alles in einen organischen Zusammenhang zu bringen weiß", konnte auch der Kanzler nicht finden.
So sicherte er sich als Berater und Gutachter die Professoren Hillebrecht, Laage und Rossow. Vorletzte Woche präsentierten sie ihre 75 000-Mark-Vision von einem besseren Bonn, und die drei haben ihr Ideengut wahrlich nicht an Kleinigkeiten verschwendet. Ihr Vorschlag:
* "nochmals einen Anfang zu machen",
* "Mißlungenes durch Besseres zu ersetzen",
Geschmückt zur Feier des Verfassungstages.
* eine "Hauptstadt beiderseits des Rheins zu entwickeln".
Als Herz des Regierungsviertels wünschen sie sich, "am Rhein gelegen", einen "Platz des Grundgesetzes", an dessen Rändern die Gruppierung der Gebäude für Bundespräsident und Bundeskanzler sowie für Bundestag und Bundesrat "eindeutig die Verfassung widerspiegelt".
Die Häuser sollen "Sichtbeziehungen" untereinander haben, aber auch vom und zum Rhein, von und zu der B 9. Der Plenarsaal soll die "Dominanz" erhalten (vielleicht hochkant?), neben einer "notwendigen Gedenkstätte" ("für jeden Staatsbesuch von Bedeutung") sollte auch ein Schrein für das "Original des Grundgesetzes" stehen.
Die Städtebauer und Landschaftsgärtner machten sich auch Gedanken über Protokoll und mögliche Floskeln eines Regierungschefs. Originaltext:
Ein Bundeskanzler muß auf diesem Platz einem ausländischen Besucher anhand der räumlichen Komposition einfach und klar die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland vermitteln können.
"Dort ist das Parlament, dessen Zustimmung ich für meine Handlungen benötige, da ist die Vertretung der Bundesländer, die an der Gesetzgebung mitwirken."
Es muß optisch wahrnehmbar sein, daß ein solches Gespräch am Rhein stattfindet, und man muß in der Ferne das Haus des Bundespräsidenten sehen können.
Zusätzlich kann es von atmosphärischem Wert sein, wenn man mit einer einfachen Handbewegung zum anderen Rheinufer dem Gast zeigen kann, wo er die Nacht verbringen wird ... Es klingt nach Karneval in Bonn.

DER SPIEGEL 49/1977
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