28.11.1977

Wolfgang Limmer über Botho Strauß: „Die Widmung“Flitterwochen einer Trennung

Botho Strauß, 33, Dramaturg an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, schrieb bisher die Theaterstücke „Die Hypochonder“, „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ und „Trilogie des Wiedersehens“. „Die Widmung“ ist nach dem Erzählband „Marlenes Schwester“ Strauß zweites Buch.
Botho Strauß' Buch handelt von einem sehr persönlichen, leidvollen Unglück. Aber während neuerdings in falscher Schamlosigkeit Bekenntnismut in Bekenntniswut umschlägt, wo von der tollen Masturbation mit der elektrischen Zahnbürste bis zum tapfer erlittenen Krebsgeschwür nichts mehr der Gnade des Schweigens anheimfällt, seziert Botho Strauß eine Erfahrung, so äußerlich undramatisch und individuell wie die Einsamkeit und doch offensichtlich weitverbreitet -- die erste Auflage seiner Erzählung ist bereits vergriffen.
Es geht ums Verlassenwerden, um jenen jähen Moment, in dem sich das harmonische Gefühl der Geborgenheit in einer Beziehung als Trug enthüllt und Kälte einbricht, wo vorher so selbstverständlich Wärme war. Kein psychischer Selbstmord, nicht einmal auf Raten, auch der Entschuldigung suchende Griff in den Überbau geht ins Leere, kein klinischer Fall und doch eine Krankheit "Verlassenwerden", schreibt Strauß, "ist schließlich ein härteres Übel als eine Blinddarmentzündung."
Im hitzegeplagten Sommer 1976 verschanzt sich der Buchhändler Richard Schroubek in seiner Wohnung in Berlin, nachdem ihn seine Freundin, Hannah, abrupt verlassen hatte, um seine Tage "unter dem aufgesperrten Auge einer Vermißten" zu verbringen. Vom Verkaufserlös einer Beckmann-Radierung richtet er ein Postscheckkonto ein, weil so das nötige Geld zum Leben durch den Briefträger ins Haus kommt. Er geht nicht mehr zur Arbeit, läßt sich aber nicht krank schreiben, sondern beginnt über seine Krankheit zu schreiben, eine "Biografie seiner leeren Stunden".
Richards Trotz des "Du sollst dir deinen Schmerz leisten dürfen" gegen womögliche Tröstungen der beruflichen Alltagsroutine ist ein erlaubter, gefährlicher Luxus: Er droht nur den zu zerstören, der ihn genießt
Mit wachem Schmerz, der die Wahrnehmung aufgerauht hält, beobachtet Richard sich und die Rudimente seiner Umwelt, eine Nutte etwa, die nachts ihr Geschäft an einer Fußgängerampel betreibt, die sie selbst bedienen kann, oder seine Putzfrau, über deren Schweißflecken unter den Achseln cr bemerkt, sie seien "das Gegenteil zur Feuchtigkeit der Lust, die Nässe der Arbeit nämlich, worin der Körper seinem Selbstgefühl entgleitet".
Doch vor allem widmet er sich, die Implosion der Gefühle beobachtend, seiner fernen Geliebten, nein, der Ferne seiner Geliebten, die ihm niemals näher war als jetzt in der Entbehrung. Er macht "Flitterwochen nach der Trennung, er hat sich mit einer Abwesenden vermählt".
Erstaunt, resigniert beschreibt Strauß dabei die betrübliche Gefühlverschiebung im Zeitalter der Libertinage, der sexuellen Befreiung nach dem Ende der Moral, den emotionellen Pillenknick: "Das erste Mal mit ihr zu schlafen bereitete weniger Verlegenheit, als sie nach ihrem Nachnamen zu fragen ... Leidenschaft, Briefwechsel eventuell, Wahnsinnstaten gehören heute dem Ende allein, der Krise, der Trennung, dem Gehen." Nicht mehr das kampflos zugefallene Glück des Verliebtseins läßt einen taumeln, sondern die Trennung. "Sie rührt unmittelbar an den Ursprung aller Angst und weckt ihn auf. Sie greift mit einem Griff so tief, wie überhaupt Leben in uns reicht."
Hoffnung hält den Schmerz am Leben, gibt den Tagen und Nächten der angstvollen Apathie vagen Sinn. Richard möchte Hannah wiederhaben, aber er kann sie nicht erreichen. Ein neuer Freund Hannahs, von ihr schon wieder verlassen, besucht ihn, ein Schuldiener, biedert sich an, kumpelhaft die Trauer zu teilen. Richard schließt sich in Hannahs Zimmer ein.
Richards Tage vergehen im Kreisen um sich selbst, in der Angst -- was weh tut, ist noch da -, der Schmerz könne nachlassen. Er betäubt sich mit Fernsehen, mit der unnützen Vergewisserung. daß draußen alles seinen geregelten katastrophalen Gang geht. Unerbittlich hobelt die Zeit: "Merke wohl, wie meine kühne und festliche Trauer zu Ende geht und eine kleinbürgerliche Schrumpfmelancholie übrigbleibt. Vielleicht sollte ich zugeben, daß ich meine Leidensfähigkeit überschätzt habe."
Dann ein Anruf Hannahs. Sie verabreden sich in einer Kneipe. Richard kramt seine Notizen zusammen und eilt zum Treffpunkt. Sie steht nicht wie verabredet vor der Kneipentür. Richard wartet draußen, Stunden. Endlich kommt sie aus dem Lokal und winkt ab, als sie ihn sieht. Sie hätte nur Geld gebraucht, es sich aber nun woanders geholt. Als sie ein Taxi herbeiwinkt, wirft Richard ihr seine Mappe mit den Notizen in den Wagen.
Wieder wartet er, besorgt Essen und Wein für die Wiedersehensfeier in der eitlen Hoffnung, seine geschriebene Zeitbombe möge explodieren. Nach Wochen ohne Reaktion kehrt er zu der Kneipe zurück. Dort ist seine Mappe für ihn deponiert. Der Taxifahrer brachte sie, in dessen Wagen Hannah sie liegengelassen hatte.
Strauß" Erzählung, in dem verärgertverzweifelten Versuch geschrieben, sich auch durch die Verwendung der dritten Person Distanz zu schaffen, wirkt so trotzig und mutig wie arrogant in einer Zeit, die sich der Illusion der totalen psychischen "Daseinsvorsorge" verschrieben hat, die -- unmöglichste aller Möglichkeiten -- sogar die "Zweitfrisur auf Krankenschein" verspricht. "If you cant be with the one you love, love the one you"re with" heißt, ganz in diesem Sinne, ein Sang der Slade.
Anachronistisch-aktuell handelt diese Hymne auf den verlorenen Stolz des Schmerzes auch von der Sprachlosigkeit, der Sprachscheu ihm gegenüber. Wie Nicolas Born in seinem Aufsatz über die Sprachwelt der Maschine (enthalten im Literaturmagazin 8) den Verlust eines Zweiges unserer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit durch die Vernichtung des Handwerks feststellt, so finden sich auch bei Strauß Passagen über vernichtete Gefühlsregungen, von denen nur noch ihre bedeutungslos gewordenen Begriffe übriggeblieben sind.
Worte wie Scham, Ehre, Entsagung. meint Strauß, haben keinen persönlichen Erfahrungshintergrund mehr, bleiben Sprachfossilien. Er beschreibt den Zustand mit einem griffigen Vergleich: "So ergeht es uns nicht anders als jenem abessinischen Eingeborenen, der einen wichtigen Mythos nicht mehr wußte und sich deshalb nicht erklären konnte, weshalb er zu so verschiedenartigen Anlässen ein Stück Butter auf dem Kopf trug. "Unsere Vorfahren kannten den Sinn der Dinge, aber wir haben ihn vergessen. Wir kennen den Sinn der unzähligen Überbleibsel, in denen wir uns ausdrücken, noch sehr viel weniger. Das allermeiste ist uns Butter auf dem Kopf."
Doch "Die Widmung" beweist eigentlich das Gegenteil. Schmerz, Trauer, Sehnsucht, Entsagung sind keine Begriffe wie Butter auf dem Kopf, sie erwachen in Strauß" sensibel und präzise geschilderten Beobachtungen zu lebendigem, fühlbarem Sinn. Man spürt plötzlich, sie waren nur verdrängt, ärgerlich beiseite geschoben, so wie das, was sie bezeichnen, im grellen Licht der Aufgeklärtheit ausgebleicht und betäubt wurde von der Linderung versprechenden Droge der Wissenschaftlichkeit.
Deren Sprache ist die Sprache der Trainingslager-Kommandanten der Psyche mit ihren "Konfliktstrategien", ihren "Ich bin O.K., du bist O.K."-Programmen, eine Sprache, die ihre Benutzer mit Ausdrücken wie "Paar-Kurztherapie", "Selbsthilfepotential", "Frustrationsschwelle" bis ins Mark als Technokraten entlarvt.
In dieser vor Machbarkeit strotzenden Werkzeug-Mentalität scheint ihre Utopie durch, die selbst Orwells "1984" noch pervertiert: Da herrscht nicht die totale Überwachung, sondern da gibt es nichts mehr, das sich zu überwachen noch lohnt, eine bis zum Stillstand getröstete Welt.
Dieser Psychologie, die mit heilsgläubiger Penetranz an einem Pendant zum sozialen Netz knüpft, schlüpft Strauß durch die Maschen. "Die erklärende Psychologie wird mir so lange gleichgültig bleiben, bis sie mir überzeugend dargelegt hat, weshalb sie mir so geheimnisvoll gleichgültig ist. Und das wird sie mit ihren Mitteln nicht schaffen."
"Die Widmung" tröstet nicht. Glücklicherweise.
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 49/1977
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