19.12.1977

„Wir fühlten uns als schmutzige Spezies“

Michel Foucault, 51, ist einer der bekanntesten französischen Strukturalisten und lehrt am berühmten College de France in Paris. Die Gesamtauflage seiner Werke beträgt etwa eine halbe Million Exemplare. Von einer auf sechs Bände angelegten „Geschichte der Sexualität“ hat er den ersten Band veröffentlicht. Bei einem Besuch in Berlin-West und Berlin-Ost kam der Schriftsteller -- ohne Verschulden -- mit deutscher Polizei in Konflikt.
Mir lag daran, nach Ost-Berlin zu fahren. Denn ich traute den Franzosen nicht, die oft allgemein von Deutschland reden, so als gäbe es eins -- stärker in seiner mythischen Einheit als in der Realität seiner Teilung. Was auf der einen Seite vor sich geht, erscheint mir unverständlich, wenn man nicht ebenso die andere Seite sieht -- wie in einem Rede-und-Antwort-Spiel, bei dem man nur einen der Partner hört.
Bei der Ausreise begannen die Probleme. Aus Gründen, die ich immer noch nicht begreife, wurden mein Bekannter und ich von den Volkspolizisten getrennt in einen Raum geführt, gründlich durchsucht, die Hosentaschen umgedreht, die Brieftasche geöffnet, das Geld gezählt, alle Papiere geprüft (einige, glaube ich, photokopiert), wobei die Polizisten die Papiere, auf denen wir ein paar Treffpunkte und Adressen in West-Berlin notiert hatten, ganz besonders unter die Lupe nahmen:
Was tun Sie in Berlin? Wer ist diese Person? Was wollen Sie in der DDR? Wen haben Sie getroffen? Was haben Sie gemacht? Aus einer meiner Taschen war ein kleines Stück Papier gefallen -- so eine Zeitungsecke, auf die man schnell einmal eine Notiz kritzelt: Es ging da um ein Buch von Rudolf Virchow, das 1871 erschienen ist: Wer ist dieser Herr? Sind Sie bei ihm gewesen? Waren Sie im Virchow-Krankenhaus? Kennen Sie jemanden in diesem Krankenhaus?
Schlechtgelaunte Bürokraten kennen wir alle. Aber ich bekam wieder den Eindruck, den ich auch schon in Polen hatte und den mir sowjetische Dissidenten so manches Mal in Erinnerung riefen ... den schrecklichen Eindruck, für irgend jemanden eine permanente Gefahr sein zu können. Wenn man bei uns eine Ost-Berliner Adresse gefunden hätte? Oder den Bezug auf ein zeitgenössisches Werk? Und vielleicht gibt es irgendwo in der DDR einen gewissen Rudolf Virchow, der sich heute fragt, warum man ihn verdächtigt, mit zwei Franzosen Beziehungen zu unterhalten, von denen er noch nie gehört hat.
Man trägt die Pest mit sich herum, man kann verraten, ohne es zu wollen, denunzieren, ohne überhaupt ein Wort zu sagen. Genauso wie jeder verdächtig werden kann, so kann auch jeder jeden verdächtig machen. Jeder ist ein Aussätziger, man hat vor den anderen Angst um seiner selbst willen, und man hat Angst vor sich selbst, um der anderen willen.
Am übernächsten Tag frühstückten wir in unserem sehr netten West-Berliner Hotel mit unseren deutschen Freunden. Gesprächsstoff: ein Buch über Ulrike Meinhof, das soeben in Paris veröffentlicht worden war. In diesem Buch eine Anmerkung: Peter BrUckner, den wir alle bewundern, wird da als ein ehemaliger Sympathisant der Baader-Meinhof-Gruppe dargestellt, der Polizei-Spitzel geworden sei.
Wir sprachen über diese schändliche Lüge -- oft laut, manchmal auf französisch, manchmal auf deutsch.
Als wir das Hotel verließen, erschienen plötzlich drei Polizeiautos, etwa 15 Polizisten steigen aus, einige von ihnen tragen Maschinenpistolen. Sie gehen schnell ins Hotel, kommen wie Verrückte wieder herausgestürzt, werfen sich in dem Moment, als wir gerade abfahren wollen, auf unseren Wagen. Wir müssen aussteigen und die Hände hochhalten, dann werden wir gegen die Wand gestellt und durchsucht.
Die Männer mit den Maschinenpistolen bildeten einen Halbkreis um uns. Wir konnten ihre Gesichter nicht sehen, ich kann jedoch versichern, daß die, die uns durchsuchten, Angst hatten, wie auch zweifellos jene, die aus den Fenstern zusahen und die wir bemerkten, als wir uns umdrehen durften.
So, als sei ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, erklärten uns die Polizisten, daß man uns angezeigt habe. Jemand aus dem Hotel hatte geglaubt, die junge Frau, die uns begleitete, sehe Inge Viett ähnlich, und habe die Polizei gerufen. Sie erklärten, daß es sich aber um einen Irrtum gehandelt habe und daß wir wieder gehen könnten.
Kaum waren wir im Auto, als sie uns abermals aussteigen ließen. Sie sagten uns, ein wenig verlegen, sie selbst seien fast überzeugt, daß unsere Freundin nicht Inge Viett sei, doch der bereits alarmierte Apparat habe sich in Bewegung gesetzt und fordere nun neue Überprüfungen.
Dann wurden wir in ein Polizeigebäude geführt und einzeln in eine Zelle gesperrt. Es lag etwas Bedrückendes in diesen winzigen, tadellosen Käfigen, die so sauber und steril waren -- etwas, was an Krankenhaus oder Leichenschauhaus denken ließ.
Wir meinten, drei Tage dort bleiben zu müssen: Gemessen an der Bürokratie im Osten, die Stunden damit verbringen kann, die Taschen eines unbekannten Ausländers zu durchsuchen, wie viele Tage brauchten sie also für den, der mit jemandem spazierengeht, der Inge Viett ähnelt?
Tatsächlich waren wir dann nicht länger als eine halbe Stunde eingesperrt, praktisch kein Verhör, nichts zu unseren Papieren, Büchern oder Dokumenten, die wir bei uns trugen. Keine Frage über uns an unsere Freunde oder an uns über unsere Freunde.
Aber immer wieder derselbe Refrain:" Man hat Sie angezeigt, wir mußten kommen." Ich weiß nicht, ob sie in der Zwischenzeit irgendwelche anderen Nachforschungen angestellt haben, und es ist möglich, daß wir mit einigen unserer "Angaben" irgendwo in einer großen Datenbank vermerkt sind.
Aber ich weiß, daß dieses ganze Theater zur Feststellung der Personalien, dieser groteske Kraftaufwand wegen einer angeblichen Ähnlichkeit ganz bestimmt nicht der richtige Weg ist, ernsthafte Untersuchungen anzustellen, sondern dazu dient, das große Ritual der Anzeige feierlich und dramatisch in Szene zu setzen.
Aller Welt -- Anzeigenden, Angezeigten und Zuschauern -- soll so deutlich gemacht werden, daß es "klappt" mit der Anzeige. Der Polizist im Osten bezieht seine Macht -- er zeigt sie gern, indem er dauernd Vorschriften zitiert -- von einer anderen, der Bevölkerung fremden Welt: der Verwaltung, der Partei, den Chefs. Er stützt sich auf diese Welt von oben, abstrakt und fürchterlich.
Der im Westen tut alles, um klarzumachen, daß er "auf Anforderung" eingreift. Die Anzeige verleiht ihm seine Amtsgewalt. Wenn Sie festgenommen werden, bedeutet das, daß Sie jemandem Angst gemacht haben oder daß Ihr Gesicht diese Person an etwas erinnert hat. Beklagen Sie sich nicht über die Polizei, sie steht im Dienste der Ängste irgendwelcher Leute, ihrer Wahnvorstellungen, ihrer Abscheu. Sie greift ein, wie die Feuerwehr bei Gasgeruch: sobald es schlecht riecht.
Niemand ist schuldig, weder der Anzeigende, der seine Pflicht als Bürger angesichts von Gefahr erfüllt, noch die Polizei, die sofort zur Stelle ist, sobald sie Hilferufe hört, und auch Sie nicht -- es sei denn, die Polizei und ihre Informanten sind der Auffassung, daß Sie schuldig sind.
Der Unterschied zwischen Deutschland-West und Deutschland-Ost: Hier Theater und Maschinenpistole, dort Bürokratie und Photokopiergerät. Hier die mögliche Beschuldigung eines jeden durch andere, drüben die allgemeine Verdächtigung aller durch die Verwaltung.
Wir waren unbedeutend, und wir haben fast nichts getan. Aber das große Auge des Staates ruhte auf uns, weil jemand in einer Hotelhalle der Meinung war, daß wir eigenartig aussahen. Als sich ein Schwarm von Männern, mit Maschinenpistolen bewaffnet, auf uns stürzte -- taten sie es, weil ein junges Mädchen mit blonden Haaren bei uns war?
Oder sind nicht vielmehr eine Gruppe Deutscher und Franzosen, ganz offensichtlich "Intellektuelle", die laut über Politik reden, genau die Leute, die Leuten ähneln, die ihrerseits wieder denen ähneln, die mit ihren Worten und Schriften Leute unterstützen, die selbst gefährlich sind. Nein, nicht eine schmutzige Rasse, wie man früher sagte, sondern eine "schmutzige Spezies". Wir haben uns wie eine schmutzige Spezies gefühlt.

DER SPIEGEL 52/1977
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