21.11.1977

POPMUSIKKommerzielle Kiste

Die deutschen Rocksängerinnen werden oft falsch beraten, falsch produziert, falsch vermarktet.
Wenn Westdeutschlands RockMiezen in kleinen oder mittelgroßen Musikkneipen loslegen, dann fetzt der Blues, dann dampft"s im Salon.
Vor allem in Hamburg, der "Szene"-Stadt ohne Vergnügungssteuer, halten zumindest sechs Sängerinnen regelmäßig ihre schwarzen Blues-Messen ab. Da mag es durchaus schon mal vorkommen, daß in einer einzigen Nacht sämtliche Rock-Bühnen der Stadt von Rücken okkupiert sind.
Im "Logo", dem ständig überheizten und überfüllten Studentenlokal an der Grindelallee, würde dann etwa eine verschwitzte Jutta Weinhold in T-Shirt und Jeans die Mähne schütteln und ihr Publikum anschreien: "Teil me how do you feel!" Caro Tollenaar, 19 und eben noch der Geheimtip der Szene, würde im Insider-Treff "Onkel Pö" sensible Soul-Kadenzen anstimmen.
Im "Winterhuder Fährhaus" rockte vielleicht gerade das verjuxte Oldies-Ensemble "Rudolf Rock und die Schocker" mit der blonden Ingeburg Thomsen, und in der "Markthalle" wäre Udo Lindenbergs Schützling Ulla Meinecke gebucht -- von Dixieland-Mädchen wie Elke Hendersen gar nicht zu reden, die sich nach ihrem Tagesjob gelegentlich am Blues laben.
Freya Wippich, Frau des wohl besten deutschen Rocksängers Bernd Wippich, mag an jenem Tag gerade im Plattenstudio arbeiten und anschließend irgendwo einsteigen. Inga Rumpf, Ex-"Frumpy", Ex-"Atlantis" und immer noch Westdeutschlands Rock-Lady Nummer eins, schleicht sich ohnehin lange nach Mitternacht gern noch ins "Pö" und sorgt zum rollenden Baß des Boogie-Pianisten Vince Weber für den Kehraus dieser langen Hamburger Nacht.
Aber auch anderswo in der Bundesrepublik erheben Rock-Damen machtvoll die Stimmen. Rußig und rauchig klingt"s im Ruhr-Revier aus der Kehle von Chris Braun. Bis die West-Berliner "Eierschale" jüngst brannte, war dort immer mal wieder Antonia Maaß mit der Jazzrock-Bigband "Messengers" zu bewundern. Und im Münchner "Spectacle" beweist die Mannheimerin Joy Fleming von Zeit zu Zeit, daß sie bei allen Schlager-Verirrungen immer noch eine exzellente Rock-Interpretin ist.
International konkurrenzfähiges Talent auf der ganzen Linie, doch kaum eines dieser Mädchen kommt kommerziell auf den Pott. Gemessen an den Plattenumsätzen von Sangesschwestern à la Vicky Leandros oder Daliah Lavi, die von einer erfolgreichen LP um die 100 000 Exemplare oder mehr losschlagern, tingelt das weibliche Rock-Volk in der geschäftlichen Nachhut. Von ihren zehn seit 1970 erschienenen Langspielplatten hat beispielsweise Inga Rumpf weltweit nur insgesamt 120 000 Stück abgesetzt. Ihre mit rund 65 000 Mark Produktionskosten belastete LP "Second-Hand-Mädchen" brachte es in zwei Jahren nach Angaben ihrer Vertriebsfirma Phonogram auf die bescheidene Auflage von 7700.
Selbst das ist noch viel. Jutta Weinhold hat von ihrem Debütalbum "Coming" binnen zehn Monaten nicht mal 4000 Exemplare an den Mann gebracht. Die Umsätze der immerhin von Lindenberg kräftig geförderten -- Ulla-Meinecke-LP "Von toten Tigern und nassen Katzen" sind laut Teldec-Auskunft gleichfalls "kaum erwähnenSwert".
Zum Teil mag das daran liegen, daß der Plattenmarkt überwiegend von Käuferinnen beherrscht wird. "Frauen und Mädchen", sagt Phonogram-Produktionsleiter Jürgen Sauermann" "machen im Schaugeschäft Männer zu Idolen, zu Stars." Im Ausland jedoch häufen sich Gegenbeispiele: Die 1970 veröffentlichte Carole-King-LP "Tapestry", nur das prägnanteste Exempel, wurde weltweit mit 14 Millionen Exemplaren einer der größten Erfolge im Plattengeschäft.
In Westdeutschland, wendet WEA-Chef Siegfried Loch ein, sei die Aufnahmebereitschaft der Medien für einheimische Rock-Sängerinnen eben begrenzt. Inga Rumpf: "Da gibt"s den TV-"Musikladen", der alle sieben Pfingsten mal gesendet wird, und wenn man dort nach einer deutschen Rockgruppe Ausschau hält -- nix.
Doch es muß auch in der Selbstdarstellung der Mädchen, in Marketing und Promotion seitens der Plattenfirmen sowie schließlich im Produkt selber begründet sein, daß so wenige Funk-Jockeys die Rock-Ladys emporjubeln, daß die weibliche Stimme an der Ladenkasse kaum zählt.
Das jahrelang von Kritikern gehätschelte (und zeitweilig durchaus berechtigte) Vorurteil, deutsche Popmusik sei gegenüber angelsächsischen Vorbildern zwangsläufig zweitklassig, gilt längst nicht mehr. Der nach 1945 geborenen und mit Jazz, Rock und Blues aufgewachsenen deutschen Pop-Generation sind US-Musizierweisen in Fleisch und Blut übergegangen. Elektronik-Bands wie "Kraftwerk" und "Tangerine Dream" sowie die Betreuer Münchner Disco-Blüten wie Donna Summer und "Silver Convention" haben überdies bewiesen, daß sich deutsches Musikprodukt in US-Hitlisten placieren läßt.
Der westdeutschen Rockszene jedoch fehlen Durchblick und Disziplin, Kontinuität und Konsequenz. Inga Rumpf zum Beispiel war mit ihrem Ensemble "Frumpy" überdurchschnittlich erfolgreich. 1972 gab sie allerdings diesen populären Ensemblenamen zugunsten des Titels "Atlantis" auf und wechselte ständig die Besetzungen. Resultat: Die Umsätze sanken.
Zwar hat sich Inga Rumpf schon lange klargemacht, daß es nötig sei, "mal so richtig in die kommerzielle Kiste zu greifen und es darauf anzulegen, daß man als Gruppe durch eine gut gepuschte Single populär wird". Als aber Ende 1974 ihre (vorzügliche) LP "Ooh, Baby" erschien, puschte Phonogram mit ihrer Zustimmung nicht etwa das erfolgsträchtige LP-Titelstück auf einer kleinen Platte (was den Bekanntheitsgrad der LP beträchtlich erhöht hätte). sondern den Single-Song "Mainline Florida" -- ein Stück, das nicht mal im Album enthalten war.
Medienbewußte Plattenmacher wissen aus Erfahrung, daß auf jeder Longplay wenigstens drei oder vier Songs angeboten werden müssen, die sich für den Rundfunkeinsatz eignen, wenn die LP per Radio bekannt werden soll. Viele Rock-Produzenten dagegen wissen es offenbar nicht. Auf der neuen "Messengers"-LP "Children of Tomorrow" mit Antonia Maaß jedenfalls ist nur ein einziger potentieller Funk-Hit zu hören ("Thank You For Your Love"), und auch dabei werden noch die US-Gruppen "Blood, Sweat & Tears" und "Chicago" imitiert.
Der Rock-Markt ist aber ein Feld, auf dem nur Originelles gedeiht und auf dem ein Produkt mit dem Image des Interpreten identisch sein muß. Wenn der Produzent Just Ptach also die Show-Interpretin Olivia Molina mit dem Carole-King-Hit "Hard Rock Café" (obendrein noch mulschig gemischt) in die Rock-Arena schickt, so macht er sie damit allenfalls lächerlich.
Joy Fleming hat unter ihren, vom Producer Peter Kirsten gesteuerten, Ausflügen ins Schlager-Genre sowie ihrem Flop "Ein Lied kann eine Brücke sein" beim Schnulzenfest "Grand Prix Eurovision" 1975 noch mehr zu leiden: Sie wurde für viele Rockfans unglaubwürdig.
Weil Udo Lindenberg mit Jargon-Texten in deutscher Sprache der Durchbruch zum Massenmarkt gelang, glauben manche Sängerinnen, hochgestochene oder rotzige deutsche Texte allein garantierten schon den Erfolg. Freya und Bernd Wippich erreichen indes auf ihrer eben erschienenen Duo-LP "In eigener Sprache" auf deutsch längst nicht die Intensität, die beider englische Songs zuvor auszeichnete.
Das Lindenberg-Syndrom belastet die deutsche Rockmusik. Als vor einigen Monaten die von Lindenberg produzierte und arrangierte Ulla-Meinecke-LP herauskam, zu der dieser auch Melodien beigesteuert hatte, war -- laut Teldec -- die einhellige Funk-Reaktion: "Den Udo haben wir doch schon, was sollen wir denn jetzt noch mit seiner Schwester?"
Sogar die sonst eigenwillige Inga Rumpf litt bei ihrer Platte "Second-Hand-Mädchen" am Lindenberg-Fieber. Nicht nur in der Interpretation, etwa durch die nach unten weggeknickten Melodiebögen am Ende jeder Songzeile, versuchte sie Udo nachzuahmen. Auch ihre Text-Diktion verriet Lindenberg-Einfluß -- mitunter aufs naivste vereinfacht: Amerika -- alles klar. Amerika -- ich bin da. Amerika -- alles klar.
Von San Francisco bis nach Florida.
Zuwenig Wert wird von den deutschen Rock-Schrejbern auf prägnante, einprägsame Melodien gelegt, die einen Text erst im Bewußtsein des Hörers verankern: Aus deutschen Rock-Federn kam bislang so gut wie kein internationaler Hit. In Berlin klagt Antonia Maaß, daß sie keine Musiker finde. die für sie Lieder verfassen könnten: "Diese Stadt ist musikalisch so tot wie ein Grab." Doch auch in Hamburg oder München kriechen kaum Rock-Ohrwürmer aus.
So sind denn professionelle Produzenten und Promoter, Musikverlage und Plattenfirmen extrem vorsichtig, wenn es um die vom Stigma der Erfolglosigkeit gezeichneten deutschen Rock-Mädchen geht. Für eine in England aufgenommene Produktion der immerhin namhaften Inga Rumpf will sich derzeit kein Plattenboß recht entscheiden. Bei der noch namenlosen, aber hochbegabten Christiane Wunder-Ufholz in West-Berlin, bis zu ihrem West-Wechsel vor etwa einem Jahr beste Jazz- und Rockstimme der DDR. hat noch kein einziger Produzent angeklopft.
Und wenn sich ausnahmsweise einmal ein Platten-Profi wie Jürgen Otterstein -- ehemals Promotionchef der WEA, heute Chef von Pinball Records -- bereit findet, ein Nachwuchstalent wie Caro Tollenaar in seine Obhut zu nehmen, ist offenbar gleichfalls Gefahr im Verzug.
Zwei Jahre lang hatte die Tollenaar mit der Band "Pussy" durch Musizierlust und differenzierte Soul-Schattierungen die Hamburg-Szene in kleinen Pinten zum Jubeln gebracht. Kaum aber hatte Otterstein die erste Caro-LP "Its Nothin" But Higher" für 40 000 Mark Produktionskosten veröffentlicht und eine Promotion-Kampagne für weitere 40 000 Mark gestartet, war die junge Sängerin beim Live-Auftritt -vorletzte Woche im "Onkel Pö" -- nur noch die Hälfte wert.
Sie gab sich wenig Mühe; die neue Tonanlage plärrte viel zu laut. Nach Caros Initialen J.C.T. hatte Otterstein der Band einen neuen Combo-Titel verpaßt, "um jederzeit Musiker auswechseln zu können" -- was Caros langjährige Freunde und Partner verdrießt. Der Produzent ist dabei, seinen Jung-Star aus dem musikalischen Humus zu lösen, der Caro Tollenaars Entfaltung erst ermöglicht hat.
Die deutschen Rock-Miezen sollten aufpassen. Schon mancher Musikproduzent und Plattenmacher hat ihr Lied so zerstört.
Von Siegfried Schmidt-Joos

DER SPIEGEL 48/1977
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