05.12.1977

FISCHEREIOur Water

EG-interne Zwietracht verdirbt westdeutschen Fischern das Geschäft. Seit letzter Woche dürfen sie vor Island nicht mehr ihre Netze ausfegen.
Ende Oktober lief der Hochseetrawler "Nordenham" zu seinem üblichen Törn nach Island aus, 22 Mann waren an Bord. Drei Wochen später machte Kapitän Günter Bartsch in Cuxhaven wieder fest, gut 2800 Korb Fisch, die Hälfte Rotbarsch, waren in die Netze gegangen.
Am Montag letzter Woche dampften die Fischer wieder los. Diesmal mußten sie neue Fischgründe ansteuern. Weil seit Dienstag null Uhr kein deutscher Trawler innerhalb der 200-Meilen-Zone vor Island auftauchen durfte, fuhren die Fischer zu den dänischen Färör-Inseln.
Die Stimmung an Bord war grau: Die Färöers sind zwar dem Heimathafen näher als Island. Doch die Gewässer sind fischärmer.
Vor Island hatten die Deutschen zuletzt 60 000 Tonnen pro Jahr, rund ein Drittel des Frischfisch-Bedarfs, fangen dürfen. Denn anders als die Engländer, die sich auf den seltener werdenden Kabeljau spezialisierten, legen die Deutschen ihre Netze vor allem für eine Fischsorte auf, die außer ihnen niemand so recht mag: den Rotbarsch.
Während die Isländer zum Schutz ihres Kabeljaus britische Netze kappten und Fregatten Ihrer Majestät rammten, konnten die deutschen Hochseefischer den fetten und stacheligen "Roten" ungehindert an Bord hieven, jedenfalls bis Anfang letzter Woche. Weil die Brüsseler EG die Fisch-Sache übernahm, können zweiseitige Abkommen, wie sie Bonns Krisenmanager Hans-Jürgen Wischnewski vor zwei Jahren mit Island aushandelte, nicht erneuert werden. Auch auf hoher See wollen die EG-Europäer nur noch gemeinsame Sache machen -- vorerst zu Lasten der deutschen Fischer. "Wir sind", klagt Karl-Heinz Feilhauer vom Verband der Deutschen Hochseefischer, "ein Opfer der EG-Uneinigkeit."
Nach einem Vorschlag der Kommission soll das EG-Territorium mit einer 200-Meilen-Grenze eingezäunt werden. 1978 will die Kommission den Hochseefischern der Neun, nach Quoten aufgeteilt, 2,7 Millionen Tonnen Fisch zubilligen. Weitere 750 000 Tonnen sind Drittländern zugedacht. Nationale Fischrechte sollen die EG-Länder nur noch bis zu zwölf Meilen vor ihren Küsten haben. Denn, dessen war sich letzte Woche ein EG-Sprecher sicher, "Fische haben keine Nationalität".
Die Engländer sehen das anders. Sie wollen keine Fremden, auch keine EG-Brüder, innerhalb ihrer 50-Meilen-Zone sehen. "Die reden immer von our water", hat Feilhauer gehört.
Auch die Deutschen finden an dem Kommissionsplan wenig Geschmack. Sie fürchten, daß eine breite EG-Zone die Regierungen etlicher Drittländer verärgern würde. Und das können sieh gerade die Deutschen nicht leisten.
Immerhin stammen 80 Prozent der in der Bundesrepublik angelandeten Fänge aus Gewässern vor Ländern, die nicht zur EG gehören. Die Trawler von der Waterkant kreuzen vor Norwegen und Kanada, vor der US-Küste und zumindest bis zum 29. November vor Island. Auch mit den Russen möchten die Fischfirmen besser ins Geschäft auf Gegenseitigkeit kommen." Die lassen uns aber nur, wenn wir sie bei uns lassen", weiß ein Fischer.
Vor allem die Engländer sollten zum Nachgeben gezwungen werden: "Schließlich haben die das Atomprogramm JET nach Culham gekriegt, und wir zahlen Unsummen in den Agrartopf", mäkelt ein Fischfänger. Doch schon wegen des erbitterten Widerstands der vielen hundert Küstenfischer, die vor den Ufern Englands und Schottlands ihrem Handwerk nachgehen, wird der britische Ernährungsminister John Silkin nach Ansicht deutscher Experten kaum nachgeben. "Der wartet, bis wir unsere Schiffe mangels Beschäftigung abwracken", fürchtet Folkert Marr vom Bundesverband der Fischindustrie.
Da braucht er nicht zu warten. In nur zwölf Jahren schrumpfte die Frischfisch-Flotte von 140 auf knapp 40 Trawler, die fast ausnahmslos den drei Großen des Gewerbes, der "Nordstern" des Kaffeerösters Jacobs, der "Nordsee" des Nahrungsmittel- Multis Unilever oder der Hanseatischen Hochseefischerei (Oetker), gehören.
Um den weltweit populären 200-Meilen-Zonen zu entgehen, stiegen die Deutschen auf neue Schiffe, sogenannte Froster. um. Diese Fischfabriken -- 32 wurden inzwischen in Dienst gestellt -- frieren ihre Fänge ein und können deshalb auch entlegene Fischgründe anlaufen: Froster fischen vor den Küsten Südamerikas und Südafrikas.
Für Fischarten wie Rotbarsch kommen diese fernen Gewässer allerdings nicht in Frage. Schon deshalb werden die Preise für die von Fischbratküchen und anderen Feinschmeckerlokalen geschätzten Tiere vermutlich rasch steigen.
Allein die Isländer könnten -- zu Lasten der deutschen Fischer, aber zugunsten der Verbraucher -- mit fetten Fängen gegensteuern." Anfang November", machte sich letzte Woche der Bremerhavener Bernd Seifert Mut, "war einer hier, der hat "ne gute Mark gemacht."
Die isländische "Juni" landete 3800 Zentner an und erlöste 1,15 Mark pro Pfund, "Üblich", meint Seifert, "sind 80 bis 85 Pfennig."

DER SPIEGEL 50/1977
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