05.12.1977

SEKTENWie ein Drebuch

Vor einer Frankfurter Strafkammer beginnt am Freitag der Prozeß gegen Hare-Krischna-Jünger. Sind es Bettelbetrüger?
Sivananda Das und Hansadutta Das
Adhikari heißen sie, Gour Kishore, Ram Mohan und Vedavyasa Dasa, bürgerlicher Name Hahn und Zobel, Kaufmann oder Kess.
Sie tragen die Tracht indischer Wandermönche, ziehen mit safranfarbenen Wickeltüchern, kahlgeschorenem Kopf, mit Zimbeln und mit Bettrommein umher. Sie wohnen im Taunusschloß Rettershof, sind fast ausnahmslos ohne Beruf.
Vierzehn von ihnen, allesamt "Gottgeweihte", Angehörige der Hare-Krischna-Sekte, sitzen von Freitag dieser Woche an auf der Anklagebank. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft wirft den Verkündern fernöstlicher Rehgions-Importware so profane Delikte wie Bettelbetrug, Unterschlagung, Kmdesentziehung, Verletzung des Postgeheimnisses und Verstöße gegen das Waffengesetz vor. Insgesamt 136 Zeugen hat Staatsanwalt Hans-Gero Schomberg benannt, die vierzehn Mönche treten mit 30 Verteidigern an.
Richter Helmut Maul hat die ersten vierzig Verhandlungstage terminiert -- bis April nächsten Jahres. Im Schwurgerichtssaal 165 C, dem größten, den die Frankfurter Justizverwaltung anzubieten hat, wird zu Prozeßbeginn eine ganze Schar schell erschwingender, tanzender, singender Krischna-Anhänger erwartet. Schomberg: "Das wird ein Gaudi, das wird lustig."
Zu den am stärksten belasteten Spendeneinnehmern zählen
* der ehemalige Kunststudent und Koch Hans Kary (Hansadutta Das Adhikari), 36, gebürtiger Braunschweiger mit amerikanischem Paß, dem als Präsident der Sekte die Tempel in Deutschland, England und Skandinavien unterstehen,
* der berufslose Peter Kaufmann (Chakravarty Das), 27, engster Vertrauter Karys, der als Präsident der bundesdeutschen Krischna-Dependancen die Glaubensgemeinschaft zu einer "straff geführten wirtschaftlichen Organisation" umgebildet habe, so ein Ermittler,
* der berufslose Stefan Kess (Suchandra Das), 30, Mitgründer der Tempel von München und Rettershof, der seine Tochter Vishaka seiner früheren Frau weggenommen und zu ausländischen Glaubensbrüdern nach Dänemark gebracht haben soll,
* der berufslose Egon Georg Kaltenmark (Aksara Das), 23, Schatzmeister und Finanzverwalter der Sekte, der als Geschäftsführer gespendetes Geld auf ausländische Konten transferiert haben soll,
* der berufslose Axel Stöcker (Atmavidya Das), 23, Tempelpräsident in Köln, dem die Anklage vorwirft, den jugendlichen Nikolai Jankowsky aus Pinneberg seiner Mutter entzogen zu haben.
Das Mönchs-Quintett gehört zusammen mit neun anderen Angeklagten zum harten Kern der "Internationalen Gesellschaft für Krischnabewußtsein e. V." (Iskcon), dem westdeutschen Ableger einer Mitte der sechziger Jahre in Los Angeles gegründeten hinduistischen Bewegung. Die Gesellschaft unterhält Zentren in Hamburg, München, Köln und auf Schloß Rettershof hei Frankfurt.
Von der Ordensburg im Taunus aus "planten, organisierten und veranstalteten" die Sektenführer "unter Einsatz all ihrer Mitglieder", so Oberstaatsanwalt Dietrich Rahn, ertragreiche Betteltouren im gesamten Bundesgebiet und im benachbarten Ausland. Mit internen Schnorr-Anweisungen ("Das muß alles ganz enthusiastisch, fröhlich und glücklich klinge") stellten sich die geschorenen Mönche in Bahnhofshallen und Fußgängerzonen auf jeden Kundentyp ein. Schomberg: "Die sind mit allen psychologischen Kniffen geschult. Die einstudierten Bettelverse lesen sich wie ein Drehbuch."
Wie das perfekte System des Geldeintreibens ("Samkirtan") ablief, das monatlich bis zu 300 000 Mark einbrachte, wird dem Gericht ein ehemaliger Buchhalter der Sekte berichten, der ein Jahr lang die "enormen Summen der fahrenden Sammeltrupps" einzutragen hatte." Nicht eine einzige Mark", gab er den Kripo-Ermittlern zu Protokoll, wurde in dieser Zeit, wie etwa in Bittbriefen behauptet, "für hungernde Kinder in Indien verwendet. Es wurden vielmehr Bücher gedruckt, Reisen getätigt, Busse gekauft und wertvolle Geschenke an den Guru geschickt". Der Sektenvater A. C. Bhaktivedanta Prahhupada, der "vor zehn Jahren noch am Ganges gesessen und sich die Füße gewässert hat" (Schomberg), starb Mitte November in Neu-Delhi.
Aussagen vor Gericht werden Zeugen, die -der Verkaufsstrategie der Krischna-Mönche erlegen sind. Angelockt durch Erzählungen "von armen Kindern in Biafra oder Bangladesch" (wie in Werl), durch Mitteilungen, daß "das Geld durch die Mönche per Schiff nach Indien gebracht würde" (wie in Viernheim). gaben Passanten in gutem Glauben einige Mark.
Manche Mönche verhökerten, wie ein "wöchentlicher Finanzreport" des Krischna-Tempels Köln ausweist, an einem Tag für 400, 500 Mark Schriften und Schallplatten. Wochenumsatz eines neunköpfigen Bettlertrupps: 9 222,93 Mark. "Die sahnen Hunderttausende ah, ohne es zu versteuern", behauptet Rüdiger Hauth aus Witten, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Auf Bankkonten in Königstein und Offenbach hatten die Krischna-Jünger 676 842,09 Mark deponiert, bei der Durchsuchung des Tempels "Rettershof" fanden sich weitere 56 217,84 Mark in bar. Um möglichem Regreß zu entgehen, legte Staatsanwalt Schomberg die sichergestellte Summe zinsgünstig als Festgeld an. Das Bettel-Vermogen wuchs auf 760 000 Mark.
Von rund 2,4 Millionen Mark Einnahmen, die von Mai bis Dezember 1974 in den Gebetsbeuteln der aggressiven Bettelmönche verschwanden, so haben die staatlichen Ermittler herausgefunden, gingen lediglich 15 000 Mark an das Krischna-Zentrum im indischen Mayapur.
Wie das für die Hungerhilfe in Indien gesammelte Geld letztlich verwendet wurde, konnte auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht klären. Rahn: "Sicher ist, daß bei den hungernden Kindern in Indien nicht ein einziger Pfennig angekommen ist."
Ein Großteil verschlang wohl der Druck der religiösen Bücher, die in millionenfacher Auflage vertrieben wurden. Kess und Kaufmann unterhielten für die "Samkirtan"-Fahrten einen stattlichen Fuhrpark, Kary buchte mit Vorliebe First-Class-Flüge, wenn er zu "Krischna-Festivals" rund um den Erdball oder auch nur zum Tempel-Besuch nach Hamburg oder München unterwegs war.
Von den angeklagten Krischna-Jüngern müssen allenfalls Kaufmann, Kess und Kary mit höheren Strafen rechnen. Sic hatten im Tempel " Rettershof" ein Waffenarsenal angelegt, hatten laut Anklage in einem Rollschrank eine Schrotflinte (Marke Baikal IJ 18), eine zerlegte Doppelbüchse (Marke "SKB Armins") und verschiedene Pistolen (Marken "Colt 45" und "Walther 08") versteckt.
Alle anderen Bettelmönche werden nahezu straffrei ausgehen. selbst dann, wenn den Anklägern der Nachweis betrügerischen Handelns gelingt. Der entstandene Schaden für die betroffenen Straßenpassanten war in allen Fällen gering. "Das Rätsel und das Recht der subjektiven religiösen Erfahrung", gibt der Stuttgarter Sektenexperte Michael Mildenberger zu bedenken, ließen sich ohnehin durch strafrechtliche Verfolgung nicht "auflösen". Theologe Mildenberger: "Gott Krischna entzieht sieh der Beweisaufnahme."

DER SPIEGEL 50/1977
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