05.12.1977

OSTHANDELSteht bis Weihnachten

Der Volkswagenkonzern einigte sich mit der DDR auf ein spektakuläres Großgeschäft: Lieferung von 10000 VW-Golf. Die Wolfsburger drückten gute Konditionen durch.
Am vergangenen Donnerstag, pünktlich 13.00 Uhr, empfing VW-Vorstandsmitglied Horst Münzner einen seltenen Gast. Siegfried Brückner, Verkaufsmanager der Ost-Berliner Außenhandelsfirma Transportmaschinen Export-tmport, war zu einem "freundschaftlichen Arbeitsessen" nach Wolfsburg gereist, um den zweiten Teil eines spektakulären Großgeschäftes zu besprechen: Die DDR hatte in Wolfsburg 10 000 VW-Golf für rund 80 Millionen Mark geordert, VW seinerseits hatte zugesagt, Waren im gleichen Wert aus der DDR zu beziehen.
Bei seinem "ersten Zusammentreffen mit dem Mann von der anderen Seite" (Münzner) kam der Westdeutsche rasch zur Sache. Der Chef-Einkäufer des Volkswagenkonzerns wollte von seinem Ost-Partner wissen, welche Waren die DDR seinem Unternehmen eigentlich zu bieten habe.
Unauffälliger noch als das Wolfsburger Treffen vom letzten Donnerstag hatte VW-Chef Toni Schmücker persönlich in nur wenigen Wochen den ersten großen Autohandel zwischen Deutschland Ost und Deutschland West abgeschlossen. Wirklich perfekt gedieh in der Eile nur der erste Teil des Geschäfts. Noch in diesem Dezember liefert VW die ersten Golf, die Stück für Stuck bar bezahlt werden müssen, gen Osten.
Das Gegengeschäft ist bislang lediglich in einem " Letter of intent", einer bloßen Absichtserklärung, geregelt. Darin erklärten sich die Wolfsburger bereit, die Warenangebote der DDR eingehend und wohlwollend zu prüfen.
Selbst eine gewichtige Einschränkung der Wolfsburger wurde von den Ostdeutschen klaglos akzeptiert. VW wird nicht etwa, wie bei Kompensationsgeschäften üblich, auch Agrarprodukte oder Textilien, die erst durch Dreiecksgeschäfte zu Geld gemacht werden können, einkaufen. Gegenstand des Geschäfts sind vielmehr laut Absprache nur Zulieferteile für Wolfsburgs Autos, etwa Reifen, Lampen und Scheiben oder aber Investitionsgüter für die eigene Fertigung.
Gut für Volkswagen: Denn obgleich der DDR-Auftrag für Wolfsburger Verhältnisse nicht allzu eindrucksvoll ist -- der Konzern produziert am Tag etwa 7500 Polo, Golf, Passat und Audi
rechnen die VW-Manager bereits hoch. "Wenn man erst einmal in dem Markt ist", freut sich etwa Münzner, "dann geht es auch irgendwie weiter." Darauf setzt auch Schmücker, der, von den internationalen Verkaufserfolgen der Japaner verschreckt, schon seit Monaten nach ungesättigten Automärkten Ausschau hält. "Schauen Sie mal nach Osten". meinte der Konzernchef bereits vor Monaten, "da sind noch riesige weiße Flecken auf unserer Landkarte."
Nicht nur die DDR, die sich bislang gegen Arno-Importe sperrte und lediglich einige hundert Volvos und Fiats für die Spitzenfunktionäre aus Regierung und Partei orderte, ist für die Westdeutschen ein lohnendes Absatzgebiet. Auch die anderen Comecon-Länder haben nur schlecht entwickelte Auto-Produktionen, die mit der heimischen Nachfrage nicht annähernd Schritt halten können.
Wie die DDR sperrten sich auch die anderen Staatshandelsländer stets gegen Auto-Importe aus dem Westen. Sie wollten ihre knappen Devisen nicht für unproduktive Konsumgüter ausgeben, sondern reservierten sie für die Anschaffung von Produktionsmitteln und für unverzichtbare Rohstoffe.
Nur sporadisch und meist ohne dauerhafte Erfolge kamen die Wolfsburger zum Zug. So orderten 1973 die Ungarn 10 000 VW-Käfer. Die Deutschen verzichteten auf Barzahlung und akzeptierten als Gegenleistung Kunststoffbezüge, Lampen und Elektroteile. Aber schon nach wenigen Monaten und der Auslieferung von 6000 Autos kamen die Budapester in Verzug. Der Handel wurde gestoppt.
In den folgenden Jahren lieferten die Wolfsburger ganze 1600 Autos gen Osten. Nur mit Jugoslawien läuft, wenn auch auf bescheidenem Niveau, das Geschäft: Dort werden jährlich bis zu 15 000 Volkswagen aus deutschen Einzelteilen zusammengeschraubt.
Um endlich den Durchbruch zu schaffen, wollen die Wolfsburger ihrer vagen Kompensatations-Zusage möglichst rasch Millionen-Abschlüsse folgen lassen. Und dabei "gibt es keinen Zweifel", so ein Mitarbeiter des VW-Einkaufschefs, "Münzner hat das schwierige Ende des Ganzen erwischt".
Hochwertige DDR-Produkte wie Werkzeugmaschinen, die auch die Wolfsburger gebrauchen könnten, werden ohnehin im Westen abgesetzt und sind inzwischen knapp geworden. Auto-Aggregate wie Einspritzpumpen für Dieselmotoren aber, die Volkswagen dringend braucht, hat die auf Zweitaktmotoren spezialisierte DDR-Industrie nicht zu bieten.
Auch die bisherigen DDR-Lieferungen an Wolfsburg bringen Münzner kaum auf gute Ideen. Zwar riß der Kontakt zwischen VW und den Ost-Außenhändlern nie ganz ab: Eine Flotte von etwa 8000 Uralt-Käfern mußte mit Ersatzteilen versorgt werden. Doch in der Gegenrichtung lief kaum etwas. "Nur ein paar Elektromotoren und Kleingerät" (Münzner) im Wert von nicht einmal 100 000 Mark pro Jahr.
Dennoch sind die Wolfsburger Osthändler optimistisch. Volkswagen hat im In- und Ausland bei einem jährlichen Einkaufsvolumen von über zehn Milliarden Mark genug Spielraum, um in den nächsten Jahren 80 Millionen für den Ost-Partner abzuzweigen. Einkäufer Münzner jedenfalls ist seiner Sache sicher: "Bis kurz vor Weihnachten steht die Einkaufsliste fest."

DER SPIEGEL 50/1977
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