05.12.1977

Adolf Muschg über Otto F. Walter: „Die Verwilderung“Die Hoffnungen sind nicht überholt

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, 43, veröffentlichte in diesem Jahr die Biographie "Gottfried Keller". -Muschgs Landsmann und Kollege Otto F. Walter, 49, wurde durch die Romane "Der Stumme", "Herr Tourel" und 2Die ersten Unruhen" bekannt.
Dieses Buch handelt zunächst vom Versuch Robs, eines jungen Automechanikers, außerhalb seiner Arbeitszeit, außerhalb der Ortschaft Jammers, in der stillgelegten "Huppergrube" für sich zu leben. Später kommt die Studentin Leni an den gleichen Ort; sie hat die Erfahrung gemacht, wie gut man über Entfremdung reden kann, ohne sie durch Reden zu vermindern, im Gegenteil.
Ein Dritter, der von seinen 68er Erwartungen heruntergekommene Reporter Blumer, wird von dem Paar vor dem Selbstmord gerettet, worauf die Frage: wozu? zu dritt beantwortet sein will, aber wie; jedenfalls nicht mit einer absehbaren Dreiecksgeschichte, auch wenn die bekannten Muster sich alle melden: Besitzansprüche, Eifersucht, neue Isolation.
Weitere Leute stoßen dazu, die Robinsoninsel erweitert sich zur Kolonie, aber, so weit immer möglich, ohne gegenseitige Kolonisierung, ohne die Bräuche des umgebenden Mutterlandes Schweiz zu übernehmen.
Das vielleicht lebenswichtige Gut, das in der Huppergrube produziert werden soll, hat noch keinen Namen, es wird durch gemeinsame, auch trennende Erfahrungen erst hergestellt. Man versucht, Tag für Tag auf dem Niveau geprüfter Einsichten und wirklicher Gefühle zu existieren, Programmwörter werden vermieden, auch wenn Regeln für die Selbstverwaltung gefunden werden müssen.
Die Frage, ob der Versuch eine Chance oder einen Sinn habe, darf weiterhin gestellt werden, auch wenn Tatbeweise stärker gefragt sind. Im Grenzfall hat die Ehrlichkeit Vorrang vor der Gemeinsamkeit, man bemüht sich aber, diesen Grenzfall weniger zwangsläufig als anderswo eintreten zu lassen. Auch so, oder eben so, wird die kleine Bewegung zur Provokation für die Bewegungsarmut der Normalgesellschaft.
Das Ende wird von außen gesetzt, die Einladung zum gemeinsamen Feiern geht in Feuer und Schüssen unter: Die Blockbewohner der nahen Stadt, die "Freiwillige Aktion zur nationalen Sicherheit der Schweiz ASS", die Helden der doppelten Moral stellen das, was sie für Ordnung halten müssen, mit Gewalt wieder her.
Dies der Inhalt der "Verwilderung". Dafür, daß er nicht zur Bestätigung des theoretisch Wohlbekannten, zur Praxis des Vorurteils mit andern Mitteln werde, sorgt der Autor durch Rücksichten der Form. Er schreibt einen Roman, also die klassische Fiktion der großen (auch der illusionären) Liebe, weil nur sie die sinnliche Glaubwürdigkeit verspricht, die er für sein Thema benötigt, und so Beweiskraft erzeugt für die Lebensfähigkeit der Kooperative.
Die alte Weisheit der Ästhetik kommt ja jetzt wieder zu Ehren, daß kunstvolle, leiblich genießbare Fiktion auch politischen Tatsachenbeweisen eher gewachsen ist als andere Schreibarten. Sie behauptet nicht, sie überzeugt durch sich selbst. Otto F. Walter hält aber am Romanzen-Charakter der Romanform auch aus einem schlichteren Grunde fest. Er mag seine Figuren; er identifiziert sich mit ihren Erwartungen, auch wenn er durch seine Leitfigur Blumer den Abstand bezeichnet -- der Generation, der Desillusion -, den es dabei zu verKürzen gilt.
Aber eben das Nicht-Blinde dieser Autoren-Liebe, die zu ihrer Verwirklichung einen Roman benötigt, verbietet auch dessen Geschlossenheit. Gerade weil Walter nicht höher steht oder weiter weiß als seine Roman-Leute, aber an ihrem Gelingen hängt, überschreitet er ihnen zuliebe immer wieder die sogenannte Kunstgrenze. Er hält ihnen seine Information als Zeitgenosse zu Diensten, deckt ihnen gleichsam den Rücken zur fortbestehenden gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Die nähere Umwelt, das schon fast erfrorene Leben in den Wohnblocks, aber auch die weitere Nachrichtenlage werden dokumentarisch abgetastet -- "Kalendergeschichten" melden immer wieder die Tatsache Rezession; als dürre Zeitungsmeldung verbirgt sie, daß sie ebenfalls von Menschen gemacht wird, verbirgt aber nicht, daß sie, auf allen Ebenen, gegen den Versuch in der Huppergrube spricht.
Als Wächter seiner Liebenden kann der Autor eigentlich nur Bedrohung melden. Aber ebenso -- und hier beginnt das Legitimieren -- wird er selbst eine Gestalt mit literarischer Tradition, die er zugunsten Robs, Lenis etc. zitiert: die Troubadours, die Bruderschaften vom gemeinsamen Leben, die geheimen Überlieferungen rückhaltloser und ketzerischer Minne -- bis hin zu ihrem ackerbürgerlichen Endstück, Gottfried Kellers " Romeo und Julia auf dem Dorfe".
Und da auf diese Eideshelfer wenig nüchterner Optimismus zu bauen ist. wird die Zeugenschaft um Theoretiker erweitert: Bachofen, Horkheimer, Borneman, Fromm und andere dokumentieren, was an familiären Freiheiten, sozialen Alternativen möglich war, also möglich bleiben müßte. So wird aus Fakt und Fiktion, Nachricht und Hintergrund, Versuch und Irrtum die offenbleibende Skizze eines besseren Zustandes zusammengestellt. Sie macht sich ihren Bekenntnischarakter zwar schwer, verleugnet ihn aber nicht.
Es ist nicht nur "modernes Erzählen", es gehört zur Gewissenhaftigkeit dieses Autors, daß er sich in die Kontrolle, die er übt, selbst einschließt. Die Erforschung einer Perspektive für die Kooperative S (wie Selbstverwaltung) wird nicht getrennt von der Überprüfung der eigenen Darstellungsmittel, der persönlichen Legitimation zur Hoffnung.
Auch daß der Roman die Hoffnung, an der er arbeitet, durch ein Ende mit Schrecken widerlegt, soll nicht sein letztes Wort sein. Die Einladung zu gemeinschaftlichem Leben reicht weiter, und sie wird, im Roman, gerade von dem Zweifler Blumer weitergereicht.
Daß ein solches Buch an mancher Stelle gegen sich selber zeugen muß, liegt an der Redlichkeit seiner Anlage, auch an seinem Glaubensmut. Die Tatsachen, an deren Objektivität der Autor rüttelt, können ihn für den unbeteiligten Kritiker an solchen Stellen zu treuherzig erscheinen lassen. Ich bin dieser unbeteiligte Kritiker nicht.
Was mich stört -- etwa das Pfadfinderische einiger Debatten in der Kooperative, der Hauch von Liebestod beim Ende Robs und Lenis -, darf mich nicht bis zur Rechthaberei stören, wenn ich der Mutlosigkeit, gegen die Walter anschreibt, nicht recht geben will. Dafür muß seine Hartnäckigkeit beim organisatorischen Detail in Kauf genommen werden, denn so sieht der Preis aus, um den wir ernsthaft über Zukunft, nein: über praktikable Gegenwart reden, und eben nicht nur reden, können.
Walters Bücher sind, seit dem "Stummen", in einem Ort namens Jammers angesiedelt. Exemplarisch ist er, wie die Kleinstadt Olten am Südfuß des Jura, als Schnittpunkt des Verkehrs. Daß dieser funktioniere, stimmt auf dem Niveau der Bundesbahn-Fahrpläne, auch der Umgangsformeln der Bewohner untereinander, ihrer Redensarten über sich selbst. Daß er, als so funktionierender, im Kern gestört ist, zeigen Walters Prosaarbeiten in verschiedener Höhe dei Diagnose an. Die Geschichte der blockierten Zunge eines jungen Arbeiters ("Der Stumme") konnte noch als Einzeischicksal gelesen werden. "Die ersten Unruhen" stellen die Möglichkeit der Verständigung bereits auf der Ebene ihrer systematischen -- und systembedingten -- Fehlsteuerung zur Diskussion. Die Informationen, die diese Jammers-Gesellschaft -- in der "Wir"-Form -- über sich selbst besitzt oder zu besitzen behauptet, geben sich in Walters Montage bereits als Trümmer zu erkennen, bevor die soziale Explosion stattfindet.
"Die Verwilderung" nun besetzt ein ungenütztes Stück Jammers mit Individuen und vergrößert es zum Topos einer Zuversicht. Daß er, wie jede Vergrößerung und wie jede Hoffnung, seine Unschärfe hat, läßt dem Blick eine Chance zur Mitgestaltung.
Sehr deutlich aber macht das Buch für mich eines, seine Hauptsache: daß die Überforderung, die die Veränderer seit den Sechzigerjahren sich selbst und der Gesellschaft angetan haben, ihre Forderungen nicht erledigt, sondern dringlicher gemacht hat. Nicht die Hoffnungen sind überholt, sondern die blinde Ungeduld bei ihrer Verfolgung.
Ungeduld sei das scheinbare Einpfählen einer scheinbaren Sache, ist bei Kafka zu lesen. Bei Walter kann man sehen lernen, daß der Schein, wenn er nur sachlich genug ist, nicht trügen muß, und daß aus Pfählen bei reeller Arbeit wieder Wegweiser werden.

DER SPIEGEL 50/1977
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