02.01.1978

RAUSCHGIFTHauptstadt der Fixer

In keiner europäischen Großstadt ist die Rauschgift-Todesrate, gemessen an der Zahl der Suchtigen, so hoch wie in West-Berlin. Selbst in der USDrogenhochburg New York ist sie niedriger.
Babette Döge, 14, stichelte sich die winzige Morphium-Kanüle, Kaliber 18, in die linke Hand. Als man sie fand, waren die Fingerkuppen, so der Befund, "leicht vertrocknet", die Nagelbetten grau-blau angelaufen. Die Einwegspritze steckte noch in der Vene.
Siebenmal hintereinander setzte sich Pennäler Ingo Hillmer, 15, rauschgiftsüchtig wie die Schülerin, einen Schuß Heroin in die vernarbten Venen. Beide überlebten die Tortur nicht.
Babette, seit einem halben Jahr an der Nadel, hatte sich eine Überdosis injiziert, die der geschwächte Organismus nicht verkraften konnte. Der blasse Junge mit dem schulterlangen Haar hatte, so der Fixerslang, absichtlich einen "goldenen Schuß" gedrückt den letzten ohne Wiederkehr.
"Ich weiß, Mutter". so sein Abschiedswort, "Du möchtest mir helfen, aber kein Mensch kann mir mehr helfen."
Wie den beiden jüngsten Drogenopfern dieses Jahr in Berlin konnte auch den anderen niemand helfen. Bereits 84 Rauschgiftsüchtige bis Mitte letzter Woche, die meisten zwischen 19 und 25 Jahre alt, starben seit Januar auf ähnliche Weise -- eine Steigerung um 30 gegenüber 1976, fast ebenso viele wie in den Jahren 1971 bis 1975 zusammen.
Und längst wird aufgelistet: der Berufslose Günther Hackbarth, 27, den die Therapie des umstrittenen Drogen-Vereins Narconon ebensowenig von dem Gift wegbrachte wie die Caritas -- Drogenopfer Nr. 37; die Eisenwarenhändlerstochter Sabine Virkus, 17, die für den Trödel Bilderrahmen restaurierte -- Drogenopfer Nr. 51; das Animiermädchen Manuela Stanke, 23, das in einer Sexfilmbar still vom Hocker kippte -- Drogenopfer Nr. 57; der Diskjockey Jens Karlin, 25, den die Stadtreinigung leblos in der Damentoilette auffand -- Drogenopfer Nr. 65.
Die hätten "'nen Flachmann gebaut", heißt es dann jeweils, Betroffenheit verdrängend, in der Szene, "'nen Abgang gemacht", "die Augen auf Null gestellt". Und für manche ist es, viele ahnen es, die eigene Prognose. Berlins Abhängige haben, so rechneten Wissenschaftler hoch, im Vergleich mit nichtsüchtigen Altersgenossen eine ums Zwanzigfache verringerte Lebenserwartung. Der programmierte Tod der Ausgeflippten hat die einstige Metropole zur "Hauptstadt der Fixer" ("Die Zeit") gemacht. In keiner europäischen Großstadt ist die Todesrate, gemessen an der Zahl der gefährdeten Süchtigen, so konstant und so hoch.
Selbst die Drogenhochburg New York, 49 000 Süchtige, fällt da ab. Dort sterben, wie der Berliner Drogenspezialist und Rechtsmediziner Professor Friedrich Bschor hochrechnete, im Jahresdurchschnitt sechs bis sieben von 1000 Abhängigen, in Berlin sind es mehr als 20. Die "relative Mortalität" der Drogenabhängigen in der Stadt hat laut Bschor einen Spitzenwert erreicht, der im Vergleich mit der "im internationalen Schrifttum veröffentlichten Mortalitätsziffer" keine Paralelle finde.
Derzeit wird das Berliner Phänomen wissenschaftlich aufbereitet. Die 88 Fälle zurückliegender Jahre bis 1975 analysiert Medizin-Doktorand Sigurd Junge aus dem Bschor-Team. Er untersucht "Drogenkarrieren", die Stationen der Opfer auf dieser Einbahnstraße der Sucht. Er vergleicht die Sozialstruktur der Opfer, stellt die Frage, wem zerrüttete Familienverhältnisse den Abgang in die Subkultur erleichterten: erwartungsgemäß der großen Mehrheit. Gute Kontakte zum Elternhaus ließen sich mit Mühe gerade bei jedem zehnten rekonstruieren.
Erste Ergebnisse der Gruppe um Wissenschaftler Bschor:
* Bei einem Drittel ließ sich bewußt inszenierter Selbstmord nachweisen. Getrieben von scheinbarer Auswegslosigkeit injizierten die Opfer den "goldenen Schuß", panschten Drogen und Psychopharmaka oder sprangen, immerhin in acht Fällen, durchs Fenster in die Tiefe -- dies vorwiegend nach Einnahme der einstigen Modedroge LSD. > Knapp ein Drittel der Opfer war lediglich zur Bedarfsdeckung von außerhalb in die Stadt gekommen. Wenig später wurden sie dann aufgefunden -- mal "in einem Benommenheitszustand"' mal schon "in halbverwestem Zustand" (Polizeibericht), in einer Fixerkommune oder auch auf dem Oberdeck eines Busses der Linie 62.
Auch rückfallbedrohte Altsüchtige, die für kurze Zeit entzogen haben (Jargon: "Stolper-Clean"), sind nach Junges Erhebung in akuter Lebensgefahr. Die entwöhnten Körper vertragen die alten Dosen nicht mehr, die Folge ist oft eine Opiatevergiftung. So starben fünf der 88 bald nach Entlassung aus klinischem Entzug, vier, nachdem sie aus geschlossenen Häusern in die Szene entwichen waren, und sechs unmittelbar nach der Haftentlassung oder während eines Regelurlaubs.
Gefährlichen Zufällen sind die Suchtigen durch Eigenheiten des Drogenmarkts ausgesetzt. Das Zeug, das Händler oder Kleindealer (Slang: die Ameisen) mischen und zur Profitmaximierung etwa mit Traubenzucker, Ascorbinsäure, Milchzucker oder, wie vermutet wird, vereinzelt gar mit Strychnin strecken, ist von der Konsistenz her keinesfalls kalkulierbar. Berliner Heroinproben der jüngsten Zeit ergaben unterschiedliche Konzentrationen zwischen 15 und 50 Prozent -- eine Differenz, die selbst für abgebrühte Fixer tödlich sein kann und es womöglich auch war: Als in einer Winterwoche gleich sieben Abhängige starben, lag das nach Meinung der Berliner Kripo vorwiegend am unterschiedlichen Substanzwert der in Umlauf gebrachten Ware.
Daß trotz solcher Unwägbarkeiten der Berliner Drogenschwarzmarkt nicht nur für Einheimische attraktiv ist, liegt an seiner besonderen Ergiebigkeit. Verglichen mit Frankfurt, München, Hamburg oder den Filialen in süddeutschen Kleinstädten nimmt er nach Meinung von Bundeskriminalamts-Experten eine "exponierte Stellung" ein.
Den Beleg lieferten diverse Razzien: Traten andernorts Engpässe auf oder wurde die Suchtware zur Preisanhebung künstlich verknappt, gab's in Berlin immer noch was zu holen. Der Dealerpreis für das Gramm Heroin derzeit, gut für zehn bis zwanzig Schüsse: zwischen 220 und 250 Mark.
Seit nach Kripo-Erkenntnissen fast 80 Prozent der harten Drogen aus dem Nahen Osten kommen, rechnen Experten mit einer weiteren Kapazitätsausweitung: Ausbau einer Drogendrehscheibe für internationale Abnehmer. Im Kreis der 75 000 türkischen Gastarbeiter, mehr noch unter den 5000 illegal am Ort vermuteten Landsleuten, würden sich, so fürchtet die Polizei, schon genug Kuriere finden lassen.
Den Einreisenden steht dabei nicht nur die bekannte Route vom DDR-Zentralflughafen Schönefeld via S- und U-Bahn zur Verfügung. Selbst der Tegeler Charterflugverkehr gibt der Zollfahndung zu knacken. Ihr Berliner Leiter, Regierungsrat Joachim Frank: "Sehen Sie sich mal an, wie aus drei Flugzeugen 500 Türken mit Säcken und Kisten kommen und von 3000 Landsleuten empfangen werden."
Die Homogenität der Berliner Verbraucherszene selber -- vertreten bis in die Haftanstalten, wo, bei hoher Dunkelziffer, mindestens 15 Prozent der Insassen süchtig sind kommt dieser Entwicklung entgegen. Die Hintermänner des Handels sind nicht ausgemacht, gefaßt werden stets nur die kleinen Verteiler. Ob an der Dealer-Promenade Tauentzien-Gedächtniskirche-Café Kranzler, jeweils rechte Ku'dammseite, ob auf U-Bahnhöfen in der Gropiusstadt, in der Gegend um den Lehniner Platz oder in Grünanlagen wie dem Jahnpark, direkt neben dem Denkmal des ehrwürdigen Turnvaters -- den großen Coup landeten Berlins Rauschgiftfahnder bislang noch nicht.
Die allein bei der Kripo registrierten 1600 Rauschgifttäter, die im Schnitt alle anderthalb Jahre polizeiauffällig werden, sichern zwar volle Gerichtssäle. Zur Verknappung der Ware indessen hat das kaum beigetragen.
Zudem hat sich in den letzten Jahren die Struktur der Szene grundlegend gewandelt -- der akademischen Cannabis-Avantgarde folgten die proletarischen Nachahmer, nur mit härterem Stoff. Der überwiegende Teil der Oberschüler und Studenten, die seit Mitte der sechziger Jahre ihre riskanten Randerlebnisse per Haschjoint mit einem verschwommenen Protest gegen die unwirtliche Welt verbanden ("high sein, frei sein, Terror muß dabei sein"), machte den Wechsel zur harten Droge nicht mit. Die Lücke füllten Schüler, Arbeiter, Arbeitslose.
In der Totenliste der Jahre 71 bis 75, ergab die Junge-Untersuchung, finden sich nur die Namen von fünf aktiven Studenten, hingegen die von 17 Jungarbeitern. Aus dem Protokoll von "Schrippe", gelernter Dekorateur und einer der ersten Berliner Drogentoten: "Meine Eltern sind geschieden und natürlich, meine Scheißmutter hat wieder Scheiße gemacht. Hat hier in Berlin angerufen, sie hätte von der Spritzerei gehört. Hat sie natürlich ein Spiel gemacht. Ich hab gesagt, ich hätte nur Dicandit-Tabletten geschossen, das wäre harmlos, das wär' Kinderzeug gewesen."
1970 räumte er mit einem Freund den Giftschrank einer Apotheke aus. Der Sachverständige vor Gericht würdigte den "zur Zeit ausgeglichenen psychischen Zustand", und das Gericht setzte die Strafe -- nach der Zusicherung, drogenfrei zu bleiben -- zur Bewährung aus. Zwei Tage später starb er, nach einer Injektion.
Sein Freund, genannt "Typ", nach der Einlieferung: "Ich hab ihm den Schuß gesetzt. Wir haben uns alle 'n Schuß gemacht. Zuerst haben wir noch darüber geredet, daß der Schuß gut ist. Auf einmal steht er an der Tür und knallt so lang hin."
Oft schon in früher Jugend werden Positionen auf der Route zum Rauschgift gesteckt. Helmut etwa wird mit 12 Jahren erstmals polizeibekannt. Ein Binnenschiffer hat ihn angezeigt, die Haltetrosse seines Motorschiffes ins Wasser geworfen zu haben. Neun Tage später notiert eine Bedienstete des Jugendamtes Klagen der Mutter ("sie habe überhaupt Kummer mit ihm") und schafft einen Vorgang: "Die Betreuung wird aufgenommen." Das Schulzeugnis im selben Jahr schafft weitere Fakten: "Wegen Unfolgsamkeit und Unwahrhaftigkeit mußte er häufig hart getadelt werden." Vier Jahre später lassen sich die Eltern scheiden. Amtsgutachter notieren nunmehr: "Starke Verwahrlosungsautomatik". Zwei Lehrverhältnisse gehen in die Brüche.
In dieser Zeit gerät er an Rauschgift, gibt es erste Verurteilungen. Den letzten Brief an die Mutter ("Bitte denk nicht, daß ich immer schlecht war, denk auch an das Gute") schreibt er aus der Haft: "Wo ich verhaftet wurde, da habe ich doch über 20 Trips drinne gehabt, und dabei muß bei mir im Hirn etwas kaputtgegangen sein. Ich sehe andauernd Tiere krabbeln, und wenn ich hingreife, sind sie weg, oder es bewegt sich etwas, was stillsteht." Insgesamt fünf Selbstmordversuche hat er hinter sich, als er schließlich, wieder entlassen, die Überdosis drückt.
Und wie Helmut hat knapp die Hälfte der Betroffenen Entzugsversuche hinter sich -- in den eigenen vier Wänden, in der Haft oder einer der diversen West-Berliner Drogenberatungsstellen und Fachkliniken. Fixer Hackbarth etwa konsultierte den Leiter der Drogenberatungsstelle der Caritas, Berndt-Georg Thamm, an die 60mal -- ohne Erfolg letztlich.
Fünf Wochen vor ihrem Rauschtod urteilte ein Psychiater über die Berliner Fixerin Ariane: "Ansätze guten Willens sind da, aber sie ist sozial kaputt." Und ihre Bewährungshelferin' die der gelernten Buchhändlerin einen Job im Bücherladen ("Die ersten Kunden waren Dealer") und eine Entzugskur in einer West-Berliner Nervenklinik (,Bormies Ranch") vermittelte: "Wir haben machtlos zusehen müssen, wie sie verfiel."
Öffentliche Hilfe, mit oder ohne Erfolg, ist ohnehin rar. Zwar macht der Berliner Gesundheitssenat in einem Sofortprogramm voraussichtlich 8,6 Millionen locker -- für neue Planstellen, zur Erweiterung einschlägiger Kliniken und Beratungseinrichtungen. Aber der erfahrene Drogen-Experte Thamm weiß, daß es bei einem "gewissen Blutzoll" bleiben wird.
Die jungen Neuzugänge in die Szene, die halbwüchsigen Fixer, die allein an 56 Berliner Schulen registriert wurden -- sie sind, sagt Thamm' "die Drogentoten der achtziger Jahre".

DER SPIEGEL 1/1978
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