12.12.1977

FUSSBALLIns Abseits

Neun Fußball-Stars aus der DDR flüchteten bisher in die Bundesrepublik, um eine Profi-Karriere zu starten.
Torwart Jürgen Pahl und Stürmer Norbert Nachtweih spielten Fußball für Chemie Halle, träumten aber von der Bundesliga im anderen Deutschland. Im Herbst 1976 kamen sie mit der DDR-Junioren-Auswahl nach Istanbul und "machten in den Westen".
Schon zwei Wochen später gelangten sie an die richtige Bundesliga-Adresse: Eintracht Frankfurt. Dort hatte soeben ein Trainerwechsel stattgefunden. Der neue Trainer Gyula Lorant, ein Ungar, der sich nur schlecht deutsche Namen merken kann, beglückwünschte die Überläufer: "Der Nachtfalter wird bei mir der neue Spielmacher, und der Pahlinski löst mal den Nationaltorwart Sepp Maier ab."
Es kam ganz anders. Der DDR-Fußballverband beantragte zwei Jahre Sperre für die abtrünnigen Fußball-Pioniere. Trainer Lorant fand plötzlich keinen Gefallen mehr an den nicht verwendbaren Kostgängern, die monatlich bis zu 2000 Mark erhielten. "Der Nachtweih ist wirklich ein Nachtfalter", mäkelte Lorant. "Der kennt sich am Bahnhof, wo die zweibeinigen Pferdchen laufen, besser aus als auf dem Fußballplatz."
Tatsächlich rockte und zockte Norbert Nachtweih, 20, ausgiebig im Nachtklub-Milieu. "Das ist das Natürlichste der Welt gewesen", wehrt er sich heute. "Spielen konnte ich ja sowieso nicht, jetzt bin ich aber gefestigt." Inzwischen erteilte auch der Weltverband den gesperrten DDR-Junioren zum 12. Dezember die Freigabe für die Bundesliga.
Jürgen Pahl, 21, in der DDR Kandidat der SED und Sport-Student, genügten einige Diskotheken-Besuche, um das vorgeformte Bild vom "kapitalistischen Westen" bestätigen zu können. "Das erste Jahr ist wie erwartet verlaufen", resümiert er. Als er jedoch Trainer Lorant ("Alle Spieler sind meine Kinder") bat, nebenher Russisch studieren zu dürfen, bekam der Fußball-Lehrer einen Wutanfall: "Du fangen Bälle, nicht Vokabeln." Später empfahl Lorant dem Präsidium: "Den verkaufen wir."
Vor Pahl und Nachtweih hatten sich schon sieben andere Fußball-Grenzgänger in der Bundesrepublik "auf Dauer eher verschlechtert", wie Michael Polywka aus Jena nach fünf Profi-Jahren bei Eintracht Braunschweig und Hannover 96 feststellte. Der gutaussehende Polywka erlag den Verlockungen der Vergnügungsindustrie mehr als den Vorzügen des Fußballgeschäfts, das ihm monatlich 10 000 Mark eintrug. Auch die beiden Volkspolizisten Emil Poklitar (1. FC Saarbrücken) und Horst Aßmy (Tennis Borussia Berlin) sicherten sich niemals Stammplätze in Bundesliga-Mannschaften.
"Ich zerbreche nicht, wenn ich auch noch ein halbes Jahr nicht spiele", erklärt Pahl. "Man soll nicht alles so hastig sehen." Die Chancen bei Eintracht Frankfurt für ihn und Nachtweih sind letzte Woche gestiegen, weil Trainer Lorant im Krach zum FC Bayern München wechselte und Bayern-Trainer Dettmar Cramer zur Frankfurter Eintracht kam. Lorant hatte der Eintracht vorgeworfen, daß ihm binnen eines Jahres keine Nachwuchsspieler zugeführt worden seien. Um Pahl und Nachtweih hatte er sich indessen nicht mehr gekümmert.
"Es gibt hier eben egoistische Methoden, die man in der DDR nicht kennt", sagt Jungmann Pahl. "Das Menschliche tritt hier in den Hintergrund."
In der DDR haben "wir doppelt soviel trainiert wie hier in Frankfurt", berichtet Stürmer Nachtweih. "Dennoch wird in der Bundesliga besser gespielt." Ihre Hoffnung Bundesliga wollen sich Pahl und Nachtweih notfalls auch bei anderen Klubs erfüllen. "Drüben", vermutet Pahl, hätten sie vielleicht zehn Jahre gespielt und monatlich 2000 Mark kassiert, aber danach wären "wir halt wieder Arbeiter gewesen". In der Bundesliga, so hofft er noch immer, "kann ich mich mehr entfalten" und später vielleicht "mein eigener Herr sein
Doch daß jemals einem flüchtigen DDR-Fußballspieler die Bundesliga Zugang zur "individuellen Karriere", so Pahl, oder gar kapitalistischen Profit eintragen könnte, glauben offenbar auch DDR-Funktionäre nicht mehr. Mathias Hachenberger, 20, von Dynamo Dresden und Pahl-Nachfolger als Torwart in der DDR-Junioren-Auswahl, durfte letzte Woche regulär in die Bundesrepublik ausreisen.

DER SPIEGEL 51/1977
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