12.12.1977

Eitle Träume vom schönen Tod

Von Vollmann, Rolf

Also schön, dann sollen sie ihre Tode träumen und nach den Träumen nun hoffen, daß sie träumend hinübergelangen ins große graue Nichts, aus dem am Ende auch sie mit keinen Träumen zurückfinden werden -- wir andern wollen, weil sie das tun und solang sie uns lassen und solang wir noch können, wach nachzudenken versuchen über das, was der Tod ist.

Gegen die Träumer -- ihr Kurs-Buch, Moodys "Leben nach dem Tod", steht seit Wochen auf den Bestseller-Listen -- scheint aber schon das der erste Affront zu sein: daß wir nachdenken wollen, allein dies. Fügen wir also rasch hinzu: seit Nietzsche einmal den Verdacht ausgesprochen hat, es könne sich bei der Idee, nur die begründende Vernünftigkeit sei das Fundament der Wahrheit, durchaus um ihr erstes Vorurteil handeln -- seit diesem befreienden Verdacht muß das Nachdenken schon lange nicht mehr so erfahrungslos sein, wie es sich mitunter gern den Anschein gegeben hat, hochmütig genug, wenn man so will, im Grund aber auch ängstlich, gottgefällig und selbstgerecht.

Das Nachdenken, das den Erfahrungen auch dann den Vorzug vor der bloßen Logik gibt, wenn es dabei in den Augen des Logikers die Grenzen der Poesie überschreitet (oder zum Aphorismus, bei Nietzsche), kann natürlich an Grenzen stoßen, die der Traum mühelos überwindet. Das muß aber nicht für den Traum und deshalb gegen das Nachdenken sprechen; daß die Logik zu eng für die Welt ist, leuchtet dem Nachdenken ein, auch ihm, aber daß der Traum mehr weiß als das Nachdenken, das leuchtet allein noch den Träumenden ein und ist sonst ein Glaube wie der an die Logik. Daß das Nachdenken also an Grenzen stößt, muß nicht an seinem Unvermögen liegen, sondern kann die Schuld der Welt sein. de für die Logik zu groß, für das Nachdenken vielleicht zu disparat ist, aber eben darum doch ncht so gebaut sein wird, daß Träume sie fassen.

Die Träumenden sind jeder in seiner Welt (das kollektive Unbewußte ist bloß der Gott, den sie gern hätten, damit er es ihnen im Schlaf gäbe). Wach nachdenken zu wollen: das ist der zweite Affront gegen sie. Aber gerade das Wachsein führt hier zur Sache, nämlich dem Tod. Denn der Zorn über den Tod (der Tod ist die Pest der Welt, sagt Jean Paul einmal, oder so ähnlich), und wer nicht zornig wird, weiß nichts über ihn, der kommt aus keiner Trauer darüber, daß man selber einmal sterben wird, sondern aus der Trauer über die, die gestorben sind. Aber diesen zornig machenden Tod der andern gibt es in seiner ganzen Wahrheit eben gerade nicht für die Träumenden: die sind ja in ihrer eigenen Welt. Nur wenn man nicht träumt, sieht man die andern wirklich sterben, sie selber, und sieht sie dann tot, und sieht also sie, und nicht sich selber, genau dessen beraubt (nämlich des Lebens), dessen bloß beraubt werden zu können mit dem Tod verglichen noch gar nichts ist.

Der Tod ist dieses Beraubtsein, dieses abgeschnittene, dieses zerschlagene Leben, um das der, der um das eigne bangt, doch immerhin noch bangen kann. Nicht die Erfahrung, die sich selber sieht, wie sie trauernd einen Verlust beklagt, ist die Erfahrung des Todes (und sie allenfalls hat zu den Träumen Zutritt, die ja nur trösten, wenn sie von Glück sprechen); die Erfahrung des Todes ist die des Mordes, den er an den andern begeht, des Erschlagens, das er denen antut, deren Dasein nicht unberechtigter war als das unsere, jedenfalls, wenn wir sie liebten.

Demgegenüber ist das Klagen über den eigenen Tod" eine bloße Weinerlichkeit, oder allenfalls ein Symptom jener Krankheit, die zum Tode führt, nämlich des siechenden Alters. Der eigene Tod ist dann ein therapeutisches Problem, also etwa ein Problem der Ärzte. Für ein Nachdenken, das die Toten nicht schon verachtet hat, als sie noch lebten, kann der eigene Tod" nicht zu einem wichtigen Problem werden. Und im Ernst ist er das ja auch für die

Träumenden nicht, wenn auch aus einem ganz andern Grund, nämlich diesem: so wenig, wie das, was sie sehen wollen, der Tod der andern ist, so wenig ist das, was sie gefunden zu haben glauben, überhaupt der Tod.

Sie schlafen unter dem bunten Schirm ihrer Innerlichkeit und sprechen dann: seht, so schattig und kühl ist die Sonne! Zufrieden gewordene und trauerlose kleine Hamlets made in USA, so kommen sie uns und sagen, wenn sie noch lesen, über den zaubernden Prinzen bloß: dem Manne kann doch geholfen werden!

Bloß hatte Hamlet eben einen Punkt gesehen, wo aller farbige Abglanz, den allein die Innerlichkeit vom Tode hat, gar nichts mehr hilft; und so redet er wohl von Träumen, aber dann sagt er mit großer Deutlichkeit, was den Tod ewig von der Innerlichkeit unterscheidet: der Tod nämlich sei "das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt" -- und das heißt in Prosa: wer mit welchen Träumen immer zurückkommt und sie erzählen kann, der war eines mit Sicherheit nicht, nämlich tot. Richtig tot (mit den Griechen muß man halt griechisch reden, und mit den Träumenden wie nicht einmal mit Kindern) ist man eben erst, wenn man nicht wiederkommt. Das ist furchtbar trivial, aber der Tod hat eben auch die Seite, daß er eine so furchtbare Trivialität ist.

Und mit nichts läßt sich gegen das furchtbar Triviale die Augen so fest und schön schließen wie mit der Umkehr vor ihm in die alte Innerlichkeit, oder in eine neue, wiederentdeckte, wenn man so will. Das Hinausziehen aufs Land war der erste Schritt, der zweite war Hermann Hesse (er kann wenig dafür), aber die beiden Schritte reichten noch nicht, und so tun sie nun der. dritten Schritt, ganz zurück in die Seele, dorthin, wo sie am dunkelsten ist.

Ein neuer Okkultismus bietet sich an.

Und Okkultismus, das ist hier die große Flucht aus einer Welt, von der dämmert, daß dort, wo die Grenzen ihrer Durchschaubarkeit sind, allenfalls Tod und Gewalt auf der Lauer liegen. Dieser Okkultismus will kein Nachdenken, vor allem keines, dem langsam aufgeht, wie es mit uns in dieser schönsten aller Welten beschaffen ist. Er will genau um dieses Nachdenken betrügen.

Betrachtet man daraufhin die Philosophie (die Theologie wollen wir nicht betrachten, denn es fällt schwer, in Sachen Tod eine Religion ernstzunehmen, die einen Auferstandenen vorzuweisen hat), dann macht man drei sehr widersprüchliche Entdeckungen. Bei Nietzsche, der den Untergang der metaphysischen, also der tröstlichen und möglichst vernünftigen Philosophie bisher in allen Folgerungen und Auswirkungen am klarsten und unvoreingenommensten beschrieben hat (Schopenhauer liest sich daneben etwas sehr halbherzig und im Gemüt, so sehr ihn das ehrt, noch allzu bewegt von den Wellen alter Gefühle), kommt der Tod als ein Problem, das davon lebte, daß ich sterben muß, praktisch gar nicht vor. Zuweilen redet er über den Selbstmord (den er natürlich bejaht), aber sonst hat er im Tod kein Problem für das Nachdenken gesehen.

Bei Heidegger, dem in vieler Hinsicht legitimen Nachfolger Nietzsches, tritt der Tod dann wieder mit gewaltigem Pomp auf, und zwar der eigene.

Der Tod, so erläutert uns dieser große Denker, ist nicht das plumpe Sterben, dieses Absterben, dieses gleichsam degoutante Nichtmehrdasein. Der Tod ist vielmehr das dem Tode ins Auge sehende, oder ihm unter die Augen tretende Führen des eigenen Lebens. Auf das Leben, das dem Tode nicht ausweicht in jede leichtgewichtige Lustbarkeit der vergeßlichen Welt, fällt vom unvermeidlichen und in seiner vollen Schwere akzeptierten Ende gewissermaßen ein Licht, das uns lehren kann, die Wahrheit des Lebens, meines Lebens, von der Seichtigkeit zu unterscheiden. Wenn man also richtig lebt, dann ist der Tod, auch wenn man nicht ständig an ihn denkt, immer schon so sehr ein Stück des Lebens, daß das Leben ohne ihn beinahe nichts wäre.

Man sieht, daß Heidegger furchtbare Angst vor dem Tod hat; aber mit einem ungeheuren Doppelsalto, dessen himmelstürmende Eleganz vor Augen zu führen hier der Platz fehlt, holt er eben deshalb aus dem Feuer des Todes noch ein letztes Mal die Kastanien der Moral für das Leben. Man muß das bewundern, und es hat ja auch vielen sehr geholfen.

Heideggers Gegenspieler in puncto mortis ist Sartre. Sartre hält das, was Heidegger mit dem Tod macht, für einen Taschenspielertrick und erklärt uns nun auf Hunderten von Seiten, daß der Tod das dem Leben geradezu absolut Entgegengesetzte ist, so, daß es gar keine Beziehung zwischen beiden gebe. Der Tod ist die Wand, gegen die das Leben unvermutet mit dem Kopf rennt, der rohe Zufall, der dem Leben völlig äußerlich ist. Was er tut, was er dem Leben tut, ist bloß dies: er stellt es gewissermaßen fest, er richtet die Freiheit zugrunde, die der Lebende immer noch hatte, und nagelt ihn in den Augen der andern fest.

Insofern fürchtet auch Sartre den Tod

natürlich entsetzlich, man macht sonst ja auch nicht so viele Seiten über ihn, als Philosoph notabene, als Trauernder, als Zürnender hat man das heilige Recht dazu. Sartre diskutiert sich den Tod vom Hals, als ginge es um sein Leben.

Recht haben die beiden Kontrahenten aber nicht. Daß einer Angst vor dem Tod hat, ist freilich für sieh noch kein Vorwurf. Es fragt sich eben bloß, was für das Nachdenken daraus folgen darf, und ob ein noch so bewundernswürdiges Sichfestklammern an einer Passion dazu verführen darf, die Welt mit ihrer Hilfe zu beschreiben.

An diesem Punkt wird uns jetzt ein sehr unfeierlicher, unpathetischer Philosoph weiterhelfen, einer der klügsten und nüchternsten unter den Lebenden, nämlich Helmuth Plessner.

Er hat, übrigens vor Heidegger und Sartre, beide Positionen überdacht, und zwar so, daß mit keiner allein philosophischer Staat mehr gemacht werden kann.

Natürlich hat das Leben eine gewisse Geneigtheit zum Tode. es dauert nicht ewig, und das läßt sich erfahren, erleben. Es ist da eine Tendenz zum Ende hin vorhanden, von Anfang an. Einmal ist es aus, auch wenn nichts dazwischenkommt.

Auf der andern Seite ist der Tod eine alles abbrechende Äußerlichkeit, ein schlichtes Nichtmehrsein, das in keinem Punkt mit dem zu tun hat, was Leben ist. Der Tod ist einfach Nichtleben, kein Enden, wie eine Oper zu Ende geht, sondern ein Aufhören ohne Zusammenhang.

Und diese beiden Seiten des Todes, so sehr jede für sich für weitere Gedanken zu gebrauchen sind, sind selber nicht mehr zusammenzudenken. Akzeptiert man beider Wahrheit, und das muß man, dann ist ein weiterer Gedanke. der sie beide fortführt, nicht mehr möglich. Ein Denken, das hier weitermachen wollte, könnte nur noch die Wahrheit einer der beiden Seiten verraten, und würde damit natürlich sich selber auf der Stelle widerlegen: denn es will ja nur deshalb weitermachen, weil es sich stört am Zusammenbestehen zweier solcher Wahrheiten. Das Denken scheitert also nicht (das Scheitern, aufs Denken bezogen, entpuppt sich da als eine religiöse, Erlösung und heile Welten wollende Metapher), sondern es beugt sich dem Zustand der Welt und seinen eigenen berechtigten Ansprüchen, also auch seiner Wachheit: es will nicht trunken sein, nicht träumen.

Nun verliert aber der Tod dadurch, daß man ihn denen wegnimmt, die ihr Denken mit ihm schmücken, nicht das mindeste von seinem Schrecken und seiner Abscheulichkeit, von seiner Unerträglichkeit, die bleibt, auch wenn wir ihn halb dulden müssen. Aber eben nur halb, auch wenn es scheint, es wäre wahr, daß wir alle sterben müssen.

Manchmal hat die Grammatik eine wahrheitfindende Funktion. Denn es ist natürlich wahr, daß wir alle sterben müssen. Jetzt wollen wir den wahren Satz einfach ins Imperfekt setzen: Alle, die tot sind, mußten sterben -- und er enthüllt sich als eine zynische, über Leichen gehende Aussage, deren Vollendung das Futur wäre, mit dem wir ein krankes Kind beschwichtigen: stirb nur, du mußt ja doch sterben.

Das Sterben in der Allgemeinheit, die aussagt, alle müssen sterben, setzt einen Standpunkt voraus, der wahrhaft nicht von dieser Welt ist. Schaut man das Sterben aus der Nähe an, dort, wo gestorben wird, und schaut man die Sterbenden und Gestorbenen an, so verliert sich die Allgemeinheit so rasch, wie sie ausgesprochen war, und man sieht überall nur solche, die nicht sterben mußten, also etwa: Millionen Soldaten, Ermordete aus politischen Gründen; Millionen Juden; unzählige Verkehrsopfer; fünfhundert Kinder bei einer Überschwemmung; Hiroshima und die zivilen Opfer in den Weltkriegen und in Korea und Vietnam; die Toten in Kambodscha; die durch die Industrie Vergifteten -- die Liste der Umgebrachten nähme kein Ende, wollte man nicht allzu viele vergessen. Vielleicht wären sehr viele tot; aber sie alle mußten nicht sterben, wenn der Satz vom Sterbenmüssen auch nur den geringsten Sinn haben soll.

Der Satz, daß wir alle sterben müssen, tröstet nur darüber hinweg, oder schlimmer noch, er will darüber hinwegtrösten, daß sehr viele so, wie sie gestorben sind, eben nicht sterben mußten, und so viele, daß es, wenn es überhaupt noch Blasphemien gibt, die größte die wäre, zu sagen: Sie mußten alle sterben, denn alle müssen sterben. Daß wir alle sterben müssen, mag einmal eine Wahrheit über den Tod gewesen sein, damals, als alle daran glaubten. Jetzt ist diese Wahrheit aber schal geworden, sie ist so nicht mehr anzuwenden, und es passiert mit ihr, was mit allen schal gewordenen Wahrheiten passiert: wer sie benutzt, in welchem guten Glauben immer, verschleiert die Wirklichkeit und lügt damit. Und zwar lügt er deswegen, weil ein solcher Satz nur noch denen nutzt, die ein Interesse daran haben, daß er geglaubt wird; also denen, die nicht an Wahrheit interessiert sind, sondern an ganz andern Dingen, an Macht zum Beispiel, oder an Rüstung, oder an Fortschritt, oder an Recht und Ordnung. Wer den Satz benutzt, vergeht sich an denen, die noch leben könnten.

Wir müssen uns mit dem Tod abfinden, das bleibt wahr. Aber ein Sichabfinden mit ihm, das nicht zugleich ein Haß auf ihn ist und ein unversöhnlicher Zorn gegen die, die mit ihm spielen, ist eine uneingestandene Kapitulation vor denen, die die Wahrheit nur benutzen, weil sie Zwecken dient, die nicht die Zwecke derer sind, die wissen, was Trauer ist.

Wenn der Tod, der mordet, überhand nimmt, dann ist für das Nachdenken nicht der Tod ein Thema, sondern dann sind es die Mörder und ihre Gesellen. Oder dann ist eben das Leben nachdenkenswert, und nicht der Tod. Nietzsche hat noch über einen Tod nachgedacht, und das war der Gottes. Als er den begriffen hatte, war das Thema für ihn erledigt, denn es war nicht mehr für Wahrheiten gut, in denen er vorkommen konnte.

Aber ein Wort noch am Ende zu den Träumern. Sie ziehen sich zurück aus dieser Welt, sie flüchten in ihre, eine in Wahrheit todlose Welt. Es gibt keine besseren Opfer als sie, wenn die ersten Neutronenbomben fallen werden. Die Träumer sollten sieh neue Kirchen bauen; die bleiben dann heil, und sie können träumen. Gott schütze sie.


DER SPIEGEL 51/1977
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