24.07.1978

Golo Mann über Sebastian Haffner: „Anmerkungen zu Hitler“ Die Witterung des Geiers

Ein geistvolles, durchaus originelles und klärendes Buch; ich bin dankbar dafür trotz mancher Einwände. Dankbar schon dafür, daß es keine Biographie ist, und zwar, wie Haffner es sieht, aus zwei Gründen.
Der erste Grund ist äußerlich: Hitler-Biographien haben wir nachgerade genug, man kann sich auf sie beziehen, braucht nicht alles zu wiederholen, was leicht in ihnen zu finden ist.
Der zweite ist wesentlich. Adolf Hitler taugt für eine Biographie traditionellen Stils überhaupt nicht. Sein persönliches Leben ist nichts wert, hat keinen Reiz, gibt nichts her. Nur die Jugendgeschichte ist an sich relevant: wie man sich "Weltanschauungen" erwirbt, und solche; wie man sich darauf vorbereitet, Politiker zu werden, und so einer.
Von dem Moment an, in dem das politische Leben im Ernst beginnt, sagen wir seit 1930 -- natürlich hat das ein langes Vorspiel -, wird Hitlers Leben zu einer Komponente der Zeitgeschichte, leider zur beherrschenden. Eben da liegt der Fehler in der Anlage von Joachim Fests "Hitler": Er hat auch dann noch überwiegend Biographie schreiben wollen, als er zu 99,9 Prozent Zeitgeschichte hätte schreiben müssen, weswegen er zum Beispiel für das, was Hitler in Polen treiben ließ, keinen Platz fand.
Haffner findet ihn, auf insgesamt so unvergleichlich weniger Seiten. Das macht, sein Buch ist Essay, Untersuchung, Analyse. Das Leben wird in einem ersten Kapitel von 27 Seiten knapp und übersichtlich abgetan. Warum sei Hitler mehrmals so nahe daran gewesen, "in fünf Minuten mit der Pistole Schluß zu machen", so daß sein wirkliches Ende den Leuten wie eine Selbstverständlichkeit kam? Weil sein Leben ganz und gar eins war mit der Politik, seit dem "Entschluß" von 1919. Alles oder nichts. Scheiterte er in dem, was für ihn das Politische war, im Griff nach allem, so blieb nur die Selbstvernichtung. Da ist weder Drama noch Epos, weder Lustspiel noch Große Oper, noch Tragödie, was alles in Napoleons Leben versammelt ist und literarisch ausgenutzt wurde wieder und wieder.
Sehr klar bringt Haffner die Beispiellosigkeit des Phänomens heraus: in der Weltgeschichte so viel angerichtet zu haben -- "ausgerichtet" allerdings nichts -- und doch für sich selbst kein Interesse, nicht Sympathie, nicht Respekt, nicht einmal Haß, nur Ekel zu erwecken. Das Staunen gilt nicht ihm; es gilt dem, was er anrichtete.
Anrichten durfte. Haffners Essay teilt sich in sieben Kapitel, überschrieben: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat. Einigermaßen stark sind nur zwei von diesen Substantiven, Verrat und Verbrechen. Die übrigen gehören zur Normalität: Leben tun wir alle einmal, jeder von uns vollbringt in seinem Bereich irgendwelche Leistungen, hat Erfolge, verstrickt sich in Irrtümer, begeht Fehler.
Selbst "Verbrechen" und "Verrat" bewegen uns nicht allzusehr -- betrügerischer Bankrott ist auch ein Verbrechen und auch Verrat (an den Gläubigern). Aber fern von mir, Herrn Haffner die Aussageschwäche dieser Überschriften zum Vorwurf zu machen. Unser Wortschatz reicht an das. was Meister Adolf tat und war, niemals heran.
Haffners Sprache fließt ruhig und kühl. Daß dem Autor graut beim Schreiben und Sich-Erinnern, dem Leser beim Lesen grauen soll, wird vorausgesetzt. Vielleicht ist solcher Stil die gemäßeste Annäherung, auch didaktisch. Indem der Autor seinem Unhold alles vorgibt und zugesteht, was nur irgend eingeräumt werden kann, erweckt er den Eindruck, nach Wahrheit, der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit zu streben. Um so überzeugender sind dann Urteile wie dieses:
"Hitler hat zahllose harmlose Menschen umbringen lassen, zu keinem militärischen oder politischen Zweck, sondern zu seiner persönlichen Befriedigung. Insoweit gehört er nicht mit Alexander oder Napoleon zusammen, sondern etwa mit dem Frauenvertilger Kürten und dem Knabenvertilger Haarmann, nur mit dem Unterschied, daß er fabrikmäßig betrieb, was sie handwerklich verübten, so daß seine Opfer nicht nach Dutzenden oder Hunderten zählen, sondern nach Millionen. Er war ganz einfach auch ein Massenmörder. Wir gebrauchen das Wort in seiner präzisen kriminologischen Bedeutung ..."
Über das "auch" im vorletzten Satz später noch. Übrigens liegt hier ein anderes Argument gegen eine Hitler-Biographie traditionellen Stils. Es schickt sich nicht, die Biographie eines Massenmörders zu schreiben. Wie er seine Abende verbrachte, welche Musik er bevorzugte, ob er lieber Bordeaux oder Champagner trank, das interessiert alles nicht, das gehört da nicht her.
Wie zwischen "Irrtümern" und "Fehlern", so wird zwischen "Leistungen" und "Erfolgen" unterschieden. Leistungen, das ist, was der Unhold kraft eigener Gaben hinbrachte oder doch anregte, möglich machte, entscheidend beeinflußte, "Ausbund von Willenskraft, Energie und Leistungsstärke", der er war.
Das Paradebeispiel bietet hier die Eliminierung der Arbeitslosigkeit von 1933, ihre Verwandlung in einen Mangel an Arbeitskräften binnen vier Jahren. Sein Werk, wenigstens indirekt. Auf Leistungen beruhten im wesentlichen die "guten" Hitlerjahre, 1934 bis 1937: Arbeit für alle, mäßiger Wohlstand, das Gespenst einer SA-Revolution gebannt, Terror immer noch ein wenig, aber nun kein unkontrollierter, "wilder" mehr, außenpolitische Triumphe friedlich errungen, die Olympischen Spiele in Berlin.
In diesen Jahren überzeugte Hitler einen großen Teil der Deutschen, die im März 1933 noch gegen ihn gestimmt hatten, Arbeiter so gut wie Bürgertum; viel Scharfsinn, viel Charakterstärke habe es gebraucht, um damals noch Gegner zu bleiben. (Wenn dem so war, hätte der Referent beides besessen; was er bezweifelt. Freilich lebte ich draußen, hatte es leichter, durch die bestechenden Nebel der "Leistungen" zu schauen. Übrigens will ich gestehen, daß auch ich manchmal fürchtete, die Bestie könnte recht behalten, das Regime einwurzeln und sich das ganze Europa kampflos untertan machen.)
Das über die "Leistungen" las ich im Vorabdruck und ärgerte mich dabei, obwohl alles, beinahe alles, mir unwiderleglich schien. Meine Sorge: Das wird auch wieder so eine halbe Apologie, Haffner sieht ja den Kern der Sache gar nicht ... Doch, er sieht ihn. Wenn er zerteilt, Leistungen hier, Verbrechen dort, so sorgt er jeweils am Ende des Kapitels schon für den Übergang zum nächsten, wodurch das eben noch abgehandelte Positive -- aber es findet sich nur in zweien -- alsbald in ein anderes, rechtes Licht gerückt wird.
Das "Wirtschaftswunder" interessierte den Erlöser nicht als Selbst-
* Im Garten der Reichskanzlei mit Reichsjugendführer Axmann (l.).
zweck. Vielmehr hatte er seine Deutschen in Form zu bringen für ganz andere, längst gesteckte Ziele; wozu gehörte, daß sie arbeiteten und leidlich zufrieden waren.
Die These: Seine Erfolge verdankte Hitler regelmäßig der Schwäche, Blindheit, Zerfahrenheit seiner Gegner oder derer, die es hätten sein sollen; dem Verfaulen der Weimarer Republik in ihren letzten Jahren, danach der Kurzsichtigkeit und Demoralisierung des "Auslandes", zumal Frankreichs politischer Führung. Seine Gabe war nur, solchen Gegnern das Maß zu nehmen, zu stürzen, was schon fiel, zu töten, was schon im Sterben lag -- ein nützliches Talent, aber, so Haffner, "weniger dem Blick des Adlers als der Witterung des Geiers" gleichend.
Sehr wahr. Wer jene unseligen Jahre in Frankreich erlebt hat, der erinnert sich nach mehr als 40 Jahren noch mit Grauen daran. Das Maß solcher Gegner zu nehmen war nicht schwer, und der Unhold nahm es früh.
Sonach teilt der Autor das politische Leben Hitlers in drei Epochen: lauter Mißerfolge bis 1930, lauter Erfolge bis 1941, wieder lauter Mißerfolge bis zum Schluß. Keineswegs ist dieser Wechsel durch Veränderung im eigenen Wesen zu erklären. Er blieb sich gleich. Unterscheidend, entscheidend ist das Maß des Widerstandes, auf den er traf: eine intakte deutsche Republik bis 1930, danach eine sich auflösende; "Beschwichtigungspolitik" des Westens bis 1939, danach eine Kriegserklärung, der keine Taten folgen; seit 1941 drei Gegner, die es so ernst meinen wie er selber, die ihm gewachsen sind und ihn mit seinen eigenen Waffen bekämpfen. Und damit gehörte er dem Nichts schon an, lange bevor er die Selbstvernichtung wählte.
Ein Betrüger, erfolgreich, solange wie die Leute sich betrügen ließen. Wirklich, so einfach? Ich fürchte, ja. Der Historiker, der in den von ihm studierten menschlichen Aktivitäten mehr Intelligenz sucht, als in ihnen ist, macht sich selber dumm. Dieser Historiker, Haffner, gehört nicht zu den Dummen.
Die letzten vier Kapitel gehören eng zusammen und bilden zusammen mit dem ersten das Gros des Buches. "Irrtümer", das ist "Hitlers Weltanschauung", wie ein bekanntes, vom Autor benütztes Buch heißt.
Gezeigt wird hier, daß der Mensch Überzeugungen besaß oder von ihnen besessen wurde, aus ihnen folgend ein Programm; daß er also nicht, oder nicht nur der nihilistische Opportunist war, als den Hermann Rauschning ihn verstand. Rasse und ihre Hochzüchtung, Volk und Volksgemeinschaft, Krieg als der natürliche, Menschen angemessene Zustand, Friede nur vorübergehende Künstelei, naturgegebenes Ringen der Völker um Weltherrschaft, Lebensraum als eine besonders den Deutschen gestellte Aufgabe, die mit der weltherrschaftlichen verschwimmt -- Überzeugungen, die er früh ansaugte und die am Anfang schon das schlimme Ende vorausbestimmten. Der paranoische Judenhaß steht darüber und steht daneben, zum übrigen nicht recht passend, auch praktisch nicht. Was ins Kapitel der "Fehler" gehört. Erstens waren Deutschlands Juden sehr nützliche Patrioten, nützlich zumal in den Wissenschaften, einschließlich der Nuklearphysik" und wären es gern geblieben, wenn man es ihnen erlaubt hätte; zweitens war das Judentum überhaupt, zumal das Amerikas, der deutschen Nation immer wohlgesinnt gewesen, eine hilfreiche Rolle, die es nun zu spielen aufhören mußte -- nicht davon zu reden, daß der Judenmord mehrere SS-Divisionen und reichliches Rollmaterial beanspruchte, was im Krieg beides nützlichere Verwendung hätte finden können.
Ein politischer Irrtum also, der Judenhaß, ein militärischer Fehler also, der Judenmord ... Hier sind wir an der Grenze, dort, wo Haffners Methode der Annäherung, Beurteilung, Benennung mir trotz aller treffender Einsichten Zweifel verursacht.
Darf man solch mörderischen Wahnsinn, realisiert in unvorstellbaren Dimensionen, noch "Fehler" nennen, die aus "Irrtümern" stammen und die zu "Verbrechen" führen? Hat die ganze Zergliederung Sinn? Wahnsinn ist Wahnsinn, Teufelei Teufelei, das Schlimmste, was je ein Mensch, obendrein ein Mensch unserer Zivilisation, seinen Mitmenschen antat, Polen oder Juden oder Russen, das Schlimmste; hier ist nichts voneinander zu trennen. Hitler war nicht ein hochbegabter Politiker und nebenher ein Massenmörder. Er war ein Massenmörder" der Anlage, dem schlummernden Wunsch nach von Anfang an; die beispiellose Koinzidenz liegt darin, daß er Energie, Schlauheit, Gabe der Organisation, Faszination der Rede genug besaß, um sich Macht genug für die Verwirklichung seiner Träume zu erwerben.
Sind für eine Annäherung an diese Menschenkatastrophe nicht auch die Begriffe von Gut und Böse notwendig, die bei Haffner gar nicht vorkommen, nicht auch der Begriff des Irrationalen, der bei ihm beinahe nicht vorkommt?
Irrtümer, Fehler, die können doch nur einem unterlaufen, der sich bemüht, das Vernünftige zu tun und es mitunter verfehlt; auch Verbrechen kann nur einer begehen, der von seinem Verbrechen sich unterscheidet und darum weiß, nicht, wer mit Haut und Haaren ein Verbrecher ist. Natürlich kommt dergleichen in dem Buch vor; Hitler, lesen wir, machte Fehler, weil sie in ihm waren. Einverstanden; nur sähe ich"s gern stärker ausgedrückt. Und zu oft versucht Haffner im völlig Irrationalen einen rationalen Kern zu suchen.
Ein Beispiel. Warum, fragt er, krönte Hitler die Liste seiner Fehler am 11. Dezember 1941 damit, daß er den Krieg an die Vereinigten Staaten erklärte und so dem Präsidenten Roosevelt den gewünschten gewaltigsten Gefallen tat? Nie hätte Roosevelt seinen Viertelskrieg gegen Deutschland zum ganzen machen können ohne den Staatsakt, in dem Hitler, seinem Ausdruck nach, "dem amerikanischen Geschäftsträger seine Pässe zustellen" ließ. Warum? Haffner: Es war ein Akt der Verzweiflung.
Seit dem erfolgreichen Beginn der russischen Winteroffensive wußte Hitler, daß der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte. Alles oder nichts. Aber dann schon ein ganzer Weltkrieg und eine Antwort an Roosevelt, wie dieser mit seinen berechnet unverschämten Nadelstichen sie schon längst verdient hatte. Verzicht auf den letzten Rest von Politik, nur noch Krieg.
Wozu, wenn doch ganz gewiß am Ende die Niederlage winkte? Um, wenn schon der eine Herzenswunsch, die Weltherrschaft, nicht zu erfüllen war, den anderen, noch älteren, die "Vertilgung des Ungeziefers" ganz zu vollbringen. Er konnte ganz erst erfüllt werden, nachdem die letzte Rücksicht auf die Angelsachsen entfallen war. Wenn das deutsche Volk untergehen mußte -- an sich kein Verlust in Hitlers Augen -, dann sollte wenigstens auch das europäische Judentum untergehen, der Krieg durchgehalten werden, bis die Öfen von Auschwitz nichts mehr zu verbrennen hätten.
Russische Gegenoffensive, Kriegserklärung an Amerika, Befehl zur "Endlösung" bilden einen einzigen Zusammenhang. Wenn, trotz schwärzester Zukunftsaussichten, Hitler in den Jahren 42 bis 45 oft so gut gelaunt und herzhaft gesprächig war, so eben darum. Er wußte, jetzt fuhren die Frachtzüge wieder, jetzt strömte das Gas wieder. Zuletzt würde er selber dran glauben müssen und sein deutsches Volk auch, aber sein ihm teuerstes Lebenswerk würde getan sein ...
Daß dies Bewußtsein ihm Lustgefühle schenkte, bezweifle ich gar nicht. Wohl aber die klare Entscheidung vom 11. Dezember 1941. So sauber ging es in diesem Haufen von Intelligenz, faulenden Energien und Dreck nicht zu. Wahrscheinlicher ist mir, daß er die Kriegserklärung an die USA wenig ernst nahm. Von Amerika wußte er, was er in dem Film "Vom Winde verweht" gesehen hatte; er hielt es für ebenso degeneriert und "verjudet", wie er es ein halbes Jahr vorher noch von Rußland geglaubt hatte. Zudem hatte Roosevelt für England längst getan, was er tun konnte, er würde jetzt, die Japaner im Rücken, mehr auch nicht tun können. Warum sich nicht den Spaß einer Kriegserklärung gönnen, die letzten amerikanischen Diplomaten, Journalisten, ärgerlichen Augenzeugen zum Teufel jagen?
Auch diese "Erklärung" mag anfechtbar sein; schwerlich anfechtbarer als die Haffnersche. Den Glauben, daß in der Historie alles zu "erklären" ist und vollends in dieser Geschichte, habe ich längst aufgegeben.
Eine alles beherrschende Erfahrung und Willensentscheidung des Scheusals war: daß es einen "Neunten November 1918" ein zweites Mal nicht geben dürfte. Und wieviel folgte allein daraus! So Haffner. So der Referent in einem Vortrag, gehalten wenige Tage, bevor Haffners Buch erschien: "Der erste, der die Lüge vom Dolchstoß annahm, war Adolf Hitler. Es blieb, neben dem Judenhaß, wohl das einzige, woran seine schwarze Seele im Ernst glaubte. Aus dem Schwur, es dürfe nie mehr einen Neunten November 1918 geben, ist das ganze ungeheure Abenteuer seines Lebens, ist auch der Zweite Weltkrieg zu erklären ..."
Nun gut, durch zweier Zeugen Mund wird allemal die Wahrheit kund. Wenn ich aber hier mit Haffner übereinstimme, 30 stimmt die andere Rechnung nicht, jene, wonach Hitler seinen Krieg schon im Dezember 41 verloren gab. Was ungefähr soviel gewesen wäre, wie jenen ersten Krieg, die große Erfahrung, nach der Marneschlacht im September 1914 verloren zu geben. Das war doch nun genau, was nicht sein durfte; des Todes schuldig war, wer auch nur beim Gedanken daran ertappt wurde.
Durch die folgenden Jahre ziehen sich Pläne, deren Verwirklichung eine abermalige Wende des Glücks, einen endlichen "Sieg" voraussetzte; vom herrlichen Neuaufbau der deutschen Städte bis zur Hinrichtung des Verräters Rudolf Heß.
Glücksverwöhntheit und Selbstvergottung hatten ihre Macht über diesen Menschen nicht in dem Maß, wie Haffner annimmt, verloren. Er bemerkt die selbst für Hitler ungewöhnliche Entfaltung von Energie seit dem August 1944; die Verhaftung von 5000 potentiellen politischen Gegnern in Deutschland (darunter Adenauer); der Volkssturm als levée en masse; die Ardennen-Offensive. Jetzt war der Moment gekommen, einen Neunten November 1918 zu verhindern. Mit welchem Ziel? Doch mit dem Ziel, den Krieg, den man ohne den Dolchstoß der Marxisten und Juden 1919 oder 20 hätte gewinnen können, nun, 1945 oder 47 zu gewinnen.
Wann Hitler diesen irrsinnigen Traum aufgab, weiß ich auch nicht. Ich glaube sehr spät, erst im Bunker von Berlin, erst als er die Worte "Es hat keinen Sinn mehr" äußerte. Kurz vorher noch hatte er auf den Ausbruch offenen Kampfes zwischen Russen und Angelsachsen gelauert und wissen lassen, man werde sich mit gewohnter Blitzesschnelle auf eine der beiden Seiten schlagen, es sei völlig gleichgültig, welche.
Auch aus dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 schöpfte er neue Zuversicht: "Der Allmächtige" -- was für ihn soviel hieß wie das Schicksal -- hätte ihn gewiß ausgelöscht, wenn er ihn nicht zu letzten und höchsten Zwecken hätte bewahren wollen. Bezeichnend das Verbum auslöschen; es ist dasselbe, das Hitler einmal für den Judenmord gebrauchte. Er sah sich als Werkzeug des Allmächtigen und auch als der Allmächtige selber.
David Irvings Behauptung, wonach Hitler den Judenmord nicht befohlen, nicht gewollt, nicht einmal von ihm gewußt habe, widerlegt Haffner gründlich. Zuviel Ehre für Irving.
Witzig ist Haffners These, wonach Hitler wegen seines starren und utopischen Programms eigentlich zur "Linken" gehöre, nicht zu den Konservativen, die stets nur bescheidene Pragmatiker ohne weite Zukunftsaussichten gewesen seien. Witzig, aber doch nur ein Scherz. Dies Phänomen sui geners war weder rechts noch links. Den Burschen bringt man nicht auf herkömmliche Begriffe, und nicht einmal auf unherkömmliche. Darum hat Haffner dankenswert recht, wenn er die tiefen Unterschiede zwischen Nazismus und Mussolinis Faschismus herausarbeitet. (Folgerung: Das Wort "Faschismus" sollte man überhaupt nicht mehr gebrauchen, für Hitler nicht und für irgendwelche Diktaturen oder Halbdiktaturen unserer Tage auch nicht.)
Wie das Buch überhaupt reich ist an treffenden Einordnungen oder Nicht-Einordnungen. Zum Beispiel: Was immer Hitler gewesen sei, ein Staatsmann gewiß nicht, zumal er für den Staat überhaupt keinen Sinn hatte. Er gab seinem Dritten Reich keinerlei Verfassung, kümmerte sich nicht um eine geregelte Verteilung staatlicher Funktionen, bestimmte nicht einmal seinen Nachfolger; so daß er ein Chaos hinterlassen hätte, wäre er selbst auf der Höhe seiner "friedlichen" Erfolge, 1938, gestorben.
So auch schloß er als Sieger keine Friedensverträge. besonders mit Frankreich 1940 nicht, so waren seine Kriegsziele buchstäblich grenzenlose: das hätte nie aufgehört. Die Verweigerung von Grundgesetzen im Innern, Verträgen nach außen, hing zusammen mit seinem Widerwillen, überhaupt sieh zu binden, dieser wieder mit seiner Selbstvergottung. Künstler und Götter müssen frei von Bindung bleiben.
Die "Anmerkungen zu Hitler" sollten in den obersten Klassen der Schulen gelesen und diskutiert werden. Dazu eignen sie sich vorzüglich; zugleich klar, informativ und provokant. wie sie sind. Aber dafür sollte ihnen ein noch einmal konzentriertes Schlußkapitel angehängt werden. Warum? Weil die Argumentation in den einzelnen Kapiteln häufig zu dem Punkt führt, wo sie eigentlich zugunsten Hitlers enden müßte oder zu enden scheinen könnte, um dann umzukippen.
Er sah manches richtig oder doch halb richtig -- wenn er es nur nicht so verrückt übertrieben hätte. Er hätte ein guter Europäer sein, hätte 1938, noch einmal 1940 Europa konstruktiv einigen können -- wenn er nicht Hitler gewesen wäre. Eben, er war es ja, und wäre er es nicht gewesen, dann wäre er gar nicht in die Position gekommen, in der ein ganz anderer vielleicht ein frei geeintes Europa geschaffen hätte, welches zu schaffen er selber der allerallerletzte war. Und wer das war, sollte am Ende noch einmal zusammenfassend gezeigt werden, damit die Schüler es schwarz auf weiß nach Hause tragen.

DER SPIEGEL 30/1978
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