23.01.1978

RELIGIONEinmaliger Jesus

Die Ende vorigen Jahres in Jerusalem veröffentlichte Tempelrolle aus Qumran gibt zu neuen Spekulationen über die Entstehung der christlichen Weltreligion Anlaß.
Am Abend des 21. Oktober 1967, rund vier Monate nach dem israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieg, gab in Jerusalem der Archäologe und frühere General Professor Jigael Jadin den Erwerb einer neuen Qumran-Rolle bekannt. Er habe sie, sagte er, die "Tempelrolle" genannt, weil rund 30 ihrer 66 Spalten von dem Bau eines jüdischen Tempels handeln.
Sie sei nicht nur die längste unter den Schriftrollen, die mehr als 2000 Jahre in elf Höhlen bei Qumran am Toten Meer versteckt lagen, sondern auch "die vielleicht wichtigste". Zehn Jahre brauchten die Fachleute, um die hebräischon Texte der über acht Meter langen Rolle zu präparieren und herauszugeben. Erst Mitte November vorigen Jahres konnte der inzwischen in das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten gelangte Jadin die Tempelrolle-Kassette im Haus des israelischen Staatsoberhauptes vor geladenen Gästen präsentieren: drei Texthände und einen Photoband. Eine englische Übersetzung soll demnächst folgen.
Über die Art, wie er in den Besitz der Tempelrolle gelangt war, hatte Jadin im Herbst 1967 nichts verraten wollen. "Ich kann es noch nicht erzählen", sagte er damals, "und will es auch nicht. Aber es war wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht." Wenngleich inzwischen manches über die Erwerbsgeschichte in die Öffentlichkeit sickerte, wahrte Jadin lange Zeit sein Schweigen. Erst jetzt kann man sich ein jedenfalls annähernd zutreffendes Bild davon machen.
Laut Jadin begann das Tempelrolle-Märchen im Jahre 1961. Während eines kurzen Aufenthalts in Amerika habe sich, berichtete er, ein Herr aus dem Staate Texas bei ihm gemeldet und das Fragment einer Schriftrolle vorgezeigt. Zwar habe der Gentleman es abgelehnt, die Rolle herbeizuschaffen, doch habe er statt dessen einen Hinweis angeboten, wo sie zu finden sei. Dafür verlangte er 10000 Dollar und erhielt sie. Jadin: "Offensichtlich war er in geldlicher Bedrängnis." Der 10 000-Dollar-Tip blieb jedoch für Jadin jahrelang ohne Nutzen. Zwar wußte er von da an, daß die Rolle im Besitz eines Altwaren-Händlers namens Kando in Betlehem sei, doch war ihm eben deswegen klar, daß die Rolle für israelische Käufer praktisch unerreichbar war. Betlehem gehörte damals zu Jordanien, war also feindliches Ausland.
Doch im Sommer 1967 änderte sich die Situation. Am 5. Juni stürmten die israelischen Panzer gegen die Ägypter vor, am 7. durchbrachen sie die jordanischen Sperren von Ost-Jerusalem, noch am selben Tag rollten sie durch Betlehem.
Kaum daß die Stadt erobert war, scherte aus der in Richtung Totes Meer vorstoßenden Kampfwagen-Kolonne ein Trupp auf einem Jeep aus. Er fuhr zu Kandos Haus und entführte den Händler -- nebst einem Schuhkarton, in dem sich die Rolle befand, die später die Tempelrolle genannt werden sollte.
Fünf Tage war Kando Gast der Israelis in Tel Aviv. Dann hatten ihn die Argumente seiner Gastgeber davon überzeugt, daß 105 000 Dollar ein angemessener Preis für die Rolle sei -- -statt der 1,25 Millionen, die er vorher gefordert hatte.
Kandos ursprünglicher Preis war hoch gewesen. Doch der Preis der Israelis lag deutlich unter dem Üblichen. Bis zu 200 000 Dollar waren schon vor Kandos sonderbarem Bescheidenheitsanfall in Tel Aviv für Schriftrollen vom Toten Meer gezahlt worden, zum Beispiel von dem französischen Qumran-Forscher Pater Roland de Vaux.
Das Qumran-Geschäft blüht seit über 30 Jahren. Im Frühjahr 1947 hatten Beduinen die ersten Rollen in der judäischen Wüste am Toten Meer, etwa 20 Kilometer von Betlehem entfernt, gefunden. Der erste Käufer war der syrische Jakobiten-Metropolit Mar Athanasius Jeshue Samuel, der zweite der Vater des damaligen Haganah-Offiziers Jadin, der inzwischen verstorbene Archäologie-Professor Sukenik.
Was Sukenik im Herbst 1947 für seine Handschriften zahlte, hat er für sich behalten. Vom Metropoliten jedoch weiß man es, jedenfalls ungefähr. Wahrscheinlich blätterte er seinem arabischen Zwischenhändler 50 Pfund, gleich damals etwa 200 Dollar, hin: eine Geldanlage, die sich phantastisch rentieren sollte. Sieben Jahre später kassierte der inzwischen nach Amerika emigrierte Samuel für seine vier Rollen 250 000 Dollar. Der Käufer war Sukeniks Sohn Jigael Jadin.
Die Märchenpreise für Qumran-Rollen erklären sich aus deren theologischer Bedeutung und ihrer Herkunft. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit sind es Niederschriften einer religiösrevolutionären jüdischen Sekte, die man die Essener genannt hat. Die Gemeinde existierte zwischen 200 vor Christus und 70 nach Christus in einer inzwischen ausgegrabenen klösterlichen Siedlung am Toten Meer: Qumran. Ihre Schreiber kopierten die Bücher der Propheten, verfaßten aber auch Kommentare und politisch-religiöse Streitschriften.
Die Zahl der Rollen, welche die Essener -- wahrscheinlich angesichts der Bedrohung ihrer Siedlung durch die Römer -- in Höhlen verbargen, wird heute auf mehr als 400 geschätzt, von einigen Kennern sogar auf annähernd 600. Wie viele es wirklich waren, wird man jedoch erst beurteilen können, wenn die etwa 20 000 Fragmente, die im Jerusalemer Palästina-Museum, im sogenannten Schrein des Buches, lagern, einigermaßen geordnet worden sind.
Die Qumran-Rollen entstanden in jenen drei Jahrhunderten, die der Zerstörung Jerusalems durch den späteren römischen Kaiser Titus (im Jahre 70 nach Christus) vorausgingen. Die von den Essenern hinterlassenen Kommentare und Streitschriften spiegeln die Versuche der damaligen Juden wider, die immer verzweifelter werdende Lage ihres Volkes zwischen den damaligen Großmächten Syrien, Ägypten und vor allem Rom geistig zu bewältigen und die politisch-religiöse Autonomie ihres Gemeinwesens zu retten.
Professor David Flusser, ein hervorragender Kenner der Geschichte jener Zeit, hat die Essener mit einem modernen Terminus als "Rechtsextremisten" bezeichnet. Das waren sie sicher insofern, als sie für einen strengen Tempeldienst eintraten. Sie sahen offenkundig in der rigorosen Beachtung aller rituellen, von Mose verkündeten Gesetze ein wichtiges Instrument zur Aufrechterhaltung der nationalen Identität des Gottes-Volkes gegenüber den wechselnden Besatzungsmächten. Sie waren, könnte man sagen, Nationalisten aus geistig-religiösen Gründen.
Die überragende Figur der Essener-Gemeinde war ein Prophet, den sie den "Lehrer der Rechtschaffenheit" nannten. Er starb um 65 vor Christus. Seine Lehre und sein Leben er wurde von seinen jüdischen Gegnern hart verfolgt und wahrscheinlich gefoltert -- ähneln in einigen Hinsichten denen von Jesus Christus. Eine Zeitlang glaubte man sogar, daß der "Lehrer" wie Jesus gekreuzigt worden sei.
So fürchteten denn auch in den fünfziger Jahren viele christliche Theologen. die Qumran-Rollen könnten die Einmaligkeit und Einzigartigkeit von Jesus Christus in Frage stellen. Der französische Qumran-Forscher und Sorbonne-Professor André Dupont-Sommer bezeichnete damals Jesus rundweg als "eine erstaunliche Wiederverkörperung des Lehrers der Rechtschaffenheit", und ein amerikanischer Kollege Dupont-Sommers, der Archäologe Professor William F. Albright, schrieb 1954 in der "Herald Tribune".
die ganze Vorgeschichte des Neuen Testaments müsse jetzt umgeschrieben werden, denn die bisherige Lücke in der jüdischen Literatur zwischen dem Alten Testament und den frühesten rabbinischen Quellen lasse sich nunmehr mit dem Material aus Qumran schließen.
Inzwischen hat sich die Aufregung der Theologen gelegt. Die Unterschiede zwischen dem Lehrer der Essener und dem Gottessohn der Christen sind deutlicher geworden:
* Der Essener predigte Haß gegen seine Feinde, Jesus Liebe.
* Der Essener war in Fragen der Einhaltung der mosaischen Gesetze ein "Rigorist". Ob Jesus es war, ist zweifelhaft; auf jeden Fall entwickelte sich seine Kirche unter Paulus in anderer Richtung.
Daß die Essener gleichwohl bei der Nachwelt in den Verdacht mangelnder Tempel- und Gesetzestreue gerieten, hängt, laut Jadin, mit der Tatsache zusammen, daß sie an dem von den herrschenden Priestern in Jerusalem praktizierten Tempeldienst nicht teilnahmen. Sie verweigerten ihn -- allerdings keineswegs, weil sie ihn im Prinzip ablehnten, sondern ganz im Gegenteil, weil sie ihn extrem hoch einschätzten.
Ihrer Meinung nach hatten die Priester von Jerusalem den Tempel unheilbar verunreinigt, und so beschreibt denn auch die Tempelrolle Bauvorschriften für einen neuen idealen Tempel, der am Ende aller Zeiten in Jerusalem errichtet werden soll.
Das zwiespältige Verhältnis der Essener zum Tempel ist für Jadin der Ausgangspunkt einer geistvollen Theorie über die Entstehung des Christentums. Jadin meint, daß die Essener für die Zeit, in der sie aus Gründen der Gesetzestreue daran gehindert waren, in Jerusalem Tempeldienst zu verrichten, eine Art provisorischer Gottesverehrung entwickelt hätten -- eine Theologie, die es ihnen als Gemeinde ermöglichen sollte, eine Zeitlang ohne Tempel zu existieren, eine Theologie, die dann zwangsläufig das Tieropfer im Tempel durch ein geistiges Opfer ersetzte: durch die geistige Verwandlung des Gläubigen. An die Stelle der Einhaltung ritueller Gesetze trat der gute, zuweilen gar asketische Lebenswandel, die heilige Lebensweise.
Durch diese von den rechtsextremistischen Essenern nur als vorübergehend gedachte Theologie ist, meint Jadin, das Christentum in der Entwicklung einer linksextremistischen, revolutionären, nicht mehr Thora-treuen Theologie bestärkt worden.,, Ich vermute", sagte Jadin bei der Präsentation der Tempelrolle, "daß das, was für die Essener eine Ad-hoc-Lösung war, von den Christen übernommen wurde, als endgültige Lösung dafür, wie man ohne Moses Gesetze Jude bleiben kann."

DER SPIEGEL 4/1978
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